Unerlaubter Frontwechsel
Unerlaubter Frontwechsel
Kaum eine Stunde war vergangen, in der auf der Brücke die erhoffte, disziplinierte Ruhe geherrscht hatte, als das schrille Pfeifen der internen Kommunikation die Stille durchbrach.
Harry tippte auf seine Konsole, und prompt hallte Neelix’ Stimme durch den Raum – hektisch, atemlos und von einem Hauch reiner Verzweiflung getragen.
»Brücke, hier ist Neelix! Commander, verzeihen Sie die Störung, aber wir haben hier … nun ja, eine kleine taktische Komplikation im Kasino!«
Chakotay beugte sich im Kommandosessel leicht vor und aktivierte seinen Kommunikator. »Was gibt es, Neelix?«
»Die kleine Miral!«, rief der Talaxianer fast klagend. »Ich habe mich nur für zwei Sekunden umgedreht, um das plomeekische Püree umzurühren, und schwupps – war sie weg! Sie ist mir buchstäblich zwischen den Beinen durchgewischt und in den Korridor geflitzt. Ich habe die Gänge auf Deck zwei abgesucht, aber sie ist spurlos verschwunden!«
An der taktischen Station hob Tuvok langsam eine einzige Augenbraue so weit nach oben, dass sie fast im Haaransatz verschwand.
Chakotay konnte ein amüsiertes Schmunzeln nicht unterdrücken. Er wandte den Kopf zur Flugkontrolle und sah Tom an. Der Pilot saß aufrecht im Sessel, drehte sich halb um und zuckte schlicht mit den Schultern – eine Mischung aus väterlichem Stolz und vollkommener Ergebung in das Unvermeidliche.
»Neelix«, schaltete sich Tom grinsend in den Kanal ein. »Suchen Sie Miral beim Captain. Und … lassen Sie sich ruhig ein bisschen Zeit dabei.«
»Beim Captain?!«, echote Neelix verdutzt, bevor das Zischen einer automatischen Tür im Hintergrund verriet, dass er bereits unterwegs war. »Verstanden! Ich bin unterwegs!«
Kaum war die Verbindung getrennt, erklang schon der nächste Signalton. Dieses Mal war es die direkte Leitung aus dem Quartier des Captains.
»Janeway an Brücke«, erklang Kathryns Stimme über die Lautsprecher. Sie klang noch immer ein wenig belegt und matt, doch darunter schwang ein deutlicher, fast fassungsloser Hauch von Heiterkeit mit.
Chakotay tippte schmunzelnd auf die Armlehne. »Hier Brücke. Was gibt es, Kathryn?«
»Ihr werdet es mir nicht glauben«, sagte sie leise, während im Hintergrund das triumphale Kichern eines Kleinkindes und das unverwechselbare Geräusch eines auf den Boden geworfenen Datenpads zu hören waren. »Aber Miral ist gerade ganz allein bei mir im Quartier aufgetaucht. Mitten im Wohnbereich. Wie hat sie es an den Bewegungssensoren der Tür vorbeigeschafft?«
»Sagen wir einfach, sie hat die Entschlossenheit ihrer Eltern geerbt«, antwortete Chakotay warm, während Tom vorn leise lachte und Harry sich amüsiert den Mund hielt. »Neelix ist schon auf dem Weg zu dir, Kathryn. Aber wir haben ihm geraten, nicht allzu schnell zu rennen.«
Ein kurzes, leises Seufzen drang durch die Leitung, gefolgt von einem warmen, echten Atemzug des Einverständnisses.
»Lasst ihm ruhig Zeit«, erwiderte Kathryn sanft. »Sie hat das Buch schon wieder aufgeschlagen.«
Als kurz darauf der Türsummer ertönte und die Schotten zischend aufglitten, blieb Neelix im Rahmen stehen – die Hände noch halb vor die Brust geschlagen, den Mund zu einer überstürzten Entschuldigung geöffnet.
