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Kapitel 10 – Kein Zufall

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Kapitel 10 – Kein Zufall

An diesem Tag hatte TEIDES kaum geschlafen.

Schon beim Frühstück sah man ihm an, dass die Nacht alles andere als erholsam gewesen war. Seine Bewegungen waren langsamer als sonst, immer wieder rieb er sich über die Augen und mehr als einmal musste er ein Gähnen unterdrücken.

Aletheia bemerkte es sofort.

Was ist denn mit dir passiert?

Xellia saß neben ihr und musterte ihn ebenfalls.

Oh Mann ... du siehst ja völlig fertig aus.

TEIDES brauchte einen Moment, bis er überhaupt realisierte, dass beide mit ihm sprachen.

Hä? Was meint ihr?

Aletheia musterte ihn von oben bis unten, griff schließlich in ihre Hosentasche und holte einen kleinen Schminkspiegel hervor.

Schau mal.

TEIDES nahm den Spiegel und betrachtete sich.

Seine Haare standen in alle Richtungen ab. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe und sein Blick wirkte, als wäre er gerade erst aus dem Bett gefallen.

TEIDES verzog das Gesicht.

Oh Mann, ey ... ich hab heute überhaupt nicht in den Spiegel geguckt.

Xellia deutete auf sein Oberteil.

Das merkt man. Du hast sogar dein T-Shirt falsch herum an.

TEIDES blickte an sich hinunter.

Für einen Moment sagte er nichts.

Ach, komm schon ...

Ein paar der anderen Mädchen am Tisch kicherten und tuschelten miteinander, während sie immer wieder zu ihm hinübersahen.

TEIDES ließ den Kopf hängen und fuhr sich müde durchs Haar.

Aletheia stand auf.

Komm mal mit.

TEIDES hob langsam den Kopf.

Wohin?

Zu den Duschräumen.

Er sah sie irritiert an.

Aletheia verschränkte die Arme.

Ich kann es nicht ertragen, wenn Freunde von mir wie Zombies herumlaufen.

Sie griff nach seiner Hand und zog ihn einfach mit sich.

Komm.

Wenig später erreichten sie die Duschräume.

Aletheia öffnete die Tür und deutete hinein.

So. Rein da.

TEIDES blieb stehen.

Kommst du etwa mit?

Ja.

TEIDES deutete auf das Schild neben der Tür.

Dir ist schon klar, dass das die Jungendusche ist, oder?

Ja. Ist mir egal.

Sie schob ihn ein Stück weiter hinein.

So, erstmal duschen. Ich warte hier.

In diesem Moment kam ein Junge aus dem Duschbereich.

Als er Aletheia bemerkte, wurde er sofort verlegen, zog sein Handtuch fester um die Hüfte und verschwand mit schnellen Schritten.

TEIDES sah ihm kurz hinterher und dann wieder zu Aletheia.

Das scheint dir ja überhaupt nichts auszumachen.

Sie sah ihn fragend an.

Was?

Dass hier Jungs halbnackt herumlaufen.

Aletheia zuckte mit den Schultern.

Die interessieren mich doch nicht.

TEIDES hob eine Augenbraue.

Und was interessiert dich dann?

Du.

Für einen Moment wurde es still.

Aletheias Wangen färbten sich leicht rot.

Dann schubste sie TEIDES hastig in Richtung Dusche.

Los jetzt! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. In einer Stunde beginnt der Unterricht.

TEIDES sah sie noch kurz an, sagte aber nichts mehr und verschwand schließlich im Duschbereich.

Aletheia blieb zurück.

Erst jetzt schien ihr klar zu werden, was sie gerade gesagt hatte.

Was sage ich denn da ...?

Sie schlug sich kurz mit der Hand gegen die Stirn, ging zurück auf den Flur und lehnte sich neben der Tür an die Wand.

Dann erzähl mal. Was ist passiert?

Von drinnen kam TEIDES’ Stimme.

Hä? Redest du mit mir?

Nein, mit dem Großzahnkaninchen hinter dir. Mann, natürlich mit dir.

Okay.

Aletheia wartete kurz.

Okay? Willst du darüber reden?

In dieser Situation?

Aletheia drehte den Kopf leicht zur Tür.

Ich kann auch zu dir reinkommen.

TEIDES antwortete sofort.

Ähm ... nee, lass mal. Wir können auch so reden.

Na gut. Also?

Für einen Moment war nur das Rauschen des Wassers zu hören.

Ich habe mich an etwas erinnert. Zumindest glaube ich das. Es war ein seltsamer Traum.

Aletheia wurde sofort ruhiger.

Ich lag irgendwo auf dem Boden. Alles war verschwommen. Ich konnte rote und weiße Lichter sehen und da war irgendetwas Großes vor uns.

