Zwei schlafende Kriegerinnen
Zwei schlafende Kriegerinnen
Samantha war diejenige, die als Erste bemerkte, dass es am Fenster vollkommen still geworden war.
Das gleichmäßige, leise Gemurmel von Kathryns Vorlesestimme war schon vor einigen Minuten verstummt, doch erst jetzt, als das leise Lachen von Tom am Esstisch verebbte, fiel die tiefe Stille im Raum wirklich auf. Samantha stand behutsam auf, bedeutete den anderen mit einer knappen Geste, leise zu sein, und schritt auf leisen Sohlen hinüber zum großen Sessel am Panoramafenster.
Dort hielt sie inne und betrachtete das Bild, das sich ihr bot.
Kathryns Kopf war leicht zur Seite geneigt, die Wange sanft an die Polsterlehne geschmiegt. Auf ihrer Brust lag Miral, auf den Bauch gedreht, ein winziges Fäustchen fest in den Stoff von Kathryns Uniformpullover gekrallt. Die dicke Wolldecke hüllte beide schützend ein.
Samantha trat noch einen Schritt näher und betrachtete Kathryns Gesicht. Die scharfen Linien der Erschöpfung, die sich in den vergangenen Tagen so tief um ihre Augen und Mundwinkel eingegraben hatten, waren vollends geglättet. Zum ersten Mal seit Wochen wirkte Kathryn Janeway nicht wie der getriebene Captain, der die Verantwortung für ein ganzes Schiff und hundertfünfzig Seelen auf ihren schmalen Schultern trug, sondern einfach wie eine Frau, die endlich loslassen durfte. Jeder Atemzug hob und senkte ihre Brust in perfektem Einklang mit dem kleinen Mädchen auf ihr.
Ein warmes, wehmütiges Lächeln glitt über Samanthas Züge. Vorsichtig beugte sie sich vor, strich eine verirrte Haarsträhne aus Kathryns Stirn und zog den Saum der Decke noch einen Millimeter höher über Mirals Rücken, ohne die beiden aus ihrer friedlichen Ruhe zu reißen.
Chakotay war ihr lautlos gefolgt und trat neben sie, dicht gefolgt von B’Elanna und Tom.
»Sieht so aus, als wäre die Geschichtsstunde für heute beendet«, flüsterte Tom leise hinter vorgehaltener Hand, während er seine Tochter liebevoll musterte. »Ich schätze, mein Plan, Miral ins eigene Bett zu tragen, ist gerade an den Sicherheitsvorschriften gescheitert.«
»Wag es bloß nicht, sie jetzt zu wecken«, raunte B’Elanna zurück, doch in ihrer Stimme lag keinerlei Schärfe, sondern nur tiefer Respekt und eine seltene Rührung. »Sie hat seit Ewigkeiten nicht mehr so ruhig ausgesehen.«
Samantha wandte sich halb um, legte eine Hand auf Chakotays Unterarm und blickte ihn sanft an. »Lassen wir sie einfach so schlafen. Es gibt keinen sichereren Ort für Miral – und für Kathryn auch nicht.«
Naomi schlich sich ebenfalls heran, schob sich geschickt zwischen Tom und Samantha hindurch und lugte mit verschränkten Armen über die Lehne des Sessels.
»Hi«, flüsterte Naomi mit unüberhörbarem Triumph in der leisen Stimme und zuckte unschuldig mit den Schultern. »Ich habe schließlich nur gesagt: eine Geschichte. Nicht, wie sie ausgeht.«
Tom unterdrückte ein schallendes Lachen, indem er sich beeilte, beide Hände vor den Mund zu schlagen, während B’Elanna schmunzelnd den Kopf schüttelte und Naomi anerkennend über die Schulter strich.
»Kluges Mädchen«, flüsterte B’Elanna mit verhaltenem Stolz. »Die Sternenflotte sollte dich direkt in den diplomatischen Dienst befördern. Du hast die Anweisung buchstabengetreu befolgt und trotzdem genau das erreicht, was nötig war.«
Chakotay, der die Hand auf Samanthas Schulter ruhen ließ, betrachtete die beiden Schlafenden mit einem weichen, tiefen Lächeln. Kathryns Züge blieben vollkommen entspannt; nicht einmal das gedämpfte Geflüster um sie herum vermochte sie aus diesem tiefen, heilsamen Schlummer zu reißen.
»Ich würde sagen, Mission erfüllt, Crewman Wildman«, murmelte Chakotay leise, beugte sich zu Naomi herab und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Das war erstklassige Taktik.«
Naomi hob stolz das Kinn, während ihre Augen im gedämpften Licht des Quartiers aufblitzten.
»Ich lerne eben von den Besten«, flüsterte sie mit entwaffnendem Selbstbewusstsein zurück und warf dabei abwechselnd B’Elanna, Chakotay und ihrer Mutter einen verschmitzten Blick zu.
Ein leises Kichern entwich Samantha, die sich beeilte, die Hand vor den Mund zu halten, um die beiden Schlafenden nicht doch noch zu wecken. Tom grinste von einem Ohr zum anderen und salutierte Naomi im Flüsterton halb ironisch, halb voller Respekt.
»Dagegen lässt sich absolut nichts einwenden«, raunte Tom und trat behutsam einen Schritt zurück. »Gegen so geballte taktische Raffinesse hat selbst der Captain keine Chance.«
B’Elanna warf noch einen letzten, langen Blick auf Miral, die fest an Kathryns Brust vergraben lag und leise schnarchte, als ob sie die sicherste Festung des gesamten Quadranten für sich beansprucht hätte. Dann wandte sie sich an Samantha und Chakotay.
»Wir lassen die beiden in Ruhe«, flüsterte die Chefingenieurin leise und zog Tom sanft am Ärmel in Richtung Tür. »PADD und Kommunikator sind auf stumm. Weckt sie bloß nicht, bevor Miral morgen früh ihr Frühstück einfordert.«
Chakotay nickte dankbar, während Samantha die beiden leise zur Tür begleitete. Als das Zischen des Schotts verklang, kehrte eine fast greifbare Ruhe in das Quartier zurück.
Chakotay ging auf leisen Sohlen noch einmal an den Sessel heran, strich mit den Fingerspitzen behutsam über die Decke an Kathryns Schulter und sah dann zu Naomi hinunter, die sich zufrieden wieder dem Sofa näherte.
»Und du, mein kleiner Stratege«, flüsterte Chakotay mit einem warmen Lächeln, »machst dich jetzt auch bettfertig. Dein Wachdienst für heute ist mit Bestnoten bestanden.«