Doch die Worte blieben ihm in der Kehle stecken.
Miral saß mitten auf dem Schoß des Captains, tief in die weichen Kissen des Sessels gekuschelt. Ihre kleinen Beine baumelten rhythmisch über den Rand, während Kathryn die Arme schützend um das Kind gelegt hielt. Vor ihnen leuchtete das PADD, doch die vorgegebene Holo-Animation schien völlig nebensächlich zu sein. Miral fuchtelte mit beiden Händchen energisch in der Luft herum, deutete mit einem dicken Zeigefinger auf eine flackernde Illustration und erzählte mit glühenden Wangen ihre ganz eigene Geschichte über die Tiere im Wald.
»Und dann … bumm!«, rief das kleine Mädchen mit dramatischer Ernsthaftigkeit und fuchtelte vor Kathryns Nase. »Große Bär macht roaaar, aber Hasi läuft schnell-schnell weg, weil Bär keine Schuhe anhat!«
Kathryn lachte leise – ein rauer, noch matter Laut, aber frei von jener lähmenden Schwere, die sie am Morgen noch fast erstickt hatte. Ihre Finger lagen ruhig an Mirals Seiten, geerdet durch das lebendige, ungestüme Gewicht auf ihrem Schoß.
»Tatsächlich?«, entgegnete Kathryn sanft und strich dem Mädchen eine widerspenstige Locke aus der Stirn. »Keine Schuhe? Das ist natürlich ein schwerer taktischer Nachteil für den Bären.«
Neelix entspannte sich sichtlich, trat auf leisen Sohlen zwei Schritte näher und neigte den Kopf, während sich ein rührendes Lächeln über seine Züge ausbreitete.
»Captain«, flüsterte der Talaxianer fast ehrfürchtig. »Ich bitte vielmals um Verzeihung. Sie ist schlichtweg an mir vorbeigeschlüpft wie eine Sandfliege … aber wie ich sehe, hat die Kleine hier bereits das Kommando übernommen.«
Kathryn hob leicht die Hand, um seine Entschuldigungen sanft abzuwehren. Ihr Blick war ruhig, getragen von einer tiefen Dankbarkeit für diese unverhoffte Ablenkung.
»Neelix, alles gut«, sagte sie mit leiser, belegter Stimme und zog Miral noch ein kleines Stück näher an sich heran. »Lassen Sie sie hier. Und wenn Sie nachher Zeit haben, bringen Sie uns einfach etwas zu essen vorbei.«
Neelix blinzelte überrascht, doch seine Augen begannen sofort warm zu funkeln. »Sind Sie ganz sicher, Captain? Ich wollte Ihnen wirklich keine Last aufbürden …«
»Sie ist keine Last«, unterbrach ihn Kathryn sanft und strich Miral gedankenverloren über den Rücken. »Ganz im Gegenteil. Wir kommen hier wunderbar zurecht. Bringen Sie einfach eine Kleinigkeit – eine Suppe für mich und vielleicht etwas Fruchtpüree für die Geschichtenerzählerin hier.«
»Aber natürlich, Captain!«, strahlte Neelix übers ganze Gesicht, sichtlich erleichtert über diese diplomatische Wendung. Er verbeugte sich leicht. »Eine stärkende Brühe und die besten Vitamine für unsere Kriegerin. Ich kümmere mich sofort darum!«
Er trat leise rückwärts aus dem Quartier, und die Türen schlossen sich zischend hinter ihm.
Wieder senkte sich die Stille über den Raum, doch es war nicht mehr die bedrohliche, erstickende Einsamkeit von vorhin.
»Und dann?«, fragte Kathryn leise und tippte auf das bunte Bild eines Rehs im Dickicht. »Was macht das Häschen als Nächstes?«
Miral gluckste zufrieden auf, kuschelte sich tiefer in Kathryns Arm und spann ihr Waldabenteuer unbeirrt fort.