Merry Go Round
Merry Go Round
Drei Wochen. In den ersten Tagen war es noch wie ein himmlischer, lang ersehnter Urlaub gewesen. Du hattest es genossen, morgens nicht vom schrillen Ton des Weckers aus dem Schlaf gerissen zu werden, keine kalten Traversen in geschäftigen Messehallen zusammenschrauben zu müssen und den Tag einfach im gemütlichen Rhythmus von APOCs wunderschönem Zuhause verstreichen zu lassen. Doch drei Wochen später ist die anfängliche Erholung schneller in eine erdrückende Unruhe umgeschlagen als dir lieb war.
Du bist ein Rigger. Du bist es gewohnt, zwölf Stunden am Tag unter Strom zu stehen, Probleme zu lösen und schwere körperliche Arbeit zu leisten. Jetzt fällt dir schlichtweg die Decke auf den Kopf. Die Stille in dem großen Holzhaus am Rande Stockholms, während APOC tagsüber im Studio probte, war ohrenbetäubend geworden.
Das Knirschen der breiten Reifen auf dem Kies der Auffahrt reißt dich aus deinen trüben Gedanken. Du stehst am Küchenfenster und beobachtest, wie APOC aus dem SUV steigt. Er wirkt unglaublich erschöpft. Seine Schultern hängen tief unter dem schwarzen Hoodie und der Gang zur Haustür wirkt schwerfällig. Die Meetings und Proben für das bevorstehende Projekt saugen die Band im Moment förmlich aus. Die schwere Eichentür fällt ins Schloss. Das dumpfe Geräusch seiner Stiefel, die er im Flur abstreift, kündigt ihn an. Als er die Küche betritt, hellt sich seine müde Miene sofort auf. Er kommt auf dich zu, schlingt seine starken Arme von hinten um dich und drückt einen sanften, erschöpften Kuss in deinen Nacken. "Hej, mein Schatz.", murmelt er tief. Doch die unruhige Energie, die du ausstrahlst, lässt ihn stutzen. Er spürt die harte Anspannung in deinen Schultern. Keine erwiderte Zärtlichkeit, kein entspanntes Zurücklehnen in seine Umarmung. Er dreht dich sanft zu sich um. Seine hellblauen Augen mustern dein Gesicht mit weicher, ehrlicher Besorgnis. "Was ist los? Du bist so…angespannt? Ist was passiert?". "Nein", entgegnest du trocken und trittst einen halben Schritt aus seiner Umarmung heraus. "Ganz im Gegenteil es ist absolut gar nichts passiert!". Die plötzliche Distanz lässt ihn die Stirn runzeln. Du verschränkst die Arme vor der Brust. "Ich habe mir heute Vormittag ein paar schwedische Event Firmen im Netz angesehen. Ich werde mir einen Job suchen.". Das sanfte Lächeln auf APOCs Gesicht gefriert augenblicklich. Seine Kiefermuskeln spannen sich an. Er versucht, seine Stimme ruhig und verständnisvoll zu halten, doch ein unüberhörbarer Hauch von Dominanz schleicht sich ein. "Einen Job? Warum solltest du das tun? Wir haben doch darüber gesprochen. Du bist hier bei mir. Du hast alles, was du brauchst.". "Weil ich arbeiten will. Nein, weil ich arbeiten MUSS, APOC!", platzt es aus dir heraus. Der Frust der letzten Wochen bricht sich unkontrolliert Bahn. "Ich sitze hier von morgens bis abends und drehe Däumchen. Ich habe so ziemlich jedes Buch durch das ich mitgebracht habe, meine Spielebibliothek sah noch nie so leer aus! Ich brauche etwas zu tun, ich brauche eine Aufgabe!". Er fährt sich fahrig mit der großen Hand durch die Haare und tritt wieder einen Schritt auf dich zu, die Hände beschwichtigend gehoben. "Du verstehst das nicht. Ich will nicht, dass du dich für irgendeine Firma kaputt machst. Ich verdiene mehr als genug für uns beide! Du musst nie wieder Kabel durch den Dreck ziehen oder auf wackeligen Traversen balancieren. Ich will dich beschützen, verdammt noch mal!". "Ich bin aber kein verdammtes Haustier!", knurrst du durch deine Zähne zurück. Deine Stimme wird lauter und überschlägt sich fast. Du weißt, dass er es nur gut meint. Du kennst seinen tief verwurzelten Beschützerinstinkt, der ihn dazu treibt, dich vor allem und jedem abschirmen zu wollen. Aber genau das schnürt dir gerade die Luft ab. "Ich bin kein Accessoire, das man in einer Vitrine ausstellt! Ich bin ein eigenständiger Mensch. Mein Job war mein Leben, bevor ich dich getroffen habe. Du bevormundest mich und das lasse ich nicht zu!". APOCs Nasenflügel beben. Er schnaubt laut und verärgert auf, ein tiefes, grollendes Geräusch, das stark an das bedrohliche Knurren erinnert, wenn er seine Maske trägt. Auch wenn sein ungeschütztes Gesicht gerade puren Trotz ausstrahlt. Er öffnet den Mund, um zu einer gepfefferten Gegenwehr anzusetzen, ein Streit, der sich gerade gefährlich hochschaukelt.
