A New Horizon
A New Horizon
Du blinzelst APOC verwirrt an und drehst dich in deinem Schreibtischstuhl etwas weiter herum. Erst jetzt fällt dir auf, dass Maja, die Maskenbildnerin und Stylistin vom Videodreh, mit einem großen Kleidersack über dem Arm ein paar Meter entfernt steht und euch ungeduldig anlächelt.
Die schwedische Musik-Gala.
Es trifft dich wie ein Schlag. Heute Abend ist die Gala, bei der die Künstler der schwedischen Musikszene geehrt werden. Die Band ist eingeladen und APOC hat ausdrücklich darauf bestanden, dass du ihn begleitest. "Oh Mist, das habe ich im ganzen Stress um die Umplanung der Traversen völlig ausgeblendet.", stammelst du und reibst dir hastig über die müden Augen. Dein Herz beginnt augenblicklich schneller zu schlagen und die Sorge um das Sicherheitskonzept wird brutal von einer Ohrfeige purer Nervosität aus deinem Schädel gehämmert. "Dafür bin ich ja da.", sagt APOC mit einer hörbaren Wärme in der Stimme und zieht dich von deinem Bürostuhl hoch. "Maja hat dein Outfit mitgebracht. Geh dich umziehen. Der Wagen wartet schon am Seiteneingang.". Die nächsten zwanzig Minuten vergehen durch die professionelle Arbeit von Maja wie im Flug. Sie tupft dir etwas Puder auf, bändigt deine Haare mit einer Handvoll Gel und hilft dir in den maßgeschneiderten, schwarzen Anzug, der so perfekt sitzt, dass du dich im Spiegel kaum wiedererkennst. Du bist es gewohnt, in hautengen Jeans und schwarzen Arbeitshemden unsichtbar im Hintergrund zu agieren. Jetzt siehst du aus, als würdest du selbst gleich einen Preis gewinnen. Als du schließlich zum Seiteneingang kommst, wo die schwarze Stretch-Limousine bereits wartet, bleibt dir der Atem weg. APOC lehnt lässig an der offenen Wagentür. Er trägt einen tiefschwarzen, elegant geschnittenen Designer-Anzug mit Kapuze, der seine breiten Schultern perfekt betont. Unter dem Sakko trägt er ein dunkles Hemd ohne Krawatte. Seine LED-Maske leuchtet in einem sanften Weiß, das sich glänzend im Lack der Limousine spiegelt. Er sieht aus wie der König von Schweden. Als er dich sieht, stößt er ein leises, fast ehrfürchtiges Pfeifen aus, was dich dazu bringt, dich einmal um dich selbst zu drehen, um dich ihm in der Komplettheit deines Outfits zu präsentieren. Er streckt dir die Hand entgegen und als sich deine Finger um seine schließen, zieht er dich sanft zu sich heran. "Du siehst atemberaubend aus.", flüstert er, während er dir beim Einsteigen in den Wagen hilft.
Die Fahrt durch das nächtliche Stockholm ist gespickt von schlechten Dad-Witze von Chris, die zugegebenermaßen doch irgendwie lustig waren. Champagner, den du dankend abgelehnt hattest. Einem kurzen Blick aus dem Dachfenster der Limousine, weil du das immer schon mal machen wolltest, nur um dir danach die Haare wieder zu richten. Du lässt dich wieder auf den Ledersitz des Wagens fallen und lehnst deinen Kopf gegen die Kopfstütze. Deine Hände schwitzen. Die Warnung deines Statikprogramms flackert noch immer als ferner, dumpfer Gedanke in deinem Hinterkopf auf, doch sie wird komplett von der Realität überlagert, das du Smash Into Pieces auf eine der renommiertesten Galas Schwedens begleiten darfst. Gleich wirst du aus diesem Auto steigen. Gleich wirst du ins gleißende Licht der Kameras treten. Nicht als Roadie. Nicht als Stage Director. Sondern an der Seite des Mannes, dem dein Herz gehört.
