Vanguard
Vanguard
Du hast die Herausforderung angenommen und es fühlt sich an, als hättest du nach Wochen unter Wasser endlich wieder tief Luft geholt. Die bedrückende Stille in dem großen schwedischen Holzhaus ist verflogen, eingetauscht gegen das vertraute, metallische Klacken von Flightcases, das Surren von Akkuschraubern und den Geruch von Ozon in der riesigen Probe-Halle, die das Label für die Vorbereitungen gemietet hat. Als neuer Stage & Visual Director der Band wirst du von der schwedischen Crew anfangs noch mit einer gewissen Skepsis beäugt. Doch du sprichst die internationale Sprache der Bühnentechnik fließend. Du weißt, wie man Lasten für Traversen berechnet, wie man Lichtpulte programmiert und vor allem: Du bist dir nicht zu schade, dir die Hände schmutzig zu machen.
Genau das führt an diesem Nachmittag zu einer kleinen, fast schon amüsanten Konfrontation. Du kniest auf dem staubigen Hallenboden, die Ärmel deines Hemdes hochgekrempelt und schiebst gemeinsam mit zwei schwedischen Technikern an einer massiven, widerspenstigen Metallkonstruktion, die sich an einer Kante der Bühne verklemmt hat. "Auf drei!", rufst du. "Ett, två, tre!". Ihr drückt mit vereinten Kräften, die Konstruktion löst sich mit einem Ruck und du landest unsanft, aber lachend mit dem Gesicht vorraus auf dem Boden. "Solltest du nicht eigentlich delegieren, anstatt selbst im Dreck zu wühlen?". Die tiefe, mechanisch verzerrte Stimme lässt dich aufschauen. APOC steht nur wenige Meter von dir entfernt. Er trägt seine volle Montur, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Die LEDs seiner Maske flackern in einem unruhigen, leicht rötlichen Ton, ein klares Zeichen dafür, dass sein Beschützerinstinkt gerade wieder Alarm schlägt. Er mag es nicht, wenn du dich körperlich abmühst, schon gar nicht, wenn er eigentlich dachte, dir mit dem Director-Posten einen sicheren, bequemen Job am Schreibtisch verschafft zu haben. Du klopfst dir grinsend den Staub von der Hose und stehst auf. "Ein guter Teamleiter zieht an vorderster Front mit, APOC. Außerdem brauche ich die Bewegung. Ich glaube ich habe durch das ganze süße Gebäck hier etwas zugelegt.". Er schnaubt leise und tritt einen Schritt auf dich zu. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde er die Beherrschung verlieren. Doch als er das ehrliche, strahlende Lächeln auf deinem Gesicht sieht, ein Lächeln, das er in den letzten Wochen im Haus so schmerzlich vermisst hat, entspannt sich seine harte Körperhaltung. Das warnende Rot seiner Maske kühlt ab und weicht dem ruhigen, vertrauten Blau der Band. Er brummt ein letztes, gutmütiges Brummen, schüttelt leicht den Kopf und lässt dich gewähren. Er hat verstanden, dass du genau hier in deinem Element bist.
