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Eine Räubertochter am Krankenbett

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Eine Räubertochter am Krankenbett

Zwei Stunden später summte der Türoffner mit einem kaum hörbaren Signal.

Samantha tippte auf das Schott-Paneel, und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. Draußen stand Naomi Wildman. Ihre Schultertasche hing schief über der Schulter, das Haar war ein wenig verstrubbelt, und ihre großen, aufmerksamen Ktarianer-Augen blickten mit vorsichtigem Respekt in das gedämpfte Quartier.

»Mama?«, flüsterte das Mädchen leise. »Die Schule ist aus. Neelix hat mir eine Fruchttasche mitgegeben, und … ich wollte nachsehen, wie es dem Captain geht.«

Samantha legte den Finger auf die Lippen, trat einen Schritt zur Seite und winkte ihre Tochter herein. »Ganz leise, Schatz. Sie schläft tief. Aber komm rein.«

Naomi schlich auf Zehenspitzen über den Teppich. Ihre Schritte machten fast kein Geräusch. Am Bio-Bett blieb sie stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah auf Kathryn hinab.

Auf dem Kissen regte sich etwas. Der leise Laut von Naomis Stiefeln oder das veränderte Licht im Raum hatten Kathryns scharfe Sinne geweckt. Ihre Lider zuckten, hoben sich langsam und gaben den Blick frei. Er war noch umflort von Müdigkeit, doch als sie die kleine Gestalt am Fußende erkannte, milderten sich ihre angespannten Gesichtszüge augenblicklich.

»Naomi …«, brachte Kathryn mit matter, aber klarer Stimme hervor.

»Hallo, Captain«, flüsterte Naomi feierlich, trat noch einen halben Schritt näher und neigte den Kopf. »Ich wollte nicht stören. Aber Commander Chakotay hat gesagt, dass Sie wieder hören und sehen können.«

Ein Hauch von Selbstironie blitzte in Kathryns Augen auf, doch vor dem Kind gab es keinen Platz für verletzten Stolz. Naomi sah sie nicht mit dem gequälten Mitleid an, das Kathryn so fürchtete; sie sah sie mit der schlichten, aufrichtigen Zuneigung eines Kindes an, das seinen Helden besucht.

Samantha trat mit einem warmen Lächeln an das Bett, in den Händen das Buch, das sie zuvor aus dem Schrank geholt hatte.

»Naomi«, sagte Samantha sanft, »der Captain hat eine Überraschung für dich. Sie hat dafür gesorgt, dass du etwas Besonderes zum Lesen bekommst – noch bevor dieser Unfall passiert ist.«

Samantha reichte ihrer Tochter den Band. Naomi hielt den Atem an, als sie mit beiden Händen nach dem echten, gebundenen Buch griff. Ihre Augen wurden riesengroß.

»Ronja Räubertochter«, las Naomi ehrfürchtig vor und strich über das liebevoll illustrierte Cover, auf dem ein wildes Mädchen durch einen tiefen, uralten Wald sprang. »Ein echtes Buch aus Papier? Von der Erde?«

»Von … der Erde«, bestätigte Kathryn leise. Das Sprechen strengte sie noch immer an, doch die Freude in Naomis Gesicht wirkte wie ein Balsam auf die bitteren Wunden der letzten Tage. »Ein Mädchen … das keine Angst vor den Wäldern hat. Genau das Richtige … für den Assistenten des Captains.«

Naomi drückte das Buch fest an ihre Brust, als wäre es der wertvollste Schatz des Alpha-Quadranten. Sie trat ganz nah an die Bettkante heran, sah Kathryn direkt in die Augen und strahlte.

»Danke, Captain Janeway! Ich werde jedes einzelne Wort lesen. Und … wenn Sie möchten, lese ich Ihnen später das erste Kapitel vor. Mama hat gesagt, Ronja kann ganz furchtbar laut schreien, um die Graugnome zu verjagen. Vielleicht hilft das auch Ihren Nerven.«

Samantha konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken und legte ihrer Tochter sanft eine Hand auf die Schulter.

Kathryn spürte, wie sich die eiserne Schwere in ihrer Brust löste. Zum ersten Mal seit Tagen war da kein Groll, kein Gedanke an verlorene Würde oder Scham. Da war nur das warme Quartier, das leise Summen der Voyager und das Lächeln eines Kindes, das sie daran erinnerte, wofür sie eigentlich kämpfte.

»Abgemacht, Naomi«, hauchte Kathryn, und dieses Mal lag ein echtes, ungebrochenes Lächeln auf ihren Lippen. »Später … verjagen wir die Graugnome.«