Der Pakt im Halbdunkel
Der Pakt im Halbdunkel
Chakotay hob langsam den Kopf. Sein Blick wanderte von Samantha zu Kathryns schlafender Gestalt hinüber und kehrte dann wieder zurück. Er senkte die Stimme, sodass sie kaum mehr als ein Flüstern war, unhörbar für Naomi und die anderen am Tisch.
»Was sieht sie zwischen uns beiden?«, fragte er, und in seinen dunklen Augen spiegelte sich eine tiefe, fast ratlose Nachdenklichkeit wider.
Samantha zog die Augenbrauen leicht hoch, ein sanftes, verstehendes Lächeln trat um ihre Mundwinkel. Sie setzte sich auf die Armlehne des Sessels ihm gegenüber, stützte die Hände auf die Oberschenkel und sah ihn offen an.
»Sie sieht zwei Menschen, die sich blind verstehen, Chakotay«, antwortete Samantha mit ruhiger Gewissheit. »Sie sieht, wie wir uns die Bälle zuspielen, wenn wir sie versorgen. Wie wir uns abwechseln, ohne ein Wort zu verlieren. Wie du mit Naomi umgehst, wie wir lachen – und vor allem sieht sie ein normales Leben. Etwas Greifbares. Eine Realität abseits von Brückenbefehlen, Warpkernbrüchen und Protokollen.«
Chakotay stieß ein leises Seufzen aus und schüttelte sachte den Kopf. »Aber das zwischen uns ist reine Kameradschaft. Eine tiefe Verbundenheit, ja, aber nicht das, was sie befürchtet.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Samantha sanft. »Ich weiß das. Du weißt das. Aber Kathryn hat ihr ganzes Leben lang gelernt, sich selbst das Glück zu verbieten. Für sie ist Pflicht gleichbedeutend mit Einsamkeit. Jetzt liegt sie dort drüben, vollkommen wehrlos, und in ihrem Kopf läuft ein Schutzmechanismus an: Sie will dich freigeben, bevor sie das Gefühl hat, dich an ihr Krankenbett und an ihre eigene Kälte zu ketten.«
Chakotay stützte das Kinn auf die ineinandergelegten Hände und starrte auf den Schiffsboden.
»Sie begreift einfach nicht«, murmelte er leise, »dass es für mich kein anderes Glück gibt als dieses Schiff. Und sie.«
»Sie sieht es anders, Chakotay«, erwiderte Samantha mit nachdrücklicher Sanftheit und hielt seinen Blick fest. »Ja, auch du nimmst diese Pflichten wahr. Jeden Tag, jede Schicht. Sie sieht, wie du dich zwischen Brücke und Krankenzimmer aufreibst. Sie möchte dir die Chance geben, etwas freier zu sein – ein Stück weit Normalität zu spüren, ohne dass alles an ihren blockierten Nerven und ihrer Verantwortung hängt.«
Chakotay hob die Augenbrauen und sah Samantha überrascht an. »Und was schlägst du vor?«
Samantha lehnte sich noch ein Stück weiter vor. Ihre Augen ruhten mit einer entwaffnenden, aufrichtigen Ernsthaftigkeit auf Chakotay, frei von jeder Falschheit.
»Vielleicht sollten wir es wirklich versuchen, Chakotay«, sagte sie leise. »Ganz ohne Schauspiel. Kathryn hat einen scharfen Blick, sie spürt Dinge oft früher als andere. Sie hat irgendetwas zwischen uns gesehen – vielleicht eine Wärme, ein gegenseitiges Verstehen, das über den normalen Dienst hinausgeht.«
Chakotay hielt inne, musterte sie überrascht und lauschte ihren ruhigen Worten.
»Wenn wir uns darauf einlassen, tun wir ihr den Gefallen, den sie so verzweifelt einfordert«, fuhr Samantha mit sanfter Stimme fort. »Es nimmt ihr den erdrückenden Druck, die einzige Bremse in deinem Leben zu sein. Und wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Wenn es nichts wird, dann war es eben ein ehrlicher Versuch. Dann können wir ihr mit reinem Gewissen sagen, dass wir es probiert haben und dass wir als Freunde und Kameraden am besten funktionieren.«
Sie warf einen kurzen, zärtlichen Blick hinüber zum Bio-Bett, wo Kathryn friedlich schlief, ehe sie Chakotay wieder direkt ansah.
»Und egal, was passiert: Sie bleibt weiterhin unser Mittelpunkt. Naomi schätzt dich unglaublich, und den Captain liebt sie über alles. Daran wird sich nie etwas ändern. Aber so geben wir Kathryn endlich die Ruhe, die sie braucht, um sich auf ihre Heilung zu konzentrieren, statt sich für dein vermeintliches Unglück zu zerfleischen.«
Chakotay blickte von Samantha zu Kathryn hinüber. Das sture Pochen in seiner Brust, das sich gegen jede Veränderung sträubte, wurde merklich leiser. Es war kein Verrat. Es war der einzige Weg, Kathryns quälenden Hungerstreik des Herzens zu beenden.
Er rieb sich langsam über die Schläfe, atmete tief aus und nickte schließlich matt.
»Ein Versuch …«, murmelte er leise. »Damit sie aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen.«
»Genau«, bekräftigte Samantha mit einem warmen, ehrlichen Lächeln. »Ein ehrlicher Versuch. Für sie – und vielleicht auch ein kleines Stück für uns alle.«