Während die Tage verstreichen und die Bühne immer komplexere Formen annimmt, wächst jedoch auch ein großes Fragezeichen in deinem Kopf. Das Design, das ihr hier aufbaut, ist absolut gigantisch. Die genauen Vorgaben für Kameraperspektiven, die absurden Mengen an Pyrotechnik und die extrem strikten Timings für die Lichtwechsel deuten für dein geschultes Auge unmissverständlich auf eine gewaltige TV-Produktion hin. Es ist viel zu massiv für eine gewöhnliche Arena-Tour. Doch wann immer du nachhakst, für welches spezielle Event diese monströse Show eigentlich gedacht ist, stößt du auf eine Mauer des Schweigens. Das Management hat ein eisernes Verbot verhängt. Keiner darf darüber reden. Weder Chris, noch Per, noch Benjamin. Und ganz besonders APOC nicht. Er ist ein furchtbarer Lügner. Jedes Mal, wenn du ihn abends auf der Couch beiläufig danach fragst, dreht er hastig den Kopf weg, starrt extrem interessiert an die Decke und murmelt etwas Unverständliches auf schwedisch, bevor er dich schnell in einen Kuss verwickelt, um das Thema zu wechseln. Also hast du das Fragen irgendwann aufgegeben und dich stattdessen voll und ganz auf die Umsetzung der verrückten Ideen konzentriert, die die Band dir täglich zuwirft. Am späten Nachmittag des fünften Probentages sitzt du an deinem Arbeitsplatz am Front-of-House Mischpult, umgeben von Monitoren und leeren Kaffeebechern. Du hast die letzten Nächte zusammen mit den anderen Lichttechnikern an etwas ganz Besonderem gearbeitet. Du blickst auf, suchst die Halle ab und entdeckst die hünenhafte Gestalt deines Partners, der gerade beiläufig mit seinen Drumsticks jongliert. "APOC!", rufst du durch die Halle und winkst ihn zu dir heran. "Komm mal her, ich hab da was für dich!". Er lässt die Sticks in seine Taschen gleiten und stapft mit schweren Schritten zu dir herüber. Langsam beugt er sich über deine Schulter, stützt seine großen Hände links und rechts von dir auf die Tischplatte, sodass dich sein vertrauter Duft und seine wohlige Wärme sofort einhüllen. "Was gibt’s mein Schatz?", brummt er neugierig hinter seiner Maske hervor. "Wir haben das Konzept für dein großes Solo fertig!", sagst du, ein stolzes Lächeln auf den Lippen und tippst auf die Tastatur deines Laptops. Auf dem Bildschirm öffnet sich die hochmoderne 3D-Simulation der Bühne. Du startest das Playback des Tracks und die virtuelle Lichtshow erwacht zum Leben. "Achte auf die Moving Heads, die wir kreisrund direkt über deinem Podest installiert haben.", erklärst du, während der Beat sich langsam aufbaut. In der Simulation strahlen die Scheinwerfer zunächst in einem gleißenden, kalten Weiß herab und hüllen das virtuelle Drumkit in einen fast klinischen Lichtkegel. Doch genau in dem Moment, in dem APOCs Solo im Song explodiert, verändert sich das Bild. Das kühle Weiß flackert und ein Scheinwerfer nach dem anderen wechselt in ein tiefes, warmes Orange. Exakt derselbe Farbton, in dem APOCs Maske leuchtete, als er dich hinter seinen Vorhang schauen hat lassen. Die virtuellen Lichtstrahlen bilden einen schützenden, gigantischen Käfig um den Drummer, der wie ein pulsierendes Herz im Takt der markerschütternden Bassdrum aufleuchtet. Mit jedem harten Schlag auf die Felle zucken die orangenen Strahlen auf, während sie in fließenden, wallenden Bewegungen wie ein lebendiger Organismus über die Bühne tanzen, bis sie sich zu den finalen Takten wie Flügel links und rechts neben dem Drumkit positionieren. Es ist ein majestätisches, atemberaubendes simuliertes Lichtspektakel, das Macht und tiefe Verbundenheit gleichzeitig ausstrahlt. Eine Liebeserklärung, verborgen im grellen Licht einer gewaltigen Show. APOC neben dir hat aufgehört zu atmen. Er starrt wie gebannt auf den Bildschirm des Laptops. Du spürst, wie sich die Muskeln in seinen Armen unter dem Stoff seines Mantels anspannen. "Du…", setzt er an, doch seine Stimme bricht ab. Er räuspert sich, sichtlich überwältigt von der visuellen Wucht und der intimen Bedeutung dahinter. "Du hast unser Orange genommen. Für mein Solo?". "Ich dachte, wenn du da oben alleine auf dem Podest thronst…", flüsterst du und lehnst deinen Kopf sanft nach hinten gegen seine Brust. "…dann kann ich wenigstens so ein bisschen bei dir sein, auch wenn ich hier hinter dem Mischpult sitze.". APOC löst eine Hand vom Tisch, legt sie sanft um deinen Hals und zieht dich sanft zurück gegen seine Brust. Seine Maske pulsiert in genau dem warmen Orange auf, das gerade noch über den Bildschirm getanzt ist. "Es ist perfekt.", flüstert er. "Es ist absolut perfekt. Ich kann es kaum erwarten, die Leute mit unserer Show von den Sitzen zu fegen!".