Geständnisse und Ultimaten
Geständnisse und Ultimaten
Während am Tisch das fröhliche Klappern von Schalen und Gläsern anhielt und Tom Miral mit einer Serviette die Fruchtflecken von den Wangen tupfte, blieb Chakotay am Kopfende des Bio-Betts stehen. Er beugte sich ein wenig hinab, musterte Kathryns blasse, aber ruhige Züge und hob behutsam eine Hand. Seine Finger strichen sacht über ihre Wange, vorsichtig und warm.
»Dir geht es gut?«, fragte er leise, kaum mehr als ein Flüstern unter dem Lachen der anderen.
»Ja …«, hauchte sie matt, doch der Blick, mit dem sie ihn ansah, war von einer fast durchdringenden Klarheit.
Samantha trat in diesem Moment lautlos an das Bett heran. In den Händen hielt sie einen Becher dampfenden Tee, den sie Chakotay mit einem verständnisvollen Lächeln reichte.
Kathryn beobachtete die kleine Geste. Ihre Augen wanderten von Samanthas ruhiger Miene zu Chakotay, der den Becher mit einem stummen Nicken entgegennahm. Sie hatte in den letzten Tagen oft im Stillen dagelegen, unfähig zu sprechen, aber gezwungen, jedes Zusammenspiel, jede Berührung und jeden unausgesprochenen Tonfall zwischen den beiden zu registrieren.
»Ihr versteht euch gut«, stellte Kathryn fest, die Worte rau, aber fest geformt.
»Ja, ich denke schon«, erwiderte Samantha gelassen, während sie sich eine Locke hinter das Ohr strich. »In solchen Tagen wächst man schnell zusammen.«
Kathryn hielt den Atem für einen kurzen Herzschlag an. Ihr Blick bohrte sich fast unmerklich tiefer in die beiden. »Es ist mehr bei euch … habe ich recht?«
Die Frage fiel wie ein kleiner, schwerer Kieselstein in die Stille zwischen ihnen dreien.
Chakotay hielt mitten in der Bewegung inne, den heißen Teebecher in der Hand. Er runzelte die Stirn, doch in seinen Zügen lag kein Ärger, keine Verlegenheit – nur aufrichtiges Erstaunen.
»Kathryn, wie kommst du darauf?«, fragte er ruhig, ohne den Anflug von Vorwurf in der Stimme. »Wir haben über so etwas überhaupt nicht gesprochen. Nicht einmal im Ansatz.«
Samantha verzog keine Miene. Sie wirkte weder ertappt noch im Geringsten verärgert über die unvermittelte Feststellung. Stattdessen trat sie ganz an die Seite des Bettes heran und ließ sich mit einer ruhigen, geschmeidigen Bewegung auf die Kante der Matratze sinken, ganz nah an Kathryns Schulter.
»Er sieht gut aus«, begann Samantha mit einem sanften, ehrlichen Lächeln und warf Chakotay einen kurzen, amüsierten Blick zu. »Er hat einen bewundernswerten Charakter, und er kommt wunderbar mit Naomi zurecht. Jede Frau auf diesem Schiff wäre blind, wenn sie das nicht bemerken würde.«
Sie wandte sich wieder ganz Kathryn zu, beugte sich ein Stück vor und sah der Kommandantin fest und liebevoll in die Augen.
»Aber ich weiß ganz genau, dass ihr beide eine besondere Beziehung habt«, fuhr Samantha mit warmer, unmissverständlicher Aufrichtigkeit fort. »Das hat jeder an Bord längst begriffen. Und da werde ich mich auf gar keinen Fall dazwischenfunken. Wirklich nicht.«
Ihre Worte waren frei von Bitterkeit oder Scham; sie waren ein klares, herzliches Bekenntnis des Respekts vor dem Band, das Kathryn und ihren Ersten Offizier seit fünf Jahren durch die tiefste Finsternis trug.
Kathryn blinzelte langsam. Für einen Atemzug schwieg sie, überrascht von der Direktheit und der reinen Wärme, die ihr entgegenschlug. Die Anspannung in ihren Nackenmuskeln löste sich vollends auf, und auf ihren Lippen zeichnete sich ein dankbares, fast schüchternes Lächeln ab.
Samantha klopfte noch einmal sachte auf die Bettdecke, stand auf und wandte sich mit einem leisen Lächeln ab. Sie ging hinüber zu dem Tisch, wo Tom und B'Elanna gerade Miral dabei zusahen, wie sie ein weiteres Brötchen mit beiden Händen zerpflückte.
