Disaster Highway
Disaster Highway
Wenige Tage später ist von dem glitzernden Glamour der Gala nichts mehr übrig. Die Realität des Melodifestivalen hat das gesamte Team und die Band mit der unbarmherzigen Wucht eines Güterzuges überrollt. Das Halbfinale steht unmittelbar bevor und der Backstage-Bereich der riesigen TV-Arena gleicht einem absoluten Tollhaus. Überall rennen Produktionsassistenten mit Headsets umher, Kabelträger ziehen hastig dicke Stränge über den Betonboden und aus den Lautsprechern dröhnen sekündlich Regieanweisungen auf Schwedisch. Die Luft ist erfüllt von Haarspray, Adrenalin und der trockenen Hitze unzähliger Scheinwerfer. Es ist eine bis ins kleinste Detail durch getaktete Live-TV-Maschinerie, die keinen Raum für Fehler duldet.
Und genau hier liegt dein Problem.
Du stehst in deinem schwarzen Stage-Director-Outfit hinter der großen LED-Wand und diskutierst hitzig mit dem leitenden Lichttechniker des schwedischen Senders. Du hältst ihm dein Tablet unter die Nase, auf dem die rot blinkenden Warnungen deiner Simulationssoftware leuchten. "Die dynamische Last der Moving Heads an der Center-Traverse ist zu hoch!", rufst du gegen den Lärm an, deine Stimme rau vom vielen Reden. "Ich habe euch doch eine E-Mail geschickt! Wenn APOCs Solo beginnt und die Scheinwerfer synchron diese schnellen Schwenkbewegungen machen, entstehen extreme Hebelkräfte. Eure Sicherungsbolzen am Gelenk sind dafür nicht ausgelegt! Habt ihr weitere Sicherungsseile angebracht?". Der Lichttechniker wischt sich den Schweiß von der Stirn und winkt genervt ab. "Hör zu. Die Konstruktion ist abgenommen und wir haben deine Mail gelesen. Erst heute Morgen haben wir extra Stahlseile an der Aufhängung angebracht.". "Die Seile verhindern nur den kompletten Absturz, aber wenn der Bolzen bricht, schaukelt sich das Rigg auf! Habt ihr also die Bolzen erneuert?", beharrst du stur, der Magen zieht sich dir vor lauter unguten Vorahnungen zusammen. "Selbst wenn der Bolzen bricht, fällt die Traverse maximal zwei Zentimeter ins Seil. Da passiert überhaupt nichts!", bellt der Techniker zurück. "Wir haben jetzt keine Zeit mehr, die gesamte Traverse abzulassen. Die Show geht in zehn Minuten live in ganz Schweden auf Sendung. End of discussion, wir fassen das Moving Head-Rigg nicht mehr an!" Er dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet im hektischen Gewusel der Crew. Du bleibst zitternd vor Frust und Anspannung zurück. Dein alter Instinkt als Rigger schreit förmlich, dass diese Konstruktion trotz der Stahlseile eine tickende Zeitbombe ist. Du fährst dir mit beiden Händen durch die Haare und fluchst leise vor dich hin. Du bist offiziell überstimmt worden. Das Einzige, was du jetzt noch tun kannst, ist, diese verdammte Traverse während der Show wie ein Schießhund im Auge zu behalten.
"Atmen, mein Schatz." Zwei schwere, in schweren schwarzen Stoff gehüllte Arme schlingen sich von hinten um deine Schultern. APOC zieht dich mit dem Rücken fest an seine Brust. Seine Maske ist in kühlem Blau erleuchtet, doch die Berührung seiner Hände ist sanft und beruhigend. Er hat die Auseinandersetzung aus der Ferne beobachtet. "Sie wollen das Risiko einfach nicht ernst nehmen.", flüsterst du erschöpft und lehnst deinen Kopf zurück gegen seinen harten Brustpanzer. "Die Sturheit und der Zeitplan dieses Senders ruinieren mein Sicherheitskonzept!". APOC dreht dich sanft zu sich um. Die ohrenbetäubende Lautstärke des Backstage-Bereichs scheint für einen Moment völlig ausgeblendet zu sein. Er legt seine schwarz geschminkten Hände an deine Wangen. Die Kühle des Plastiks seiner Maske berührt deine Stirn, als er sich tief zu dir hinunter beugt. "Du hast getan, was du konntest.", brummt er leise. "Sie haben es doppelt gesichert. Du bist der beste Stage Director, den diese Band je hatte, vertrau auf deine Vorarbeit. Wir rocken diese Show jetzt. Für uns. Für Arcadia.". "Für Arcadia.". Aus dem Hintergrund ertönt die schrille Stimme des Aufnahmeleiters: "Smash Into Pieces! Standby in zwei Minuten!". APOC nimmt seine Hände von deinem Gesicht, greift an seinem Gürtel und holt ein Paar schwarze Drumsticks hervor. Mit einer schnellen, fließenden Bewegung drückt er sie dir fest in die Hand, genau wie vor eurem letzten Konzert in Deutschland. Es ist sein stummes Versprechen, dass er gleich mit seinen Bandkollegen da draußen die Bühne zum Einsturz bringen wird. Er hebt die Hand zu einem finalen Gruß, dreht sich um und schreitet mit Chris, Per und Benjamin ins blendende Licht des Bühnenaufgangs. Du siehst ihm noch einen Moment nach, das Adrenalin pumpt nun wieder heiß durch deine Adern. Dann drehst du dich um und bahnst dir deinen Weg durch die dunklen Gänge zum Front-of-House Pult hinter den Zuschauerrängen. Du setzt dich an die Lichtkonsole, deine Finger schweben bereits routiniert über den Reglern, während der Countdown für den Auftritt auf den Monitoren unaufhörlich abläuft. Die Live-Übertragung beginnt. Die Halle bebt. Doch während der erste gewaltige Bassschlag der Band die Arena erzittern lässt, wandert dein Blick fast schon zwanghaft nach oben. Hoch zu der runden Traverse direkt über APOCs Podest. Und tief in deiner Brust weißt du, dass dieser Abend nicht so enden wird, wie du es geplant hattest.