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Besuch zur Abendstunde

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Besuch zur Abendstunde

Das sanfte, gedämpfte Licht im Quartier des Captains zeichnete weiche Schatten auf die Wände, als das leise Läuten des Türsummers die abendliche Stille unterbrach.

Kathryn, die nach ihrem ausgedehnten Schlaf im Sessel spürbar erholter wirkte und das leichte Abendessen gemeinsam mit Samantha, Chakotay und Naomi gerade beendet hatte, blickte auf. Naomi reagierte am schnellsten, sprang pflichtbewusst vom Tisch auf und sah fragend zu Kathryn hinüber.

»Herein«, sagte Kathryn mit ruhiger, wieder gefestigter Stimme.

Die Schotttür glitt zur Seite und gab den Blick frei auf Tom Paris, B’Elanna Torres und die kleine Miral. Tom trug seine Tochter auf dem Arm, die dasselbe bunte Bilderbuch wie schon am Vormittag mit beiden Händchen eisern umklammert hielt. B’Elanna musterte Kathryn mit einem forschenden, erleichterten Blick. An Mirals Stirn war von dem Malheur im Maschinenraum dank der Behandlung des Doktors nicht die geringste Spur mehr zu sehen – weder Schwellung noch Rötung störten die glatte Haut der kleinen Halbklingonin.

Kaum hatte Miral Kathryn am Tisch entdeckt, ging ein freudiges Rucken durch ihren kleinen Körper. Sie zappelte energisch auf Toms Arm und streckte das Bilderbuch mit unverhohlenem Siegeswillen in die Höhe.

»Äthi!«, rief Miral mit ihrer hellen, unnachgiebigen Stimme. »Jetzt Buch!«

Tom lachte schulterzuckend auf und trat einen Schritt vor. »Wir haben es wirklich versucht, Captain. Aber seit heute Morgen auf der Krankenstation gibt es bei uns nur noch ein einziges Thema. Der Streik der Ein-Kind-Gewerkschaft wurde zwar ausgesetzt, aber die Bedingung für den Frieden im Quartier steht fest: Das Buch muss vorgelesen werden. Punkt.«

B’Elanna schüttelte amüsiert den Kopf, trat an Kathryn heran und legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter. Ihr Blick war voller aufrichtiger Wärme.

»Sie hat den halben Nachmittag bei Neelix damit verbracht, jedem zu erzählen, dass Tante Äthi ihr heute Abend vorliest«, erklärte B’Elanna trocken. »Ich fürchte, Kathryn, um diesen Dienstplan kommen Sie nicht herum. Wie geht es Ihnen?«

Ein tiefes, echtes Lächeln erhellte Kathryns Gesicht. Die Erschöpfung saß zwar noch im Nacken, doch die Härte der letzten Tage war vollkommen verschwunden.

»Viel besser, B’Elanna. Wirklich«, antwortete sie sanft, ehe sie ihren Blick auf die kleine Besucherin richtete. »Und wie ich sehe, hält die Familie Paris-Torres ihre Versprechen ein.«

Tom setzte sich auf einen der freien Stühle am Tisch und ließ Miral auf seinen Schoß klettern. Das kleine Mädchen rutschte sofort so weit vor wie möglich, hielt Kathryn das abgegriffene, bunte Buch direkt vor die Nase und forderte sie mit ernstem Klingonen-Blick heraus.

Naomi, die herübergetreten war, betrachtete das Schauspiel mit verschränkten Armen und einem feinen, belehrenden Schmunzeln.

»Die Dienstvorschriften für die Ruhezeit erlauben genau eine Geschichte vor dem Schlafengehen«, verkündete Naomi sachlich in ihrer Funktion als Assistentin und Wachposten. »Crewman Wildman genehmigt den Antrag.«

»Na, ein Glück haben wir die offizielle Freigabe«, feixte Tom und warf Chakotay ein Grinsen zu, während dieser am Tresen leise gluckste und Samantha liebevoll den Kopf an seine Schulter lehnte.

Kathryn blickte von dem bunten Buch auf zu Tom und streckte die Arme aus. Tom reichte ihr die zappelnde Halbklingonin herüber, die sich sofort mit erstaunlicher Entschlossenheit an Kathryns Oberteil festkrallte.

Mit Miral sicher auf der Hüfte erhob sich Kathryn langsam vom Tisch. Ihre Beine fühlten sich zwar noch ein wenig wackelig an, doch die Nähe des warmen kleinen Bündels gab ihr Halt. Sie ging hinüber zu ihrem großen Sessel am Panoramafenster, ließ sich behutsam in die weichen Polster sinken und legte die müden Beine wieder auf den Polsterhocker hoch.

Samantha trat sogleich mit einer weichen, hellgrauen Wolldecke herbei. Mit sanften, geübten Griffen breitete sie die Decke über Kathryn und deckte Mirals Beinchen gleich mit zu. Für einen Moment legte Samantha eine Hand tröstend auf Kathryns Schulter, ehe sie mit einem Lächeln wieder zu Chakotay trat.

Miral saß eingekuschelt auf Kathryns Schoß, riss das Buch mit beiden Händchen auf und wedelte ungeduldig mit einer bunten Seite.

»Lesen, Äthi!«, forderte die Kleine mit gewohnter Lautstärke und funkelnden Augen.

»Na schön, kleine Gewerkschaftsführerin«, flüsterte Kathryn mit rauem, warmem Ton, während sie Miral noch ein Stück näher an sich zog und den Kopf an Mirals weiches Haar lehnte. »Dann wollen wir mal sehen, was deine Lieblingshelden heute so treiben.«

Kathryns Stimme war gegen Ende der Geschichte immer leiser und melodischer geworden, bis sie nur noch wie ein beruhigendes Summen durch das dämmrige Quartier schwebte.

Miral war schon fast am Ende der Geschichte eingeschlafen. Das kleine Händchen, das die bunte Buchseite eben noch krampfhaft umklammert hatte, lockerte sich und glitt kraftlos auf den Stoff der Wolldecke herab.

Kathryn legte das Buch behutsam auf dem kleinen Beistelltisch ab, griff nach dem Saum der Decke und zog sie ein Stück höher, bis Mirals Schultern warm eingepackt waren. Im Halbschlaf drehte sich die kleine Halbklingonin herum, rollte sich auf den Bauch und schmiegte sich mit einem leisen, zufriedenen Schnaufen fest an Kathryns Brust, das Gesicht tief in den weichen Stoff ihres Pullovers vergraben.

Kathryn seufzte leise – ein tiefer Atemzug purer Erleichterung, der die letzten Reste der Anspannung aus ihrem Körper weichen ließ. Sie legte beide Arme schützend um das schlafende Mädchen, lehnte den Kopf sanft an die Polsterlehne des Sessels zurück und wollte eigentlich nur für einen kurzen Moment die brennenden Augen schließen.

Das gedämpfte Gemurmel der Erwachsenen am Esstisch, das leise Klirren von Gläsern und das ferne, vertraute Vibrieren der Voyager-Triebwerke verschmolzen zu einer wiegenden Geräuschkulisse. Binnen weniger Herzschläge wurden ihre Atemzüge tiefer und gleichmäßiger, und der Schlaf holte sie ein zweites Mal an diesem Tag ein, weich und ohne jede Gegenwehr.