Zu viel
Zu viel
Kathryn saß an ihrem Schreibtisch. Die Datenströme auf dem Terminal liefen lautlos durch, doch ihre Augen nahmen die Zeilen längst nicht mehr wahr. Ihr Kopf hing schwer, die Finger lagen zitternd auf der kühlen Tischplatte, und jeder Atemzug fühlte sich bleiern an.
Die Quartierstür glitt leise auf. Naomi trat ein, frisch aus dem täglichen Unterricht beim Doktor. Fröhlich wollte das Mädchen ihre Tasche abstellen, doch mitten im Schritt hielt sie inne. Ihr Blick fiel auf Kathryn. Der Captain saß seltsam starr da, die Schultern tief eingesunken, die Gesichtsfarbe von einem ungesunden, kreidigen Blass.
Besorgt ging Naomi auf Zehenspitzen näher. Ohne ein Geräusch zu machen, setzte sie sich auf ihren Platz links am Schreibtisch. Kathryn bemerkte sie nicht einmal; ihre Lider flatterten nur schwer, und die Hände krampften kraftlos um ein PADD.
Naomi zögerte keinen Moment. Mit schnellen, leisen Fingern tippte sie eine kurze Com-Nachricht in ihr persönliches Terminal und schickte sie direkt an die Brücke:
Mom, ich glaub Kathryn geht es nicht so gut.
Auf Deck 1 gab Samanthas Konsole einen diskreten Signalton von sich. Sie überflog den kurzen Text, und augenblicklich spannte sich ihre Haltung an.
Ruhig stand sie auf, schritt an Tom Paris vorbei und trat hinab in den Brückengraben. Chakotay saß im ersten Sessel – auf jenem Platz, den er immer einnahm, wenn Kathryn im Quartier arbeitete. Samantha beugte sich dicht zu ihm herab, die Stimme gedämpft:
»Naomi hat mir gerade geschrieben. Dem Captain geht es wohl nicht so gut. Kann ich nachsehen gehen? Wenn es etwas Ernstes ist, melde ich mich sofort.«
Chakotays Blick verfinsterte sich vor Sorge, doch er wahrte die Fassung. Er nickte ihr mit festem Druck zu. »Geh sofort. Halte mich auf dem Laufenden.«
Als Samantha wenige Minuten später Kathryns Quartier betrat, bot sich ihr ein beklemmendes Bild.
Kathryn lehnte vollkommen erschöpft und blass in ihrem Stuhl, den Kopf kraftlos und leicht zur Seite geneigt an der hohen Rückenlehne. Ihre Augen waren fest geschlossen. Naomi kniete am Boden und sammelte gerade behutsam die PADDs ein, die Kathryns zitternden Händen entglitten und auf den Teppich gefallen waren.
»Darf ich, mein Schatz?«, fragte Samantha mit sanfter Stimme.
Naomi nickte ernst, stand leise auf, nahm sich ihr Lesebuch und setzte sich stumm auf die Couch, um den beiden Raum zu geben.
Samantha trat an den Schreibtisch, legte eine Hand an die Lehne und drehte den Stuhl langsam zu sich herum. Behutsam strich sie Kathryn mit den Fingerspitzen über die kalte Wange.
»Kann nicht …«, stieß Kathryn mit einem kaum hörbaren, gequälten Seufzen hervor.
»Kathryn, schaffen Sie es zu Ihrem Sessel, um die Beine hochzulegen?«, fragte Samantha leise.
»Nein …«, hauchte sie kraftlos. Ein Zittern lief durch ihren Körper. »Zum … Doc …«
Samantha berührte ihren Kommunikator und forderte auf der Krankenstation einen direkten Notfalltransport an. Das Summen der Transporterstrahlen erfasste Kathryn, und im selben Moment eilte Samantha bereits zur Tür, um hinab auf Deck 9 zu gelangen.
Auf der Krankenstation lag Kathryn bereits auf dem zentralen Bio-Bett, als Samantha eintrat. Der Doktor führte mit ernster Miene einen Kardiostimulator und den medizinischen Tricorder über ihren regungslosen Körper.
»Sie hat in den letzten Stunden kaum etwas getrunken und sich nicht die kleinste Pause gegönnt«, stellte der Doktor mit herbem, vorwurfsvollem Tonfall fest, während er die Vitalwerte ablas. »Vollkommene neuronale und physische Erschöpfung. Ihre Nervenbahnen rebellieren gegen die Überlastung.«
Samantha trat an die Bettkante.
