Zeitraffer und Shuttle-Geschichten
Zeitraffer und Shuttle-Geschichten
Der Vormittag verging wie im Flug. Während Naomi am Tisch saß und vertieft ihre Schulaufgaben rechnete, nutzte Samantha die Gelegenheit, um sich im Bad frisch zu machen und kurz durchzuatmen. Anschließend machte sich auch Naomi für den Tag fertig.
Sobald das Mädchen wieder ganz in seine Lehrbücher versunken war, widmete sich Samantha ganz Kathryn. Mit ruhigen, respektvollen Handgriffen wusch sie den Captain, pflegte die beanspruchte Haut und richtete die Kissen neu. Zwischendurch wurde Kathryn wieder behutsam gelagert, um den Rücken zu entlasten. Es gab keine bissigen Kommentare mehr, keinen bitteren Protest. Das gemeinsame Rechnen mit Naomi und die gelöste Stimmung hatten die quälenden Gedanken verdrängt, und Kathryn ließ die Pflege mit stiller Fassung über sich ergehen.
Als das Zischen der Quartiertür ertönte und Chakotay hereintrat, schreckte Kathryn fast auf.
»Warum bist du schon so früh wieder da?«, fragte sie überrascht, ihre Stimme deutlich kräftiger als noch am Vortag.
Chakotay lachte leise und hängte seine Dienstjacke über die Stuhllehne. »Die Schicht ist vorbei, Kathryn. Du hast den halben Tag mit Maschinenraumdaten verbracht.«
»Oh …«, entkam es ihr leise, und ein Anflug von echtem Erstaunen spiegelte sich in ihren Augen. Zum ersten Mal seit dem Unfall war die Zeit nicht zäh wie Sirup dahingekrochen.
Während Samantha und Chakotay in die Kochnische wechselten, um gemeinsam das Abendessen vorzubereiten – ein eingespieltes Team, das Hand in Hand Schalen und Zutaten anrichtete –, schnappte sich Naomi wieder ihr Buch. Sie kletterte behutsam auf die Bettkante neben Kathryn. Die letzten Kapitel der Räubergeschichte standen an, und Naomi las mit sanfter, melodischer Stimme vor, wie der Wald langsam zur Ruhe kam. Kathryn lauschte mit geschlossenen Augen, ein feines Lächeln auf den Lippen.
Nachdem das Essen abgeräumt und die Schalen repliziert waren, summte die Tür erneut.
Herein stolperte die kleine Miral. Sie balancierte ihr gepolstertes Bilderbuch mit beiden Händen vor dem Bauch, schwankte auf ihren kurzen Beinchen und steuerte zielstrebig das Bio-Bett an.
»Äthi!«, rief sie begeistert.
Samantha fing die Kleine lachend ab und hob sie vorsichtig zu Naomi und Kathryn aufs Bett. Miral ließ sich mit einem zufriedenen Glucksen im Schneidersitz nieder, schlug ihr Buch mit beiden Händchen auf und tippte energisch mit dem Zeigefinger auf eine Zeichnung.
»Wusch!«, verkündete sie mit ernster Miene und blickte Kathryn mit großen, dunklen Augen an. »Großes Schuttel! Fliegt … zack! Schnell!«
Kathryn sah hinab auf die Zeichnung eines Runabouts und dann in das lebhafte Gesicht des kleinen Mädchens. Das heisere Lachen, das ihrer Kehle entwich, war völlig frei von Frust.
»Sehr schnell, Miral …«, bestätigte Kathryn leise und neigte den Kopf ein wenig zu ihr. »Und wer … steuert das Shuttle?«
»Miral!«, rief das Kind stolz, patschte auf die bunte Seite und begann in ihrer ganz eigenen, fantasievollen Kleinkindersprache zu erklären, wie das Schiff an den Sternen vorbeisauste.
Naomi kicherte, Chakotay und Samantha beobachteten die Szene vom Tisch aus mit verschränkten Armen und warmen Blicken. Kathryns Körper mochte noch immer Zeit brauchen, um zu heilen – doch in diesem Raum, umgeben von Geschichten über Räubertöchter und fliegende Shuttles, hatte sie ihren Platz mitten im Leben längst wiedergefunden