Die ersten Schritte
Die ersten Schritte
Zwei Wochen vergingen wie im Flug. Die bleierne Stille, die Kathryn Janeway zu Beginn ihrer Lähmung wie eine eisige Mauer umgeben hatte, war schrittweise der harten, unerbittlichen Arbeit der Rehabilitation gewichen. Tag für Tag hatte der Doktor mit dem Neurostimulator an ihren blockierten Synapsen gearbeitet, während Samantha und Chakotay jeden kleinen Fortschritt mit stoischer Geduld begleiteten.
Inzwischen schaffte Kathryn es, sich selbstständig im Bett aufzusetzen und die Arme zu heben. Ihre Finger gehorchten ihr wieder so weit, dass sie eine Gabel oder einen Löffel halten konnte – vorausgesetzt, Samantha oder Chakotay schnitten ihr das Essen vorher in mundgerechte Stücke und stellten die Schale in bequeme Reichweite. Es war noch immer ein Kompromiss mit ihrem Stolz, doch die Demütigung der ersten Tage hatte sich in zähen, ehrgeizigen Arbeitswillen verwandelt.
Was ihr nach wie vor fehlte, war die Kraft in den Beinen. Sobald das Gewicht ihres Körpers auf die Knie drückte, zitterten die Muskeln wie dünne Zweige im Sturm. Alleine zu gehen war undenkbar.
Zur Mittagszeit lag der Duft von geröstetem Gemüse und frischer Bouillon im Quartier.
»Bereit für den Transfer, Captain?«, fragte Chakotay mit einem herausfordernden Schmunzeln, als er an die linke Bettseite trat.
Kathryn schwang die Beine über die Bettkante. Ihre Atemzüge gingen konzentriert. »Ich sitze seit zwei Wochen auf dieser Matratze, Chakotay. Wenn ich nicht bald an einen echten Tisch komme, fange ich an, die Wandpaneele nach EPS-Fehlern abzusuchen.«
Samantha lachte leise und trat an ihre rechte Seite. »Dann lassen wir die Wandpaneele lieber in Ruhe.«
Mit geübter Synchronität griffen die beiden zu. Chakotay schob seinen linken Arm fest unter Kathryns Schulter und fasste ihre Hand, während Samantha sie von rechts stützte und ihre Taille stabilisierte.
»Eins, zwei, drei«, zählte Chakotay ruhig.
Kathryn stieß sich mit den Fersen vom Boden ab. Ein scharfer Ruck ging durch ihren Körper, Schweiß trat ihr augenblicklich auf die Stirn, als ihre Knie nachgaben. Doch die beiden hielten sie felsenfest.
Schritt für zittrigen Schritt setzten sie sich in Bewegung. Kathryns Fersen schleiften über den weichen Teppich, jeder Schritt kostete sie ungeheure Willenskraft. Ihre Finger krallten sich fest in Chakotays Uniformstoff, ihr Atem ging stoßweise. Doch sie ging. Gestützt, getragen, aber auf ihren eigenen zwei Füßen.
Als sie den Esstisch erreichten, ließen Samantha und Chakotay sie behutsam auf den gepolsterten Stuhl hinabgleiten. Kathryn stieß ein langes, erschöpftes Ausatmen aus und lehnte sich gegen die Rückenlehne. Ihre Beine vibrierten vor Anstrengung, aber in ihren Augen blitzte ein unbändiger, triumphierender Glanz auf.
Samantha stellte einen Teller vor sie, auf dem zartes Fleisch und Gemüse bereits sorgfältig in mundgerechte Stücke geschnitten dampften, und reichte ihr eine Gabel.
»Fünf Meter ohne Pause«, stellte Samantha anerkennend fest und strich Kathryn sacht über die Schulter. »Der Doktor wird seine helle Freude an den Messprotokollen haben.«
Kathryn griff nach der Gabel, ihre Finger zitterten noch leicht vor Erschöpfung, doch der Griff hielt. Sie sah zu Chakotay auf, der sich zufrieden den Schweiß von der Schläfe wischte, und dann zu Samantha.
»Ein Schritt näher … an der Brücke«, hauchte Kathryn mit einem schiefen, glücklichen Lächeln, ehe sie den ersten Bissen ganz allein zum Mund führte.
Naomi saß auf dem breiten Fenstersims, die Beine an die Brust gezogen, und hielt das nächste dicke Buch mit beiden Händen fest vor der Nase. Auf dem Einband glänzte in verschnörkelten Lettern der Titel: Die goldene Schreibmaschine. Sie war so tief in die Geschichte über Worte, Geheimnisse und mechanische Tasten versunken, dass sie das Klappern des Bestecks am Tisch kaum wahrnahm.
»Naomi, Schatz«, rief Samantha mit sanfter, bestimmter Stimme aus der Essecke. Sie stellte gerade die Gläser ab. »Leg das Buch für einen Moment zur Seite und setz dich zu uns an den Tisch. Es gibt Abendbrot.«
Naomi blinzelte zweimal, löste sich nur widerwillig von der gedruckten Seite und schob vorsichtig ein dünnes Lesezeichen zwischen die Blätter.
»Nur noch ein Kapitel, Mom … die Schreibmaschine hat gerade angefangen, von ganz alleine zu tippen!«, protestierte sie leise, während sie vom Sims kletterte. Doch als sie sah, wie Kathryn aufrecht und mit eigener Gabel am Tisch saß, erhellte sich ihr Gesicht sofort.
Sie huschte herüber, zog ihren Stuhl heran und kletterte auf das Polster, das Buch brav neben ihren Teller legend.
»Sie sitzen zum Abendbrot am Tisch, Captain!«, stellte Naomi mit ehrfürchtigem Stolz fest. »Ganz ohne Bett.«
Kathryn, die gerade vorsichtig ein Stück weiches Gemüse zerkaute, schenkte dem Mädchen ein warmes, verschmitztes Lächeln.
»Ganz ohne Bett, Naomi«, bestätigte sie mit deutlich klarerer Stimme, während ihre Finger die Gabel wieder fest umfassten. »Und wenn deine Schreibmaschine wirklich von alleine tippt, sollten wir vielleicht B'Elanna bitten, die Schaltkreise zu überprüfen – oder wir behalten sie als neue Schreiberin für das Logbuch.«
Chakotay lachte leise auf, schenkte allen frischen Saft ein und ließ sich gegenüber von Kathryn nieder. Samantha verteilte die restlichen Schalen, und so aßen sie alle vier gemeinsam zu Abend – getragen von heiteren Geschichten über rätselhafte Schreibmaschinen, während draußen die Sterne vorbeizogen und die Voyager im warmen Licht des Abends ruhig ihren Kurs hielt.