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Das Vermächtnis

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Das Vermächtnis

Der Doktor gab Samantha noch die aktualisierten medizinischen Berichte mit, ehe sie mit schwerem Herzen die Krankenstation verließ. Ihr Weg führte sie geradewegs zurück in Kathryns Quartier.

Naomi saß noch immer brav auf dem Sofa, das Lesebuch auf den Knien, blickte jedoch sofort mit großen, besorgten Augen auf, als die Schotttür aufglitt. Samantha ging in die Hocke, nahm ihre Tochter sanft in die Arme und beruhigte sie leise: Kathryn schlafe jetzt tief und fest, der Doktor kümmere sich um sie. Erleichtert atmete das Mädchen auf. Gemeinsam sammelten die beiden die restlichen PADDs vom Schreibtisch ein – jene Dateien voller penibel ausgearbeiteter Quartierspläne, Dienstplanentwürfe und Ressourceneinteilungen, an denen Kathryn sich so verausgabt hatte.

Mit den PADDs im Arm betraten Samantha und Naomi kurz darauf die Brücke.

Das leise Summen der Konsolen füllte den Raum. Chakotay, der im vorderen Kommandosessel gesessen und jeden Turbolift im Auge behalten hatte, stand augenblicklich auf. Seine Miene war kontrolliert, doch in seinen dunklen Augen lag eine brennende, erwartungsvolle Unruhe, als er die beiden herantreten sah.

»Können wir sprechen? Im Bereitschaftsraum?«, fragte Samantha mit leiser, ernster Stimme.

Chakotay brauchte keinen zweiten Blick, um den Ernst der Lage zu begreifen. Er nickte den beiden stumm zu.

»Geht schon vor«, sagte er, wandte sich kurz zur taktischen Konsole um und gab die Brücke mit gewohnter Klarheit ab: »Tuvok, Sie haben die Brücke.«

»Verstanden, Commander«, erwiderte der Vulkanier mit einem knappen Nicken.

Chakotay folgte ihnen, und die Schiebetür zum Bereitschaftsraum glitt mit einem leisen Zischen vollständig ins Schloss, damit kein Laut auf die Brücke drang.

Naomi setzte sich leise auf das Sofa in der Ecke und stellte ihre Schultasche ab. Samantha trat an Kathryns Schreibtisch, legte den Stapel PADDs behutsam ab und wandte sich zu Chakotay um. Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen da, doch die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Samantha atmete tief durch. Ihre Stimme war belegt, der Kloß in ihrer Kehle kaum zu überspringen.

»Der Doc musste sie sedieren, Chakotay«, begann sie leise.

Chakotays Augen verengten sich schmerzlich, doch er unterbrach sie nicht.

»Als wir auf der Krankenstation ankamen, war sie völlig neben sich«, fuhr Samantha fort, und ihre Hände zitterten leicht, als die Erinnerung hochkam. »Sie hat angefangen zu reden … und sie konnte nicht mehr aufhören. Sie war in einer echten kognitiven Schleife gefangen. Der Doc sagte, ihre Großhirnrinde war so überlastet, dass die Gedanken sich einfach verhakt haben.«

Samantha trat einen Schritt näher an ihn heran, sah ihm direkt in die Augen und sprach die Worte aus, die Kathryn so gequält hatten:

»Sie hat es immer und immer wiederholt. Sie sagte, sie will auf der Krankenstation bleiben und nicht zurück ins Quartier. Dass sie eine Belastung ist. Dass ich mich schonen muss, weil ich mit den Zwillingen schwanger bin, dass du deine Pflichten auf der Brücke hast und Naomi Ruhe für die Schule braucht. Sie hat geweint und immer wieder gesagt: Ich bin zu viel. Ich mache alles kaputt.«

Chakotays Atem stockte. Seine Arme sanken langsam herab, die Hände ballten sich zu Fäusten, während sein Blick glasig wurde.

»Aber das war nicht alles«, flüsterte Samantha sanft. »Mitten in dieser Panik, in dieser Schleife, hat sie immer wieder dasselbe gesagt: Wie sehr sie dich liebt, Chakotay. Wie sehr sie Naomi liebt. Und dass sie mich unendlich schätzt. Es brach ihr förmlich das Herz, dass sie in ihren Augen eine Kranke ist, die unserer Familie im Weg steht. Sie hat sich regelrecht dafür gehasst, schwach zu sein.«

Die Stille im Bereitschaftsraum war drückend. Chakotay drehte sich langsam zum Panoramafenster um und starrte hinaus in das endlose Band der Sterne. Seine Schultern spannten sich an, als würde er eine physische Last tragen.

»Sie liebt uns so sehr, dass sie bereit ist, sich selbst wegzusperren, um uns zu schützen«, brachte er schließlich mit rauer, gebrochener Stimme hervor.

