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Der Mann ohne Namen Teil 2

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Der Mann ohne Namen Teil 2

Das Queen's Medical Center war um diese Uhrzeit ruhig. Die Flure waren leer, nur das leise Piepen der Monitore und das gedämpfte Summen der Klimaanlage durchbrachen die Stille. Steve und Danny saßen auf Plastikstühlen vor Zimmer 412 und warteten. Dr. Bergman war nicht da – er war Gerichtsmediziner, kein behandelnder Arzt –, aber er hatte ihnen am Telefon erklärt, was die Ärzte gesagt hatten.

„Amnesie“, hatte Max gesagt, mit dieser trockenen, fast gleichgültigen Stimme, die er immer benutzte, wenn er über die Lebenden sprach. „Retrograde Amnesie, wahrscheinlich durch das Trauma. Er erinnert sich an nichts. Kein Name, kein Geburtsdatum, kein Wohnort. Wie ein leerer Raum, in dem die Möbel fehlen. Medizinisch gesehen: faszinierend. Praktisch gesehen: ein Problem für Sie.“

„Wie lange?“, hatte Steve gefragt.

„Kann sich zurückbilden. Muss aber nicht. Das Gehirn ist ein Mysterium. Ich schneide es auf, ich verstehe es nicht.“

Jetzt saßen sie da und warteten auf die Freigabe des behandelnden Arztes. Danny rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Ich hasse Krankenhäuser. Die Luft riecht nach Desinfektionsmittel und Tod.“

„Es riecht nach sauber“, sagte Steve.

„Sauber riecht nicht so.“ Danny stand auf und ging ein paar Schritte. „Und außerdem – was machen wir, wenn er aufwacht und sich an nichts erinnert? Wir können ihn nicht einfach laufen lassen. Er könnte ein Mörder sein. Oder ein Opfer. Oder beides.“

„Deshalb sind wir hier“, sagte Steve ruhig.

Bevor Danny antworten konnte, öffnete sich die Tür. Eine junge Ärztin trat heraus, ein Klemmbrett in der Hand, und sah die beiden Männer an. „Commander McGarrett? Detective Williams? Ich bin Dr. Hana Okada. Der Patient ist wach. Er ist orientiert, was Ort und Zeit angeht, aber nicht, was seine Person betrifft. Er weiß nicht, wer er ist.“

„Kann ich mit ihm sprechen?“, fragte Steve.

Dr. Okada nickte. „Er ist wach. Aber seien Sie vorsichtig. Er ist verwirrt. Und er hat Angst.“ Sie öffnete die Tür und ließ sie eintreten.

Das Zimmer war klein, das Licht gedämpft. Der Mann lag halb aufgerichtet im Bett, die Hände auf der Decke, den Blick zur Tür gerichtet. Sein Gesicht war blass, die Augen müde, aber wach. Die Bandage um seinen Kopf war frisch gewechselt worden. Er sah Steve und Danny an, als wären sie Fremde – was sie ja auch waren.

„Hallo“, sagte Steve und blieb am Fußende des Bettes stehen. „Ich bin Commander Steve McGarrett. Das ist Detective Danny Williams. Wir sind von Five-0. Können wir uns ein wenig unterhalten?“

Der Mann sah ihn an. Seine Augen waren grau, wachsam, aber nicht feindselig. „Five-0“, wiederholte er leise, als würde er das Wort zum ersten Mal hören. „Was ist Five-0?“

„Eine Spezialeinheit“, sagte Danny und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. „Wir kümmern uns um die Fälle, die sonst niemand lösen kann. Und Sie, mein Freund, sind gerade so ein Fall.“

Der Mann sah auf seine Hände. „Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagte er. Seine Stimme war rau, als hätte er lange nicht gesprochen. „Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich weiß nicht, warum ich hier bin.“ Er sah auf. „Aber ich weiß, dass ich Angst habe.“

Steve trat einen Schritt näher. „Wovor?“

Der Mann zögerte. Dann sagte er: „Vor dem Mann auf dem letzten Foto. Dem mit der Narbe.“

Steve und Danny tauschten einen Blick. „Sie erinnern sich an das Foto?“, fragte Steve.

„Ich erinnere mich an das Gesicht“, sagte der Mann. „Ich weiß nicht, wo ich es gesehen habe. Ich weiß nicht, wer er ist. Aber ich weiß, dass ich Angst vor ihm habe. Und ich weiß, dass er mir etwas angetan hat.“ Er sah auf seine Hände. „Ich weiß nur nicht, was.“

Danny lehnte sich vor. „Wissen Sie, ob Sie ihm etwas angetan haben?“

Der Mann sah ihn an. „Was meinen Sie?“

„Ich meine, ob Sie ihn verletzt haben. Ob Sie ihn vielleicht getötet haben. Ob Sie ein Täter sind oder ein Opfer.“

Der Mann schwieg. Sein Blick wurde leer, als würde er in sich selbst nach etwas suchen, das nicht mehr da war. Dann sagte er: „Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“ Er sah Steve an. „Aber ich glaube nicht, dass ich ein Mörder bin. Ich glaube – ich glaube, ich bin weggelaufen. Von ihm. Von irgendetwas. Ich weiß nur nicht, wovor.“

Steve sah ihn an. Es war nicht das erste Mal, dass er jemandem gegenüberstand, der seine Erinnerung verloren hatte. Aber es war das erste Mal, dass er das Gefühl hatte, einem Mann gegenüberzustehen, der die Wahrheit sagte – und gleichzeitig nichts wusste.

„Wir werden Ihnen helfen“, sagte Steve. „Aber wir brauchen Ihre Hilfe. Alles, woran Sie sich erinnern. Auch wenn es nur Bruchstücke sind.“

Der Mann nickte langsam. „Die Fotos“, sagte er. „Ich erinnere mich an die Fotos. Nicht an die Orte. Aber an das Gefühl. Ich habe sie gemacht. Ich weiß, dass ich sie gemacht habe. Und ich weiß, dass ich sie gemacht habe, weil ich etwas gesucht habe.“

„Was?“, fragte Danny.

„Ich weiß es nicht.“ Der Mann sah auf. „Aber ich glaube, ich habe es gefunden. Und ich glaube, es hat mich gefunden.“

Steve und Danny verließen das Zimmer wenige Minuten später. Auf dem Flur blieb Danny stehen und sah Steve an. „Also. Was denkst du? Täter oder Opfer?“

Steve sah durch das Fenster in Zimmer 412. Der Mann lag wieder zurückgelehnt, die Augen geschlossen, das Gesicht angespannt. „Ich weiß es nicht“, sagte er. „Aber ich weiß, dass er nicht lügt. Er weiß wirklich nichts.“

„Das macht es nicht einfacher“, sagte Danny.

„Nein“, stimmte Steve zu. „Macht es nicht.“