Was Elodie erzählt
Was Elodie erzählt
Das Haus war klein, aber warm. Holzdielen, weiße Wände, hohe Decken. Auf dem Sideboard im Flur standen gerahmte Fotos – viele davon von Lily, einige von Hochzeiten fremder Menschen, und ganz hinten, fast versteckt, eines von Haylie und einem Mann, den Steve nicht kannte. Er sah nicht lange hin.
Elodie drängte ihn ins Wohnzimmer, wo ein Sofa mit einer karierten Decke lag und ein niedriger Tisch mit Bilderbüchern und einer halb leeren Teetasse stand. „Setzen Sie sich. Ich mache Tee. Sie brauchen das.“ Sie verschwand in der Küche, bevor Steve widersprechen konnte.
Haylie war mit Lily im Kinderzimmer verschwunden. Steve hörte gedämpfte Stimmen durch die Wand – Haylies ruhiger Ton, Lilys müdes Murmeln, dann das leise Knarren einer Tür. Er stand mitten im Raum und wusste nicht recht, wohin mit sich. Also blieb er stehen, die Hände in den nassen Shorts-Taschen, und sah sich um.
Es war ein Zuhause, das jemand mit Bedacht eingerichtet hatte. Keine Spur von Zufall. Auf der Fensterbank lagen Muscheln und Steine, ordentlich in einer Reihe, als hätte jemand sie nach Größe sortiert. An der Wand hingen drei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien: eine Welle, ein alter Fischer, ein Kind, das in die Kamera lachte. Lily. Auf einem Regal stand ein kleiner Globus, daneben ein Buch über hawaiianische Vögel und ein halb abgebranntes Teelicht.
„Sie sind Steve, oder?“ Elodie kam mit zwei dampfenden Bechern zurück und stellte sie auf den Tisch. Ihr Akzent war weich, das Französische schwang in jedem Satz mit. „Wir haben uns bei Kamekona gesehen. Aber richtig vorgestellt haben wir uns nicht.“
Steve nahm den Becher, den sie ihm hinhielt. „Stimmt. Danny hat geredet. Ich nicht so viel.“
„Das habe ich gemerkt.“ Elodie ließ sich auf das Sofa fallen und zog die Beine unter sich. Sie war jung, Anfang zwanzig vielleicht, mit dunklen Locken und einem Blick, der zu neugierig war, um unschuldig zu sein. „Sie sind der Mann mit der Pistole. Lily hat es mir erzählt. Sie sagt, Sie seien nett.“
„Für einen Mann mit einer Pistole?“
Elodie grinste. „Genau.“
Steve schnaubte leise. „Ich nehme das als Kompliment.“
„Sollten Sie.“ Elodie nahm einen Schluck Tee und musterte ihn über den Rand ihrer Tasse. „Sie sind Polizist?“
„So ähnlich.“
„So ähnlich.“ Sie nickte, als hätte sie eine Bestätigung erhalten, die sie nicht brauchte. „Haylie sagte, Sie seien bei der Spezialeinheit. Five-0. Sie hat es nicht gesagt, aber ich habe gegoogelt. Man findet alles über Sie.“
Steve sah sie an. „Sie haben mich gegoogelt?“
„Natürlich.“ Elodie zuckte mit den Schultern, ungerührt. „Ich passe auf Lily auf. Und auf Haylie. Das ist mein Job. Und wenn ein fremder Mann plötzlich am Strand auftaucht und mit meiner Chefin spricht, will ich wissen, wer er ist.“
Steve lehnte sich zurück. „Und? Was haben Sie herausgefunden?“
„Dass Sie ein Held sind. Dass Sie Ihr Land geliebt haben. Dass Sie Ihre Eltern verloren haben.“ Sie sagte es ohne Umschweife, ohne Mitleid, so wie Haylie es tun würde. „Und dass Sie niemandem trauen, der nicht in Ihrem Team ist.“
Steve sah sie an und wusste nicht, ob er beeindruckt oder verärgert sein sollte. „Sie sind sehr direkt.“
„Ich bin Französin.“ Elodie lächelte. „Wir sagen, was wir denken. Das ist einfacher.“
Sie tranken einen Moment schweigend. Draußen prasselte der Regen gegen die Fenster, und irgendwo im Haus hörte man Haylie leise mit Lily sprechen. Steve stellte den Becher ab. „Sie arbeiten für Haylie. Seit wann?“
„Seit vier Monaten.“ Elodie stellte ihren Becher neben seinen. „Ich bin wegen des Au-pair-Programms gekommen. Ich wollte nach Hawaii. Haylie brauchte jemanden für Lily. Es hat gepasst.“
„Und wie ist sie?“ Steve fragte es beiläufig, aber Elodie sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das verstand.
„Sie ist stark“, sagte Elodie. „Zu stark. Sie denken, Sie wissen, was das bedeutet. Aber Sie wissen es nicht.“ Sie lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Knien. „Haylie hat ihren Mann verloren, als Lily noch ein Baby war. Sie hat alles allein gemacht. Die Beerdigung. Den Umzug. Das Haus. Das Studio. Sie hat nie um Hilfe gebeten. Nicht einmal, als sie es gebraucht hätte.“
Steve hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
„Sie kommt aus Seattle“, fuhr Elodie fort. „Sie hatte dort ein Studio. Es lief gut. Aber nachdem Richard gestorben war, konnte sie nicht bleiben. Zu viele Erinnerungen. Zu viele Menschen, die sie bemitleidet haben. Sie hasst Mitleid.“ Elodie sah ihn an. „Sie hasst es, wenn jemand sie bemitleidet. Sie hasst es, wenn jemand sie retten will. Sie hasst es, wenn jemand glaubt, sie sei schwach.“
„Ich bemitleide sie nicht“, sagte Steve.