»Genau das«, nickte Samantha leise. »Sie hat furchtbare Angst, Chakotay. Und wenn sie aufwacht, müssen wir ihr beweisen, dass sie diese Angst nie wieder haben muss.«

Chakotay wandte sich langsam vom Fenster ab. Die Wucht von Samanthas Worten stand ihm tief ins Gesicht geschrieben, doch die anfängliche Lähmung wich einem entschlossenen Ernst.

Er trat hinter Kathryns Schreibtisch und ließ sich schwer in ihren vertrauten Sessel sinken. Seine Hände strichen über die kühle Platte, ehe er das oberste PADD vom Stapel nahm, den Samantha mitgebracht hatte. Mit geübten, raschen Daumenbewegungen aktivierte er das Display und scrollte durch die Verzeichnisse. Ein weiteres PADD schob er zur Seite, tippte eine Statusanzeige an, während Naomi vom Sofa aus mit großen, aufmerksamen Augen jede seiner Bewegungen verfolgte.

Ein tiefes, fassungsloses Ausatmen entwich seiner Brust.

»Sieh dir das an, Samantha«, sagte er mit rauer, aber erstaunlich ruhiger Stimme und drehte eines der Displays leicht in ihre Richtung. »Sie hat nicht nur die Umbaupläne für das Kinderzimmer skizziert. Sie hat die Schichtpläne der Astrometrie bis ins nächste Quartal vorgearbeitet, Ressourcenanträge für die Krankenstation geprüft und die EPS-Wartungszyklen für Deck 8 komplett neu kalkuliert. Nebenbei.«

Er schüttelte langsam den Kopf, und in seinen Augen mischte sich unendlicher Respekt mit herber Sorge.

»Sie hat viel zu viel auf einmal gemacht«, stellte er leise fest. Seine Finger umklammerten den Rand des Geräts so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Ihr Verstand rennt mit Warp-Geschwindigkeit voran, während ihr Körper gerade erst mühsam lernt, wieder Schritt zu halten. Sie wollte uns das Leben leichter machen und hat sich dabei selbst fast zerstört.«

Samantha trat an den Tisch, stützte sich mit beiden Händen auf die Kante und blickte auf die schiere Flut an Daten. »Sie glaubt noch immer, sie müsse sich ihren Platz bei uns verdienen, Chakotay. Als wäre sie nur dann wertvoll, wenn sie funktioniert.«

»Dann werden wir ihr diesen Zahn ziehen müssen«, sagte Chakotay mit unerschütterlicher Entschlossenheit. Er legte das PADD ab und faltete die Hände auf der Tischplatte. »Wir nehmen ihr die Arbeit nicht weg – das würde sie nur als nächste Niederlage verbuchen und ihr das Gefühl geben, nutzlos zu sein. Aber wir müssen es ihr einteilen. Strikt. Eine Stunde Denkarbeit am Tag, klare Pausen, keine Nachtschichten mehr an diesem Schreibtisch. Und vor allem: Die Planung für die Familie machen wir ab jetzt ausschließlich zu dritt am Küchentisch. Kein Alleingang mehr.«

Er blickte hinüber zu Naomi, und sein Blick wurde sofort weich und warm.

»Was meinst du, Naomi?«, fragte er die Kleine mit einem sanften Lächeln. »Traust du dir zu, unsere oberste Sicherheitsbeauftragte für Kathryns Pausen zu werden? «

Naomi richtete sich auf der Couch ein Stück auf, nickte mit kindlichem Ernst und drückte ihr Buch an sich. »Ich passe auf sie auf, Chakotay. Versprochen.«

Chakotay lächelte schwach, griff dann nach dem nächsten PADD, das etwas abseits unter den Dienstakten gelegen hatte, und aktivierte das Display.

Mitten in der Bewegung erstarrte er.

Seine Brauen zogen sich zusammen, die Augen flogen über die ersten Zeilen. Es waren keine Dienstpläne oder Umbauzeichnungen. Es war ein persönlicher Subraum-Datenstrom – ein privater Briefwechsel mit der Erde.

»Was ist das?«, fragte Samantha leise, als sie sah, wie seine Haltung einfror.

»Eine Kommunikation mit ihrer Mutter«, antwortete Chakotay mit belegter Stimme. Seine Finger glitten langsam über das Display. »Gretchen und sie haben vor wenigen Tagen hin und her geschrieben. Es geht um das alte Anwesen ihrer Tante in Indiana … jenes mit dem großen Garten und dem Obstbäumen, von dem sie Naomi manchmal erzählt hat.«

Er scrollte weiter nach unten, und ein tiefes, schmerzliches Atmen entwich seiner Brust.

