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Leise Fragen zur Nacht

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Leise Fragen zur Nacht

Kathryn las den letzten Satz des Kapitels mit sanfter, fast melodischer Stimme zu Ende. Als sie das Buch mit einem leisen Seufzen ein Stück absenkte, war Mirals Kopf bereits schwer gegen ihren Arm gesunken. Die Augen des kleinen Mädchens fielen im Sekundentakt zu, flatterten noch einmal hoch, doch der Schlaf forderte unbarmherzig sein Recht.

Tom trank den letzten Schluck aus seinem Becher, stellte ihn leise auf den Tisch und stand behutsam auf. Er trat um den Tisch herum und strich seiner Tochter sanft über das krause, dunkle Haar.

»So, meine kleine Kriegerin«, sagte Tom leise, mit jenem unverkennbar zärtlichen Ton in der Stimme. »Zurück in dein Quartier. Es ist schließlich Zeit zum Schlafen.«

Miral stieß ein leises, schläfriges Murren aus und klammerte sich mit beiden Händchen an Kathryns Ärmel, als wollte sie den Rückzug verweigern. Doch Tom war geübt. Mit vorsichtigen Griffen hob er sie von Kathryns Schoß hoch und bettete sie an seine Schulter. Kaum lag ihr Kopf dort, seufzte Miral tief und gab jeden Widerstand auf; ihr Atem ging sofort ruhig und gleichmäßig.

»Danke fürs Vorlesen, Captain«, flüsterte Tom mit einem warmen Lächeln zu Kathryn hinab. Er griff mit einer Hand nach dem dicken Bullerbü-Band auf dem Tisch. »B’Elanna wartet sicher schon und zählt die Minuten, bis hier endlich Ruhe einkehrt.«

»Jederzeit wieder, Tom«, erwiderte Kathryn leise, ihre Augen glänzten vor milder Erschöpfung und tiefer Zufriedenheit. »Sie hat das Zeug zu einer großartigen Navigatorin.«

»Ganz die Mutter eben – mit einem Schuss Pilotentalent«, grinste Tom. Er nickte Samantha und Chakotay zu, winkte Naomi kurz zu und schritt auf leisen Sohlen zur Tür.

Mit einem fast unhörbaren Zischen schloss sich das Schott hinter den beiden. Im Quartier blieb eine friedliche, warme Stille zurück. Naomi war inzwischen so tief in die letzten Zeilen der Goldenen Schreibmaschine vertieft, dass sie von der Außenwelt kaum noch Notiz nahm.

Kathryn lehnte sich ein Stück zurück, stützte die Unterarme auf die Tischplatte und sah die beiden ihr gegenübersitzenden Offiziere an. Samantha hielt ihren Becher mit beiden Händen umschlossen, Chakotay saß ruhig neben ihr. Es lag eine neue, unaufgeregte Harmonie zwischen ihnen, die Kathryn in den letzten Tagen nicht entgangen war.

Kathryn neigte leicht den Kopf, ihre graublauen Augen funkelten mit feiner, neugieriger Wachheit.

»Und?«, fragte sie leise, kaum mehr als ein Hauch über den Tisch. »Wie läuft es … zwischen euch beiden?«

Samantha, die in genau diesem Moment einen Schluck heißen Kräutertee nehmen wollte, erstarrte mitten in der Bewegung. Sie verschluckte sich prompt, presste die Hand vor den Mund und hustete gedämpft, während ihr augenblicklich eine feine Röte ins Gesicht schoss. Hastig stellte sie die Tasse ab, um nichts zu verschütten, und rang mit großen Augen nach Luft.

Chakotay klopfte Samantha mit stoischer Ruhe und einem kaum merklichen Schmunzeln leicht auf den Rücken, ehe er Kathryns herausfordernden Blick auffing. In seinen dunklen Augen blitzte jene tiefe Gelassenheit auf, die er immer dann zeigte, wenn sein Captain versuchte, hinter die Kulissen zu blicken.

»Wir lassen es langsam angehen, Kathryn«, antwortete Chakotay mit ruhiger, fester Stimme und lehnte sich entspannt zurück. »Keine überstürzten Manöver im Delta-Quadranten der Gefühle. Wir lernen, uns Zeit zu nehmen.«

Samantha räusperte sich noch einmal, warf Chakotay einen dankbaren Seitenblick zu und schenkte Kathryn ein ertapptes, entwaffnend ehrliches Lächeln.

