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Ein verlockender Gedanke

An Einem Strang — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein verlockender Gedanke

Die Tage verstrichen, und mit jedem weiteren Schichtzyklus eroberte sich Kathryn ein großes Stück ihrer Selbstständigkeit zurück. Sie brauchte kaum noch Hilfe beim Aufstehen, ihre Schritte durch das Quartier wurden von Tag zu Tag fester, und der Weg vom Bett zum Esstisch war längst keine schweißtreibende Herausforderung mehr, sondern vertraute Routine.

An diesem Abend hatten sie wieder zu viert gegessen. Das Geschirr war bereits abgeräumt, Naomi saß vertieft mit Petronella Apfelmus auf dem Sofa, und die warme Stille nach dem Abendbrot lag über dem Raum.

Kathryn saß aufrecht am Tisch, die Hände locker um eine Tasse warmen Tee geschlossen. Sie beobachtete Chakotay, der gerade die letzten Protokolle der Spätschicht auf seinem PADD bestätigte. Sein Gesicht wirkte entspannt, souverän – die Haltung eines Mannes, der das Schiff mit ruhiger Hand durch jede Krise steuerte.

Kathryn schwieg einen Moment, ehe sie die Tasse absetzte und ihn direkt ansah.

»Chakotay?«, begann sie mit ruhiger, nachdenklicher Stimme. »Was hältst du davon … wenn du ganz das Kommando übernimmst?«

Chakotay hielt mitten in der Bewegung inne. Er senkte das PADD auf den Tisch und sah sie überrascht an. Auch drüben an der Küchenzeile hielt Samantha inne und lauschte mit ernster Miene.

»Ich mag die Arbeit mit den Kindern hier unten«, fuhr Kathryn leise, aber aufrichtig fort. Ein zartes Schmunzeln glitt über ihre Lippen. »Mit Naomi rechnen, mit Miral die Bilderbücher durchgehen … es gibt mir eine Ruhe, die ich jahrelang nicht kannte. Und du kommst da oben scheinbar hervorragend ohne mich zurecht. Das Schiff läuft wie ein Uhrwerk.«

Chakotay stieß ein langes, leises Seufzen aus. Er schüttelte langsam den Kopf, schob das PADD beiseite und legte seine Hände flach auf die Tischplatte, um ihren forschenden Blick voll aufzufangen.

»Kathryn«, sagte er mit einer unendlich sanften, aber unerschütterlichen Festigkeit in der Stimme. »Die Crew will ihren Captain. Niemand anderen.«

Kathryn wollte ansetzen zu widersprechen, doch Chakotay hob sacht die Hand und ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Ich bin nur der Commander«, fuhr er mit entwaffnender Ehrlichkeit fort. »Ich kann das Schiff fliegen, ich kann die Schichten leiten und Protokolle abzeichnen. Aber du bist das Herz dieser Crew. Du bist diejenige, an der sich alle aufrichten. Und ehrlich gesagt: Du fehlst uns da oben. Mir ganz besonders.«

Samantha trat leise an den Tisch heran, stellte zwei Gläser Wasser ab und nickte Chakotay stumm zu, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Chakotay lehnte sich ein Stück vor, und in seinen dunklen Augen blitzte ein warmes, verständnisvolles Funkeln auf.

»Aber wir können einen Kompromiss schließen«, schlug er leise vor. »Wenn du dich wieder bereit fühlst, machst du vorerst nur die halbe Zeit Dienst auf der Brücke. Vier Stunden, vielleicht fünf. Den Rest des Tages widmest du deiner Reha, den Büchern – und den Kindern. Wir teilen uns die Verantwortung, bis deine Kraft vollständig zurück ist. Aber ganz abgeben wirst du diesen Sessel nicht. Dafür habe ich dich nicht durch diesen Quadranten getragen.«

Kathryn sah ihn lange an. In ihrer Brust kämpfte der Wunsch nach der neu gewonnenen, friedlichen Leichtigkeit gegen das alte, unbezähmbare Pflichtgefühl der Sternenflotte.

Schließlich entwich ihr ein heiseres, leises Lachen. Sie schüttelte ergeben den Kopf.

»Du bist unmöglich stur, Commander«, hauchte sie mit einem feinen Glanz in den Augen.

»Ich habe von der Besten gelernt«, erwiderte Chakotay mit einem breiten, unerschütterlichen Lächeln.