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Mattis und Borka im Delta-Quadranten

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Mattis und Borka im Delta-Quadranten

Mattis und Borka im Delta-Quadranten

Die Alpha-Schicht war ohne Zwischenfälle verlaufen. Nach acht Stunden auf der Brücke übergab Chakotay das Kommando an Harry, streifte die Anspannung des Dienstes ab und machte sich ohne Umwege auf den Weg zu Kathryns Quartier.

Die Tür glitt mit einem gedämpften Zischen zur Seite. Im Raum herrschte eine friedliche, fast andächtige Stille. Das Licht war nach wie vor auf ein sanftes Abenddämmern gedimmt.

Auf dem Sofa saß Naomi Wildman. Sie hatte die Beine untergeschlagen, hielt das dicke Buch mit beiden Händen fest umklammert und war so tief in die Seiten versunken, dass sie Chakotays Eintreten überhaupt nicht bemerkte. Ihre Lippen bewegten sich lautlos bei jedem Satz, und ihre Stirn lag in ernsten Falten. Samantha stand leise am Kopfende des Betts, wo Kathryn mit geschlossenen Augen ruhig atmete, und wechselte gerade eine der dermalen Stimulationsauflagen an Janeways Schläfe.

Chakotay schlich leise über den Teppich, zog die Stiefel kaum vom Boden hoch und ließ sich behutsam neben Naomi auf das Sofa sinken.

Das Polster gab leicht nach, doch das Mädchen blätterte lediglich mit flinken Fingern um.

»Scheint eine fesselnde Mission zu sein«, flüsterte Chakotay mit einem schiefen Schmunzeln. »Was liest du denn da so Vertieftes?«

Naomi zuckte leicht zusammen, blinzelte verwirrt von den bedruckten Seiten auf und sah ihn mit großen, runden Augen an. Ein verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie erkannte, wer neben ihr saß.

»Commander!«, hauchte sie ehrfürchtig und zeigte ihm das Buch. »Ronja Räubertochter. Der Captain hat es mir geschenkt. Es ist von der alten Erde.«

»Ein Klassiker«, nickte Chakotay anerkennend. »Und? Worum geht es bisher?«

Naomi rutschte ein Stück näher an ihn heran, drehte den Band so, dass er die Illustrationen sehen konnte, und begann mit der ernsten Gründlichkeit des Assistenten des Captains zu erklären.

»Ronja ist die Tochter von Mattis, einem Räuberhäuptling. Sie leben in einer riesigen Burg mitten im Wald. Aber dann zieht eine andere Bande ein – die Borka-Räuber. Mattis und Borka hassen sich schon seit Generationen. Jeder glaubt, der Wald und die Burg gehören nur ihm, und sie bekämpfen sich ständig.« Naomi senkte die Stimme zu einer bedeutungsvollen Nuance und sah ihn prüfend an. »Wissen Sie, Commander … das hat mich sofort an etwas erinnert.«

Chakotay hob amüsiert eine Augenbraue. »Tatsächlich? Woran denn?«

»An Sie und die Sternenflotte«, sagte Naomi mit entwaffnender Direktheit. »Die Fehde zwischen Mattis und Borka … das ist fast genauso wie der Streit zwischen der Sternenflotte und dem Maquis damals in den Badlands. Beide Gruppen dachten, sie hätten das alleinige Recht auf ihr Gebiet, und niemand wollte nachgeben.«

Chakotay hielt inne. Für einen kurzen Augenblick war er sprachlos über den scharfen, unverstellten Verstand dieses Kindes. Dann schlich sich ein tiefes, warmes Lächeln auf seine Züge.

»Ein erstaunlich treffender Vergleich, Naomi«, gab er leise zu. »Wir waren damals stur. Genau wie diese Räuberbanden.«

»Aber Ronja hat Birk getroffen, Borkas Sohn«, fuhr Naomi eifrig fort, die Augen funkelnd vor Begeisterung. »Sie sollten eigentlich Feinde sein. Aber als Ronja in die Schlucht gestürzt ist, hat Birk ihr ein Seil zugeworfen und sie gerettet. Und danach wurden sie Freunde, heimlich, obwohl ihre Väter wütend waren.« Sie sah kurz zum Bio-Bett hinüber, wo Kathryn lag, und dann wieder zu Chakotay. »So ähnlich wie bei Ihnen und dem Captain, oder? Sie haben sich auch geholfen, als es gefährlich wurde, und jetzt ziehen Sie an einem Strang.«

Vom Bett her erklang ein leises, heiseres Geräusch.

Chakotay und Samantha sahen gleichzeitig auf. Kathryn hatte die Augen geöffnet. Sie blickte vom Kissen herüber zu dem Sofa, wo ihr Erster Offizier und das kleine Mädchen die alten Konflikte des Alpha-Quadranten anhand einer Kindergeschichte sezierten.

Ein feiner Glanz lag in ihren Augen, doch diesmal war es kein Zorn. Ein schwaches, aber unverkennbar belustigtes Lächeln umspielte ihre blassen Lippen.

»Naomi …«, hauchte Janeway mit brüchiger Stimme durch die Dämmerung des Raumes. »Sag ihm bloß nicht … dass er der Borka-Räuber ist. Sonst … wird er noch eitel.«

Chakotay lachte leise auf, stand auf und trat an ihre Seite, während Naomi kichernd die Hände vor den Mund schlug. In diesem Moment war das Quartier kein Krankenzimmer mehr – es war ein Zuhause.