Schichtwechsel und Hausaufgaben
Schichtwechsel und Hausaufgaben
Chakotay lachte leise und warf einen Blick auf das Chronometer an der Wandkonsole. Die Ziffern zeigten unbarmherzig an, dass die Alpha-Schicht auf der Brücke bereits begonnen hatte und Tuvok dort oben vermutlich mit hochgezogener Augenbraue das Kommando hielt.
»Dank B'Elanna und Tom bin ich etwas spät dran«, sagte Chakotay schmunzelnd, während er aufstand und seine Uniformjacke noch einmal glattstrich. Er sah auf Kathryn hinab, und in seinen Zügen lag jene aufmerksame Fürsorge, die keinen Zweifel an seiner Loyalität ließ. »Kommst du mit Samantha alleine zurecht?«
Kathryn sah zu ihm auf. Auf ihren blassen Wangen lag noch immer der zarte Schein jenes Lächelns, das die Erinnerung an New Earth heraufbeschworen hatte.
»Ja …«, hauchte sie leise und mit mattem Nachdruck. »Ich werde es ihr … nicht zu schwer machen.«
Drüben am Tisch hob Samantha den Kopf von Naomis Schulheften und schmunzelte warm. »Ich nehme Sie beim Wort, Captain. Wenn Sie protestieren, lasse ich Naomi einfach das nächste Kapitel vorlesen – und zwar mit dem Schrei der Räubertochter.«
Chakotay beugte sich noch einmal tief zu Kathryn hinab, strich ihr sanft über die Wange und drückte ihre kühle Hand ein letztes Mal. »Ich bin nach der Schicht wieder hier. Und bis dahin: Keine Meuterei gegen die eigene Genesung.«
»Keine Meuterei … Commander«, flüsterte Kathryn zurück.
Mit einem leisen Zischen glitt die Quartiertür hinter Chakotay zu.
Im Raum kehrte wieder jene sanfte, geschützte Stille ein. Samantha trat an das Bio-Bett, überprüfte kurz die Vitalanzeigen auf dem Wanddisplay und nickte zufrieden.
»Ihre Werte stabilisieren sich spürbar, Kathryn«, sagte Samantha mit ruhiger, anerkennender Stimme. Sie ging hinüber zum Tisch, nahm das schmale PADD zur Hand, das B'Elanna vorhin dagelassen hatte, und reichte es Naomi, die bereits mit gespitztem Stift und ernster Miene am Bettrand wartete. »So, Assistentin des Captains. Ich glaube, Ihre Vorgesetzte wartet auf die Analyse der EPS-Leitungen.«
Naomi kletterte vorsichtig auf die Bettkante, legte das Display genau in Kathryns Blickfeld und aktivierte die Schaltpläne des Maschinenraums.
»Hier, Captain«, sagte Naomi mit feierlicher Gründlichkeit und tippte auf eine Reihe unvollständiger Gleichungen. »B'Elanna hat gesagt, die Dämpfungsfelder der Plasmaströme auf Deck 7 machen Probleme. Die Gleichung bricht bei einem Druckabfall von fünf Prozent zusammen. Wie würden Sie das ausgleichen?«
Ein scharfer, wacher Glanz trat in Kathryns Augen. Die bleierne Taubheit ihrer Muskeln war plötzlich vergessen, verdrängt von der vertrauten, analytischen Logik einer Sternenflotten-Wissenschaftlerin. Ihr Verstand begann zu arbeiten, präzise und unerbittlich wie eh und je.
»Fünf Prozent …«, murmelte sie mit heiserer, aber fester werdender Stimme. »B'Elanna weiß genau, dass man dort nicht den Druck erhöht … sondern das Magnetfeld der Sekundärspulen anpassen muss. Schreib auf, Naomi … Formel drei … Variable Delta …«
Naomi tippte eifrig auf dem Glas herum, während Samantha leise lächelnd die Kissen richtete. In diesem Moment war Kathryn Janeway nicht länger eine Patientin, die auf das Ende ihrer Lähmung wartete – sie war wieder die Lehrerin, die Wissenschaftlerin und der Captain ihres Schiffs.