Offene Türen und kleine Krieger
Offene Türen und kleine Krieger
Das leise Summen der Voyager begleitete den anbrechenden Morgen. Naomi saß bereits am Tisch und löffelte ihr Frühstück, vertieft in die Abenteuer von Petronella Apfelmus, während Samantha in der Kochnische frischen Tee aufbrühte. Kathryn saß ihr gegenüber, den Rücken gerade, die Kaffeetasse sicher in den Händen – ein Bild ruhiger Normalität, das vor wenigen Wochen noch undenkbar gewesen wäre.
Chakotay trat aus dem Korridor herein, klemmte sich ein Daten-PADD unter den Arm und setzte sich auf den freien Stuhl neben Kathryn. Er wartete, bis Samantha ihm einen Becher reichte und sich ebenfalls setzte, ehe er Kathryn mit jenem ruhigen, bedeutungsvollen Blick ansah, den er immer dann aufsetzte, wenn eine grundlegende Weichenstellung anstand.
»B’Elanna hat heute Morgen mit den Umbauarbeiten in meinem Quartier begonnen«, begann Chakotay mit gedämpfter, bedachter Stimme.
Kathryn hob überrascht die Augenbrauen und nippte an ihrem Kaffee. »Umbauarbeiten? Welcher Art?«
Chakotay aktivierte das PADD und schob es behutsam zu ihr über den Tisch. Auf dem Bildschirm leuchtete ein technischer Grundriss des Decks auf.
»Wir passen den Schnitt an«, erklärte er ruhig und deutete mit dem Zeigefinger auf die neu eingezogenen Trennwände. »Es kommen zwei zusätzliche Schlafräume hinzu. Ein eigenes Zimmer für Naomi, damit sie endlich ihren festen Rückzugsort hat … und ein zweites kleines Zimmer.« Er hielt kurz inne, warf Samantha einen warmen, offenen Blick zu und fuhr dann fort: »Für ein Baby. Falls Samantha und ich diesen Schritt irgendwann gehen möchten. Wir wollen den Raum dafür bereit haben.«
Kathryn starrte auf die Baupläne. Ein merkwürdiges Ziehen regte sich in ihrer Brust – eine Mischung aus ehrlicher Freude für die beiden und jenem unwillkürlichen Schreckmoment, der einen überkam, wenn die eigene Vision plötzlich in feste Materie gegossen wurde. Sie hatte sich dieses Glück für Chakotay gewünscht, doch es nun schwarz auf weiß als architektonische Realität zu sehen, schnürte ihr für einen winzigen Herzschlag die Kehle zu.
»Aber das ist noch nicht alles«, fuhr Chakotay fort und zog mit dem Finger eine gestrichelte Linie auf dem Grundriss nach. »Durch die beiden neuen Schlafräume bleibt in meinem Quartier kaum noch Platz für einen echten Wohnbereich oder einen Esstisch. Wir müssten uns auf engstem Raum arrangieren.«
Kathryn neigte den Kopf, ihr scharfer Verstand analysierte sofort die Schotts und Schottwände. »Und was hat B’Elanna vorgeschlagen?«
»Die Wand zwischen deinem und meinem Quartier grenzt direkt an die Sanitärzellen«, sagte Chakotay leise und sah ihr fest in die Augen. »Wir wollen die beiden Quartiere über das Badezimmer verbinden. Ein zweiter Zugang, geteilt und von beiden Seiten begehbar.«
Kathryn erstarrte für einen Moment mit der Tasse in der Hand.
»Auf diese Weise«, ergänzte Samantha mit weicher, vorsichtiger Stimme, »haben Naomi und wir unsere Schlafbereiche drüben, aber wir können dieses Quartier hier weiterhin als unseren gemeinsamen Wohn- und Lebensraum nutzen. Der Esstisch, die Bücher, die Abende. Niemand muss durch den Korridor laufen. Und wir sind immer in Reichweite, falls Sie nachts Hilfe brauchen.«
Samantha schaute sie erwartungsvoll an. Ihre Hände lagen ruhig auf der Tischplatte, doch in ihren braunen Augen spiegelte sich eine verletzliche Hoffnung wider – der aufrichtige Wunsch nach Kathryn’s Zustimmung, gemischt mit der Sorge, eine unüberwindbare Grenze überschritten zu haben.
»Kathryn?«, durchbrach Samantha schließlich die Stille, kaum lauter als ein Flüstern. »Es ist nur ein Vorschlag. Wenn es Ihnen zu viel wird … wenn Sie Ihr Quartier ganz für sich allein brauchen, ziehen wir die Pläne sofort zurück. B’Elanna hat noch keinen Plasmabrenner angesetzt.«
Kathryn senkte den Blick auf ihre Hände, die fest um die warme Kaffeetasse geschlossen waren. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen sollte. In ihrem Inneren rangen zwei Welten miteinander: der Abschied von der absoluten, einsamen Privatsphäre des Captains und das ungeheure Geschenk, niemals wieder in leere Räume zurückzukehren.
