Stille am Morgen
Stille am Morgen
Der Himmel über Oahu war noch in jenes tiefe Blau getaucht, das nur die ersten Minuten nach Sonnenaufgang hervorbrachten. Die Luft war kühl und salzig, der Strand von Lanikai noch menschenleer – bis auf eine schlanke Gestalt, die mit einer Kamera um den Hals und einer kleinen Tochter an der Hand durch den feuchten Sand lief.
Haylie atmete tief ein und ließ den Blick über das Meer schweifen. Diese Stunde gehörte ihr. Keine Termine, keine Kunden, keine E-Mails. Nur das leise Rauschen der Wellen, das Klicken ihrer Kamera und Lily, die neben ihr herlief und mit ihren kleinen Füßen die ersten Spuren in den noch glatten Sand setzte.
„Mommy, da!“ Lily blieb stehen und zeigte auf eine Muschel, die halb im Sand vergraben lag.
Haylie hockte sich hin und drehte die Muschel vorsichtig mit den Fingern. „Die ist schön. Willst du sie mitnehmen?“
Lily nickte eifrig und steckte die Muschel in die kleine Tasche ihrer Shorts. Dann lief sie weiter, blieb wieder stehen, hob einen Stein auf, warf ihn ins Wasser und lachte, als das Platschgeräusch ihre Erwartungen übertraf.
Haylie richtete die Kamera auf sie, fing den Moment ein – Lily mit offenem Mund, die Arme noch ausgestreckt, das Meer hinter ihr in zartem Rosa und Gold. Das würde ein gutes Bild werden. Eines von denen, die sie später in ihrem Studio aufhängen würde, zwischen den Hochzeitsfotos und den Porträts fremder Menschen. Ein Foto, das nur ihnen gehörte.
„Nicht so schnell“, rief sie sanft, als Lily weiterlief.
„Doch! Schnell!“ Lily wirbelte herum und rannte ein paar Schritte, dann blieb sie wieder stehen und wartete, bis Haylie aufgeschlossen hatte. „Mommy, kommt der Mann wieder?“
Haylie sah sie verwirrt an. „Welcher Mann?“
„Der mit der Pistole.“
Haylie blinzelte. „Der Polizist von gestern? Warum fragst du das?“
Lily zuckte mit den Schultern. „Weil er nett war.“
Haylie lächelte und strich ihrer Tochter über den Kopf. „Ja, er war nett.“
Sie richtete sich wieder auf und ließ den Blick über den Strand wandern. Und dann sah sie ihn.
Steve McGarrett kam von links, in einem grauen T-Shirt und schwarzen Shorts, die Kopfhörer im Ohr, das Gesicht konzentriert auf den Sand vor sich. Sein Tempo war gleichmäßig, kraftvoll, die Bewegungen eines Mannes, der körperliche Anstrengung gewohnt war. Er bemerkte sie nicht sofort.
Haylie überlegte kurz, ob sie sich abwenden sollte. Sie war nicht hier, um Menschen zu treffen. Sie war hier, um zu fotografieren, um mit Lily die Stille zu genießen, um für eine Stunde zu vergessen, dass sie in einer Stadt lebte, in der sie niemanden kannte. Aber Lily war schneller.
„Da ist er!“, rief sie und zeigte mit ausgestrecktem Arm in Steves Richtung.
Steve hörte es. Er drehte den Kopf, zog einen Kopfhörer heraus und verlangsamte seinen Lauf, bis er schließlich stehen blieb. Ein paar Sekunden lang sah er sie einfach an, als müsste er sich vergewissern, dass er richtig sah. Dann ging er langsam auf sie zu.
„Haylie“, sagte er. Es klang nicht wie eine Frage.
„Steve“, erwiderte sie und versuchte, ihre Überraschung zu verbergen. „Sie joggen früh.“
„Ich jogge immer früh.“ Er sah auf Lily hinunter, die ihn mit großen Augen anstarrte. „Hey, Lily.“
„Hallo“, sagte Lily schüchtern und versteckte sich halb hinter Haylies Bein.
Steve sah wieder zu Haylie. „Sie fotografieren?“
Haylie hob die Kamera ein wenig. „Ja. Das Licht ist am Morgen am besten.“
„Das stimmt.“ Steve sah hinaus aufs Meer. „Ich laufe hier fast jeden Morgen. Aber ich habe Sie noch nie gesehen.“
„Wir sind auch noch nicht lange hier“, sagte Haylie und ließ den Satz so stehen, ohne weitere Erklärung.