TEIDES hielt kurz inne.

Du warst auch da. Zumindest glaube ich, dass du es warst. Du hast meinen Namen gerufen und gesagt, ich soll aufstehen, weil dieses Ding gleich wieder angreift.

Aletheias Gesichtsausdruck veränderte sich.

Sie richtete sich langsam von der Wand auf.

Ich?

Ja. Zumindest glaube ich das.

Aletheia schwieg einen Moment.

Und was ist dann passiert?

Da waren noch andere Stimmen. Irgendjemand hat gefragt, was hier los ist, und jemand anderes meinte, er könne nicht mehr.

TEIDES’ Stimme wurde ernster.

Danach sind plötzlich rote Systemfenster aufgetaucht.

Aletheia runzelte die Stirn.

Was stand darauf?

SYSTEMFEHLER.

Weitere Signatur erkannt.

Aletheia erstarrte.

Weitere Signatur?

Ja. Und direkt danach kam noch eine Meldung.

TEIDES schwieg kurz.

Notabschaltung eingeleitet.

Aletheias Blick blieb auf der Tür liegen.

Für einige Sekunden sagte sie nichts.

Dann fragte sie leiser:

TEIDES ... glaubst du wirklich, dass das eine Erinnerung war?

Auf der anderen Seite blieb es still.

Als keine Antwort kam, sprach Aletheia weiter.

Ich glaube, wir haben etwas Ähnliches gesehen.

Von der anderen Seite kam sofort TEIDES’ Stimme.

Was?

Aletheia atmete kurz durch.

Ich hatte auch so einen seltsamen Traum. Aber ich konnte keine Gesichter erkennen und habe auch keine Namen gehört. Nur Silhouetten.

TEIDES sagte zunächst nichts.

Das Rauschen des Wassers lief weiter.

Und im Hintergrund war eine riesige Gestalt, fuhr Aletheia fort. Es sah so aus, als würde sie gerade einen Angriff vorbereiten.

TEIDES drehte langsam den Kopf in Richtung Wand.

Warte mal.

Seine Stimme klang plötzlich deutlich wacher.

Du hast das wirklich auch gesehen?

Ja.

Die Müdigkeit war für einen Moment wie weggeblasen.

Das kann kein Zufall sein. Nicht wenn wir beide fast dasselbe gesehen haben.

Aletheia antwortete nicht sofort.

TEIDES fuhr sich mit einer Hand durchs nasse Haar.

Dann war das vielleicht wirklich keine normale Erinnerung ... oder zumindest nicht nur meine.

Wenn es darauf Antworten gibt, finden wir sie wahrscheinlich nur in ACO.

TEIDES nickte langsam, auch wenn sie es nicht sehen konnte.

Ja. Da hast du wahrscheinlich recht.

Danach sagte keiner von beiden etwas.

Nur das gleichmäßige Rauschen des Wassers füllte die Stille zwischen ihnen.

TEIDES blickte zur Wand.

Wann hattest du diesen Traum eigentlich?

Aletheia zögerte kurz.

Vor ungefähr einer Woche.

TEIDES’ Blick wurde ernster.

Eine Woche?

Ja.

Wieder entstand eine kurze Stille.

TEIDES dachte an die Bilder der vergangenen Nacht.

Die Stimmen.

Die riesige Gestalt.

Die roten Systemfenster.

Und jetzt erzählte Aletheia ihm von beinahe denselben Bildern.

Okay ...

Aletheia richtete sich etwas von der Wand auf.

Was?

TEIDES antwortete ohne zu zögern.

Wir müssen herausfinden, was damals passiert ist.

Aletheia legte für einen kurzen Moment ihre Hand an die Wand.

Das glaube ich auch.

Das Wasser verstummte.

Wenig später trat TEIDES mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Duschbereich.

Aletheia sah ihn an und lächelte.

Jetzt siehst du wenigstens wieder menschlich aus und nicht mehr wie jemand, der mein Gehirn zum Frühstück haben möchte.

TEIDES hob eine Augenbraue.

Ich nehme das mal als Kompliment.

Aletheia musste lachen.

Solltest du auch.

Dann deutete sie auf ihn.

Gut. Dann los. Du musst dir noch frische Sachen anziehen.

Ja, mach ich.

Aletheia wandte sich bereits zum Gehen.

Ich warte in der Mensa auf dich. Was möchtest du essen? Ich bestelle dir schon mal was.

TEIDES dachte kurz nach.

Ein Sandwich würde ich nehmen.

Aletheia grinste.

Oder zwei?

Ja. Zwei.

Gut. Dann werden es drei.

Damit drehte sie sich um und ging.

TEIDES blieb noch einen Moment stehen.

