Zwei Bücher auf einem Schoß
Zwei Bücher auf einem Schoß
Nachdem das Geschirr wieder im Replikator verschwunden war und Samantha zwei dampfende Becher Kräutertee auf den Tisch gestellt hatte, gehörte das Quartier ganz der Ruhe des Abends.
Kathryn war nicht sofort ins Bett zurückgekehrt. Sie saß noch immer am Tisch, die Hände locker um die warme Keramik ihres Bechers geschlossen, und genoss das simple, unbezahlbare Gefühl, nicht flach auf dem Rücken liegen zu müssen. Jeder Muskel in ihren Beinen brannte vor Erschöpfung von den fünf Metern Fußweg, doch ihr Geist war wach und klar.
Naomi saß ihr schräg gegenüber, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, das Kinn in beide Hände vergraben. Ihre Augen huschten über die gedruckten Zeilen der Goldenen Schreibmaschine. Sie war so tief in das Rätsel versunken, dass sie leise murmelte, wenn der Protagonist einen neuen Hinweis fand.
»Captain?«, fragte Naomi, ohne den Blick vom Buch zu heben. »Glauben Sie, dass eine Schreibmaschine wirklich ein Gedächtnis haben kann? Der Junge hat gerade ein Wort eingetippt, und die Tasten haben von selbst den ganzen Satz zu Ende geschrieben.«
Kathryn nahm einen vorsichtigen Schluck Tee, stellte die Tasse ohne Zittern ab und schmunzelte. »Wenn die Mechanik mit einem raffinierten Walzenzug verbunden ist, Naomi, ist das reine Physik. Keine Magie. Aber im neunzehnten Jahrhundert wirkte so etwas auf die Menschen wie ein Wunder.«
Ehe Naomi nachhaken konnte, summte leise der Türmelder.
Das Schott glitt zur Seite, und herein spazierte nicht etwa Tom oder B'Elanna, sondern die kleine Miral – ganz allein, mit hochkonzentriertem Gesichtsausdruck und festem Schritt. Mit beiden Armen umklammerte sie ein neues, dickes Buch, auf dessen Umschlag drei rot gestrichene Holzhäuser unter einem strahlend blauen Himmel zu sehen waren: Wir Kinder aus Bullerbü.
Hinter ihr im Korridor tauchte Tom auf, der die Hände beschwichtigend hob und grinste. »Keine Panik, ich bin direkt hinter ihr. Aber sie hat das Buch aus unserem Quartier stibitzt und war nicht mehr zu bremsen. 'Äthi zeigen!', hieß es nur.«
Miral ignorierte ihren Vater vollkommen. Sie marschierte zielstrebig auf den Esstisch zu, stellte sich direkt neben Kathryn und klatschte das Buch mit einem dumpfen Schlag auf die freie Tischkante neben Kathryns Teetasse.
»Äthi! Guck mal!«, krähte Miral stolz und patschte mit der flachen Hand auf das Bild eines kleinen Mädchens, das eine Katze im Arm hielt. »Mau!«
Kathryn blickte von Naomi zu Miral hinab, und ein tiefes, ungetrübtes Lächeln erhellte ihre Züge. Sie spürte, wie Chakotay hinter ihren Stuhl trat und eine Hand sanft auf ihre Schulter legte, um ihr Halt zu geben, falls die Bewegung zu anstrengend wurde. Doch Kathryn brauchte ihn im Moment nur als Zeugen ihres kleinen Triumphs.
Mit einer ruhigen, fast geschmeidigen Bewegung zog Kathryn das Bullerbü-Buch ein Stück näher heran, schlug die erste Seite auf und legte ihre Hand auf Mirals Rücken.
»Das ist eine Katze, Miral«, erklärte Kathryn leise und zeigte auf die Zeilen. »Und das Mädchen heißt Lisa. Sie wohnt in Bullerbü. Möchtest du wissen, was Lisa mit der Katze macht?«
Miral nickte so heftig, dass ihre dunklen Locken wippten, und kletterte mit Toms helfender Hand eilig auf den Stuhl neben Kathryn.
Naomi schob ihr Buch ein kleines Stück zur Seite, blickte mit gespitzten Ohren herüber und sagte mit gespielter Erwachsenenmiene: »Sherlock Holmes hätte zuerst überprüft, ob die Katze vielleicht Spuren am Tatort hinterlassen hat.«
Chakotay und Samantha brachen in leises Lachen aus, Tom lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen, und Kathryn begann mit ruhiger, warmer Stimme aus Bullerbü vorzulesen – während neben ihr zwei Mädchen lauschten, das eine gefesselt von antiken Schreibmaschinen und das andere von schwedischen Bauernhöfen.
