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Wenn der Himmel fällt

Aloha ʻĀina — www.fanfiktion.de · All chapters

Wenn der Himmel fällt

Der Morgen hatte trügerisch ruhig begonnen. Kein Wind, keine Wolken, nur dieses weiche, goldene Licht, das Haylie so liebte. Sie hatte Lily in aller Frühe geweckt, hatte ihr eine leichte Jacke übergezogen und war mit ihr zum Strand gefahren, weil das Wetter angeblich den ganzen Tag über schön bleiben sollte. Der Wetterbericht hatte sich geirrt.

Es begann mit einem Windstoß, der Haylies Haar aus dem Zopf riss und Sand aufwirbelte. Lily lachte zuerst, hob die Arme und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Doch dann wurde der Himmel grau, schnell und ohne Vorwarnung, als hätte jemand ein Tuch über die Sonne geworfen.

Haylie hob den Kopf. Über dem Meer türmten sich Wolken auf, dunkel und schwer, und in der Ferne zuckte ein erstes Wetterleuchten.

„Okay, Schatz“, sagte sie und begann, ihre Kamera in die Tasche zu packen. „Wir müssen los.“

Lily sah sie an. „Warum?“

„Weil ein Sturm kommt.“

Lily drehte sich um und sah die Wolken. Ihre Augen weiteten sich. „Ein großer?“

„Ein ziemlich großer.“ Haylie schulterte die Kameratasche und griff nach Lilys Hand. „Komm.“

Sie gingen schnell, aber der Strand war lang, und das Auto stand am anderen Ende. Der Wind wurde stärker, peitschte ihnen Sand ins Gesicht, und Haylie spürte, wie erste Regentropfen auf ihre Arme fielen, kalt und überraschend. Lily begann zu weinen.

„Ich will nach Hause!“

„Wir gehen ja nach Hause.“ Haylie biss die Zähne zusammen, hob Lily auf den Arm und beschleunigte ihren Schritt. Die Tasche mit der Kamera schlug gegen ihre Hüfte, die Ausrüstung war schwer, und Lily klammerte sich an ihren Hals, das Gesicht in ihrer Schulter vergraben.

Der Regen wurde stärker. Innerhalb von Sekunden verwandelte er sich in einen wolkenbruchartigen Schwall, der die Sicht nahm und den Sand in Schlamm verwandelte. Haylie blinzelte, versuchte, die Orientierung zu behalten, aber sie war erst seit wenigen Monaten hier, kannte die Wege nicht auswendig, und als sie sich umdrehte, um zu sehen, wie weit sie noch vom Parkplatz entfernt waren, stellte sie fest, dass sie kaum etwas erkennen konnte.

Und dann rutschte sie aus.

Es war kein großer Sturz. Sie stolperte, verlor das Gleichgewicht, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, saß sie im Sand, Lily auf dem Arm, die Kameratasche neben sich. Lily weinte jetzt lauter, und Haylie spürte, wie ihr selbst die Tränen in die Augen stiegen – nicht wegen des Sturzes, sondern wegen der Hilflosigkeit, die sie überkam. Sie hasste dieses Gefühl. Sie hasste es, sich verloren zu fühlen. Sie hasste es, dass Lily sie so sehen musste.

„Hey!“

Die Stimme kam von rechts. Haylie hob den Kopf, und durch den Regen sah sie eine Gestalt auf sich zulaufen. Groß, breitschultrig, in einem durchnässten grauen Shirt. Steve.

Er erreichte sie in wenigen Sekunden, kniete sich neben sie und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Alles okay? Sind Sie verletzt?“

„Nein“, sagte Haylie, und ihre Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte. „Mir geht es gut.“

Steve sah sie einen Moment lang an, dann sah er auf Lily, die noch immer weinte. „Wir müssen hier weg. Das wird schlimmer.“ Er stand auf und streckte ihr die Hand hin. „Kommen Sie.“

Haylie zögerte. Sie brauchte keine Hilfe. Sie konnte das allein. Sie war es gewohnt, alles allein zu machen. Aber Lily weinte, der Regen wurde stärker, und Steve stand da, die Hand ausgestreckt, ohne Druck, ohne Mitleid in den Augen. Nur mit dieser ruhigen Entschlossenheit, die sie schon am Strand bemerkt hatte.

Sie nahm seine Hand.

Steve zog sie hoch, als wäre sie federleicht. Dann nahm er ihr die Kameratasche ab, bevor sie protestieren konnte. „Ich trage das. Sie tragen Lily.“

„Sie müssen das nicht...“

„Ich weiß“, sagte er und ging schon los. „Kommen Sie.“

Sie folgte ihm. Steve ging voraus, die Kameratasche über der Schulter, und bahnte ihnen einen Weg durch den Sand, der mittlerweile zu einer einzigen Schlammpiste geworden war. Der Regen prasselte auf sie herab, der Wind zerrte an ihren Kleidern, und Haylie hielt Lily fest, die ihr Gesicht an ihrem Hals vergrub und allmählich leiser weinte.

