Watching Over You
Watching Over You
Fünfzehn Schritte bis zum Kaffeeautomaten und der kleinen Sitzecke. Fünfzehn Schritte zurück zur Schwingtür der Intensivstation. Meine schweren Stiefel quietschen bei jeder Drehung auf dem sterilen Linoleumboden des Krankenhauses. Ich trage immer noch meine volle Bühnenmontur, den schweren Ledermantel, die klobigen Schienen an den Armen, das schweißnasse Shirt. Nur meine Maske fehlt. Sie liegt irgendwo auf der Bühne der Strawberry Arena. Meine Hände, noch immer tiefschwarz von der Theaterschminke, sind mit getrocknetem Blut verschmiert. Seinem Blut. Der Geruch von Desinfektionsmittel sticht in meiner Nase und mischt sich mit dem beißenden Gestank nach Schweiß, Pyrotechnik und purem Entsetzen, der an meiner Kleidung klebt. Die weiße Doppeltür schwingt lautlos auf. Ein Arzt in einem weißen Kittel und eine Krankenschwester treten auf den Flur. Ich bleibe abrupt stehen, mein Herz setzt für einen Schlag aus. "Sie können jetzt zu ihm.", sagt der Arzt mit einer leisen, professionellen Ernsthaftigkeit, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. "Aber ich muss Sie warnen. Er ist in einem kritischen Zustand. Wir mussten ihn in ein künstliches Koma versetzen, um seinen Körper zu stabilisieren.". Ich starre ihn an, unfähig, auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen. "Der Aufprall auf der Bühnenkante war so massiv…", fährt der Arzt fort und jedes seiner Worte trifft mich wie eine Revolverkugel. "Er hat sich mehrere Rippen und Teile seiner Wirbelsäule gebrochen. Einige der Knochensplitter haben sich tief in seine Lunge gebohrt. Das eigentliche Problem ist jedoch der anschließende Sturz auf den Betonboden. Er hat einen schweren Schädelbasisbruch erlitten. Wir müssen die Schwellung in seinem Gehirn genau überwachen. Die nächsten 48 Stunden sind kritisch.". Ich nicke nur mechanisch. Mein Verstand weigert sich, die medizinischen Begriffe zu verarbeiten. Krankenschwester und Arzt treten zur Seite, ich werfe noch einen kurzen Blick zu meinen Bandkollegen, die mir einen fassungslosen Blick erwidern. Dann schiebe ich mich mit bleiernen Beinen durch die Flügeltüre in Richtung seines Zimmers.
Die eisige Kälte des Raumes schlägt mir sofort entgegen. Als mein Blick auf das Bett fällt, stockt mir der Atem. Da liegt er. Mein Anker. Mein Wiesel. Er wirkt so unfassbar klein und zerbrechlich in dem weißen Krankenhausbett. Ein ganzes Netzwerk aus Schläuchen und Kabeln windet sich wie ein mechanisches Spinnennetz über seinen blassen Körper. Neben ihm hängen mehrere Infusionsbeutel mit diversen, trüben Flüssigkeiten an einem metallenen Ständer. Das Schlimmste aber ist das Geräusch. Das rhythmische, maschinelle Zischen und Pumpen der Beatmungsmaschine, die einen dicken Schlauch in seinem Mund versorgt jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Es ist ein mechanischer Takt, der ihm aufgezwungen wird, weil er selbst nicht mehr atmen kann. Ich lasse mich auf den unbequemen Plastikstuhl neben seinem Bett fallen. Da ist sie wieder, diese unsichtbare Schlinge um meinen Hals, die sich erbarmungslos zuzieht. Ich schnappe nach Luft, meine Augen brennen wie Feuer. Als ich den Kopf hebe und zur Türfront blicke, sehe ich sie draußen auf dem Flur stehen. Chris, Per und Benjamin haben sich lautlos in den Türrahmen gestellt. Ihre Gesichter sind aschfahl, die pure Verzweiflung und Sorge stehen ihnen in die Gesichtszüge geschrieben. Ich sehe ihnen in die Augen, ein gejagter, verängstigter Blick, der um Hilfe fleht. Ich öffne den Mund, will etwas sagen, will ihnen sagen, dass alles gut wird, doch meine Kehle ist wie zugeschnürt. Kein Wort kommt über meine Lippen. Ich bin mit der Situation völlig überfordert. Die starken Tränen, die ich mein ganzes Leben lang hinter einer LED-Maske versteckt habe, laufen mir nun ungehindert und brennend über die Wangen. Ich wende mich von meinen Kollegen ab und starre auf den grün leuchtenden Herzmonitor. Mein gesamtes Leben besteht aus Rhythmus. Takt. Präzision. Ich bin Drummer, meine Welt ist Mathematik in musikalischer Form. Und so klammere ich mich an das Einzige, was mir in diesem Albtraum noch Sinn ergibt: das leise, monotone Piepen dieser Maschine.
