Der Mann ohne Namen
Der Mann ohne Namen
Der Anruf kam um 6:47 Uhr. Steve war bereits wach – er war immer wach, wenn die Sonne aufging – und stand in seiner Küche, als sein Handy vibrierte. Duke Lukela war am anderen Ende.
„Commander, wir haben einen John Doe am Strand von Kaʻaʻawa. Bewusstlos, keine Papiere, keine ID. Der Rettungsdienst hat ihn ins Queen's gebracht. Aber das ist nicht das Seltsame.“
Steve griff nach seinen Schlüsseln. „Was ist das Seltsame?“
„Er hatte eine Kamera um den Hals. Und die Fotos darauf…“ Duke zögerte. „Sie zeigen Orte, die es nicht gibt. Zumindest nicht auf Oahu.“
Steve runzelte die Stirn. „Ich bin unterwegs.“
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Das Krankenzimmer war klein und steril. Auf dem Bett lag ein Mann, Mitte vierzig vielleicht, mit grauen Schläfen und einem Gesicht, das selbst im Schlaf angespannt wirkte. Sein Kopf war bandagiert, ein Monitor piepte gleichmäßig. Daneben, auf einem Tablett, lag die Kamera – eine abgewetzte DSLR, das Objektiv zerkratzt, der Kameragurt mit Salzflecken übersät.
Danny stand bereits am Fenster, die Arme verschränkt, und sah Steve entgegen, als dieser den Raum betrat. „Da bist du ja. Ich dachte schon, du lässt mich mit dem Zombie allein.“
„Er ist nicht tot, Danny.“
„Ich weiß. Aber er sieht aus wie jemand, der es gleich sein könnte.“ Danny nickte in Richtung des Mannes. „Dr. Bergman sagt, er hat eine schwere Kopfverletzung. Wahrscheinlich von einer Welle gegen die Felsen gedrückt. Oder von jemandem, der ihm eins übergezogen hat. Er ist nicht aufgewacht, seit sie ihn gefunden haben.“
Steve ging zum Bett und sah auf den Mann hinunter. „Hat er irgendetwas bei sich gehabt?“
„Nur das.“ Danny deutete auf die Kamera. „Keine Brieftasche, kein Handy, keine Uhr. Nicht mal Schuhe. Nur die Kamera und die Kleidung, die er trug.“
Steve nahm die Kamera vom Tablett und schaltete sie ein. Das Display leuchtete auf. Die ersten Bilder zeigten den Strand, Wellen, Felsen. Nichts Ungewöhnliches. Steve drückte weiter. Dann hielt er inne.
„Danny.“
„Was?“
„Komm her. Sieh dir das an.“
Danny trat neben ihn. Auf dem Display war ein Foto zu sehen: ein Gebäude, halb verfallen, mit einem verwilderten Garten und einem Schild, das halb im Gebüsch hing. Es sah aus wie eine alte Plantage. Aber Steve kannte jeden Winkel dieser Insel. Und dieses Gebäude hatte er noch nie gesehen.
„Das ist nicht hier“, sagte Danny. „Das sieht aus wie – ich weiß nicht – Louisiana oder so.“
Steve drückte weiter. Das nächste Foto: ein Pier, der in einen See ragte, umgeben von Nadelbäumen. Kein Meer. Ein See. Auf Oahu gab es keine Nadelwälder.
„Das ist nicht Hawaii“, sagte Danny.
„Nein“, stimmte Steve zu. „Ist es nicht.“
Er drückte weiter. Ein Friedhof, verlassen, die Grabsteine schief. Eine Straße, die in einem Wald endete. Ein Haus, das aussah, als hätte es seit Jahrzehnten niemand betreten. Und dann, auf dem letzten Bild, ein Gesicht. Ein Mann, Ende dreißig, mit einem schmalen Gesicht und einer Narbe über der linken Augenbraue. Er stand vor einer Wand, auf der jemand ein Wort geschrieben hatte. In roter Farbe.
Verräter.
Steve hielt inne. „Wer ist das?“
„Keine Ahnung“, sagte Danny. „Aber ich würde sagen, unser John Doe kennt ihn. Oder kannte ihn. Oder sucht ihn.“
Steve legte die Kamera zurück auf das Tablett. „Wir müssen herausfinden, wer der Mann ist. Und was er hier wollte.“
„Und wie?“, fragte Danny. „Er hat keine ID, keine Fingerabdrücke in unserem System, keine Zahnarztakten. Wir haben nichts.“
Steve sah auf den bewusstlosen Mann. „Wir haben die Fotos. Irgendjemand auf dieser Insel muss diese Orte kennen. Oder den Mann auf dem letzten Bild.“
Danny seufzte. „Also gut. Ich rufe Jerry an. Vielleicht kann er die Metadaten der Fotos auslesen. Vielleicht stehen GPS-Koordinaten drin.“ Er zog sein Handy heraus und wählte. „Und Steve?“
„Ja?“
„Wenn diese Orte nicht auf Oahu sind – warum sind sie dann auf einer Kamera, die am Strand von Kaʻaʻawa gefunden wurde?“
Steve sah ihn an. „Gute Frage.“
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Zurück im Hauptquartier saßen sie wenig später vor dem großen Bildschirm. Jerry Ortega hatte die Kamera an seinen Rechner angeschlossen und tippte konzentriert. Chin und Kono waren dazugekommen, Kono mit einem Kaffee in der Hand, Chin mit einem Notizblock.
„Okay“, sagte Jerry. „Die Metadaten sind teilweise gelöscht. Aber ich kann noch ein paar Informationen rekonstruieren.“ Er tippte weiter. „Die Fotos wurden über einen Zeitraum von drei Wochen aufgenommen. Die ersten stammen aus – Moment – Portland, Oregon. Dann Seattle. Dann San Francisco. Und die letzten sechs wurden hier auf Oahu gemacht.“
„Das heißt, er ist gereist“, sagte Chin. „Bewusst. Gezielt.“
„Oder er wurde gebracht“, sagte Kono.
Jerry nickte. „Möglich. Aber es gibt noch etwas.“ Er drehte den Bildschirm zu ihnen. „Die Fotos, die auf Oahu aufgenommen wurden, zeigen Orte, die es gibt. Den Strand von Kaʻaʻawa, die Felsen, die Wellen. Aber die Fotos davor – die mit den Gebäuden, dem Pier, dem Friedhof – die wurden nicht hier aufgenommen. Die wurden in – Moment –“ Er tippte. „In Oregon aufgenommen. Und in Washington.“
„Also ist er von der Westküste gekommen“, sagte Steve. „Und hat unterwegs Fotos gemacht. Von Orten, die ihm etwas bedeutet haben. Oder von Orten, die er gesucht hat.“
„Und dann ist er hier aufgetaucht“, sagte Danny. „Mit einer Kamera voller Fragen und keiner Erinnerung.“
Steve sah auf den Bildschirm. Das letzte Foto, das Gesicht des Mannes mit der Narbe, starrte ihn an. „Wir müssen herausfinden, wer er ist. Und wer der Mann auf dem Foto ist.“
Jerry räusperte sich. „Ich könnte versuchen, das Gesicht durch eine Gesichtserkennungsdatenbank laufen zu lassen. Aber das dauert. Und es ist nicht ganz – äh – legal.“
Steve sah ihn an. „Tu es.“
Danny hob die Hände. „Und ich dachte, wir halten uns diesmal an die Regeln.“
„Es gibt kein Handbuch für Five-0“, sagte Steve.
Danny seufzte. „Natürlich nicht.“