Derselbe Traum ...

Wenn Aletheia tatsächlich etwas Ähnliches gesehen hatte, war das Ganze vielleicht wirklich mehr als nur ein Traum.

Er atmete langsam aus und ging zurück in sein Zimmer, um sich umzuziehen.

◆ ◆ ◆

Da bist du ja endlich. Ich hab dir schon was hingestellt.

TEIDES sah auf den Teller.

Vier Sandwiches? Ich dachte, es werden drei.

Aletheia grinste.

Ja, aber du sahst vorhin ziemlich hungrig aus.

TEIDES setzte sich und blickte sich kurz in der Mensa um.

Wo sind eigentlich die anderen?

Aletheia sah ebenfalls durch den fast leeren Raum.

Wahrscheinlich schon in der Klasse. Ist ja kaum noch jemand da.

Dann deutete sie wieder auf den Teller.

Also iss erstmal in Ruhe. Du hast noch dreißig Minuten.

TEIDES nickte.

Und dann?

Dann gehen wir zusammen in die Klasse.

Okay.

TEIDES nahm sich das erste Sandwich.

Aletheia sah ihn einen Moment an.

Und diesmal bitte nicht einschlafen.

TEIDES warf ihr einen müden Blick zu.

Keine Versprechen.

Das meine ich ernst.

TEIDES hob leicht die Hände.

Ja, ja. Schon gut.

Er nahm noch einen Bissen.

Also, heute wieder diven?

Klar. Aber erst gegen fünfzehn Uhr. Ich muss vorher noch ein paar Sachen erledigen.

Passt.

Aletheia sah ihn schief an.

Und wehe, du gehst vorher ohne mich rein.

TEIDES blickte zu ihr.

Würde ich mich niemals trauen.

Das will ich auch hoffen.

Sie grinste zufrieden.

Nachdem TEIDES aufgegessen hatte, machten sich beide gemeinsam auf den Weg zur Klasse.

◆ ◆ ◆

Kaum betraten sie den Raum, begann es wieder zu tuscheln.

Ein paar der Mädchen warfen TEIDES immer wieder Blicke zu.

Aletheia hat ihn aber schnell ummodelliert.

TEIDES verzog leicht das Gesicht, während Aletheia so tat, als hätte sie nichts gehört.

Hier drüben! rief Xellia.

Neben ihr waren noch zwei Plätze frei.

TEIDES, setz dich zu uns!

Aletheia sah zu ihm und nickte in Xellias Richtung.

Ja, komm.

Gemeinsam gingen sie zu ihr und setzten sich.

Und? Wie war euer erster gemeinsamer Dive? Ich will alles wissen. Gestern bist du ja direkt eingepennt, sagte Xellia zu Aletheia.

Nun, es war—

In diesem Moment schaltete sich der große Monitor vorne an der Tafel ein.

Auf dem Bildschirm war niemand zu sehen.

Nur das Logo von ACO Production erschien.

Eine Stimme erklang.

Heute begrüßen wir zwei neue Schüler.

TEIDES blickte zum Monitor.

Die Stimme kam ihm irgendwie vertraut und gleichzeitig völlig fremd vor.

Die anderen schienen sie dagegen sofort zu erkennen.

Zum einen TEIDES, siebzehn Jahre alt, und zum anderen die dreizehnjährige Mirajane Arased.

Zwei? murmelte jemand überrascht.

Kurz darauf öffnete sich die Tür.

Ein junges Mädchen trat in den Raum.

Sie hatte kurze braune Haare, die von einer Haarspange zusammengehalten wurden. Ihre Kleidung war schlicht. Auf ihrem Oberteil war deutlich das Logo von ACO Production zu erkennen.

Kaum war ihr Name gefallen, ging ein leises Tuscheln durch die Reihen.

Arased?

Warte mal ... Mirajane Arased?

Das ist doch dieses Wunderkind.

Ja, genau die.

Die soll fünf Klassen übersprungen haben.

Und mit neun schon die Hochschulreife geschafft haben.

Mit neun?

Hab ich auch gehört.

Kein Wunder, dass mir der Nachname bekannt vorkam.

Arased kennt doch jeder.

Na toll. Jetzt haben wir also so jemanden hier.

Du klingst neidisch.

Bin ich nicht. Ich frag mich nur, warum jemand wie sie überhaupt nach Elyon kommt.

Die Stimme aus dem Monitor erklang erneut.

Bitte setz dich auf einen freien Platz.

Mirajane ließ ihren Blick kurz durch den Raum wandern.

Sie sah in die Gesichter der anderen Schüler, sagte jedoch nichts.

Dann ging sie zu einem freien Platz direkt vor TEIDES, Aletheia und Xellia und setzte sich.