Schachmatt
Schachmatt
Das gedämpfte Summen der Krankenstation trat für einen Augenblick völlig in den Hintergrund, als die Schiebetür mit einem leisen Zischen aufglitt. B'Elanna und Tom betraten den Raum – Tom mit Miral auf dem Arm, die ein buntes Bilderbuch fest an sich gepresst hielt.
Kaum hatte das Mädchen Kathryn auf dem Bio-Bett entdeckt, leuchteten ihre dunklen Augen auf. Sie zappelte ungeduldig und streckte ein kleines Patschhändchen aus.
»Äthi auch hier!«, krähte Miral mit schriller Freude.
Tom schmunzelte schuldbewusst, trat an das Bett heran und nickte in Richtung des Doktors. Auf Mirals Stirn zeichnete sich eine deutliche Rötung ab. »Doc, könnten Sie ihre Beule behandeln? Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit im Maschinenraum …«
»Äthi muss lesen!«, forderte Miral ungerührt vom Pochen auf ihrer Stirn, wedelte energisch mit dem Bilderbuch in Kathryns Richtung und versuchte, sich aus Toms Griff zu winden.
»Aber erst die Beule«, stellte B'Elanna mit unnachgiebiger Strenge klar, strich ihrer Tochter kurz über das dunkle Haar und warf Kathryn einen warmen, wissenden Blick zu. »Und dann geht es erst einmal ab zu Neelix.«
Miral verzog trotzig die Schnute und schielte sehnsüchtig zu Kathryn hinüber.
»Am Abend vielleicht, Spatz«, schob B'Elanna mit sanfterem Ton nach.
Chakotay, der noch immer an Kathryns Bettseite stand, beobachtete das Spektakel mit einem breiten, unübersehbaren Schmunzeln. Er wandte sich wieder ganz Kathryn zu, beugte sich dicht an ihr Ohr herab und drückte ihre Hand noch einmal mit sanftem Nachdruck.
»Sehen Sie, Captain?«, flüsterte er amüsiert. »Sie werden heute in Ihrem Quartier erwartet.«
Kathryns Blick wanderte von Miral, die auf Toms Arm bereits wieder mit dem Buch fuchtelte, zurück zu Chakotay und Samantha.
»Wenn schon Ihre Crew Sie boykottiert und die Kinder auch«, setzte Chakotay mit trockenem Humor nach, »dann haben Sie endgültig keine Chance mehr.«
Kathryn ließ den Kopf zurück in das Kissen sinken, halb amüsiert, halb fassungslos über die geschlossene Front, die sich um ihr Bett aufgebaut hatte.
»Und wie soll ich das bitteschön dem Sternenflottenkommando erklären?«, fragte sie mit einem gequälten Seufzen, während ihr Blick zwischen Samantha, Chakotay und den beiden Ingenieuren hin- und herwanderte. »Dass mein Erster Offizier und meine Führungsmannschaft mich schlichtweg entmachtet und unter Hausarrest in den Schoß der Familie gestellt haben?«
B'Elanna, die neben Tom stand, während der Doktor den leise summenden Hautregenerator an Mirals Stirn ansetzte, zuckte betont lässig mit den Schultern. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem herben, typisch klingonischen Grinsen.
»Versuchen Sie es doch, Captain«, erwiderte B'Elanna trocken. »Ich würde Admiral Paris zu gern sehen, wenn er versucht, ein Sternenflottenprotokoll gegen ein wütendes Kleinkind, eine werdende Mutter und Ihren Ersten Offizier durchzusetzen. Viel Erfolg dabei.«
Tom nutzte den Augenblick, in dem das Summen des Regenerators erstarb, und schaltete sich mit diebischem Vergnügen ein.
»B’Elanna untertreibt maßlos, Captain«, warf er mit breitem Grinsen ein. »Sie haben keine Ahnung, was sich auf den unteren Decks zusammenbraut. Da formiert sich bereits ein regelrechter Streikaufruf. Harry hat schon Mühe, in den Jefferies-Röhren für Ordnung zu sorgen. Die halbe Mannschaft droht mit Dienstverweigerung, wenn ihr Captain nicht bald wieder in seinem Sessel auf der Brücke sitzt – und, was noch viel wichtiger ist: wenn abends keine Geschichten mehr vorgelesen werden.Die Kinder an Bord lassen sowieso nicht mit sich verhandeln. Wenn die Geschichtsstunde ausfällt, meutert der Kindergarten als Erstes.«
Kathryn blinzelte Tom verwirrt an, während ihre analytische Kapitänslogik ganz automatisch wieder ansprang. Sie runzelte die Stirn.
»Moment mal«, hakte sie nach und musterte Tom skeptisch. »Es ist doch im Moment überhaupt nur ein einziges Kind im Kindergarten?«
Chakotay konnte ein tiefes Glucksen nicht mehr unterdrücken. Er warf B’Elanna einen kurzen, vielsagenden Blick zu und sah Kathryn mit unerschütterlicher Ruhe an.
»Ja, das stimmt«, sagte Chakotay gelassen. »Aber Miral hat B'Elanna als Mutter.«
Ein leises Prusten entwich Samantha, und selbst Tom musste sich ein Lachen verbeißen, während B'Elanna nur stolz das Kinn hob.
Kathryn seufzte tief, doch das Funkeln in ihren Augen war wieder voll da – jenes scharfsinnige Blitzen, das sie so lange vermisst hatten. Sie verschränkte die Arme locker vor der Brust, blickte an die Decke der Krankenstation und murmelte:
»Ich muss mir wohl schleunigst etwas einfallen lassen …«
Tom hob warnend den Zeigefinger. »Überlegen Sie sich das gut, Captain. Admiral Paris liebt seine Enkeltochter über alles. Wenn Miral im nächsten Subraum-Bericht erwähnt, dass ihre Lieblingstante Kathryn nicht zum Vorlesen da war, haben Sie das gesamte Oberkommando am Hals. Mein Vater verzeiht vieles – aber keine Tränen seiner Enkelin.«
»Oh Mann …«, stöhnte Kathryn leise und vergrub für einen kurzen Augenblick das Gesicht in beiden Händen, während ihre Schultern von einem lautlosen, ungläubigen Lachen bebten.
Als sie die Hände wieder sinken ließ, spiegelte sich in ihren Zügen eine Mischung aus totaler Kapitulation und tiefer, erlöster Wärme wider.
»Man plant jahrelang Borg-Invasionen, verhandelt mit Spezies 8472 und übersteht Anomalien im Delta-Quadranten – nur um am Ende von einer Ein-Kind-Gewerkschaft, einem Admirals-Großvater und der eigenen Familie schachmatt gesetzt zu werden.«
»Das nennt man strategische Überlegenheit, Kathryn«, stellte Chakotay schmunzelnd fest, griff nach ihrer Uniformjacke, die sauber zusammengefaltet auf der Ablage lag, und hielt sie ihr sanft hin. »Und jetzt zieh das an. Naomi hat vorhin schon den Frühstückstisch gedeckt und wartet auf uns.«
Samantha nickte bekräftigend und reichte ihr eine Hand zum Aufstehen. »Keine Ausreden mehr. Wir gehen frühstücken.«