Samantha beobachtete die Szene am Tisch mit einem weichen, zufriedenen Ausdruck. Sie trat leise an Chakotay heran, der noch immer hinter Kathryns Stuhl stand und unwillkürlich über Naomis detektivischen Einwand schmunzelte. Behutsam legte Samantha eine Hand auf seinen Unterarm, eine vertraute, unaufdringliche Geste, die ihm signalisierte, dass im Moment alles in den besten Händen war.
»Möchtest du auch einen Tee?«, fragte sie sanft mit gedämpfter Stimme. Ein wissender Blick wanderte kurz zu den beiden Mädchen, die Kathryn bereits völlig in Beschlag genommen hatten. »Das wird noch dauern.«
Chakotay spürte die leichte Berührung an seinem Arm und wandte ihr den Kopf zu. Die Anspannung der letzten Stunden fiel endgültig von seinen Schultern ab. Er schenkte Samantha ein dankbares, ruhiges Lächeln und nickte sanft. »Gern, Samantha. Danke.«
Samantha wandte sich halb um in Richtung Türrahmen, wo Tom noch immer lehnte und amüsiert beobachtete, wie seine Tochter mit ernster Miene auf die gezeichneten Kühe und Scheunen tippte.
»Du auch, Tom?«, fragte sie mit warmer Gastfreundschaft.
Tom hob überrascht eine Hand, grinste schief und stieß sich von der Wand ab. »Wenn der Captain schon die Nachtschicht als Vorleserin übernimmt, schlage ich eine Tasse heißen Tee ganz sicher nicht aus. Aber nur, wenn B’Elanna nicht erfährt, dass ich mich hier vor dem Schlafengehen noch mit Koffein oder schwedischen Bauernhöfen beschäftige.«
»Es ist reiner Kräutertee, Tom. Völlig vorschriftsmäßig«, erwiderte Samantha lachend, während sie zurück zur Küchenzeile ging, um zwei weitere Becher zu replizieren.
Chakotay trat einen Schritt zur Seite, zog leise einen weiteren Stuhl an den Tisch heran und setzte sich schräg gegenüber von Kathryn. Sein Blick glitt von Samantha, die mit ruhigen Handgriffen die Becher füllte, hinüber zu Kathryn. Sie hielt Mirals Buch mit beiden Händen aufgeschlagen, die Stimme fest und lebendig, während Naomi mit dem Kinn auf der Handfläche abwechselnd den Worten über Lisa aus Bullerbü lauschte und die Zeilen ihrer goldenen Schreibmaschine hütete.
Die Wärme im Quartier war greifbar, ein stiller Schutzraum mitten in der Unendlichkeit des Delta-Quadranten.
Tom stieß sich vom Türrahmen ab, schlenderte herüber und zog sich den freien Stuhl neben Naomi heran. Er ließ sich mit einem zufriedenen Seufzen nieder, stützte die Ellbogen auf das Holz und sah amüsiert in die Runde.
»Wenn man vor zwei Wochen gesagt hätte, dass das Quartier des Captains zur gemütlichsten Leseecke des Schiffes wird, hätte ich den Doktor nach einer Gehirnerschütterung gefragt«, bemerkte Tom trocken, senkte aber sofort die Stimme, um die kleine Idylle nicht zu stören.
Miral warf ihrem Vater einen kurzen, strengen Blick zu – eine Miniatur-Kopie von B'Elannas warnendem Gesichtsausdruck –, legte dann energisch ihren kleinen Zeigefinger auf Kathryns Handrücken und forderte mit Nachdruck: »Weiter, Äthi!«
Kathryn lachte leise, strich über die bunte Seite und las mit sanfter, melodischer Stimme weiter. Samantha stellte dampfende Becher vor Chakotay und Tom ab, setzte sich neben Chakotay und wickelte die Hände um ihre eigene Tasse.
Am Tisch saßen sie zusammen mit den dampfenden Becher in der Mitte, Tom mit verschmitzten Blick, Chakotay und Samantha Seite an Seite im warmen Licht der Deckenlampen, und Kathryn mittendrin – aufrecht, mit Naomi an ihrer Schulter und Miral auf den Knien, während die einfachen Geschichten von schwedischen Sommern und tickenden Schreibmaschinen den Raum mit lebendiger Ruhe erfüllten.