Freight Train
Freight Train
Die Luft im großen, steril wirkenden Konferenzraum des Plattenlabels ist zum Schneiden dick. Der Duft von starkem, schwarzem Filterkaffee mischt sich mit der nervösen Anspannung, die fast schon greifbar im Raum hängt. Du sitzt am großen Glastisch, flankiert von Chris, Per, Benjamin und der massiven, dunklen Gestalt von APOC, dessen Maske heute in einem stoischen, ruhigen Blau leuchtet. Gegenüber sitzen die Anzugträger des Managements und der TV-Produktion. Chris lehnt sich nach vorne, stützt die Ellenbogen auf die Tischplatte und ein breites Grinsen breitet sich auf seinen Lippen aus. Er bricht schließlich das eiserne Schweigen der letzten Wochen. "Also, Wiesel. Der Grund, warum wir ein solch massives Geheimnis aus der neuen Bühnenshow gemacht haben, ist simpel: Wir geben nicht einfach nur einen TV-Auftritt. Smash Into Pieces tritt beim Melodifestivalen an.". Dir stockt für einen Moment der Atem. Das Melodifestivalen. Der legendäre schwedische Vorentscheid für den Eurovision Song Contest. Es ist eines der größten und prestigeträchtigsten TV-Events ganz Europas. Plötzlich ergibt alles in deinem Kopf einen Sinn: die absurden Mengen an Pyrotechnik, die auf die Zehntelsekunde genau getimten Lichtwechsel, die strikten Vorgaben für bestimmte Kameraperspektiven. Ihr baut in der Halle keine normale Konzertbühne. Ihr baut ein verdammtes Fernseh-Spektakel, das von Millionen von Menschen live gesehen wird. Doch bevor du deine Begeisterung über diese gigantische Chance in Worte fassen kannst, räuspert sich einer der Produzenten am anderen Ende des Tisches. "Es gibt da allerdings einen kleinen logistischen Haken an der Sache.", wirft der Mann in fließendem, kühlem Englisch ein und rückt seine Brille zurecht. "Die Bühnenshow, so wie Sie und das Team sie in der Probe-Halle entworfen haben, ist großartig. Aber: Wir können unsere eigene Bühnenkonstruktion nicht mitbringen.". Du runzelst die Stirn, greifst instinktiv nach deinem Stift und beugst dich über deine Notizen. "Wie meinen Sie das? Die gesamte Show ist millimetergenau auf unser eigenes Rigg programmiert!". "Wir müssen die Infrastruktur des Senders nutzen.", erklärt Chris und sein Grinsen weicht einer konzentrierten Ernsthaftigkeit. "Die Grundbühne, die Hauptbeleuchtung und vor allem die fest installierten Traversen werden vom Festival gestellt. Das bedeutet, du musst unsere gesamte Licht- und Pyro-Choreografie, inklusive APOCs Solo, in den kommenden Tagen komplett an das Bühnenformat und Aufhängungsregister der Strawberry Arena anpassen. Jeder Scheinwerfer, jedes Kabel und jedes noch so kleine pyrotechnische Element muss in die bereits bestehenden Pläne des Senders integriert und mit den TV-Regisseuren, Sicherheitskoordinatoren und lokalen Crews abgestimmt werden.". Ein organisatorischer Albtraum. Dein Verstand schaltet sofort in den absoluten Notfall-Modus. Du musst dich mit völlig fremden Technik-Teams koordinieren, CAD-Pläne der Bühne vorort wälzen und sämtliche statischen Berechnungen von Grund auf neu anstellen.