„Ich weiß.“ Elodie nickte. „Das ist der Grund, warum sie Sie reingelassen hat. Nicht ins Haus. Ins Leben. Sie hätte Sie draußen stehen lassen können. Sie hat es nicht getan.“
Steve sah zur Kinderzimmertür. Sie war noch geschlossen.
„Sie hat mir erzählt, dass sie am Strand waren“, sagte Elodie. „Dass Sie mitgelaufen sind. Dass Sie nichts gefragt haben.“ Sie sah ihn an. „Sie haben nichts gefragt.“
„Es ging mich nichts an.“
„Genau.“ Elodie lächelte. „Das ist es. Alle fragen. Wie geht es Ihnen? Wie kommen Sie zurecht? Brauchen Sie Hilfe? Sie hasst das. Sie wollen nicht, dass jemand sie sieht. Sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden. Aber gleichzeitig…“ Sie zögerte. „Gleichzeitig will sie nicht allein sein. Sie weiß es nur nicht.“
Steve sagte nichts. Er sah auf den Tisch, auf die Bilderbücher, auf die halb leere Teetasse. Dann sagte er: „Sie lieben sie.“
Elodie sah ihn überrascht an. Dann lachte sie leise. „Nicht so, wie Sie denken. Ich liebe sie wie eine Schwester. Oder wie eine verrückte Tante, die zu jung ist, um eine Tante zu sein.“ Sie wurde ernst. „Aber ich sorge mich um sie. Sie ist nicht so stark, wie sie tut. Sie bricht nicht zusammen. Aber sie verbiegt sich. Und irgendwann bricht sie, wenn niemand da ist, der sie auffängt.“
Steve sah sie an. „Und Sie denken, ich könnte das sein?“
Elodie zuckte mit den Schultern. „Ich denke, Sie sind der Erste, der es nicht versucht hat. Das ist ein Anfang.“
In diesem Moment öffnete sich die Kinderzimmertür. Haylie trat heraus, leise, die Tür hinter sich schließend. Sie trug noch immer die nassen Sachen, das Haar offen, das Gesicht müde. Als sie Steve und Elodie auf dem Sofa sitzen sah, blieb sie stehen.
„Was habe ich verpasst?“
Elodie stand auf. „Nichts. Wir haben über dich geredet.“
Haylie sah sie an. „Elodie.“
„Nur Gutes.“ Elodie zwinkerte Steve zu und ging in die Küche. „Ich mache noch Tee.“
Haylie sah ihr nach, dann sah sie Steve an. „Sie hat Ihnen Dinge erzählt, die sie nicht erzählen sollte.“
Steve stand auf. „Sie hat mir nichts erzählt, was ich nicht schon gesehen habe.“
Haylie hob eine Augenbraue. „Und was haben Sie gesehen?“
Steve sah sie an, ruhig, ohne Ausweichen. „Dass Sie stark sind. Und dass Sie es leid sind, es sein zu müssen.“
Haylie sagte nichts. Sie sah ihn an, und für einen Moment war da etwas in ihrem Blick, das Steve nicht deuten konnte. Dann wandte sie sich ab und ging zum Fenster. Der Regen hatte nachgelassen. Draußen wurde der Himmel heller.
„Sie sollten sich trockene Sachen anziehen“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe vielleicht etwas von Richard. Er war groß.“
Steve sah sie an. „Haylie.“
Sie drehte sich um.
„Danke“, sagte er. „Für das Angebot. Aber ich sollte gehen.“
Haylie sah ihn an. „Sie sind nass.“
„Ich bin Navy SEAL. Ich war schon nasser.“
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das glaube ich Ihnen sofort.“
Steve ging zur Tür. Elodie kam aus der Küche, zwei frische Becher in der Hand, und sah ihn enttäuscht an. „Sie gehen schon?“
„Ich habe Arbeit.“
„Natürlich.“ Elodie seufzte, stellte die Becher ab und ging zur Tür, um ihn zu verabschieden. „Kommen Sie wieder. Aber nicht, um sie zu retten. Nur, um Tee zu trinken.“
Steve sah sie an. „Ich trinke keinen Tee.“
Elodie lächelte. „Dann bringen Sie Kaffee mit.“
Steve sah zu Haylie, die noch immer am Fenster stand. Sie drehte sich nicht um, aber er sah, dass sie lächelte. Nur ein wenig. Nur für sich.
„Bis bald“, sagte er.
„Bis bald“, sagte Haylie, ohne sich umzudrehen.
Steve ging. Die Tür schloss sich hinter ihm. Elodie sah Haylie an. „Er ist nett.“
Haylie sagte nichts. Sie sah aus dem Fenster, wie Steve zu seinem Auto ging, einstieg und losfuhr. Dann drehte sie sich um. „Du hast zu viel geredet.“
„Ich weiß.“ Elodie grinste. „Aber du hast ihn reingelassen. Also war es richtig.“
Haylie sah sie an. Dann seufzte sie.