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Das Herz des Schiffes

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Das Herz des Schiffes

Kathryn blickte auf die gemusterte Tischplatte hinab. In ihren Augen lag ein Hauch von Wehmut, vielleicht auch die Versuchung, sich einfach in diese neu gewonnene, friedliche Häuslichkeit fallen zu lassen.

»Es wäre so viel einfacher für alle«, flüsterte sie kaum hörbar. »Keine Protokolle, keine endlosen Entscheidungen über Leben und Tod. Nur … hier sein.«

Chakotay spürte sofort, wohin ihre Gedanken glitten. Sein Lächeln verschwand, und seine Miene wurde vollkommen ernst – nicht abweisend, sondern durchdrungen von einer tiefen, unerbittlichen Klarheit. Er beugte sich weiter über den Tisch, sodass sie seinem Blick nicht mehr ausweichen konnte.

»Kathryn, hör mir jetzt genau zu«, sagte er mit gedämpfter, aber schneidender Eindringlichkeit. »Du hast mir über all die Jahre immer wieder gesagt, dass wir beide keine intime Beziehung führen können, solange du mein Captain bist. Du hast die Grenze gezogen, um das Schiff zu schützen. Und du warst es, die Samantha und mich ermutigt hat. Du wolltest, dass wir glücklich werden. Das war deine Vision, Kathryn. Dein Wunsch für uns.«

Samantha hielt den Atem an, ihre Hand verharrte reglos auf Kathryns Schulter.

»Aber mach dir eines klar«, fuhr Chakotay mit festem, unnachgiebigem Ton fort, und seine dunklen Augen bohrten sich in ihre: »Wenn du jetzt ausweichst – wenn du deinen Posten hinwirfst und mir das Kommando überlässt –, dann zwingst du die Rollen nur umgekehrt auf uns. Dann bin ich der Captain. Und dann besteht die Möglichkeit einer Zukunft zwischen mir und Samantha genauso wenig. Dann steht das Sternenflottenprotokoll wieder im Weg, nur mit vertauschten Vorzeichen.«

Ein leises Keuchen entwich Samantha, als die Tragweite seiner Worte den Raum erfüllte.

Chakotays Blick wurde weicher, die Strenge in seinen Zügen wich einer tiefen, unerschütterlichen Zärtlichkeit. Er streckte die Hand über den Tisch aus und legte sie ganz ruhig auf Kathryns zitternde Finger.

»Ich liebe dich, Kathryn«, sagte er leise, mit einem Ernst, der den ganzen Raum ausfüllte. »Und ich schätze es mehr, als ich in Worte fassen kann, mit wie viel Hingabe du dich Samantha, Naomi und Miral widmest. Du schenkst uns hier eine Wärme, die wir alle gebraucht haben.«

Kathryn senkte den Kopf, eine einzelne Träne glitzerte in ihren Wimpern, doch Chakotay drückte ihre Hand sacht, um sie daran zu erinnern, dass er noch nicht fertig war.

»Aber du musst jetzt auch an dich denken«, fuhr er mit sanftem Nachdruck fort. »Du bist die Seele dieses Schiffes, Kathryn. Niemand versteht die Voyager so wie du. Niemand kommt so mit ihren Eigenheiten zurecht. Die Crew will ihren Captain wiederhaben. Sie respektieren mich, sie folgen meinen Befehlen, aber sie akzeptieren mich auf diesem Stuhl nur begrenzt – weil jeder an Bord spürt, wem dieser Platz in Wahrheit gehört.«

Er neigte den Kopf, fing ihren Blick wieder auf und ein feines, wissendes Lächeln kräuselte seine Lippen.

»Du gehst als Captain auf. Du lebst für diesen Moment, wenn die Sterne sich strecken und du den Befehl zum Warp gibst. Du liebst diesen Job mit jeder Faser deines Seins. Habe ich recht?«

Kathryn schwieg für einen langen Atemzug. Ihr Blick glitt langsam von seinen Augen abwärts, zurück auf die Maserung des Tisches. Ihre Finger spannten sich unter seiner Hand an, als suchte sie verzweifelt nach Worten, die niemanden verletzten.