Sie erreichten den Parkplatz nach einer gefühlten Ewigkeit. Haylies kleines weißes Auto stand verloren zwischen ein paar anderen, und Steve ging direkt darauf zu, als hätte er es die ganze Zeit gewusst.

„Schlüssel?“, fragte er.

Haylie zögerte einen Moment, dann fischte sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und warf ihn ihm zu. Steve fing ihn auf, öffnete die hintere Tür und wartete, bis Haylie Lily in den Kindersitz gesetzt und angeschnallt hatte. Lily weinte noch immer leise, die kleinen Hände um den Gurt gekrallt.

Steve hielt Haylie die Beifahrertür auf. „Steigen Sie ein. Ich fahre.“

„Ich kann selbst...“

„Haylie.“ Er sah sie an. Es war kein Befehl. Es war ein Angebot. „Bitte.“

Sie sah ihn an, den Regen im Gesicht, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde sie gegen sich selbst kämpfen. Dann stieg sie ein.

Steve setzte sich hinters Steuer, stellte die Scheibenwischer auf höchste Stufe und drehte die Heizung auf. Lily hörte auf zu weinen, als die warme Luft ihr Gesicht traf. Haylie drehte sich halb um und griff nach hinten, um ihrer Tochter beruhigend über den Kopf zu streichen.

„Wo wohnen Sie?“, fragte Steve.

Haylie nannte ihm die Adresse. Steve nickte und fuhr los.

Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten, aber die Stille im Auto war schwer. Lily war eingeschlafen, den Kopf zur Seite gesunken, die Jacke um sich geschlungen. Haylie starrte aus dem Fenster, den Blick auf die Regentropfen gerichtet, die über die Scheibe liefen.

„Sie sind wütend“, sagte Steve irgendwann.

Haylie drehte den Kopf. „Was?“

„Sie sind wütend“, wiederholte er, ohne sie anzusehen. „Weil ich Ihnen geholfen habe.“

Haylie schwieg. Dann sagte sie: „Ich hasse es.“

„Ich weiß.“

„Nein, Sie wissen es nicht.“ Ihre Stimme war leise, aber scharf. „Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man immer alles allein machen muss. Wenn man niemanden hat, auf den man sich verlassen kann. Wenn man das Gefühl hat, dass man zusammenbricht, sobald man auch nur einen Moment lang Schwäche zeigt.“

Steve sagte nichts. Er fuhr weiter, den Blick auf die Straße gerichtet, und ließ sie reden.

„Ich bin es gewohnt, alles selbst zu regeln“, fuhr Haylie fort. „Die Arbeit, das Kind, das Haus. Ich brauche niemanden. Ich will niemanden brauchen. Und dann kommen Sie, und plötzlich…“ Sie brach ab.

„Und plötzlich?“, fragte Steve ruhig.

Haylie sah ihn an. „Plötzlich fühle ich mich schwach.“

Steve hielt an einer roten Ampel. Er drehte sich zu ihr und sah sie an, ernst, ohne Mitleid, ohne Urteil. „Sie sind nicht schwach“, sagte er. „Sie sind allein. Das ist etwas anderes.“

Haylie blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich kenne das“, sagte Steve. „Ich war lange weg. Ich habe Dinge gesehen, die ich nicht sehen wollte. Ich habe Menschen verloren, die ich nicht verlieren wollte. Und ich habe mir geschworen, dass ich nie wieder jemanden brauchen werde. Dass ich stark genug bin, um allein klarzukommen.“

„Und?“, fragte Haylie.

Steve sah wieder nach vorn. Die Ampel wurde grün. „Und ich habe festgestellt, dass das nicht funktioniert. Nicht wirklich. Man kann allein überleben. Aber man kann nicht allein leben.“

Haylie sah ihn an, und für einen Moment war da etwas in ihrem Blick, das Steve nicht deuten konnte. Dann wandte sie sich ab und sah wieder aus dem Fenster.

„Ich bin nicht gut darin, Hilfe anzunehmen“, sagte sie leise.

„Das habe ich gemerkt.“

Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, kaum sichtbar, aber es war da. „Danke“, sagte sie. „Für die Hilfe. Und für das Fahren.“

Steve nickte. „Gern.“

Sie fuhren den Rest des Weges schweigend. Lily schlief tief und fest im Kindersitz, das Gesicht entspannt, die kleine Hand noch immer um den Gurt gelegt. Als sie vor Haylies Haus ankamen, hielt Steve an und stieg aus, um ihr die Kameratasche zu bringen. Haylie öffnete die hintere Tür und löste vorsichtig den Gurt, um Lily herauszunehmen. Das Mädchen murmelte etwas im Schlaf, kuschelte sich dann aber an die Schulter ihrer Mutter.

Elodie öffnete die Haustür, das Gesicht besorgt. „Mon Dieu, ihr seid durchnässt! Kommt rein, schnell!“

Haylie sah zurück. Steve stand am Auto, die Kameratasche in der Hand, und sah sie an.

„Kommen Sie rein“, sagte Haylie. „Sie sind genauso nass wie wir.“

Steve zögerte. Dann nickte er.