Der Morgenweckruf im Sessel
Der Morgenweckruf im Sessel
Die Dämmerung des Bordzyklus kroch langsam durch die Fenster des Captainsquartiers und tauchte den Raum in ein mattes, silbriges Halbdunkel.
Kathryn hatte die Nacht nicht im Bett verbracht. Zu groß war am Vorabend die innere Unruhe gewesen, zu schwer die Last auf ihren Schultern. Sie war im tiefen Sessel vor dem Panoramafenster geblieben, eingehüllt in eine weiche Wolldecke – und Miral war bei ihr geblieben. Das kleine Mädchen lag noch immer zusammengerollt auf ihrer Brust, atmete warm und tief und schenkte ihr im Schlaf jenen seltenen, unbeschwerten Frieden, den Kathryn so verzweifelt suchte.
Im hinteren Bereich des Quartiers regte sich bereits leises Leben.
Chakotay, Samantha und Naomi machten sich mit fast lautlosen Schritten fertig. Niemand schaltete das volle Licht ein; die Paneele glimmten auf minimaler Stufe, um Kathryn nicht aufzuschrecken. Samantha strich sich im Vorbeigehen die Tunika glatt und wechselte mit Chakotay einen stummen, vielsagenden Blick voller unausgesprochener Fürsorge.
Gemeinsam mit Naomi begannen sie, den niedrigen Tisch leise für das Frühstück herzurichten. Naomi stellte behutsam Schalen und Besteck ab, während Chakotay den Replikator mit gedämpfter Stimme bediente, damit kein mechanisches Surren die Ruhe zerschnitt.
Ein leises Zischen kündigte die Eingangstür an.
Tom Paris schlüpfte vorsichtig und mit angehaltenem Atem herein. Er trug bereits seine Dienstuniform, schloss das Schott sofort wieder hinter sich und nickte den dreien mit gedämpfter Stimme zu. Sein Blick glitt sofort hinüber zu dem Sessel am Fenster, wo die Gestalt seines Captains regungslos im Schatten lag, und ein Anflug von stiller Erleichterung legte sich über seine Züge, als er sah, wie friedlich Miral an Kathryn gekuschelt war.
Doch die Stille währte nur noch Sekunden.
Miral schlug plötzlich die Augen auf, blinzelte zweimal ins Dämmerlicht und war schlagartig hellwach. Sie spürte, dass Kathryn noch schlief – und für eine kleine Klingonin gab es keinen Grund, den Tag weiter zu vertrödeln.
Mit beiden Fäustchen stemmte sich Miral auf Kathryns Brustkorb hoch. Ihre kleinen Knie bohrten sich schwungvoll in Kathryns Oberschenkel, als sie aufstand und mit beiden Händchen links und rechts kräftig an Kathryns Wangen patschte.
»Äthi aufstehen!«, krähte Miral mit schriller, ungeduldiger Glockenstimme direkt vor ihrer Nase. »Morgen! Äthi, wach!«
Kathryn schreckte mit einem erstickten Luftschnappen aus dem Halbschlaf hoch. Ihr Herz machte einen Satz, die Hände griffen instinktiv nach den Seiten des Mädchens, um sie vor dem Herunterkollern zu bewahren. Ein heiseres, verschlafenes Seufzen entwich ihrer Kehle, während Mirals winzige Stirnwülste sich fast an ihre Wange drückten.
»Ja, bin wach, Miral …«, murmelte Kathryn leise und strich dem kleinen Wirbelwind sanft über den Rücken. Ein matter, warmer Schimmer huschte über ihre müden Züge. »Ich bin wach. Bei allen Sternen … musst du mich so erschrecken?«
»Wach!«, verlangte Miral unerbittlich, grinste übers ganze Gesicht und gab Kathryn einen schwungvollen, feuchten Kuss mitten auf die Wange, bevor sie mit erstaunlicher Wendigkeit von ihrem Schoß glitt und laut über den Teppich in Richtung Bad tappte.
Samantha schüttelte an der Kochnische leise lachend den Kopf, während Tom sich am Tisch ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte.
»Guten Morgen, Kathryn«, sagte Samantha schmunzelnd. »Gegen Mirals Weckdienst hilft selbst das beste Sternenflottentraining nichts.«