Taktischer Rückzug vor der Kriegerprinzessin
Taktischer Rückzug vor der Kriegerprinzessin
Taktischer Rückzug vor der Kriegerprinzessin
Nachdem die Teller geleert waren und sich die angespannte Atmosphäre im Quartier des Captains allmählich legte, machten sich Chakotay, Samantha und Naomi leise auf den Weg. Samantha wechselte noch einen letzten, aufmunternden Blick mit Kathryn, Naomi winkte ihr scheu zu, und Chakotay verabschiedete sich mit einem warmen, doch unmissverständlichen Kopfnicken, das sie stumm an ihr Versprechen erinnerte: erst ausruhen, erst zu Kräften kommen.
Tom Paris hingegen stand vor einer ganz eigenen diplomatischen Krise.
Miral aus dem Quartier zu bugsieren, glich dem Versuch, einen voll ausgerüsteten klingonischen Stoßtrupp mit bloßen Händen aufzuhalten. Das kleine Mädchen klammerte sich mit erstaunlicher Willenskraft an das Polster des Sessels, reckte Kathryn das bunte PADD entgegen und forderte lautstark ihr Vorleserecht ein. Erst nach gutem Zureden, dem Versprechen eines Besuchs auf dem Holodeck und dem sanften Eingreifen von Kathryn selbst gelang es Tom schließlich, seine zappelnde Tochter auf den Arm zu heben und rückwärts aus der Tür zu manövrieren.
Knapp zehn Minuten nach Schichtbeginn glitten die Türen der Brücke zischend auf.
Tom hastete mit leicht verwehten Haaren und bemüht unschuldiger Miene hinein, steuerte im Eilschritt auf die Steuerkonsole zu und hoffte inständig, im Halbdunkel der Brückenbeleuchtung unbemerkt zu bleiben.
Vergebens.
Harry Kim drehte sich von der OPS um, warf einen demonstrativen Blick auf das Chronometer an seiner Konsole und hob spitzbübisch eine Augenbraue. Ein diebisches Grinsen stahl sich über sein Gesicht.
»Zehn Minuten, Tom«, bemerkte Harry trocken und ließ die Worte genüsslich über die Brücke hallen. »Hattest du Turbulenzen im Turbolift oder hat dich der Berufsverkehr auf Deck zwei aufgehalten?«
Tom schnaubte leise, während er sich in seinen Sessel gleiten ließ und die Flugkontrollen hochfuhr. Er bedachte Harry mit einem halb genervten, halb amüsierten Seitenblick.
»Schaff dir Kinder an, Harry«, knurrte Tom gespielt verbittert und schüttelte den Kopf. »Gib ihnen bunte Bücher und überlass den Rest einfach dem Captain. Dann sehen wir mal, wie pünktlich du deinen Dienst antrittst.«
»So wie es aussieht, hat der Pilot diesen Kampf wohl knapp für sich entschieden«, schaltete sich Chakotay trocken vom Kommandosessel aus ein. Ein sanftes Schmunzeln milderte seine Züge, während er den Stuhl leicht in Toms Richtung drehte. »Aber die Kriegerprinzessin wird das Quartier des Captains am Abend bestimmt noch einmal überfallen.«
Tom drehte sich im Pilotensitz halb um, stützte einen Arm auf die Lehne und warf Chakotay ein schiefes Grinsen zu.
»Aber mach dir keine falschen Hoffnungen, Commander«, erwiderte Tom mit gespieltem Ernst. »Miral hat ganz genau mitbekommen, wer vorhin das Frühstück eingefädelt und ihr Vorhaben vereitelt hat. Sie hat es nicht nur auf den Captain abgesehen. Wenn sie heute Abend dort einmarschiert, bist du als Erster dran!«
»Soll für dieses Komplott die Sicherheit informiert werden?«, erkundigte sich Tuvok von der taktischen Konsole mit vollkommen unbewegter Miene und erhobener Augenbraue.
Samantha Wildman, die gerade durch die Brückentür getreten war, um Chakotay ein PADD zu überreichen, prustete unwillkürlich los und musste sich kurz die Hand vor den Mund halten, um ihr Lachen zu dämpfen.
Tom schüttelte grinsend den Kopf.
»Tuvok, Sie können es gerne probieren«, entgegnete Tom feierlich. »Aber glauben Sie mir: Es ist wohl besser, der Captain ergibt sich einfach kampflos und liest brav vor – und der Commander wartet mit dem Essen.«
»Eine logische Kapitulation vor überlegenen Kräften«, stellte Tuvok trocken fest, ohne mit einer Wimper zu zucken.
Samantha schmunzelte, trat an Chakotays Seite und reichte ihm das Datenpad. »Gegen Mirals Hartnäckigkeit helfen weder Sicherheitsprotokolle noch Phaser auf Betäubung. Da hilft nur bedingungslose Kooperation.«
Chakotay nahm das PADD mit einem leisen Lachen entgegen. Das kurze Aufblitzen von Leichtigkeit tat der Brücke spürbar gut, doch die ernste Sorge um Kathryn schwang in seinem Blick mit, als er Samantha ansah.
»Wer von deinem Team bringt nachher die Berichte zu Kathryn und schaut nach ihr?«, fragte er leise.
»Da wird sich jemand finden«, antwortete Samantha mit einem vielsagenden Lächeln und neigte leicht den Kopf. »Auf der Krankenstation und in der Wissenschaftsabteilung stehen die Leute ohnehin Schlange, um einen Vorwand zu haben, nach ihr zu sehen. Ich wähle jemanden aus, der ihr nur die wirklich leichten Berichte hinlegt – und dafür sorgt, dass sie die Tasse Tee auch austrinkt.«
Chakotay nickte dankbar. »Gut. Keine anstrengenden Diagnosen, keine langen Statistiken. Nur ein bisschen Routine, damit ihr Kopf beschäftigt bleibt, ohne dass sie wieder ins Schleudern gerät.«
»Verstanden, Commander«, erwiderte Samantha leise, warf noch einen letzten, beruhigten Blick in die Runde und machte sich wieder auf den Weg zum Turbolift.
Auf der Brücke kehrte die vertraute, gedämpfte Arbeitsatmosphäre ein. Das rhythmische Summen des Warpkerns, das leise Piepen der Instrumente und die ruhigen Anzeigen auf den Konsolen gaben den Takt vor. Chakotay lehnte sich im Kommandosessel zurück, den Blick auf den Hauptbildschirm gerichtet, wo die Sterne in endlosen Streifen vorbeizogen.
Die Brücke lief wie ein Uhrwerk – genau so, wie Kathryn es ihnen beigebracht hatte. Und die beste Pflicht, die sie an diesem Tag für ihren Captain erfüllen konnten, lag schlichtweg darin, den Kurs zu halten.