Rückkehr in Etappen
Rückkehr in Etappen
Eine Woche war vergangen – sieben Tage, in denen Kathryns Alltag nicht mehr von plötzlichen Panikattacken und lähmender Isolation beherrscht wurde, sondern von einer behutsamen, eisern eingehaltenen Routine. Samanthas verlässliche Kontrollen während ihrer Dienstschichten hatten der Stille den Schrecken genommen, und die stetige, unaufdringliche Nähe der Crew hatte das Fundament gelegt, auf dem Kathryn langsam wieder Tritt fasste.
Heute war der Tag, an dem sie zum ersten Mal wieder die Brücke betrat.
Es war keine feierliche Zeremonie, kein großes Aufheben. Als die Turbolifttüren auf Deck eins aufglitten, stand Kathryn in ihrer makellosen Dienstuniform im Eingang. Ihre Schritte waren noch nicht ganz so forsch wie früher, die Wangen noch etwas blasser als gewohnt, doch der Blick aus ihren Augen war wieder klar und wach.
Chakotay, der sofort aus dem Kommandosessel aufstand, nickte ihr mit einem warmen, unaufgeregten Lächeln zu.
»Captain auf der Brücke«, meldete Harry Kim pflichtbewusst, doch in seiner Stimme schwang ein unverhohlener Unterton purer Erleichterung mit.
»Weitermachen«, sagte Kathryn mit ruhiger, gefasster Stimme. Sie nahm im mittleren Sessel Platz, spürte das vertraute Leder unter ihren Händen und atmete das leise Summen der Schiffskonsolen ein wie frische Luft nach einem langen Tauchgang.
Sie leitete die Brücke mit gewohnter Souveränität, doch diesmal gab es kein verbissenes Ignorieren der eigenen Grenzen. Nach genau einer halben Schicht spürte sie, wie die Konzentration nachließ und ein dumpfer Druck hinter ihren Schläfen anklopfte.
Sie stand auf, ohne sich dafür zu rechtfertigen.
Chakotay trat sofort an ihre Seite und reichte ihr einen ordentlichen, aber überschaubaren Stapel Datenpads.
»Die restlichen Routinen für heute, Kathryn«, sagte er leise und sah sie forschend, aber voller Anerkennung an. »Nur Berichte, keine akuten Entscheidungen. Samantha weiß Bescheid, dass du jetzt Feierabend machst.«
»Danke, Chakotay«, erwiderte sie leise, nahm die PADDs unter den Arm und nickte ihm dankbar zu. »Das Kommando liegt bei Ihnen.«
Am Abend jedoch war von Schonung im klassischen Sinne keine Rede mehr – wenn auch auf die denkbar schönste Art.
Der Türsummer ihres Quartiers ertönte, und als Kathryn die Schotten öffnete, stand die Familie Paris vollzählig vor ihr. B’Elanna lehnte mit einem amüsierten Grinsen im Türrahmen, Tom trug eine Schale mit Snacks, und zwischen ihnen beiden marschierte Miral mit der Entschlossenheit einer jungen Kriegerin hindurch. Unter ihrem Arm presste sie das alte, abgegriffene Papierbuch über die Kinder von Bullerbü fest an ihre Brust.
»Wir hatten absolut keine Chance auf Verhandlungen«, stellte Tom mit gespielter Verzweiflung fest, während er eintrat. »Miral hat im Kasino ein regelrechtes Tribunal abgehalten. Sie hat darauf bestanden, dem Captain höchstpersönlich die Geschichte vorzulesen – beziehungsweise sie sich vorlesen zu lassen.«
»Sie lässt sich ihre Rechte eben nicht nehmen«, lachte B’Elanna und klopfte Tom gegen die Schulter.
Miral war bereits schnurstracks auf das Sofa zugesteuert, kletterte energisch auf das Polster und klopfte mit der flachen Hand auffordernd neben sich. Sie schlug das Buch schwungvoll auf, tippte mit ihrem kleinen Zeigefinger mit voller Wucht auf das Bild eines kleinen, rotgetigerten Kätzchens im Heu und sah Kathryn mit leuchtenden Augen an.
