Let Me Be Your Superhero
Let Me Be Your Superhero
Ein paar Wochen. Es ist unfassbar, wie sich ein ganzes, eigenständiges Leben in nur ein paar Wochen in wenigen braunen Pappkartons verstauen lässt. Das aggressive Geräusch von abreißendem Paketband war in den letzten Tagen der ständige Soundtrack deines Alltags. Du hattest es dir nicht so einfach vorgestellt, dich in Schweden niederzulassen. Doch bis jetzt verlief alles recht reibungslos. Mietvertrag gekündigt, Möbel verkauft, alte Brücken abgerissen. Der daraus resultierende Auszug verging fast wie im Flug. Das Gespräch mit deinem Chef, der dich schweren Herzens gehen ließ, war ein letzter organisatorischer Kraftakt. Die kleine Wohnung in Deutschland, die so lange dein Rückzugsort war, ist nur noch ein leeres, hallendes Echo deiner Vergangenheit, dennoch ziehst du ein letztes Mal die Türe ins Schloss. Der Flug, der dich heute erwartet, ist kein Urlauber-Ticket mehr, kein kurzer Ausbruch aus dem Roadie-Alltag. Es ist ein One-Way-Ticket in eine völlig neue, dir mittlerweile bekannte Welt.
Jetzt stehst du hier, inmitten der grellen Neonlichter der Abflughalle des Stuttgarter Flughafens, die sich auf dem glatten Steinboden spiegeln. Das geschäftige Treiben aus rollenden Koffern und hallenden Lautsprecherdurchsagen nimmst du nur wie durch einen dichten Nebel wahr. Vor dir steht dein kleines Abschiedskomitee: Drei deiner engsten Freunde, die dir beim Schleppen geholfen haben und eben deine Eltern, die darauf bestanden hatten, APOC und dich persönlich zum Terminal zu bringen. Deine Mutter traf die ganze Geschichte am heftigsten. Ihr lagt euch minutenlang weinend in den Armen, während sie dich so fest umschlungen hielt, als wärst du wieder fünf Jahre alt und würdest zum ersten Mal im Kindergarten abgegeben werden. Ein nasser Fleck bildet sich auf der Schulter deiner Jacke, während sie herzzerreißend schluchzt. "Mein Schatz.", wimmert sie und drückt dich noch etwas fester an sich. Du musst unwillkürlich schmunzeln, streichelst ihr beruhigend über den Rücken. Du stehst schon ewig auf eigenen Beinen, hast alleine gewohnt, warst wochenlang auf Touren in ganz Europa unterwegs. Du kennst das Leben aus dem Koffer. Und trotzdem zerreißt es dir ein wenig das Herz, sie so zu sehen. Wenn das Kind das Nest verlässt und sei es zum zweiten Mal und diesmal über die Landesgrenze hinaus, dann ist jede Vernunft bei einer Mutter wie weggewischt. "Mama, ich bin doch nicht aus der Welt.", flüsterst du beruhigend, während du dich sanft aus der nassen Umarmung löst. "Schweden ist nur einen zweistündigen Flug entfernt. Und wir können jederzeit per Video miteinander sprechen.". Während sie sich schniefend ein Taschentuch aus der Handtasche zieht, wendet sich dein Vater APOC zu. Er war schon immer der rationale Pol der Familie, ein Mann der klaren Worte. Er steht da, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick skeptisch und misstrauisch auf die massige Gestalt neben dir gerichtet. Du hattest deinen Eltern zwar am Rande mitgeteilt, dass du dich in einen Musiker einer Band verliebt hattest, allerdings konnte keiner ahnen, was sich daraus entwickelt. Da APOC in der Öffentlichkeit unmöglich mit seiner riesigen, leuchtenden LED-Maske herumlaufen kann, ohne einen massiven Fanauflauf oder gar die Flughafensicherheit auf den Plan zu rufen, hat er sich für eine andere Art der Rüstung entschieden. Er trägt einen dicken schwarzen Hoodie, dessen Kapuze er tief ins Gesicht gezogen hat und eine schwarze Stoffmaske, die seine untere Gesichtshälfte komplett verbirgt. Er sieht aus wie ein Prominenter auf der Flucht vor den Paparazzi, was ja im Grunde auch der Wahrheit entspricht. Allerdings war die Stoffmaske einfacher zu erklären als sein normales Bühnenoutfit. Trotz der legeren Kleidung strahlt er eine unglaubliche, raumfüllende Präsenz aus, die deinen Vater sichtlich herausfordert. Der räuspert sich lautstark, richtet sich zu seiner vollen Größe auf, was gegen APOCs Statur immer noch vergebens wirkt und baut sich vor ihm auf. "Also… Emanuel.". Du musst dir gewaltsam auf die Innenseite deiner Wange beißen, um nicht loszulachen. Emanuel. Du kennst APOCs wahren Namen bis heute nicht. Er ist und bleibt ein Mysterium, dein ganz persönliches. Aber als du ihn deinen Eltern offiziell als deinen festen Partner vorstellen musstest, hast du irgendeinen Namen gebraucht. Emanuel. Es war das Erste, was dir in den Sinn kam. Ein spontaner Einfall.