Chakotay blickte auf ihre ineinanderliegenden Hände hinab, ehe er ihren Blick wieder auffing. Ein ehrliches, nachdenkliches Schmunzeln trat auf seine Lippen.
»Aber du magst sie?«, fragte sie noch leiser, fast verschluckt von den Kissen.
»Ja … irgendwie schon«, gab er offen zu. Seine Stimme blieb tief und vollkommen ruhig. »Sie ist eine bemerkenswerte Frau. Aber sie hat recht, Kathryn. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, den Captain zu ihren Pausen zu nötigen und zu schauen, ob sie regelmäßig isst. Und das hat nichts mit den letzten Tagen zu tun, Kathryn.«
Ein heiseres, leises Schnauben entwich ihrer Kehle, halb Lächeln, halb reine Resignation vor der Wahrheit. Sie spürte die Wärme seiner Handfläche auf ihrer Haut, verlässlich wie die Gravitation des Schiffs, unverrückbar seit dem ersten Tag in den Badlands.
»Ich weiß …«, flüsterte Kathryn matt in das Kissen. Ihre Augen wurden einen Moment trüb vor schwerer Selbsterkenntnis. »Ich stimme dir zu. Ich bin zu abhängig von dir, Chakotay. Ich habe mich immer mit Arbeit beschäftigt … ich glaube, ich wäre ohne dich verhungert.«
Chakotay schmunzelte leise, doch Kathryn war noch nicht fertig. Die Frage bohrte noch immer in ihr, getrieben von dem Drang, jedem um sie herum die Chance auf ein normales Stück Glück zu sichern – selbst wenn es bedeutete, die eigenen Wünsche zurückzustellen.
»Aber wenn ich es irgendwie hinbekomme …«, setzte sie noch leiser nach, die Augen forschend auf ihn gerichtet. »Meinst du … es wird was mit euch? Ich will euch nicht im Weg sein.«
Chakotay stieß ein amüsiertes Seufzen aus, schüttelte langsam den Kopf und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.
»Damit ich dann fast jeden Tag deinen Replikator retten muss?«, konterte er trocken. »Wer soll denn das Feuer löschen, wenn du versuchst, dir mitten in der Nacht einen verbrannten Braten zu replizieren, weil du seit sechzehn Stunden nichts gegessen hast?«
Trotz der Schwäche in ihren Muskeln blitzte der alte Janeway-Biss für einen kurzen, glorreichen Moment in ihren Augen auf.
»Ich kann bei Neelix essen«, konterte sie prompt, die Stimme heiser, aber messerscharf gezielt.
Chakotay schüttelte lachend den Kopf, doch Kathryn gab nicht nach. Sie fixierte ihn mit jenem unerbittlichen Blick, mit dem sie sonst den Borg die Stirn bot, und fügte mit heiserem, aber glasklarem Nachdruck hinzu:
»Aber nur, wenn ihr es versucht. Sonst streike ich ab heute. Keine Bissen mehr, keine Therapie. Ich meine es ernst, Commander.«
Chakotay hielt inne. Sein Lachen erstarb, während er sie mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und tiefer, unbändiger Rührung anblickte. Sie lag bewegungsunfähig vor ihm, vollkommen ausgeliefert, und erpresste ihren Ersten Offizier mit einem Hungerstreik für sein persönliches Liebesleben.
Er beugte sich tief zu ihr hinab, legte beide Hände um ihre kühlen Finger und sah ihr geradewegs in die Augen.
»Du streikst ab heute gar nichts, Kathryn«, murmelte er mit leiser, rauer Zärtlichkeit. »Erstens lässt der Doktor das nicht zu, zweitens würde Samantha dir den Kopf waschen – und drittens lasse ich mich nicht erpressen. Schon gar nicht zu etwas, das an der Realität dieses Schiffs und an meinem Herzen vorbeigeht.«
Er drückte ihre Hand so fest, dass sie den Druck bis in die Knochen spürte.
»Samantha hat es dir gesagt, und ich sage es dir auch: Es gibt hier kein Dazwischen. Hör auf, Kupplerin zu spielen, um von deiner eigenen Angst abzulenken. Du wirst gesund. Und du wirst hierbleiben. Mit mir.«
Kathryn starrte ihn an, die Zähne aufeinandergepresst, doch das Feuer in ihren Augen fand kein Ziel mehr. Es schmolz, bis nur noch erschöpfte, unendliche Erleichterung zurückblieb. Sie schloss die Lider, atmete zittrig aus und ergab sich der Wärme, die sie vollkommen umhüllte.