»Sie hat gesagt, dass es ihr leid tut«, bemerkte der Doktor leise, während er die Infusion anpasste.
Samantha trat noch dichter heran und strich Kathryn sanft über die Wange. Wie eine instinktive Reaktion neigte Kathryn ihr Gesicht leicht gegen Samanthas Handfläche – ganz so, wie sie es sonst unwillkürlich bei Chakotay tat.
»Bleiben …«, hauchte Kathryn heiser. Ihre Lippen bebten. »Kann nicht … Zu viel … Naomi … Ihr braucht … Pause …«
Samantha verstand sofort. Der alte Schuldkomplex, eine Belastung für die anderen zu sein, hatte sie mit voller Wucht eingeholt.
»Doc«, wandte sich Samantha an das Hologramm, »wenn sie vorerst hierbleiben will, dann soll sie das. Können wir nachher vorbeikommen?« Die Frage war an den Arzt gerichtet, doch Kathryn reagierte noch bevor er antworten konnte.
»Nein …«, flüsterte Kathryn matt, verzweifelt gegen die Schwere ankämpfend. »Familie …«
»Chakotay wird bestimmt nach der Schicht noch vorbeikommen wollen«, sagte Samantha begütigend.
Kathryn versuchte krampfhaft, ihre Augen zu öffnen, doch die Lider gehorchten ihr kaum.
»Nein … Euer Abend … der Doc meldet …«, stammelte sie mühsam. Sie drehte den Kopf unruhig auf dem Kissen hin und her. »Kannst nicht … schwanger … Naomi … Ich zu viel … Bleiben … Geht nicht …«
Samantha seufzte leise und strich ihr beruhigend über das feuchte Haar an den Schläfen. »Ich habe dich beim ersten Mal schon verstanden, Kathryn.«
»Kann … nicht …«
»Ich weiß, Kathryn.« Samantha warf einen besorgten Blick zum Doktor, dessen Scanner ein alarmierendes Ansteigen der Stressmuster anzeigte.
Kathryns Finger krallten sich schwach in das Laken des Bio-Betts. Trotz der bleiernen Schwere wehrte sie sich verbissen gegen das Abdriften, getrieben von jenem verzweifelten Gedanken, der sich wie in einer Endlosschleife in ihrem Kopf festgesetzt hatte.
»Nicht … zurück …«, stieß sie keuchend hervor, während ihr Atem stoßweise ging. »Bleibe … hier. Beim Doc … Ihr … braucht Ruhe …«
Eine zittrige Träne löste sich aus ihren Augenwinkeln und rann über ihre Schläfe. Kathryn schüttelte kraftlos den Kopf, ihre Lippen bebten.
»Angst …«, hauchte sie leise, und das Wort klang wie ein zersplitterter Schutzschild. »Habe solche … Angst. Aber … allein … geht nicht anders. Familie braucht … Ruhe. Samantha … schwanger … Naomi so ein tolles Kind … Chakotay Brücke … Ich mache … alles kaputt. Zu viel … Ich bin zu viel …«
Samantha hielt Kathryns Hand fest und wollte beruhigend antworten, doch Kathryn schien sie kaum wahrzunehmen. Ihr Blick irrte fieberhaft umher, und mit brüchiger Stimme setzte sie erneut an:
»Liebe … Chakotay … so sehr … Schätze dich … Samantha … so sehr. Naomi … wunderbar. Aber ich … eine Kranke … Nicht ins Quartier … Euer Abend … Ich bleibe … hier …«
Samantha stockte. Sie stutzte, als Kathryns Kopf erneut unruhig von links nach rechts rollte und die exakt gleichen Worte noch einmal über ihre Lippen kamen – fast wortgleich, mechanisch, als hätte sich eine Klinke in ihren Gedanken verhakt:
»Nicht … zurück … Bleibe … hier. Beim Doc … Ihr … braucht Ruhe … Samantha … schwanger … Naomi so ein tolles Kind …«
Samanthas Herz zog sich zusammen. Sie wechselte einen alarmierten Blick mit dem Doktor. »Doc? Sie fängt wieder von vorne an …«
Der Doktor hielt mitten in der Bewegung inne. Seine Brauen zogen sich tief zusammen, und sein Blick glitt blitzschnell über die neuronale Kurve auf dem Hauptmonitor.