Und zugleich ein heimliches Augenzwinkern an das echte Leben und die (wahrscheinlich) wahre Identität des Drummers fernab dieser Geschichte.
Dein Vater hebt warnend den Zeigefinger. "Ich sage es dir nur ein einziges Mal. Wenn euch da oben in Schweden irgendetwas zustößt, wenn du doch ein schlechter Umgang bis, dann ist mir vollkommen egal, wie weit ihr weg seid. Dann komme ich persönlich nach Stockholm. Haben wir uns verstanden?!". Der klassische Beschützer-Instinkt eines Vaters. Du willst fast dazwischen gehen, doch APOC reagiert genau so, wie du es dir erhofft hast. Keine Arroganz, keine Abwehr. Die massige Gestalt im schwarzen Hoodie nickt langsam und voller Respekt. Er legt eine seiner großen Hände flach auf seine Brust und seine tiefe Stimme, unverkennbar eingefärbt von dem harten schwedischen Akzent, dringt durch die Stoffmaske: "Ich werde nicht zulassen, dass etwas passiert. Wenn es sein muss mit meinem Leben. Das schwöre ich Ihnen.". Die absolute Ernsthaftigkeit in seiner Stimme lässt deinen Vater für einen Moment verstummen. Er nickt anerkennend, die harte Linie seiner Schultern entspannt sich ein wenig. Dann wendet er sich dir zu. Die strenge Maske des Beschützers fällt und weicht einer tiefen, ehrlichen Sorge. Er legt dir beide Hände schwer auf die Schultern und sieht dir direkt in die Augen. "Bist du dir wirklich sicher mit all dem hier?", fragt er und seine Stimme wird spürbar weicher. "Findest du nicht, dass das alles viel zu schnell geht? Ihr kennt euch erst seit ein paar Monaten. Es fühlt sich an, als würdet ihr das alles im Schnelldurchlauf angehen.". Du lächelst sanft, nimmst eine seiner Hände und drückst sie. Du verstehst seine Bedenken. Für Außenstehende muss das hier wirken wie die Handlung einer Kurzgeschichte, in der Kapitel um Kapitel runtergerattert wird. "Ich weiß, Papa.", antwortest du ruhig. "Es wirkt überstürzt. Aber manche Dinge…die fühlen sich einfach vom allerersten Moment absolut richtig an. Ich brauche keine Jahre, um zu wissen, dass ich genau dort sein will, wo er ist. Ich muss das tun.". Ein lautes Klackern unterbricht euren herzlichen Moment. Die große Fallblattanzeige über euren Köpfen springt um.
SK 2584 Stockholm - Boarding
Der Moment ist gekommen. Nach einer letzten, erdrückenden Runde aus Umarmungen, Küssen auf die Wange und dem Versprechen, dich zu melden, sobald du gelandet bist, löst du dich von deiner Familie und deinen Freunden. APOC greift lautlos nach deinem schweren Handgepäck. Er nimmt es dir ohne zu fragen ab und schultert es so mühelos, als wäre es mit Federn gefüllt. Ihr dreht euch um und steuert auf die Sicherheitskontrolle zu. Du blickst noch einmal kurz über die Schulter und winkst, bevor ihr im Gedränge untertaucht. Plötzlich spürst du eine vertraute Hitze an deiner Seite. APOCs große, warme Hand schiebt sich wie selbstverständlich in deine. Seine rauen Finger verschränken sich fest mit deinen, ein unerschütterlicher Griff, der dir sagt, dass ihr das neue Kapitel eurer Geschichte begonnen habt. Schulter an Schulter, die Hände fest ineinander verankert, lauft ihr den langen, hell erleuchteten Gang zum Gate hinunter. Der Lärm des Flughafens verblasst hinter euch und macht Platz für den Takt eures neuen gemeinsamen Lebens. Auf in euer Arcadia.