Das Zittern der Hände
Das Zittern der Hände
Chakotay trat leise heran, beugte sich hinab und reichte ihr eine dampfende Tasse frischen Kaffee. Kathryn nahm den Becher entgegen und klammerte sich daran fest, als suchte sie Halt an der schlichten Wärme des Porzellans.
Chakotay ging nicht weg. Er blieb vor ihrem Sessel stehen, musterte ihre Haltung und ließ den Blick zu ihren Fingern wandern.
»Deine Hände zittern noch«, bemerkte er leise.
Die Knöchel traten weiß hervor, so krampfhaft hielt sie das Gefäß umschlossen. Dennoch übertrug sich das feine, unkontrollierbare Beben direkt auf die dunkle Flüssigkeit, in der sich kleine, unruhige Wellen brachen.
Kathryn senkte den Kopf noch ein Stück tiefer, als wolle sie den Verrat ihres eigenen Körpers vor ihm verbergen.
»Es ist nur … der Schreck«, wich sie mit brüchiger Stimme aus. »Mirals Überfall.«
»Kathryn.« Sein Tonfall war frei von jedem Vorwurf, aber getragen von einer ruhigen Beharrlichkeit, die keine Ausflüchte duldete. Er sank langsam vor ihrem Sessel in die Hocke, sodass er auf Augenhöhe mit ihr war. »Miral ist seit zwei Minuten im Bad.«
Sie schwieg. Ihre Lippen bebten fast unmerklich, und sie presste sie fest aufeinander, um die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Es war nicht das Kind. Es war der Nachhall der Tage davor, der Zusammenbruch, der ihr noch tief in den Knochen saß.
»Ich … ich glaube, es ist noch vom letzten Mal«, flüsterte sie schließlich heiser.
Ihre Stimme klang dünn, zersplittert und voller stiller Scham. Sie starrte auf ihre Finger herab, als gehörten sie gar nicht zu ihr – als trüge jede Faser ihres Körpers noch immer die Erschütterung des Kollapses in sich, unfähig, zur Ruhe zu finden.
Chakotay streckte behutsam die Hände aus, legte seine Finger sanft von unten an die ihren und stützte die Tasse mit ab, um das Zittern abzufedern.
»Du nimmst dir heute nach dem Zusammenbruch noch einen Tag frei, Kathryn«, sagte er ruhig, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. »Du brauchst Zeit. Wir regeln die Brücke. Ein Tag, nur für dich.«
Kathryns Atem stockte. Entsetzen flackerte in ihrem Blick auf, als hätte er ihr soeben ein Urteil verkündet. Ihre Finger krampften sich fast schmerzhaft um das Porzellan, und ihre Hände begannen noch heftiger zu beben.
»Chakotay, bitte … das kannst du nicht machen!«, flehte sie, und ihre Stimme brach beinahe vor Verzweiflung. »Ich muss etwas tun!«
»Ich kann nicht!«, stieß sie hervor.
Mit fahrigen, hastigen Bewegungen stellte sie den Becher so ungestüm auf dem Tisch ab, dass etwas von dem heißen Kaffee über den Rand schwappte. Die Decke glitt von ihren Schultern zu Boden. Kathryn versuchte aufzustehen – getrieben von einer plötzlichen, erstickenden Welle purer Panik, allein zu sein und keine Aufgabe zu haben.
Ihre Knie gaben sofort gefährlich nach.
»Kathryn, warte!«, rief Chakotay alarmiert. Er fing sie mit beiden Armen an den Schultern ab, bevor sie stürzen konnte, und hielt sie behutsam, aber unnachgiebig fest.
»Lass mich nicht … ich kann nicht hier herumsitzen«, keuchte sie verzweifelt an seiner Brust, die Stirn gegen seine Schulter gepresst. »Chakotay, bitte … ich brauche eine Aufgabe. Wenn ich nichts zu tun habe … bin ich ganz allein.«
»Kathryn, beruhige dich.« Chakotays Stimme schnitt ruhig, aber mit unverrückbarem Ernst durch das Hämmern ihres Pulses, während er sie sachte zurückdrängte. »Ich kann Naomi nicht ständig bei dir lassen, damit sie auf dich aufpasst, nur damit du überhaupt Pausen machst. Wir können ein Kind nicht dafür einspannen, den Captain vor sich selbst zu schützen.«
Die Worte trafen Kathryn mitten ins Herz. Die panische Hektik erstarrte schlagartig. Die Kraft wich endgültig aus ihren Knien, und sie sank ohne Gegenwehr zurück in den Sessel. Ihre Hände fielen matt in ihren Schoß.
»Ok«, hauchte sie mit heiserer, vollkommen erschöpfter Stimme und schloss für einen langen Augenblick die Augen. »Ich werde mich ausruhen.«
Samantha trat leise an Chakotays Seite und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Unterarm. Dann sah sie hinab zu Kathryn.