Stunde um Stunde zieht an dem sterilen Krankenhauszimmer vorbei. Draußen ist längst die dunkle Nacht über Stockholm hereingebrochen. Ich sitze einfach nur da, meine schwarze Hand ruht zitternd wenige Millimeter über seiner bleichen, ohne es zu wagen, ihn anzufassen. Ich folge stumm seinem Puls, schlage den Takt seines Herzens in Gedanken mit. Irgendwann tief in der Nacht schiebt sich die Zimmertür noch einmal leise auf. Chris tritt in das Zimmer und legt mir sanft eine Hand auf die schwere Schulterpanzerung meines Mantels. "APOC…", flüstert er erschöpft und völlig übermüdet. "Wir fahren jetzt. Kommst du mit ins Hotel? Du musst dich ausruhen, du siehst furchtbar aus." Ich reagiere nicht, sondern schüttele nur stur und fast schon apathisch den Kopf. Mein Blick bleibt auf dem grün zuckenden Graphen des Monitors kleben. Chris drückt meine Schulter noch ein letztes Mal, seufzt schwer und verlässt das Zimmer mit den Worten: "Es wird alles wieder. Er ist ein Kämpfer, das weißt du.". Meine Bandkollegen lassen mich schweren Herzens allein in der bedrückenden Einsamkeit des sterilen Krankenhauszimmers zurück.
Kurz nach Mitternacht. Die Krankenschwestern haben mich schon ein paar Mal gefragt, ob ich mich nicht kurz im Schwesternzimmer hinlegen will. Ich habe jedes Mal freundlich dankend abgelehnt. Ich weiche meinem Partner nicht von der Seite. Doch jetzt sind meine Augenlider bleischwer, die pure Erschöpfung des Tages fordert ihren Tribut. Mein Kopf nickt nach vorne, ich bin kurz davor, am Rand seines Bettes einzuschlafen. Dann stolpert der Rhythmus seines Herzmonitors. Mein Kopf ruckt hoch. Mein absolutes musikalisches Gehör registriert die Anomalie sofort. Das stetige Piepen des Monitors verliert seine Gleichmäßigkeit. Ein holpriger, fahriger Takt, wie ein Drum-Fill, das völlig aus dem Ruder läuft. Das Tempo überschlägt sich, rast plötzlich unkontrolliert schnell, bevor die Pausen zwischen den Schlägen quälend lang werden. Die Dissonanz schreit förmlich durch den Raum. In Sekundenbruchteilen, noch bevor mein Verstand überhaupt begreifen kann, was gerade geschieht, bricht die Hölle los. Der Sinusrhythmus auf dem Bildschirm zuckt noch ein letztes Mal wild und fällt dann flach ab. Eine Nulllinie! Das unruhige Piepen geht nahtlos in einen durchgehenden, schrillen und ohrenbetäubenden Alarmton über, der wie ein Kreissägeblatt durch meine Nerven schneidet. "Nein!", brülle ich, springe auf und stoße dabei den Plastikstuhl scheppernd nach hinten gegen die Wand. "Nein, nein, nein! Schatz! Tu mir das nicht an!". Die Zimmertür wird mit brachialer Gewalt aufgerissen. Der grelle Lichtschein aus dem Flur brennt in meinen Augen, als mehrere Krankenschwestern und zwei Ärzte ins Zimmer stürmen. Es ist ein Strudel aus weißen Kitteln, gebellten schwedischen Anweisungen und hektischen Bewegungen. Jemand packt mich hart an der Schulter. Ich werde zur Seite gedrängt, einfach weggeschoben wie eine bedeutungslose, leere Hülle. "Treten Sie zurück! Wir brauchen Platz!", ruft der Arzt, während die Schwestern den Defibrillator aufladen. Ich stolpere rückwärts, bis mein Rücken hart gegen das kühle Glas der Fensterfront knallt. Mein Atem geht in panischen, flachen Stößen, während ich den Medizinern hilflos dabei zusehen muss, wie sie versuchen meinen Partner zu retten. Der schrille Dauerton des Monitors übertönt alles, lauter und zerstörerischer als jedes Crash-Becken, das ich je angeschlagen habe. Meine Beine geben nach und ich gleite langsam an der Wand hinab, bis ich auf dem harten Boden aufschlage. Tränen der absoluten, ohnmächtigen Verzweiflung brechen aus mir heraus, während ich gegen den Lärm der Maschinen anschreie, bis meine Lungen brennen:
"TU MIR DAS NICHT AN! ICH BRAUCHE DICH! OHNE DICH KANN ICH NICHT WEITER LEBEN!".
// Jetzt sind wir also am absoluten Tiefpunkt angekommen. Ein einziger Moment, ein winziges technisches Versagen und die gesamte Welt stürzt in völlige Dunkelheit. Wird das Licht in eurem mühsam aufgebauten Arcadia nun endgültig erlöschen wie eine durchgebrannte Glühbirne? Kann ein Mann, der gerade sein größtes Geheimnis vor Millionen von Augen für dich geopfert hat, diesen drohenden Verlust überhaupt überstehen? Und was bleibt übrig, wenn der Staub sich legt und nur noch die kalten Maschinen im Krankenhaus den Takt vorgeben? Die Schatten waren noch nie so erdrückend wie jetzt! Macht euch bereit für den emotionalsten und schmerzhaftesten Kampf ums Überleben im vierten Teil dieser Story namens "Extra Leben"! Ein riesiges Dankeschön an alle, die bis hierhin mitgelitten haben. Atmet tief durch und wir sehen uns nächsten Donnerstag zum Start des nächsten Aktes! //