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Eine Räuberburg im Dämmerlicht

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Eine Räuberburg im Dämmerlicht

Die Schale mit der Tarvok-Suppe war bis auf den letzten Tropfen geleert. Samantha hatte das Geschirr leise abgeräumt, und Chakotay hatte Kathryn mit geübter Behutsamkeit etwas höher aufgerichtet, gestützt von weichen Kissen, damit sie frei atmen und den Raum überblicken konnte.

Der Frust saß noch immer wie ein zäher Schatten in Kathryns Nacken, doch die Wärme der echten Mahlzeit und die geschützte Vertrautheit hatten die scharfen Kanten ihrer Verzweiflung geglättet. Sie war erschöpft vom Schlucken und vom Aushalten, aber ihr Geist war wach.

Nachdem der Tisch frei war, schob Naomi ganz vorsichtig ihre Stiefel ab. Mit fragendem Blick sah sie zuerst zu ihrer Mutter, dann zu Chakotay, die beide mit einem leisen Nicken zustimmten. Behutsam kletterte das Mädchen auf das Bio-Bett, krabbelte bis an Kathryns linke Seite und ließ sich dort im Schneidersitz nieder.

Sie schlug Ronja Räubertochter auf und legte das schwere Buch flach auf die Bettdecke, genau in Kathryns Sichtfeld.

»Sehen Sie, Captain«, flüsterte Naomi und tippte mit dem Zeigefinger auf eine detailreiche Zeichnung. »Das ist die Mattisburg in der Gewitternacht. Genau hier hat der Blitz eingeschlagen und die Burg in zwei Hälften geteilt. Und da drüben ist der Höllenschlund.«

Kathryn neigte den Kopf nur um einen Millimeter, um die Illustration besser zu erfassen. Ihre Augen wanderten über die filigranen Tuschelinien der alten terranischen Wälder. Ein Hauch von wehmütiger Wärme stieg in ihr auf.

»Eine tiefe Schlucht …«, hauchte Kathryn mit belegter, aber ruhiger Stimme. »Und trotzdem … sind sie hinübergesprungen.«

»Weil sie mutig waren«, nickte Naomi eifrig. Sie blätterte behutsam um, darauf bedacht, dass Kathryn jedes Bild in Ruhe betrachten konnte. Ihre kleine Hand strich über die Seiten, während sie mit glockenheller Stimme begann, aus dem zweiten Kapitel vorzulesen: »In den Wäldern heulten die Wolfsdruden, und die Dunkelheit kroch zwischen den Tannen empor, doch Ronja fürchtete sich nicht vor der Nacht …«

Kathryn lauschte. Chakotay hatte sich am Fußende des Bettes an den Rahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete die beiden mit einem stillen Lächeln. Samantha saß auf dem Stuhl daneben und ordnete leise die medizinischen Daten, während Naomis ruhige, kindliche Stimme das Quartier mit Leben füllte.

Für eine halbe Stunde gab es keine gelähmten Nervenstränge, keine Sternenflottenprotokolle und keine feindlichen Schiffe im Delta-Quadranten. Da waren nur die uralten Wälder der Erde, ein unerschrockenes Räubermädchen und das sanfte Rascheln von Buchseiten.

Kathryns Blick verharrte auf Naomis Gesicht. In Momenten wie diesen begriff sie, warum sie jeden Tag aufs Neue die Zähne zusammenbiss – nicht für ein Abzeichen, sondern für die Menschen, die in diesem kalten Universum ihre Familie geworden waren.

Als Naomi das Kapitel beendete und das Buch sachte zuschlug, ertönte an der Quartiertür das verabredete, leise Summen des Türsignals.

Chakotay stieß sich von der Wand ab und ging zum Paneel. »Das dürften unsere Gäste sein.«

Die Tür glitt auf, und der Flur gab den Blick frei auf B'Elanna, Tom Paris und die kleine Miral. Miral stand fest auf ihren Füßchen, klammerte sich mit einer Hand fest an Toms Zeigefinger und balancierte mit der anderen eifrig in der Luft, während ihre dunklen Augen sofort das Zimmer absuchten.

In B'Elannas anderer Hand blitzte unauffällig ein flaches PADD auf – Naomis »Hausaufgaben«.

»Äthi!«, gluckste die Kleine sofort los, als sie Kathryns Gesicht auf dem Kissen entdeckte, und setzte stolpernd einen ersten, wackeligen Schritt über die Schwelle.