Wenige Stunden später sitzt du völlig isoliert am Front-of-House Pult in eurer Probe-Halle. Der Lärm der geschäftigen Crew um dich herum ist zu einem stummen Rauschen geworden, während du dich mit deinem geschulten Blick tief in die digitalen Baupläne der TV-Bühne vertiefst. Deine Augen brennen bereits leicht vom hellen, künstlich blauen Licht der Monitore. Du hast die letzten Stunden damit verbracht, die 3D-Modelle eures massiven Moving Heads Array, genau jene schweren, hochmodernen Scheinwerfer, die für APOCs spektakulären orangenen Lichtkranz sorgen sollen, in das schwingend gelagerte Raster der Fernsehstudio-Traverse einzufügen. Doch als du die Lastenverteilung und Kräfte auf der Center-Traverse, die sich beim Auftritt exakt über APOCs Drum-Riser befinden wird, durch deine Berechnungssoftware jagst, beginnt plötzlich eine rote Zahl nach der anderen auf dem Display unheilvoll zu blinken. Die Simulation zeigt, dass die Aufhängung die dynamischen Kräfte nicht tragen kann. Du stützt das Kinn auf deine Hände und schließt die Augen. Wenn sich diese massiven Scheinwerfer während APOCs Solo im harten Takt der Musik pfeilschnell und absolut synchron bewegen, werden extreme Flieh- und Hebelkräfte auf die Aufhängung wirken. Du zoomst in den CAD-Plan der virtuellen Bühne hinein. Der Haupt-Sicherungsbolzen an dem Gelenk dieser spezifischen Deckentraverse ist für solch gewaltige, ruckartige Schwenkbewegungen schwerer Zusatztechnik schlichtweg nicht ausgelegt. Das Aluminiumrohr könnte sich aufschaukeln oder im schlimmsten Fall abreißen. "Verdammt nochmal!", murmelst du leise vor dich hin und greifst hastig nach deiner Maus. Du markierst das Gelenk in den digitalen Plänen blutrot, machst einen Screenshot von den rot leuchtenden berechneten Kräften und beginnst sofort, eine dringliche E-Mail an das Rigging-Team des Senders zu tippen. Du forderst das Bühnen Team auf weitere Stahlseile als Sicherungen an der Traverse zu befestigen und die Aufhängungsbolzen zu erneuern. Das ist ein immenses Sicherheitsrisiko, das du als Stage Director nicht ignorieren kannst. Doch noch bevor du der E-Mail deine Signatur anhängen kannst, legen sich zwei schwere, warme Hände auf deine Schultern. Du zuckst kurz zusammen als du aus deiner digitalen Welt gerissen wirst, doch der vertraute Duft und das sanfte Summen von Elektronik verraten dir sofort, wer sich lautlos hinter dich geschlichen hat. "Schluss für heute, Schatz.", brummt APOCs verzerrte Stimme bestimmt. Seine Daumen streichen in einer sanften, massierenden Bewegung über deine hart verspannten Nackenmuskeln, was dir unweigerlich einen wohligen Schauer über den Rücken jagt. "APOC, warte kurz, ich muss das hier noch abschicken, es ist wirklich wichtig.", protestierst du halbherzig, lehnst dich aber trotzdem ein winziges Stück in seine Berührung. Du deutest auf die blinkende rote Zahl auf dem Bildschirm. "Die Traglast der Center-Traverse gefällt mir überhaupt nicht. Wenn die Moving Heads in deinem Solo anfangen zu rotieren, dann…". Mit einer fließenden Bewegung greift er an dir vorbei und tippt entschlossen auf das Trackpad deines Laptops, um die E-Mail abzusenden. Bevor du dich beschweren kannst, klappt er ihn einfach zu. Das helle Licht der Bildschirme um dich herum verschwindet, als sie in den Ruhemodus wechseln und du starrst nur noch auf das matte Schwarz der Monitore in denen sich APOCs LEDs widerspiegeln. "Die Mail ist raus. Die Techniker werden sich das morgen früh ansehen.", entgegnet er unnachgiebig, aber mit einem weichen Unterton. Er nimmt dich bei den Schultern, dreht deinen Schreibtischstuhl zu sich herum und stemmt beide Hände auf die Armlehnen. Du blinzelst ihn etwas überrumpelt an. "Aber das muss dringend berücksichtigt werden, bevor wir die Show dort aufbauen. Das ist ein enormes Sicherheitsrisiko!". "Und darum kümmerst du dich morgen. Du bist der Boss. Wenn das einer geregelt bekommt, dann du.", murmelt er und fährt dir mit einer seiner Hände sanft durch die Haare. Die blauen LEDs seiner Maske leuchten beruhigend auf dich herab. "Aber für heute ist es genug. Schalt ab. Oder hast du in deinem ganzen Planungswahn etwa vergessen, was heute Abend noch ansteht?".