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Save It for the Living

Akt 3 - System Fehler (Smash Into Pieces) — www.fanfiktion.de · All chapters

Save It for the Living

Die ohrenbetäubenden Bässe lassen die stählernen Knochen der riesigen Strawberry Arena vibrieren. Du stehst an deinem Controller-Pult weit hinter den Zuschauerrängen. Die Ärmel deines schwarzen Hemdes sind hochgekrempelt und deine Finger fliegen routiniert über die Regler und Knöpfe der Lichtsteuerung. Die Show läuft bis jetzt fantastisch. Sechzigtausend Zuschauer singen sich die Seele aus dem Leib. Doch dein geschultes Auge klebt unablässig an der runden Traverse direkt über APOCs Drum-Podest.

Dein Bauchgefühl hat dich nicht getäuscht. Genau wie die Software es prophezeit hatte, fängt sie langsam an, sich aufzuschaukeln. Als APOCs Solo beginnt, jagen die massiven Movingheads synchron in einem schnellen, harten Takt hin und her und erzeugen eine gefährliche Resonanz. Die schwere Aluminium-Traverse beginnt, bedrohlich zu schwingen. Der große Scheinwerfer in der Mitte hält der ständigen Vibration nicht stand und die Aufhängung reibt gefährlich in ihrer Verankerung. Der tonnenschwere Aufbau schwankt bei jedem Richtungswechsel der kleineren Movingheads gefährlich hin und her. Du reißt das Funkgerät von deinem Gürtel und führst es an deinen Mund. "Stage-Crew! Ich hab euch verdammt noch mal gewarnt! Die dynamische Last zerreißt uns die Aufhängung der Center-Traverse. Obendrauf löst sich der Haupt-Spot! Wer hat den so locker festgezogen?!". Das Funkgerät knackt. Die Stimme des schwedischen Lichttechnik-Leiters, der dich vorhin noch abgewimmelt hatte, überschlägt sich nun vor Panik. "Scheiße! Wir sehen es. Wir müssen abbrechen. Brecht das Set sofort ab, der Spot kommt runter!".

Die Show abbrechen? Jetzt, mitten im Höhepunkt des Sets und live im nationalen Fernsehen? Du blickst zu APOC, der wie ein entfesselter Gott auf seine Drums einhämmert, völlig in seinem Element, getragen von der Energie der Massen. Ein Abbruch würde diese Magie sofort zerstören und Schlimmeres: Wenn die Klemme jetzt bricht, nützt auch ein Abbruch nichts mehr. Du musst den Supergau unbedingt verhindern! "Nein! Wartet!", brüllst du in das Funkgerät. "Gebt mir zwei Minuten. Ich klettere hoch und ziehe die verdammten Klemmen des Spots nach, bis das Set vorbei ist!" "Bist du verrückt? Das ist Selbstmord bei der Bewegung! Bleib gefälligst unten!". Du ignorierst die Warnung, klemmst das Funkgerät an deinen Gürtel und rennst los. Dein Körper handelt rein aus Instinkt, getrieben von dem verzweifelten Drang, den Mann da unten auf der Bühne um jeden Preis zu schützen. Du kletterst die seitliche Leiter am Rand der Zuschauerränge hinauf, die auf die Stege über der Bühne führt. Schnell klinkst du deinen Sicherungsgurt ein und balancierst auf den schmalen Metallstreben der Traverse direkt über den Köpfen der Band. Die Hitze der Scheinwerfer ist mörderisch, der Schweiß brennt in deinen Augen. Du robbst auf Knien weiter bis zur schwingenden Traverse, da die Schiebedach Konstruktion hier ziemlich niedrig ist. Die Vibrationen des Basses, der durch die Lautsprecher schallt, fährt dir tief in die Knochen. Die Traverse ächzt unter dir und die losen Klemmen des Spots klappern bei jeder Bewegung. Du hast einen Ratschenschlüssel in der Hand und greifst nach den gelockerten Klemmen des Scheinwerfers, doch du bekommst sie nicht zu fassen. Tief unter dir wirbelt APOC mit seinen Drumsticks. Es ist sein Solo. Er hebt den Kopf, um den Moment zu genießen und als sein Blick zur Decke wandert, erstarrt er mitten in der Bewegung. Selbst auf diese Entfernung spürst du, wie sein Blick dich durchbohrt. Das blaue Licht seiner Maske flackert plötzlich hektisch rot auf. Er hat dich gesehen. Du schenkst ihm ein schnelles, beruhigendes Lächeln und formst mit deinen Lippen die Worte "Ich habe das unter Kontrolle.". Du widmest dich wieder der Traverse und dem Spot. Genervt klinkst du dein Sicherungsseil aus und stellst damit APOCs Sicherheit und die der Band über deine. Ein fataler Fehler. Langsam gleitest du vom Steg auf die Traverse. Deine Füße stehen bereits auf der wackeligen Konstruktion, als ein Schwung dich das Gleichgewicht verlieren lässt. Du kippst nach vorn, fällst auf die Knie und klammerst dich an den Aluminiumrohren fest. Glück gehabt. Schnell legst du die Klammern des Spots wieder um das Hauptrohr und ziehst sie fest, eine nach der anderen, so fest, wie sie es zulassen. Geschafft! Kriese abgewendet!

Doch nun nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ein ohrenbetäubendes, metallisches Knarzen bricht unter dem Lärm der schallenden Bässe hervor. Der dicke Sicherungsbolzen am Hauptgelenk der Traverse bricht mit einem lauten Knall unter der zusätzlichen Last, die dein Körper verursacht. Doch der schwedische Licht-Techniker hatte recht behalten: Die Traverse stürzt nicht ab, sondern fällt krachend und knarzend exakt jene zwei Zentimeter in die zusätzlich angebrachten Stahlseile. Allerdings reicht dieser eine mörderische Ruck aus. Der harte Stopp der Stahlseile reißt dir förmlich den Halt unter den Händen und Knien weg. Du rutschst mit einem Knie von der Traverse und kannst dich nicht mehr halten. Die Schwerkraft zerrt unbarmherzig an deinem Körper. Du fällst. Für einen endlosen Wimpernschlag fühlst du nichts als pure Schwerelosigkeit. Der Lärm der Halle, die bunten Lichter, alles verschwimmt zu einer Unschärfe um dich herum. Dein Körper wird immer schneller und schneller. Wie lange du wohl fallen wirst? Doch dann holt dich der Aufprall in die brutale Realität aus Schmerzen zurück. Du schlägst mit einem dumpfen, zerschmetternden Geräusch hart mit dem Rücken auf der vorderen Kante des Bühenaufbaus auf. Ein unglaublicher Schmerz explodiert in deinem Körper, raubt dir sofort jede Luft zum Atmen. Du kannst dich nicht bewegen, alles fühlt sich dumpf an. Dein Körper kippt über die harte Kante und stürzt weiter hinab in die tiefe, gnadenlose Dunkelheit des Bühnengrabens. Als du mit dem Kopf auf dem kalten Betonboden aufschlägst, wird die Welt um dich herum sofort schwarz. Die tobenden Bässe, die Lichter, APOC, alles verblasst in einem endlosen, lautlosen Nichts.