Routine und neue Pfade
Routine und neue Pfade
Die Tage verstrichen und bildeten einen Rhythmus, der auf der Voyager schon bald zum festen Inventar gehörte. Kathryn kam selten pünktlich zu ihren Schichten. Auf Deck 1 wettete niemand mehr dagegen; fast immer war es Miral gewesen, die den Captain im Korridor abgefangen, am Hosenbein festgehalten und mit eisernem Willen zur nächsten Leseeinheit verdonnert hatte. Wenn Kathryn dann die Brücke betrat, tat sie es mit leicht geröteten Wangen, einem leisen Kopfschütteln und einem Lächeln, das die gesamte Brückencrew ansteckte.
Für einige Stunden verblieb sie hochkonzentriert im Kommandosessel, lenkte den Kurs und traf die großen Entscheidungen. Doch den Bereitschaftsraum überließ sie ganz Chakotay. Wenn die halbe Schicht vorüber war, packte Kathryn die PADDs mit den Berichten, Logbüchern und Analysen ein, die sie noch nacharbeiten musste und wollte, und nahm sie mit hinunter in ihr Quartier.
Dafür hatte sie sogar ein lang gehegtes Stück Gewohnheit geopfert: Ihren geliebten gläsernen Schreibtisch hatte sie aufgegeben und gegen einen deutlich längeren, soliden Arbeitstisch eingetauscht. Um an ihren eigenen Platz zu gelangen, musste sie nun von der Quartierstür aus zwar ein paar Schritte weiter laufen und jedes Mal an Naomis Arbeitsplatz vorbei, der auf der linken Seite eingerichtet war, doch der Gewinn wog jeden Meter auf. Rechts an ihrer Seite hatte Kathryn nun reichlich Platz für all ihre PADDs, Akten und ihr Terminal, ohne ständig räumen zu müssen.
Naomis Seite des Tisches glich derweil einer meisterhaften Miniaturverwaltung: fein säuberlich sortiert nach Schulfächern, noch offenen Aufgaben und einem Stapel für alles, was bereits erledigt war.
Inzwischen waren auch die Arbeiten an Chakotays Quartier vollständig abgeschlossen. Die Verbindungstür im Badezimmer stand wie vereinbart stets unverriegelt offen, und der Übergang zwischen den beiden Lebensbereichen funktionierte reibungslos. Es war zur täglichen Gewohnheit geworden, dass Chakotay, Samantha und Naomi sich nach dem Ende von Dienst und Schule ganz selbstverständlich in Kathryns geräumigem Wohnbereich einfanden.
Wenn die drei hereinkamen, saß Kathryn fast immer an ihrer Tischhälfte, vertieft in die Datenkaskaden. Naomi steuerte zielstrebig ihren sortierten Bereich an. Während das Mädchen an kniffligen Aufgaben tüftelte, las Kathryn nebenbei in den Flottenberichten weiter, hob den Blick, wenn Naomi ins Stocken geriet, erklärte geduldig astrophysikalische Gleichungen oder historische Zusammenhänge und strich ihr dabei beiläufig über das dunkle Haar.
In der Kochnische klapperten derweil Töpfe und Schüsseln. Samantha und Chakotay bereiteten gemeinsam das Abendessen vor. Sie tauschten leise Bemerkungen über den Tag aus, reichten sich Gewürze und Schalen an und warfen den beiden am Tisch immer wieder zufriedene, vertraute Blicke zu.
Allerdings mussten Chakotay und Samantha an fast jedem Abend mit wachsamer Strenge darauf achten, dass Kathryn rechtzeitig Feierabend machte. Sobald der Duft des Essens den Raum erfüllte, glitt Kathryns Blick meist immer noch über die Textzeilen eines letzten Berichts. Dann brauchte es meistens ein bestimmtes Räuspern von Chakotay oder ein sanftes Entwenden des PADDs durch Samantha, um sie daran zu erinnern, dass sie zum gemeinsamen Abendessen kommen und den Abend endlich frei nehmen sollte.
Die effektivste Methode zur Arbeitsunterbrechung lieferte jedoch der regelmäßige Überraschungsbesuch. Wenn Tom und B’Elanna nach Feierabend vorbeischauten, dauerte es meist keine drei Sekunden, bis Miral herbeigestürmt kam und Kathryn regelrecht in Beschlag nahm. Naomi musste jedes Mal breit lächeln, wenn sie von ihren Schulheften aufblickte und beobachtete, wie die kleine Halbklingonin ohne jede Rücksicht auf Rang oder Würde den Captain der Voyager überfiel, ihr das Terminal zuschob und das nächste Abenteuer forderte.
Kathryn hatte dafür gesorgt, dass der Nachschub an Geschichten nicht abriss; im Schrank standen inzwischen viele neue replizierte Bilderbücher bereit. Besonders ein Band hatte es Miral angetan: ein bunt illustriertes Buch über kleine Shuttles, die durch wirbelnde Sternennebel sausen und Asteroiden ausweichen. Mit glänzenden Augen ließ Miral die Seiten rascheln, ahmte zischende Impulstriebwerke nach und deutete mit kleinen Fingern auf die gezeichneten Raumfähren.
Doch es blieb keineswegs nur bei Shuttle-Missionen. Die anderen Schätze aus dem Regal wurden von der Kleinen mit beachtlicher Regelmäßigkeit wieder hervorgekramt. An manchen Abenden musste Rocky Waschbär zum zehnten Mal seinen Apfelkuchen verteidigen, an anderen lauschte Miral erstaunlich still den Abenteuern vom Kleinen Wassermann, strich andächtig über die bunten Wassertropfen auf dem Papier oder jagte mit ihren Fingern der Biene Maja über gezeichnete Mohnblumenwiesen hinterher. Tom sah amüsiert zu, wie seine Tochter zwischen Sternenflotten-Einsätzen und uralten Erd-Märchen hin- und herwechselte, während B’Elanna sich lachend zu Chakotay und Samantha an die Küchenzeile lehnte.
Die Isolation war endgültig gewichen. Zwischen Naomis sortierten Heften, leise summenden Terminals und Mirals buntem Stapel aus Raumschiffen, Waldtieren und Apfelkuchen hatte Kathryn ihren Platz gefunden – als Captain der Voyager und als Herz eines Zuhauses, das größer war als jede Dienstvorschrift.