Die schwarze Limousine gleitet lautlos an den Bordstein und kommt mit einem sanften Ruck zum Stehen. Schon durch die getönten Scheiben hörst du das gedämpfte, aber gewaltige Tosen der Menschenmenge. Das Klicken und Surren dutzender Kameraverschlüsse und das wirre Blitzlichtgewittern lassen die Nacht vor dem Eingang der Gala-Halle wie einen flackernden Stroboskop-Club wirken. Dein Herz hämmert so heftig gegen deine Rippen, dass du fürchtest, man könnte es durch den edlen Stoff deines Anzugs schlagen sehen. Das hier ist eine völlig andere Welt. Eine verrückte, glitzernde Welt, in der jeder Schritt und jede Geste von der schwedischen Presse seziert wird. Die Wagentür wird von außen von einem in Uniform gekleideten Sicherheitsmann geöffnet. Die ohrenbetäubende Geräuschkulisse schlägt dir wie eine physische Wand entgegen. Fans kreischen den Namen der Band, Fotografen brüllen durcheinander. Per, Benjamin und Chris steigen zuerst aus, posieren routiniert und mit charismatischem Lächeln für die ersten Kameras. Dann ist APOC an der Reihe.
Die massige Gestalt im schwarzen Anzug schiebt sich aus dem Wagen. Als die leuchtend weiße LED-Maske im Blitzlichtgewitter auftaucht, eskaliert die Menge förmlich. Er steht für einen Moment allein da, eine unantastbare, stoische Säule im Chaos. Dein alter Roadie-Instinkt schreit dich an, einfach im Wagen zu bleiben, doch als du dich tiefer in den Ledersitz drücken willst, dreht sich APOC um. Er beugt sich wieder leicht in den Wagen und streckt dir seine Hand entgegen. Seine große, schwarz geschminkte Handfläche fordert dich auf, ihm zu folgen. Du schluckst hart, legst deine zitternden Finger in seine und lässt dich von ihm aus der Sicherheit der Limousine ziehen. Als du neben ihm auf dem roten Teppich zum Stehen kommst, spürst du augenblicklich, wie sich die Dynamik der Menge verändert. Die Fotografen lassen die Kameras für den Bruchteil einer Sekunde sinken, bevor das Blitzlichtgewitter doppelt so intensiv wieder losbricht. "APOC! Wer ist dein Begleiter?", brüllt ein Reporter über die Absperrung. "Ist das der Typ aus dem neuen Video?", schreit ein anderer. "Hier rüber! Schaut hier rüber!", rufen die Fotografen wild durcheinander. Die Fragen und Rufe prasseln wie Platzregen auf dich ein. Du blinzelst geblendet und willst reflexartig einen Schritt zurücktreten, doch APOC lässt das nicht zu. Eine Hand in deinem Rücken, stützt er dich gegen die über dir einbrechende Flut an Fragen und Rufen. Er zieht dich fest an seine Seite, sodass deine Hüfte gegen seine drückt. Er steht aufrecht, den Kopf stolz erhoben und präsentiert dich der Welt nicht als Geheimnis, sondern als den wichtigsten Menschen in seinem Leben. Die Wärme, die von seinem Körper ausgeht, erdet dich augenblicklich. Du straffst deine Schultern, hebst den Kopf und bringst ein ehrliches, wenn auch schüchternes Lächeln zustande. Mit einem nicken seiner Maske gesteht er dir ein stummes "Du gehörst genau hier her" zu. Dann stellt ihr euch zu den anderen Bandmitgliedern und posiert noch für ein paar Fotos zusammen, bevor ihr euch hinein begebt.
Das Innere der Gala-Halle ist nicht weniger überwältigend. Schwere Kronleuchter tauchen die runden Tische, die mit feinem Kristall und opulenten Blumenarrangements gedeckt sind, in ein warmes, goldenes Licht. Die schwedische Musik-Elite ist versammelt. Bekannte Pop-Ikonen, legendäre Produzenten und aufstrebende Stars flanieren in sündhaft teuren Roben durch den Saal. Das Klirren von Champagnergläsern und ein gedämpftes, elitäres Murmeln erfüllen die Luft. Chris, Per und Benjamin fügen sich völlig natürlich in dieses High-Society-Bild ein, schütteln Hände und halten Smalltalk. Du hingegen fühlst dich trotz deines perfekten Anzugs wie ein Eindringling. Doch APOC weicht nicht eine Sekunde von deiner Seite. Während die Gala voranschreitet und Auszeichnungen verliehen werden, sitzt er neben dir an eurem Tisch. Seine Maske leuchtet durchgängig in diesem sanften Weiß, das in Kombination mit seinem schwarzen Anzug sehr edel wirkt. Unter dem Tisch, verborgen vor den Blicken der Kameras und der anderen Gäste, ruht seine schwere Hand beruhigend auf deinem Oberschenkel. Jedes Mal, wenn du dich von dem Glamour und den Blicken der anderen Künstler erdrückt fühlst und dein Bein anfängt nervös zu wippen, reicht ein sanftes Drücken seiner Finger, um dir zu versichern, dass du an seiner Seite nichts zu befürchten hast.