Sanftes Erwachen
Sanftes Erwachen
Kaum waren die Schotten leise ins Schloss geglitten, sank Kathryn tiefer in die Kissen. Das Datenpad mit den harmlosen Biosensoren-Routinen ruhte unberührt auf ihrem Schoß. Das dumpfe Pochen in ihren Schläfen ebbte allmählich ab, und zum ersten Mal seit Tagen war da keine drängende Pflicht, kein Alarm und keine innere Stimme, die sie erbarmungslos antrieb. Die bleierne Erschöpfung forderte ihr Recht ein – und Kathryn schlief einfach ein, umfangen von der stillen Wärme ihres Quartiers.
Ein sachter Druck an ihrer Schulter holte sie Stunden später behutsam an die Oberfläche zurück.
Kathryn zuckte kurz zusammen, blinzelte desorientiert gegen das gedämpfte Licht an und griff instinktiv nach der Sessellehne, als müsse sie einen Sturz abfangen.
»Ganz ruhig, Kathryn. Ich bin es nur«, flüsterte Samantha Wildman mit besänftigender Stimme und nahm die Hand behutsam von ihrer Schulter.
Kathryn atmete stockend aus, fuhr sich mit kraftloser Hand über das Gesicht und blinzelte die Schlaftrunkenheit fort. Das Herzklopfen beruhigte sich nur langsam, während die Konturen des Raumes wieder scharf wurden.
»Samantha …«, brachte sie mit belegter, rauer Stimme hervor.
»Celes meinte, ich sollte nach meiner Schicht noch einmal vorbeikommen«, erklärte Samantha mit einem warmen Lächeln und zog sich leise den kleinen Hocker heran, um sich neben den Sessel zu setzen.
Kathryn lehnte den Kopf kraftlos zurück gegen das Polster und schloss für einen Herzschlag die brennenden Lider.
»Ich bin so müde«, gestand sie leise. In den Worten schwang keine Abwehr mehr mit, kein Trotz – nur die nackte, ungeschminkte Wahrheit eines Körpers, dessen Reserven restlos aufgebraucht waren.
Kathryn atmete tief und zittrig durch, ließ den Kopf langsam zur Seite sinken und sah Samantha an. Die Anspannung, die sonst jede ihrer Bewegungen begleitete, war wie weggewaschen – übrig blieb nur eine ehrliche, fast zerbrechliche Offenheit.
»Ich … ich finde es besser so«, sagte Kathryn mit leiser, belegter Stimme und blickte Samantha direkt in die Augen. »Dass du noch einmal zur Kontrolle vorbeigekommen bist.«
Samantha zog überrascht, aber sichtlich berührt die Augenbrauen hoch. Zu oft hatte sie erlebt, wie der Captain medizinische Kontrollen abgewehrt, heruntergespielt oder gänzlich ignoriert hatte, um keine Schwäche zu zeigen. Dieses schlichte Eingeständnis wog schwerer als jeder Dienstplan.
»Ich habe gemerkt, wie schnell es kippt«, fuhr Kathryn leise fort, während ihre Finger fahrig über den weichen Stoff der Decke strichen. »Wenn ich hier sitze und die Stille zu laut wird. Zu wissen, dass du oder Chakotay nach mir seht … es hält mich am Boden.«
Samantha lächelte warm und drückte Kathryns Arm sachte.
»Dann wird das jetzt unser Standardprotokoll«, erwiderte Samantha mit sanfter Bestimmtheit. »Kein Versteckspiel mehr. Du musst das hier nicht allein durchstehen, Kathryn. Und wir sind da – genau so oft, wie du es brauchst.«
Kathryn nickte matt, schloss wieder die Augen und spürte, wie die bleierne Schwere in ihren Gliedern sich zum ersten Mal nicht mehr wie ein Feind anfühlte, sondern wie der behutsame Beginn echter Erholung.
Kathryns Stimme brach kurz, wurde noch leiser und zitterte unter einer tief sitzenden, verletzlichen Angst, die sie bisher eisern verschwiegen hatte.
»Wenn ich abdrifte … vertraue ich dir«, flüsterte sie und klammerte sich für einen kurzen Moment mit schwachen Fingern an Samanthas Ärmel fest. Die Erinnerung an den eisigen Schrecken, an die Hilflosigkeit und das unkontrollierbare Beben ihres Körpers stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. »Naomi … Naomi soll mich nicht wieder so finden.«
Samanthas Blick wurde unendlich weich. Sie legte ihre andere Hand behutsam über Kathryns zitternde Finger und strich mit dem Daumen tröstend über ihren Handrücken.
»Das wird sie nicht, Kathryn. Ich verspreche es dir«, sagte Samantha mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel zuließ. »Deshalb komme ich während meiner Schichten hierher. Nicht Naomi, nicht ein zufälliger Bote – ich bin da. Wenn deine Gedanken abdriften oder die Panik anklopft, hole ich dich zurück, noch bevor es kippen kann.«
Kathryns Griff lockerte sich langsam. Sie nickte kaum merklich, ließ die Lider sinken und sank mit einem befreiten Seufzen vollends in die Kissen zurück.
»Danke«, hauchte sie in die schützende Stille des Raumes, getragen von der Gewissheit, dass ihr Vertrauen in den sichersten Händen lag.
Kathryns Augenlider wurden endgültig schwer. Die Worte verließen ihre Lippen kaum mehr als ein sanfter Lufthauch, begleitet von den schwindenden Schatten eines matten Lächelns.
»Celes kann gut mit Miral …«, hauchte sie leise, während ihr Kopf zur Seite sank und die Anspannung vollends von ihren Zügen wich.
Samantha blieb noch einen langen Moment schweigend sitzen. Sie zog die weiche Decke behutsam über Kathryns Schultern, strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn und lauschte dem gleichmäßigen, tiefen Atem ihres Captains.
Es war kein fiebriger, von Albträumen getriebener Schlaf mehr. Es war der Beginn echter Erholung – getragen von dem stillen Versprechen, dass niemand auf diesem Schiff sie je wieder allein abdriften lassen würde.