»Ihr solltet euch nicht mehr um mich kümmern«, sagte sie leise und schaute starr auf den Tisch. Ihre Stimme war belegt, fast brüchig vor unterdrücktem Schmerz. »Ihr solltet jetzt endlich für euch da sein. Ich … ich will euch nicht länger binden. Ich werde den Dienst machen. Die halbe Schicht. Und ich werde bei Neelix essen.«

Ein eisiger Moment der Stille legte sich über die Essecke.

Kathryns Stimme brach bei den nächsten Worten beinahe ab. Sie zog ihre Hand nicht zurück, doch ihre Finger verkrampften sich leicht in Chakotays Griff. Die Verletzlichkeit, die sie all die Jahre hinter Sternenflottenabzeichen und eiserner Selbstdisziplin verborgen hatte, lag nun vollkommen offen vor ihnen.

»Ich werde dich immer brauchen, Chakotay«, flüsterte sie, und zum ersten Mal klang darin nicht der Captain, der strategisch dachte, sondern die Frau, die ohne ihn im Delta-Quadranten verloren gewesen wäre. Sie hob langsam den Blick, ihre Augen schimmerten feucht im warmen Licht des Quartiers. »Aber ich kann es nicht verlangen. Nicht mehr. Nicht, wenn es bedeutet, dass du dein eigenes Leben dafür aufschieben musst.«

Chakotay rührte sich nicht. Er ließ ihre Hand nicht los; stattdessen legte er seine freie Hand schützend über ihre, sodass ihre zitternden Finger ganz in seiner Wärme geborgen waren.

»Du musst es nicht verlangen, Kathryn«, sagte er mit einer Ruhe, die so fest war wie der Fels seiner Heimat. »Man verlangt keine Loyalität. Man verlangt keine Zuneigung. Man bekommt sie geschenkt – oder gar nicht.«

Er neigte den Kopf, sodass sein Blick ihren unverwandt festhielt.

»Als ich damals auf der Maquis-Brücke stand und entschied, mich deiner Crew anzuschließen, hast du es auch nicht verlangt. Als wir auf New Earth waren, hast du es nicht verlangt. Und jetzt erst recht nicht. Ich bin hier, weil ich hier sein will. An deiner Seite auf der Brücke – und an diesem Tisch.«

Samantha ging neben Kathryns Stuhl in die Hocke, nahm Kathryns freie Hand fest in ihre beiden Hände und strich sacht über ihren Unterarm. Ein warmes, unendlich verständnisvolles Lächeln lag auf ihren Lippen.

»Er hat recht, Kathryn«, flüsterte Samantha sanft. »Hören Sie auf, das Glück von Chakotay und mir als etwas zu sehen, das gegen Ihre Genesung ausgespielt werden muss. Und glauben Sie im Ernst, unsere Fürsorge war eine Pflicht, die man nach Feierabend abstreift? Wir sind kein Paar, das im Geheimen darauf wartet, dass Sie den Raum verlassen. Wir sind eine Familie geworden. Sie gehören dazu. Sie müssen sich nicht wegstehlen, damit wir Platz haben.«

Kathryn atmete zittrig ein. Die Last auf ihren Schultern – die selbstauferlegte Schuld, eine Bürde zu sein – schmolz unter den Worten der beiden dahin wie dünnes Eis in der Sonne. Die Träne, die sich an ihren Wimpern gehalten hatte, löste sich und lief stumm über ihre Wange. Es war keine Träne der Hilflosigkeit mehr, sondern die Erkenntnis, dass sie niemals mehr allein sein musste.

Ein heiseres, befreites Schnauben entwich ihr, gefolgt von einem echten, unverkennbaren Janeway-Lächeln.

»Du hattest schon immer die unverschämte Angewohnheit, verdammt recht zu haben, Commander«, flüsterte sie mit feuchtem Glanz in den Augen.

Samantha lächelte erleichtert, wischte mit dem Daumen sanft Kathryns Wange trocken und drückte ihre Hand. »Dann steht der Plan. Eine halbe Schicht, Kathryn. Für das Schiff, für uns – und vor allem für Sie selbst.«

Kathryn drückte Chakotays und Samanthas Hände so fest zurück, wie ihre neu gewonnene Kraft es erlaubte.

»Danke«, brachte sie kaum mehr als ein Hauch hervor.

Drüben auf dem Sofa atmete Naomi im tiefen, unbeschwerten Schlaf der Kindheit, während die drei Erwachsenen am Tisch schwiegen – verbunden durch ein Band, das kein Protokoll jemals hätte vorschreiben können.