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Die kleine Wache

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Die kleine Wache

Gegen Nachmittag machte sich Chakotay für einen Moment auf den Weg ins Quartier. Die Tür glitt mit einem kaum hörbaren Zischen zur Seite. Er betrat leise den Raum, noch die Anspannung der Brücke in den Knochen, doch die Szene vor ihm ließ seine Schultern sofort herabsinken.

Gedämpftes Licht erfüllte das Quartier. Kathryn saß in ihrem großen Sessel am Panoramafenster. Der Kopf war ihr leicht zur Seite gesunken, eine Schulter lehnte an der Polsterlehne, und die Züge ihres Gesichts – stundenlang von Sorge und Schmerz gezeichnet – wirkten endlich vollkommen entspannt. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Sie war tief und fest eingeschlafen; auf dem kleinen Beistelltisch lag das PADD mit den Hausaufgaben, das Display längst abgedunkelt.

Drüben auf dem Sofa hatte es sich Naomi bequem gemacht. Ihre Beine waren untergeschlagen, eine Decke locker über die Knie gelegt, und ihre Nase steckte tief in einem weiteren Band der Petronella-Reihe.

Als Chakotay näher trat, blickte das Mädchen auf. Sie senkte das Buch nur um wenige Zentimeter und hielt den Zeigefinger an die Lippen.

»Sie schläft«, flüsterte Naomi leise und sah zu ihm hoch. »Schon seit über einer Stunde. Wir waren mit der theoretischen Astrophysik fertig, und dann sind ihr einfach die Augen zugefallen.«

Chakotay lächelte warm, trat auf leisen Sohlen an das Sofa heran und strich Naomi kurz sanft über den Schopf.

»Sehr gut gemacht, Naomi«, flüsterte er zurück, während sein Blick voller Erleichterung zu Kathryn hinüberwanderte. »Du bist eine hervorragende Wache.«

Naomi klappte ihr Buch leise zu, hielt den Finger noch zwischen den Seiten als Lesezeichen und blickte ihn mit großen, nachdenklichen Augen an. In ihrer Stimme schwang jene kindliche Ehrlichkeit mit, die den Kern der Dinge oft viel präziser traf als jede Sternenflottenanalyse.

»Stehen Miral, meine Mom und ich wirklich über ihr?«, fragte sie leise, fast besorgt, und sah hinüber zu dem Sessel, in dem Kathryn tief schlief.

Chakotay setzte sich behutsam auf die Kante des Sofas, legte eine Hand auf Naomis Knie und dämpfte seine Stimme zu einem warmen Flüstern.

»Innerhalb der Familie schon, Naomi«, antwortete er sanft und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Auf der Brücke ist sie der Captain – unangefochten. Aber hier drin, in diesem Quartier, braucht sie genau diese Struktur.«

Er blickte für einen langen Moment zu Kathryn hinüber. Die tiefen Schatten unter ihren geschlossenen Augen verrieten noch immer, wie nah am Abgrund sie gestanden hatte.

»Sie hat jahrelang allein gelebt«, fuhr Chakotay leise fort, und seine Stimme wurde von einer tiefen Wärme und Traurigkeit gefärbt. »Vor dieser Reise hatte sie niemanden, um den sie sich auf diese Weise kümmern musste, und niemanden, der auf sie geachtet hat. Sie hat sich darum nie Gedanken gemacht. Sie war einsam – so sehr, dass es für sie zur Normalität geworden ist. Und jetzt? Jetzt liebt sie dieses Schiff und seine Crew so sehr, dass sie alles andere in den Vordergrund stellt und sich selbst dabei vollkommen vergisst.«

Er strich sich nachdenklich über das Kinn, seine Augen unverwandt auf Kathryn gerichtet, deren Züge im Schlaf beinahe schutzlos wirkten.

»Die letzten Wochen haben ihr Grenzen gezeigt, an die sie momentan immer wieder anstößt. Kathryn war es gewohnt, unbesiegbar zu sein. Wenn ein Warpkern kollabiert, repariert sie ihn. Wenn die Borg angreifen, findet sie eine Taktik. Aber gegen die eigene Erschöpfung, gegen die Trauer und die seelische Belastung kann man nicht mit Wissenschaft und eisernem Willen ankämpfen.«

Naomi sah von Chakotay zu Kathryn hinüber. Sie hatte den Zusammenbruch auf der Krankenstation miterlebt, hatte gesehen, wie die sonst so unerschütterliche Frau buchstäblich in sich zusammengefallen war.

»Und wenn sie merkt, dass sie es nicht schafft, verlangt sie noch mehr von sich selbst«, stellte Naomi mit verblüffender Klarheit fest.

Chakotay nickte langsam, tief berührt von dem Scharfsinn des Mädchens. »Ganz genau. Sie stößt an eine Mauer, und anstatt einen Schritt zurückzutreten, rennt sie nur noch härter dagegen an. Weil sie denkt, Schwäche sei ein Versagen. Und genau da müssen wir stehen – nicht um sie festzuhalten, sondern um sie aufzufangen, wenn sie wieder dagegen prallt.«

Naomi nickte fest entschlossen, zog die Decke ein Stück höher und legte das Buch auf den Schoß. »Dann bleibe ich hier sitzen, bis sie von ganz alleine aufwacht.«

Chakotay lächelte leise, beugte sich vor, hauchte ihr einen Kuss auf den Scheitel und sah noch einmal hinüber zu Kathryn, deren ruhige Atemzüge die Stille des Raumes erfüllten. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er das Gefühl, dass sie wirklich auf dem Weg der Besserung war.