Kathryns Mundwinkel zuckten verräterisch. Sie nahm ihren eigenen Becher wieder auf, sichtlich zufrieden damit, die beiden mit nur einer einzigen Frage aus dem Konzept gebracht zu haben – und insgeheim beruhigt von dem Gedanken, dass ihr Entschluss, die beiden nicht im Weg zu stehen, Früchte zu tragen schien.

Nachdem das Geschirr versorgt war, klappte Naomi ihr Buch mit einem leisen Seufzen zu. Sie verabschiedete sich jedoch keineswegs in ihr eigenes Quartier – seit Tagen schon schlief sie hier, auf der breiten Schlafcouch gegenüber des Bio-Betts, um ihrer „großen Freundin“ und Vorgesetzten ganz nah zu sein. Während Samantha mit Naomi kurz ins Bad verschwand, damit das Mädchen sich die Zähne putzen und den Schlafanzug anziehen konnte, blieb Chakotay bei Kathryn am Tisch.

Als Naomi kurz darauf im gemütlichen Flanell-Zweiteiler heraustappte, ihr Kissen aufschüttelte und sich unter die dicke Decke auf dem Sofa kuschelte, war es an der Zeit für Kathryns beschwerlichen Rückweg zum Bett.

Die Erschöpfung forderte nun unerbittlich ihren Tribut. Kathryns Beine fühlten sich nach der langen Zeit des aufrechten Sitzens an wie gegossenes Blei. Chakotay und Samantha traten an ihre Seiten, fassten mit geübten Griffen unter ihre Schultern und stabilisierten ihre Hüfte. Jeder einzelne Schritt über den kurzen Teppichstreifen verlangte Kathryn pure Willenskraft ab, doch gemeinsam meisterten sie die Distanz. Behutsam ließen sie sie auf die Matratze sinken.

Samantha richtete die Kissen im Nacken, strich die Decke bis zu Kathryns Schultern glatt und trat dann leise zur Couch hinüber, um Naomi noch einmal über das Haar zu streicheln und ihr einen zärtlichen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn zu drücken. Das Mädchen schloss bereits mit einem zufriedenen Seufzen die Augen.

Chakotay blieb am Bettrand stehen. Er musterte Kathryn, die schwer atmend, aber mit entspannten Zügen in den Kissen lag. Er verschränkte die Arme vor der Brust, neigte den Kopf und fing ihren Blick auf.

»Wie kommst du eigentlich darauf?«, fragte Chakotay leise, eine Augenbraue amüsiert hochgezogen, darauf bedacht, Naomi nicht wieder zu wecken. »Vorhin am Tisch. Dein kleines Verhör über Samantha und mich.«

Kathryn sah zu ihm auf. Trotz der bleiernen Müdigkeit lag jene messerscharfe Beobachtungsgabe in ihren Augen, die ihm seit Jahren so vertraut war.

»Ihr seid näher als sonst«, hauchte sie leise, aber mit unumstößlicher Gewissheit.

Chakotay hielt inne und schwieg für einen Moment.

»Eine Hand auf deinem Arm … ein Blick ohne Worte, wenn jemand den Raum betritt«, flüsterte Kathryn weiter, während ein schwaches, wissendes Lächeln ihre Mundwinkel kräuselte. »Ich kenne meine Crew, Chakotay. Und ich kenne dich. Du weichst nicht mehr aus. Ihr teilt etwas.«

Samantha, die gerade vom Sofa zurücktrat, hörte die geflüsterten Worte und blieb wie ertappt am Fußende stehen. Chakotay wandte den Kopf, fing Samanthas warmen, ertappten Blick auf und wandte sich dann wieder zu Kathryn hinab.

»Vielleicht teilen wir einfach die Verantwortung für einen extrem sturen Captain«, entgegnete er mit leisem Schmunzeln und beugte sich ein Stück vor.

Kathryn schloss die schweren Lider und stieß ein leises, erschöpftes Schnauben aus. »Netter Versuch, Commander. Aber gegen meine Sensoren kommst du nicht an.«

Samantha trat an die andere Bettseite, zupfte die Bettdecke noch einen Zentimeter höher und flüsterte mit sanfter Wärme: »Schlafen Sie jetzt, Kathryn. Selbst Meisterdetektive müssen irgendwann die Augen schließen.«

Kathryn nickte kaum merklich gegen das Kissen. Umgeben von Naomis leisem Atem drüben auf dem Sofa und den beiden Gestalten an ihren Bettseiten driftete sie in einen traumlosen, tiefen Schlaf.