»Kathryn hat das Erbe ausgeschlagen«, flüsterte er fassungslos. »Sie hat das Notariatsprotokoll des Sternenflottenkommandos bereits unterzeichnet. Sie nimmt das Haus nicht für sich an … sie hat die Eigentumsrechte und das gesamte Anwesen auf uns überschreiben lassen. Auf dich und mich. Für Naomi und die Zwillinge.«

Samantha schlug erschrocken eine Hand vor den Mund. Ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen. »Sie hat … was?«

»Hier steht es schwarz auf weiß«, sagte Chakotay leise und zeigte ihr den Bildschirm, auf dem Kathryns handschriftliche Notiz an Gretchen Janeway leuchtete:

›Chakotay, Samantha und die Kinder brauchen eine echte Heimat, wenn wir nach Hause kommen. Platz zum Aufwachsen. Mir reicht ein kleines Zimmer unter dem Dach, solange sie alle sicher und geborgen sind.‹

Chakotay ließ das PADD sinken, seine Stimme zitterte vor überwältigender Rührung.

»Verstehst du jetzt, was in ihr vorgeht?«, sagte er und blickte Samantha mit brennendem Ernst an. »Sie hat nicht nur unsere Quartiere hier an Bord umgeplant. Sie hat in den letzten Wochen im Stillen unser gesamtes zukünftiges Leben auf der Erde vorbereitet. Sie wollte uns ein Zuhause schenken – und hat sich selbst dabei wieder nur an den Rand gestellt. Als Gast, der bloß niemandem zur Last fallen will.«

Samantha stützte sich fassungslos mit beiden Händen auf der Tischkante ab. Ihr Blick haftete auf der zierlichen Handschrift auf dem Display, während ihr die Tragweite dieser Geste die Kehle zuschnürte.

»Das ist Wahnsinn …«, flüsterte sie mit brüchiger Stimme und schüttelte langsam den Kopf. Sie blickte auf zu Chakotay, ihre Augen glänzten feucht. »Wie kommt sie bloß darauf? Wie kann sie glauben, dass wir sie jemals in ein Dachzimmer abschieben würden?«

Chakotay strich mit dem Daumen über den Rand des PADDs, als könnte er dadurch die Gedanken der Frau greifen, die er so innig liebte. Ein wehmütiges, unendlich sanftes Lächeln legte sich auf seine Züge, auch wenn der Schmerz in seinen Augen unübersehbar blieb.

»Ich denke mal, weil sie es war, die uns zusammengebracht hat«, sagte Chakotay leise. Er sah Samantha fest an. »Erinnerst du dich an die Monate nach ihrer schwersten Phase? Sie war vom Dienst freigestellt, saß wochenlang in ihren Quartieren und hatte viel zu viel Zeit, um nachzugrübeln. Zeit, um zu beobachten, wie sehr wir beide uns um sie sorgten – und wie wir dabei anfingen, uns gegenseitig Halt zu geben. In Kathryns Kopf hat sie in all diesen stillen Stunden diesen Raum für uns geschaffen. Sie sieht unser Glück, sie sieht Naomi und die Zwillinge, und nach all dem Nachdenken glaubt sie in ihrer grenzenlosen Selbstlosigkeit nun, ihre Schuldigkeit sei getan. Sie denkt, sie hat uns eine Zukunft geschenkt, hat aber Angst, dass in dieser Zukunft kein vollwertiger Platz mehr für sie selbst übrig ist.«

Samantha schüttelte entschieden den Kopf, während ihr eine Träne über die Wange lief.

»Sie muss wieder zurück zu uns«, sagte Samantha mit Nachdruck in der Stimme. Sie richtete sich auf und sah Chakotay entschlossen an. »Sie gehört in unser Quartier, nicht isoliert auf ein Bio-Bett. Sie hatte uns doch damals die Vollmachten gegeben, Chakotay. Für ihre medizinische und persönliche Fürsorge, falls sie selbst nicht entscheiden kann. Wir haben das Recht und die Pflicht, sie nach Hause zu holen.«

Chakotay sah sie lange an, spürte die unbändige Entschlossenheit in ihren Worten, doch dann glitt sein Blick hinüber zum Fenster und wieder zurück zum Schreibtisch. Er streckte eine Hand aus und legte sie begütigend über Samanthas zitternde Finger.

»Wir holen sie nach Hause, Samantha. Ohne jeden Zweifel«, erwiderte er leise, aber mit ruhiger Autorität. »Aber nicht jetzt. Nicht in diesem Zustand. Ihr Gehirn braucht jetzt die absolute Reizarmut, die nur der Doktor mit seinen Geräten überwachen kann. Wenn wir sie jetzt herübertragen, fängt ihr Gedankenkarussell im Schlafzimmer sofort wieder an.«

Er drückte ihre Hand sanft.

»Lassen wir ihr die Nacht«, sagte Chakotay mit weicher Stimme. »Geben wir ihrem Körper und ihren Nerven die Stunden der Ruhe, die die Sedierung ihr schenkt. Und morgen früh, wenn der Doc sie aufweckt, stehen wir beide an ihrem Bett. Wir nehmen sie an die Hand, bringen sie heim in unser Quartier und sagen ihr ein für alle Mal, wo ihr wirklicher Platz ist.«