Ein ruhiger Abend
Ein ruhiger Abend
Es war ein ruhiger, friedlicher Abend, wie ihn die Voyager im unberechenbaren Delta-Quadranten nur selten erlebte. Draußen glitten die fernen Sternensysteme in lautlosen Lichtstreifen an den Quartierfenstern vorüber, während sich im Inneren des Raumes eine Atmosphäre ausbreitete, die weit entfernt war von militärischem Drill und medizinischen Sorgen.
Tom trat als Erster ganz über die Schwelle und führte Miral mit geduldigen, langsamen Schritten vorwärts. »Ganz sachte, kleines Fräulein«, murmelte er leise, während das Mädchen mit konzentriertem Gesichtsausdruck und unsicher schwankenden Knien über den weichen Teppich stapfte. »Der Captain nimmt heute keine Bruchlandungen ab.«
B'Elanna warf Tom einen warnenden, aber liebevollen Blick zu und trat an die Bettseite. Mit einer geschickten, beinahe beiläufigen Bewegung zog sie das flache PADD hervor, überflog das Display mit geübtem Ingenieursblick und reichte es Naomi aufs Bett hinauf.
»Ich habe mir deine Hausaufgaben vorhin noch einmal kurz angeschaut, Naomi«, sagte B'Elanna mit einem vielsagenden Schmunzeln. »Die grundlegenden Formeln zur EPS-Verteilung stimmen soweit. Aber die kniffligen Aufgaben – besonders die Berechnungen zu den Plasmaströmen und den Dämpfungsfeldern der Astrometrie – waren ziemlich vertrackt. Da habe ich absichtlich ein paar Lücken gelassen.«
Sie wandte sich mit verschränkten Armen zu Kathryn um, ihre Augen blitzten herausfordernd. »Ich habe absolut nichts dagegen, wenn du dich mit dem Captain zusammen daran setzt, Naomi. Eine erfahrene Wissenschaftlerin findet bei solchen Knacknüssen sicher den richtigen Ansatz.«
Ein feines Glänzen trat in Kathryns Augen. Sie durchschaute den Trick auf der Stelle: B'Elanna hatte nicht einfach nur Aufgaben vorbereitet, sondern gezielt echte Systemdaten der Voyager in die Denksportaufgaben verwebt, um ihren wachen Verstand zu fordern, ohne den Anschein von Dienstpflicht zu erwecken. Kathryn spürte, wie eine warme Welle der Dankbarkeit den Frust der letzten Tage verdrängte. Man behandelte sie nicht wie eine Kranke, der man nichts mehr zutraute.
Ein heiseres, aber warmes Geräusch entkam Kathryns Kehle, ehe sie den Blick langsam zu Naomi wandte.
»Ich mache diese Aufgaben sehr gerne mit dir zusammen, Naomi«, sagte Kathryn leise, doch mit einem festen Tonfall, in dem ihre alte Entschlossenheit mitschwang. Sie blickte das Mädchen aufmerksam an und erteilte ihr das Kommando mit dem feinen Lächeln einer Mentorin: »Ich werde dir das als Aufgabe geben, Naomi. Wir gehen die Werte Schritt für Schritt durch, ich erkläre dir die Zusammenhänge der EPS-Gitter, und du trägst die Berechnungen ein. Und danach … geben wir das Ganze B'Elanna zurück. Sie darf es dann korrigieren und sehen, ob unsere Berechnungen ihren hohen Ansprüchen im Maschinenraum genügen.«
»Eine echte Aufgabe vom Captain!«, strahlte Naomi stolz, zog das PADD begeistert an sich und legte es ordentlich neben ihr Buch auf die Bettdecke. »Ich bin bereit, Captain. Wir zeigen dem Maschinenraum, wie man das rechnet!«
»Darauf verlasse ich mich«, grinste B'Elanna zurück, sichtlich zufrieden, dass ihr kleiner Plan aufging. »Ich werde die Korrektur persönlich vornehmen, Ma'am. Wehe, die Plasmaströme stimmen um ein halbes Prozent nicht.«
In diesem Moment erreichte Miral das Fußende des Bio-Bettes. Sie ließ Toms Hand los, schwankte für den Bruchteil einer Sekunde bedrohlich, fand aber das Gleichgewicht wieder und patschte mit beiden kleinen Händchen begeistert gegen die Kante der Bettumrandung.
»Äthi!«, gluckste sie triumphierend, als hätte sie soeben einen unbezwingbaren Berg erklommen.
Samantha griff in den Wandschrank, holte eines der gepolsterten Bilderbücher hervor, die Kathryn vor dem Unfall vorbereitet hatte, und hockte sich zu der Kleinen hinab. »Schau mal, Miral. Das hat der Captain extra für dich gemacht. Damit du siehst, wie die Schiffe zwischen den Sternen fliegen.«
Miral ließ sich mit einem satten Plumpsen auf den Hosenboden fallen, riss die dicken Seiten mit ihren kurzen Fingerchen auf und bestaunte die leuchtenden, bunten Holo-Illustrationen mit offenem Mund. Tom setzte sich kurzerhand im Schneidersitz neben seine Tochter auf den Teppich, während Naomi vom Bett aus eifrig erklärte, welche Farben für welche Sternenklassen standen.
Chakotay trat wieder dicht an Kathryns Seite. Er lehnte sich nicht auf das Geländer, er gab keine Befehle. Er stand einfach nur da, die Hände locker in den Taschen, und sah hinab auf die Frau, die so verbissen um jeden Funken Kontrolle gekämpft hatte.
Kathryn spürte seine Gegenwart, ohne hinsehen zu müssen. Ihr Blick wanderte von Tom und Miral zu B'Elanna, hinüber zu Samantha und Naomi. Die Frustration über ihren regungslosen Körper war nicht verschwunden – sie saß noch immer tief unter ihrer Haut wie ein stummer Protest –, doch an diesem Abend wog sie leichter. Sie war nicht allein. Sie war nicht verlassen.
Chakotays Hand fand die ihre unter der Decke, suchte ihre Finger und umschloss sie sanft.
Kathryn schloss für einen langen Atemzug die Augen. Unter seiner warmen Handfläche spürte Chakotay erneut jenen winzigen, kaum merklichen Impuls in ihrem Zeigefinger – schwach, unvollständig, aber da. Ein Versprechen für die Zukunft.
Als sie die Augen wieder öffnete, traf ihr Blick den seinen. Kein Stolz stand mehr zwischen ihnen, keine Maske aus Rang und Distanz. Nur das leise, gemeinsame Einverständnis, dass der Weg zurück lang sein würde – aber dass sie ihn nicht alleine gehen musste