Steve nickte, als verstünde er, dass sie nicht mehr sagen wollte. „Darf ich fragen, was Sie fotografieren?“
„Alles“, sagte Haylie. „Lily. Das Meer. Das Licht. Manchmal auch Fremde, wenn sie es erlauben.“ Sie lächelte leicht. „Aber heute nur uns.“
Steve sah sie einen Moment lang an. Dann sagte er: „Ich sollte weiter. Ich will Sie nicht stören.“
„Sie stören nicht“, sagte Haylie, bevor sie sich bremsen konnte. Sie blinzelte, als hätte sie sich selbst überrascht. „Ich meine – es ist ein öffentlicher Strand.“
Steve lächelte. Es war ein kleines Lächeln, eines, das nicht oft auf seinem Gesicht zu sehen war, aber es war da. „Dann laufe ich ein Stück mit? Wenn Sie nichts dagegen haben.“
Haylie sah ihn an. Sie hasste es, wenn Menschen sich aufdrängten. Sie hasste es, wenn sie das Gefühl hatte, jemand wollte etwas von ihr. Aber Steve war nicht aufdringlich. Er fragte. Und er wartete auf eine Antwort.
„Okay“, sagte sie schließlich.
Sie gingen langsam nebeneinander her, Lily zwischen ihnen, die abwechselnd in die Wellen lief und wieder zurücksprang, wenn das Wasser ihre Knöchel erreichte. Steve hatte die Kopfhörer um den Hals hängen und sagte nichts, als sie schwieg. Es war eine angenehme Stille, keine, die gefüllt werden musste.
„Sie sind nicht von hier“, sagte Steve nach einer Weile.
Haylie sah ihn an. „Nein.“
„Woher?“
„Seattle.“ Sie zögerte. „Vorher.“
Steve nickte. Er fragte nicht, warum sie gegangen war. Er fragte nicht, was sie zurückgelassen hatte. Er fragte nicht, ob sie allein war. Haylie war überrascht, wie sehr sie das erleichterte.
„Und Sie?“, fragte sie. „Sind Sie von hier?“
„Geboren auf Oahu“, sagte Steve. „Aber ich war lange weg. Navy.“
„Ah.“ Haylie sah ihn von der Seite an. „Deshalb die Pistole.“
Steve sah sie an, und für einen Moment blitzte etwas wie Amüsement in seinen Augen auf. „Deshalb die Pistole.“
Lily kam angerannt und hielt eine neue Muschel hoch. „Mommy, schau!“
Haylie nahm sie entgegen und drehte sie im Licht. „Wunderschön. Willst du sie auch mitnehmen?“
Lily nickte und rannte wieder los. Steve sah ihr nach. „Sie ist ein gutes Kind.“
„Ja“, sagte Haylie leise. „Das ist sie.“
Sie gingen weiter. Die Sonne stieg höher, das Licht wurde heller, und die ersten Surfer tauchten am Horizont auf. Haylie hob die Kamera und fotografierte einen von ihnen, wie er auf einer Welle ritt, das Wasser in alle Richtungen spritzend.
„Sie lieben das Meer“, sagte Steve. Es war keine Frage.
Haylie ließ die Kamera sinken. „Ja. Es ist das Einzige, was mich hier wirklich zur Ruhe bringt.“ Sie sah ihn an. „Klingt das dumm?“
„Nein“, sagte Steve. „Ich verstehe das.“
Und Haylie glaubte ihm. Sie wusste nicht, warum, aber sie glaubte ihm.
Lily kam zurück und zog an Haylies Hand. „Mommy, ich bin müde.“
Haylie sah auf die Uhr. Sie waren fast eine Stunde hier. „Okay, Schatz. Wir gehen gleich.“ Sie sah zu Steve. „Danke für die Gesellschaft.“
Steve nickte. „Danke, dass ich mitlaufen durfte.“
Haylie lächelte. „Vielleicht sieht man sich wieder.“
„Vielleicht“, sagte Steve.
Sie drehte sich um und ging mit Lily in Richtung Parkplatz. Steve sah ihnen nach, bis sie hinter einer Düne verschwanden. Dann setzte er seine Kopfhörer wieder auf und lief weiter, aber sein Tempo war langsamer als vorher, und sein Kopf war voller Gedanken, die er nicht einordnen konnte.