Ding-Dong.
Die Türklingel schneidet schrill durch die angespannte Luft der Küche. APOC flucht lautstark und derb auf schwedisch, wirbelt herum und stürmt mit schweren Schritten in den Flur. Du hörst, wie er die schwere Haustür mit einem aggressiven Ruck aufreißt. "Was?!", bellt er den Besucher auf der Veranda an. "Whoa, okay, ganz ruhig, Großer.", ertönt eine allzu vertraute, lockere Stimme. Chris. "Habe ich einen schlechten Zeitpunkt erwischt?". Du atmest tief durch, fährst dir mit beiden Händen über das heiße Gesicht und folgst APOC in den Flur. Chris steht auf der Fußmatte, seine typische Basecap tief ins Gesicht gezogen, in der Hand eine Mappe mit Unterlagen. Als er deinen aufgewühlten Gesichtsausdruck und APOCs finstere Miene sieht, zieht er fragend eine Augenbrauen hoch. "Komm rein.", sagst du leise und trittst beiseite. Wenige Minuten später steht ihr zu dritt im Wohnzimmer. Die Luft ist so dick, dass man sie schneiden könnte. Chris lehnt sich auf der Couch zurück, mustert abwechselnd dich und den grollenden APOC, der sich mit verschränkten Armen und düsterem Blick an das große Wohnzimmerfenster gestellt hat. "Also.", fängt Chris mit seiner ruhigen, analytischen Art an. "Wer von euch beiden will mir erklären, warum es sich hier so anfühlt, als hätten die Schoschonen den Klappstuhl ausgegraben?". Du seufzt schwer und lässt dich in einen Sessel fallen. Unter dem wütenden Schnauben von APOC erklärst du Chris die gesamte Situation. Du erzählst von der erdrückenden Leere, dem Gefühl der Nutzlosigkeit, deinem Wunsch, wieder in der Eventtechnik zu arbeiten und APOCs sturem Versuch, dich in Watte zu packen und dir jede berufliche Eigenständigkeit abzusprechen. APOC wirft ein: "Er muss nicht arbeiten! Ich sorge für ihn!". "Ich kann für mich selbst sorgen!", fährst du ihm sofort wieder in die Parade. "Okay, okay, Stopp!", geht Chris dazwischen und hebt lachend beide Hände. Ein breites, geradezu diebisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Er schüttelt amüsiert den Kopf. "Ihr zwei seid wirklich unglaublich. Da haben wir das absolute Luxusproblem und ihr schlagt euch fast die Köpfe ein, obwohl ihr direkt vor der Lösung unserer und eurer Probleme sitzt.". Du und APOC starren Chris gleichermaßen verwirrt an. "Wie meinst du das?", fragst du mit gerunzelter Stirn. "Wir sitzen seit Tagen im Studio und raufen uns die Haare.", erklärt Chris und klopft auf die Mappe in seinem Schoß. "Unser nächstes Projekt soll absolut gigantisch werden. Die Bühnenshows komplexer, die Visuals aufwendiger. Aber unsere Techniker kommen mit unseren Visionen für die neuen Live-Sets nicht mehr hinterher.". Chris macht eine kurze Pause und sieht dich dann direkt an. "Ich musste mich heute Vormittag fast mit dem Management prügeln, um diese Idee durchzuboxen. Sie waren nach eurem öffentlichen Kuss im Video ohnehin extrem vorsichtig, was deine Präsenz in der Crew angeht. Niemand will den Eindruck von Vetternwirtschaft erwecken. Aber als ich ihnen deinen deutschen Lebenslauf und deine Zertifikate auf den Tisch geknallt und ihnen klar gemacht habe, wie du auf der Deutschland-Tour abgeliefert hast, gingen ihnen schlichtweg die Argumente aus.". Er beugt sich vor und stützt die Ellenbogen auf die Knie. "Wir brauchen dringend jemanden, der unsere Band-Dynamik versteht, der weiß, wie unsere Shows funktionieren und der gleichzeitig das technische Know-how hat, um das Ganze auf der Bühne sicher und spektakulär umzusetzen. Wir brauchen ein Wiesel.". Chris lässt sich siegessicher wieder in die weiche Rückenlehne der Couch fallen. "Was hältst du davon, wenn du das Kistenschleppen für andere Firmen an den Nagel hängst und stattdessen bei uns einsteigst? Als unser offizieller Stage & Visual Director.". Dir klappt förmlich der Kiefer herunter. Die Wut in deinem Bauch verpufft. Du starrst Chris an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Dann wandert dein Blick langsam zu APOC. Der Hüne am Fenster hat sich zu euch umgedreht. Seine verschränkten Arme sind an seine Seiten gesunken. Das grollende Schnauben ist einem Ausdruck purer Überraschung, gefolgt von einer langsamen, dämmernden Erkenntnis gewichen. Ein Job, bei dem du deine Leidenschaft ausleben kannst, bei dem du das Kommando hast, ohne dich für fremde Firmen kaputtzumachen und das Wichtigste für APOC: Ein Job, der dich direkt an seiner Seite hält. Ein Kompromiss, der so perfekt ist, dass er fast nicht wahr sein kann.