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Apfelmus und Zaubersprüche

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Apfelmus und Zaubersprüche

Am nächsten Vormittag war das Quartier von einem vertrauten, friedlichen Rhythmus erfüllt. Chakotay hatte die Brücke für die ersten Stunden der Schicht an Tuvok übergeben, um die morgendliche Physiotherapie zu begleiten. Kathryn saß bereits aufrecht im Bett, die Beine vorsichtig angewinkelt, während der Doktor zufrieden die letzten Sensordaten in seinen medizinischen Trikorder tippte und sich mit einem knappen, aber anerkennenden Nicken wieder auf die Krankenstation transferieren ließ.

Drüben an der Bücherwand stand Naomi auf den Zehenspitzen. Sie hatte Die goldene Schreibmaschine sorgfältig an ihren Platz zurückgeschoben und strich nun andächtig mit den Fingerspitzen über die Rücken einer ganzen Reihe liebevoll eingebundener Bände.

»Captain?«, fragte Naomi, ohne sich umzudrehen. »Gehören die wirklich alle Ihnen?«

Kathryn trank einen Schluck Wasser, stellte das Glas ganz ohne fremde Hilfe auf dem Nachttisch ab und sah lächelnd hinüber.

»Mein Vater hat mich dazu inspiriert, Naomi«, antwortete Kathryn mit weicher Stimme. Ein Hauch von Nostalgie schwang in ihren Worten mit. »Er besaß eine riesige Sammlung echter Bücher auf der Erde und liebte es, darin zu versinken. Als wir damals in den Delta-Quadranten aufbrachen, konnte ich seine Bibliothek natürlich nicht mitnehmen. Also habe ich mir von den Datenbanken der Sternenflotte genau die Geschichten replizieren lassen, die er mir damals vorlas und die ich selbst so sehr geliebt habe. Echte Seiten in den Händen zu halten, ist einfach etwas anderes als ein PADD. Er meinte immer, wer ein Raumschiff kommandieren will, muss zuerst lernen, über Hecken zu schauen und den Dingen auf den Grund zu gehen.«

Naomis Augen leuchteten auf. Mit beiden Händen zog sie einen farbenfrohen Band hervor: Verhext und festgeklebt aus der Reihe um Petronella Apfelmus. Auf dem Cover rührte eine winzige Apfelhexe mit Zipfelmütze in einem riesigen Kessel, umgeben von zwei neugierigen Kindern und bunten Apfelblüten.

»Die Apfelhexe!«, verkündete Naomi triumphierend, marschierte herüber und ließ sich schwungvoll im Schneidersitz auf die Decke am Fußende von Kathryns Bett plumpsen. »Die Reihe wollte ich schon immer lesen. Aber danach«, sie warf einen vielsagenden Blick auf die dunkleren, ledergebundenen Bände etwas weiter unten im Regal, »mache ich mich an den Jungen Sherlock Holmes. Ein echter Detektiv braucht schließlich die richtige Vorbereitung.«

Samantha, die gerade mit frischen Handtüchern aus dem Bad trat, lachte leise auf. »Erst die Zaubertränke, dann die Tatorte? Eine interessante Ausbildung für die Assistentin des Captains.«

Kathryn neigte den Kopf ein Stück zur Seite, griff mit ruhiger Hand nach der Buchkante und schlug die ersten Seiten auf. Ihre Finger zitterten kaum noch.

»Ein guter Ermittler muss flexibel sein, Samantha«, erwiderte Kathryn mit gespieltem Ernst und strich über das Papier. Sie blickte auf Naomi hinab, die schon gebannt auf die ersten Zeilen starrte. »Also gut, Naomi. Schlag Kapitel eins auf. Mal sehen, wie man mit Apfelsaft zaubert – ehe wir Holmes dabei helfen, die Geheimnisse von London zu lüften.«

Chakotay lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen zur Kochnische, sah auf die beiden hinab und fing Samanthas warmen, vielsagenden Blick auf. Kathryns Quartier war längst keine Krankenstation mehr – es war eine Festung aus alten Geschichten, Lachen und neuer Stärke.

Kathryn blickte von Petronella Apfelmus auf und ließ den Blick noch einmal über die bunten Buchrücken im unteren Regalfach gleiten. Ein feines, nachdenkliches Schmunzeln trat auf ihre Lippen.

»Wenn wir schon beim Thema Äpfel sind …«, begann Kathryn leise und deutete mit einem Nicken in Richtung des Schrankes. »Samantha, schau mal ganz unten links nach. Da steht ein Buch mit einem blau-roten Rücken: Rocky Waschbär: Der Apfelkuchendieb. Das habe ich ebenfalls repliziert, als ich an Vaters Vorlesestunden zurückgedacht habe.«

Samantha trat neugierig an das Regal heran, ging in die Hocke und zog den schmalen, liebevoll illustrierten Band hervor. Auf dem Cover spähte ein frecher Waschbär mit einer winzigen Räubermaske und einer dicken Kuchenkrume am Schnurrhaar hinter einem Küchenfenster hervor.

»Das könnte genau das Richtige für unsere kleine Kriegerin sein«, stellte Samantha lachend fest und blätterte kurz durch die großen, farbenfrohen Zeichnungen. »Große Bilder, wenig Text, viel Schabernack. Bei Bullerbü war sie zwar fasziniert von den Kühen und Scheunen, aber eine Verfolgungsjagd nach einem gestohlenen Kuchen dürfte ihrem Temperament deutlich mehr entsprechen.«

»Und wenn nicht, haben wir genug Vorrat für die nächsten Wochen«, fügte Kathryn mit warmem Tonfall hinzu. Ihre Finger ruhten sicher auf Naomis Buch. »Da unten stehen noch replizierte Bände von Janosch, Der kleine Wassermann und Die Biene Maja. Ich wollte ein Stück von zu Hause an Bord haben.«

Naomi, die schon ungeduldig mit den Beinen auf der Bettdecke wippte, klopfte mit der flachen Hand auf die aufgeschlagene Seite von Petronella.

»Rocky Waschbär können wir Miral vorlesen, wenn Tom sie nachher bringt«, schlug Naomi mit organisatorischer Entschlossenheit vor. »Dann kann Sherlock Holmes – also ich – gleichzeitig untersuchen, wohin die Krumen führen! Aber jetzt müssen wir erst herausfinden, warum die Leute in der Mühle festgeklebt sind!«

Chakotay lachte leise auf, stieß sich von der Wand ab und stellte Samantha eine frische Tasse Tee auf den Tisch.

»Eine logische Prioritätensetzung«, bemerkte er schmunzelnd und warf Kathryn einen langen, sanften Blick zu. »Ganz wie bei einer Sternenflottenmission. Ein Rätsel nach dem anderen.«

Kathryn nickte, ein echtes Glänzen in den Augen, und begann mit ruhiger, tragender Stimme die ersten Zeilen von Petronella Apfelmus vorzulesen – während der kleine Waschbär auf dem Nachttisch geduldig darauf wartete, später von Mirals klebrigen Kinderfingern beschlagnahmt zu werden.