»Lisa miau!«, krähte Miral triumphierend. »Miau, miau!«
Kathryn lachte – ein freies, tiefes Lachen, das jeden Schatten der vergangenen Tage endgültig aus den Ecken des Quartiers vertrieb. Sie setzte sich neben die kleine Klingonin, strich ihr behutsam über die feinen Locken und schob das Buch vorsichtig zurecht, damit die Seiten nicht knickten.
»Ganz genau, Miral«, sagte Kathryn mit warmer, sanfter Stimme. »Lisa und ihr Kätzchen. Weißt du noch, wo es sich versteckt hatte? Oben auf dem Heuboden, ganz leise, damit der Hund es nicht gleich findet.«
Miral nickte mit ernster Miene, als handele es sich um eine hochoffizielle Lagebesprechung, lehnte sich mit dem ganzen Oberkörper an Kathryns Seite und lauschte gebannt.
Vom Tisch herüber beobachteten Tom und B’Elanna die Szene mit unverhohlenem Schmunzeln.
»Ich glaube fast, sie trainiert ihre Taktik für den Delta-Quadranten anhand von schwedischen Bauernhöfen«, flüsterte Tom leise zu B’Elanna, während er sich eine gedörrte Frucht aus der Schale nahm.
»Solange sie dabei stillsitzt und dem Captain nicht die Haare verstrubbelt, ist mir jede schwedische Katze recht«, gab B’Elanna schmunzelnd zurück und stützte das Kinn auf die Hand.
Kathryn las mit ruhiger, getragener Stimme weiter, Zeile für Zeile, während das gedämpfte Licht des Quartiers die Kälte des Alls draußen hielt. Mirals Augenlider wurden im Takt der Sätze langsam schwerer, ihr Atem ging tiefer, und zum ersten Mal fühlte sich die Welt auf der Voyager für alle Beteiligten wieder vollkommen im Gleichgewicht an.
Miral war nach wie vor völlig fasziniert von Kathryn. Ihre dunklen Augen hingen förmlich an den Lippen des Captains, während Kathryn mit ruhiger Stimme weiterlas. Für die kleine Halbklingonin gab es in diesem Moment nichts Spannenderes auf der gesamten Voyager.
Die Schotten glitten leise zischend auf, und Naomi Wildman trat herein. Sie balancierte kein technisches PADD, sondern trug ein ziemlich dickes, bunt eingebundenes Buch fest unter den Arm geklemmt vor sich her. Mit wichtiger Miene steuerte sie geradewegs auf den Tisch zu.
Chakotay, der sich inzwischen zu Tom und B’Elanna an den Tisch gesetzt hatte, lehnte sich schmunzelnd zurück und musterte den Buchrücken, auf dem eine Lupe und eine viktorianische Schiebermütze prangten.
»Oh, der junge Sherlock Holmes betritt die Bildfläche«, bemerkte Chakotay mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
»Ja!«, antwortete Naomi stolz, stellte sich kerzengerade hin und legte den Band vorsichtig auf der Tischplatte ab.
»Also, jetzt sind wir aber wirklich gespannt«, sagte Tom, beugte sich mit gespielter Dringlichkeit vor und stützte das Kinn auf die Hände. »Welcher knifflige Fall steht uns denn heute bevor, Meisterdetektivin?«
Naomi tippte bedeutungsvoll auf das Titelbild. »Das Geheimnis der Baker Street. Mom hat gesagt, wenn Miral ihre Bullerbü-Geschichte durch hat, darf ich das nächste Rätsel vorlesen. Und Captain, ich habe schon herausgefunden, wer die Taschenuhr entwendet hat, bevor Holmes es überhaupt auf Seite vierzig erraten hat!«
Kathryn blickte vom Sofa auf und schüttelte lachend den Kopf.
»Eine hervorragende dedektive Leistung, Naomi«, sagte Kathryn warm. »Aber verrate uns das Ende bloß nicht, bevor wir nicht selbst kombiniert haben.«