»Eine kognitive Schleife«, stellte der Doktor mit schneidender Besorgnis fest, während er den Tricorder noch dichter an Kathryns Schläfe führte. »Ihre Großhirnrinde ist derart überlastet, dass die synaptische Signalverarbeitung blockiert. Die emotionale Panik hat sich in einer Feedback-Schleife festgefahren. Sie hört uns gar nicht mehr richtig.«
»… Angst …«, flüsterte Kathryn bereits wieder, die Stimme dünner, das Zittern ihrer Hände noch heftiger. »Allein … geht nicht anders … Familie braucht … Ruhe … Ich bin zu viel … Liebe Chakotay … so sehr …«
»Captain, hören Sie mir zu!«, schaltete sich der Doktor mit scharfer Dringlichkeit ein und griff entschlossen nach dem Hypospray. »Sie müssen dieses Denkmuster sofort unterbrechen, sonst droht ein synaptischer Kollaps!«
Samantha beugte sich noch tiefer über das Bio-Bett, legte ihre beiden Hände behutsam an Kathryns fiebrige Wangen und zwang sie mit liebevollem Druck, innezuhalten. Ihr Blick brannte vor Entschiedenheit.
»Kathryn, du bist nicht zu viel!«, sagte Samantha mit fester, eindringlicher Stimme, um durch die Blockade zu dringen. »Auf keinen Fall, hörst du mich? Niemals! Wir wollen dich bei uns haben. Wir brauchen dich. Wir alle. Chakotay liebt dich, ich schätze dich von ganzem Herzen, und Naomi liebt dich über alles. Du musst keine Angst haben, und du bist nicht allein.«
Kathryns Lider flatterten schwach, getrieben von dem verzweifelten Kampf in ihrem Inneren. Eine weitere Träne benetzte Samanthas Hand.
»Kann nicht …«, hauchte Kathryn mit brechender Stimme, kaum mehr als ein zittriger Luftzug auf ihren Lippen. »Kann … nicht …«
»Doch, du kannst«, flüsterte Samantha sanft und strich mit dem Daumen über Kathryns Wange. »Aber du musst es nicht heute können. Und vor allem musst du es nie wieder allein tun.«
Mit einem leisen Zischen setzte der Doktor das Hypospray an Kathryns Hals.
Der Effekt trat fast augenblicklich ein. Das krampfhafte Beben in Kathryns Körper erstarb, die Endlosschleife in ihren Gedanken riss ab. Die angespannten Muskeln wurden weich, und die Finger lösten sich kraftlos aus dem Laken. Im Dämmerzustand des beginnenden Narkoseschlafs bewegten sich ihre Finger jedoch noch einmal schwach. Mit einer letzten, instinktiven Bewegung suchte ihre Hand über das Laken und griff kraftlos, aber suchend nach Samanthas Fingern. Samantha schloss ihre Hand sofort schützend um die kühlen Finger des Captains und drückte sie behutsam, bis Kathryns Hand vollends schwer und ruhig in ihrer lag. Ihr unruhiger Atem verlangsamte sich zu tiefen, gleichmäßigen Zügen. Die quälenden Ängste zogen sich zurück, als das dämpfende Narkotikum sie barmherzig in einen tiefen, traumlosen Schlaf gleiten ließ.
Der Doktor legte das leere Hypospray beiseite und überprüfte noch einmal die nun gleichmäßig absinkenden Vitalwerte auf dem Monitor. Seine sonst so hochmütige Miene war vollkommen verschwunden; stattdessen blickte er mit einer seltenen, ernsten Nachdenklichkeit auf Kathryn hinab.
Er trat einen Schritt näher an Samantha heran, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah die junge Mutter aufmerksam an.
»Sie vertraut Ihnen beiden blind, Samantha«, sagte er leise, darauf bedacht, die schlafende Patientin nicht zu stören. »Und sie hängt mehr an Ihnen, Chakotay und Naomi, als sie sich jemals eingestehen würde.«
Samantha strich sich erschöpft eine Haarsträhne aus der Stirn, ohne Kathryns Hand loszulassen. Ihr Blick wanderte von Kathryns entspannten Zügen zu den sanft schwingenden Graphen der Bio-Konsole. Die Angst saß ihr noch immer tief in den Knochen.
»Was ist schiefgegangen, Doc?«, fragte Samantha mit belegter Stimme und schüttelte ratlos den Kopf. »Sie wirkte in den letzten Tagen so stabil. Sie hat gelacht, sie hat Pläne geschmiedet, sie hat sich auf die Zwillinge gefreut … Warum dieser plötzliche Zusammenbruch?«