»Gib ihr zumindest kleine Aufgaben, Chakotay«, sagte Samantha sanft. »Du weißt doch genau, wie sie tickt. Wenn sie absolut gar nichts zu tun hat, sitzt sie nur hier und macht sich ununterbrochen Gedanken darüber, ob sie uns im Weg ist. Sie wird jede freie Sekunde damit verbringen zu glauben, dass sie hier eine Last darstellt.«
Samantha schenkte Kathryn ein warmes Lächeln.
»Einem Menschen, der sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, von jetzt auf gleich jede Beschäftigung zu entziehen, ist keine Erholung. Es ist eine Strafe. Sie braucht das Gefühl, einen Beitrag zu leisten – und sei er noch so klein.«
Chakotay atmete tief aus. Er sah von Samantha zu Kathryn und nickte schließlich langsam.
»In Ordnung«, willigte er ein. »Aber unter einer klaren Voraussetzung: Es wird erst gefrühstückt. Anständig, Kathryn. Dann machst du dich in aller Ruhe fertig, ohne Hektik. Und ich schicke später jemanden vorbei, der nach dir schaut und dir Aufgaben bringt.«
Kathryn saß da, die Hände ineinander verschlungen, und spürte, wie der erdrückende Kloß im Hals ein wenig weicher wurde.
»In Ordnung«, willigte sie mit belegter Stimme ein und nickte matt. »Erst frühstücken.«
»Buch!«, krähte Miral plötzlich aus dem Flur.
Das kleine Mädchen kam mit nassen Fußabdrücken auf dem Teppich und fröhlich zerzausten Locken aus dem Bad gewuselt, in ihren Händchen ein buntes, abgegriffenes Datenpad mit Holo-Bildern geklammert. Sie ignorierte gekonnt die Tatsache, dass Tom ihr mit einem Handtuch hinterhereilte, steuerte schnurstracks wieder auf den Sessel zu und ließ sich schwungvoll an Kathryns Knie sinken.
»Äthi, Buch!«, forderte sie noch einmal mit funkelnden Augen, schob Kathryn das Pad forsch auf den Schoß und deutete mit einem dicken Zeigefinger auf das bunte Titelbild.
Ein leises, beinahe ungläubiges Lachen entwich Samantha, und selbst Chakotays ernste Miene entspannte sich zu einem sanften Lächeln.
»Sieht so aus, als hätte sich deine erste Aufgabe bereits von ganz allein gemeldet«, bemerkte Tom trocken von hinten, während er seiner Tochter das Handtuch über die nassen Locken warf und sie einmal durchrubbelte.
Kathryn blickte hinab auf das leuchtende Display und dann auf Mirals erwartungsvolles Gesicht. Die kalte Leere in ihrer Brust wich für einen Herzschlag einer simplen, greifbaren Wärme. Ihre zittrigen Finger fanden den Rand des Pads, hielten es behutsam fest – und zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte sich eine Pflicht nicht wie eine schwere Last an, sondern wie ein rettendes Ufer.
»Ein Buch«, wiederholte Kathryn mit leiser, belegter Stimme, strich Miral über die Wange und atmete zittrig aus. »Das … das schaffe ich.«
»Aber erstmal anziehen, Kleine«, sagte Tom mit gespielter Strenge und fing seine nassgelockte Tochter sanft unter den Armen ab, bevor sie Kathryn das Pad noch weiter ins Gesicht drücken konnte.
Miral stieß ein empörtes, kleines Glucksen aus, strampelte kurz in der Luft und blickte protestierend zu Kathryn, als hoffe sie auf ein Machtwort des Captains gegen die väterliche Disziplin.
»Dein Vater hat recht, Miral«, stimmte Kathryn mit einem hauchzarten, matten Lächeln zu und tippte ihr sachte auf die winzige Nasenspitze. Ihre Stimme klang noch immer heiser, aber der eisige Druck auf ihrer Brust schien ein winziges Stück nachzugeben. »Auch klingonische Kriegerinnen ziehen sich erst ordentlich an, bevor die Geschichtsstunde beginnt.«
Samantha schüttelte schmunzelnd den Kopf, nahm Tom das frische Kinderhemdchen aus der Hand und hockte sich zu der Kleinen hinunter. »Komm schon, Wirbelwind. Je schneller die Hose sitzt, desto schneller liest Kathryn dir vor.«
Während Samantha und Tom sich lachend daranmachten, das zappelige Energiebündel bühnenreif einzukleiden, reichte Chakotay Kathryn einen kleinen Teller vom Tisch hinüber.
»Und das gilt auch für dich«, mahnte er leise mit einem warmen Blick, der keinen Raum für Widerrede ließ. »Ein Bissen Brot, etwas Obst. Danach darfst du dich um die Literatur kümmern.«
Miral hielt still, zumindest für drei Sekunden, und rief über Samanthas Schulter hinweg: »Buch wartet!«