Chakotay bemerkte, wie Naomis Finger unruhig über den Einband ihres Buches strichen und wie ihre Schultern sich leicht anspannten. Er kannte das Mädchen inzwischen viel zu gut, um dieses zögerliche Schweigen zu übersehen.

Er neigte den Kopf leicht zur Seite, sah sie mit warmem, aufmerksamem Blick an und dämpfte seine Stimme noch weiter.

»Naomi?«, fragte er sanft. »Du schaust so nachdenklich. Hast du noch etwas auf dem Herzen?«

Naomi zögerte, blickte kurz scheu zur Seite und schluckte, ehe sie den Mut fasste, ihm direkt in die Augen zu sehen.

»Na ja …«, begann sie leise und nestelte an einer Ecke der Sofadecke herum. »Mom ist schwanger. Und die Kleinen … die haben dich als Vater.« Sie stockte kurz, rang spürbar mit den Worten und sah ihn mit einer Mischung aus Scheu und ernster Hoffnung an. »Und ich habe mich gefragt … na ja, ihr seid ja zusammen … ob du in dem Sinne auch für mich sowas in der Art bist?«

Chakotays Züge wurden mit einem Schlag weich. All die Anspannung der vergangenen Tage schien für einen Atemzug von ihm abzufallen. Er rutschte ein Stück näher an sie heran, nahm behutsam ihre schmale Hand in seine und drückte sie sanft.

»Naomi«, flüsterte er mit rauer, aber unendlich fester Stimme. »Du musst dich das überhaupt nicht fragen. Für mich gehörst du längst ganz selbstverständlich dazu. Du hast einen leiblichen Vater im Alpha-Quadranten, den du eines Tages wiedersehen wirst, und diesen Platz will und werde ich ihm niemals wegnehmen. Aber hier, in diesem Quadranten, auf diesem Schiff und in dieser Familie … bin ich genau das für dich. Wenn du es möchtest. Ich bin immer für dich da – als Vater, als Beschützer und als dein Freund. Daran wird sich nie etwas ändern, ganz egal, wie viele Babys deine Mom noch bekommt.«

Ein leises, erlöstes Ausatmen entwich Naomi. Ihre Schultern sackten nach unten, und ohne ein weiteres Wort lehnte sie sich nach vorne, schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht an seine Schulter.

Chakotay legte die Arme fest um sie, zog sie an sich und hielt sie geborgen – während Kathryn im Sessel gegenüber ruhig und tief weiterschlief.

Naomi löste sich langsam aus der Umarmung, setzte sich wieder aufrecht hin und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. Ein feines, leicht spöttisches Grinsen, das verblüffend an ihre Mutter erinnerte, schlich sich auf ihre Züge.

»Schon irgendwie komisch«, sagte sie leise und blickte mit schief gelegtem Kopf von Chakotay hinüber zu der schlafenden Kathryn im Sessel. »Den Captain und den Commander in der Familie zu haben.«

Chakotay stieß ein leises, warmes Lachen aus, das er sogleich dämpfte, um Kathryn nicht zu wecken. Er schüttelte amüsiert den Kopf.

»Das ist es wohl«, gab er flüsternd zu und legte den Kopf schief. »In keinem Sternenflottenhandbuch steht ein Kapitel darüber, wie man gleichzeitig ein Raumschiff durch feindliche Sektoren steuert und zu Hause darauf achtet, dass alle pünktlich ins Bett gehen und ihre Hausaufgaben machen.«

»Oder dass der Captain genug schläft«, ergänzte Naomi altklug mit einem bedeutungsvollen Blick auf Kathryn.

»Ganz besonders das«, bestätigte Chakotay schmunzelnd. »Auf der Brücke sind wir der Captain und der Erste Offizier, Naomi. Aber sobald sich diese Schotttür hinter uns schließt, sind wir einfach nur Kathryn und Chakotay. Und für dich … sind wir die zwei Menschen, die dafür sorgen, dass dir hier draußen absolut nichts passiert.«

Naomi sah wieder auf ihr Buch hinab, strich mit den Fingerspitzen über den Einband und nickte langsam. Das unsichere Zögern von vorhin war vollkommen verflogen.

»Dann muss ich wohl dafür sorgen, dass ihr beide keinen Unsinn macht«, schloss sie mit der ganzen Ernsthaftigkeit einer Zehnjährigen.

Chakotay grinste, klopfte ihr sanft auf die Schulter und stand leise auf. »Ein fairer Handel, Naomi. Ein absolut fairer Handel.«

Chakotay blickte noch einmal kurz hinüber zu Kathryn, deren ruhige Atemzüge die Stille des Raumes erfüllten, und wandte sich dann wieder Naomi zu.

»Ich werde dann mal wieder gehen«, flüsterte er leise und strich ihr noch einmal sanft über den Arm. »Melde dich ruhig, wenn etwas ist. Egal was.«

Naomi nickte ernst, hob ihr Buch wieder an und schlüpfte tiefer unter ihre Decke. »Mache ich. Sie ist hier in den besten Händen.«

Mit einem warmen Lächeln trat Chakotay leise zur Tür, warf einen letzten, beruhigten Blick zurück auf die beiden