Schließlich hob sie langsam den Kopf. Die Zweifel wichen aus ihren Zügen, und ihr Blick wurde vollkommen klar.
»Ohne Verriegelung«, stellte Kathryn mit ruhiger, fester Stimme fest.
Chakotay hielt inne, eine Augenbraue leicht angehoben. Auch Samantha sah sie überrascht an, noch die Hand auf Kathryns Fingern ruhend.
Kathryn schüttelte langsam den Kopf und schob die Tasse beiseite. Ein leises, befreites Lächeln trat auf ihre Züge.
»Wenn wir anfangen, Schlösser und Zugriffscodes zwischen unsere Quartiere zu setzen, ziehen wir im Kopf wieder Mauern hoch«, fuhr sie fort und sah beide fest an. »Eine Tür, ja. Um zu wissen, wer wo schläft und Privatsphäre hat. Aber keine Verriegelung. Wir klopfen an, wenn jemand im Bad ist – so wie es jede normale Familie auf der Erde auch tut.«
Samantha stieß ein leises, ungläubiges Lachen aus, und eine tiefe Welle der Erleichterung rollte sichtbar durch ihren Körper. Ihre Augen glänzten feucht, als sie Kathryns Hand fest drückte.
»Ganz ohne Schlösser«, flüsterte Samantha dankbar. »Einfach nur anklopfen.«
Chakotay lehnte sich zurück, und sein Gesicht entspannte sich vollends. Ein breites, warmes Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus, während er das PADD mit den Umbauplänen endgültig beiseiteschob.
»B’Elanna wird sich freuen, dass sie keinen komplizierten Sicherheitskreis verdrahten muss«, sagte er mit leisem Humor und legte seine Hand kurz auf Kathryns Unterarm. »Also steht es fest. Eine offene Tür.«
»Dieses Quartier war viel zu lange viel zu still«, erwiderte Kathryn leise, mit tiefer, ehrlicher Überzeugung. »Wenn wir eine Familie sein wollen, Chakotay … dann fangen wir damit an, keine Mauern zwischen uns zu bauen.«
Drüben auf dem Sofa blickte Naomi auf, die das Gespräch mit halbem Ohr verfolgt hatte.
»Bekomme ich dann wirklich mein eigenes Zimmer?«, fragte Naomi mit großen, leuchtenden Augen und ließ ihr Buch sinken. »Mit Platz für meine goldenen Schreibmaschinen-Geschichten?«
»Mit Platz für eine ganze Bibliothek, Naomi«, versprach Kathryn lächelnd.
Kaum hatte Kathryn den Satz beendet, zischte das Schott zum Korridor auch schon auf, und ein kleiner, dunkler Wirbelwind schoss ungebremst in den Raum.
Miral fegte an Chakotays Stuhl vorbei, ignorierte die Schwerkraft und die Würde des Kommandodecks völlig und kletterte mit erstaunlicher Zielstrebigkeit direkt auf Kathryns Schoß. In beiden Händchen hielt sie fest umklammert den bunt illustrierten Band von Rocky Waschbär.
»Mit Miral muss mir definitiv noch etwas einfallen«, keuchte Kathryn lachend auf, als sie die kleine Halbklingonin auffing und behutsam ausbalancierte. »Ihre Entertaktiken werden von Tag zu Tag unberechenbarer.«
Miral ließ sich von den Worten ihres Captains nicht beirren. Mit einem triumphierenden Grinsen drückte sie Kathryn das zerlesene Buch direkt gegen das Kinn, schlug die erste Seite mit Schwung auf und blickte mit funkelnden, dunklen Augen zu ihr hoch.
»Noch mal!«, forderte sie mit jener unnachgiebigen Entschlossenheit, die eindeutig von B’Elanna stammte. »Waschbär Kuchen klauen! Noch mal!«
Dahinter schlenderte Tom durch die offene Tür, die Hände lässig in den Hosentaschen und mit einem zuckenden Mundwinkel.
»Ich habe versucht, ihr die Freuden des Warpantriebs auf PADDs zu erklären«, bemerkte Tom grinsend in die Runde. »Aber der Waschbär schlägt den Warpkern um Längen. Wir sind heute Morgen schon bei Runde drei.«
Samantha schüttelte amüsiert den Kopf, schenkte Tom einen Becher Saft ein und lehnte sich lächelnd gegen den Tisch. Naomi rutschte auf dem Sofa ein Stück zur Seite und klopfte auf die Decke.
»Setz dich her, Miral«, rief Naomi wie eine erfahrene ältere Schwester. »Kathryn liest vor, und ich zeige dir, wie man die Kuchenkrümel aufspürt!«
Kathryn strich Miral sanft eine widerspenstige Locke aus der Stirn, zog das Buch ein Stück zurück und musterte den kleinen Wirbelwind mit warmen, glücklichen Augen.
»Also gut, kleine Kriegerin«, ergab sich Kathryn mit feierlichem Ernst und schlug Seite eins auf. »Die Jagd auf den Apfelkuchendieb geht in die Verlängerung.«