Kapitel 11 – Rang 1
Kapitel 11 – Rang 1
Nicht mal vorgestellt hat sie sich. Die hält sich wohl für was Besseres als wir, tuschelten einige der Mädchen.
Ein Junge hinter TEIDES mischte sich ein.
Es war derselbe, der ihn an seinem ersten Tag blöd angemacht hatte.
Wunderkinder sind doch alle so.
Mirajane reagierte äußerlich nicht darauf.
Nur ihre Finger schlossen sich für einen kurzen Moment etwas fester um den Rand ihres Tisches, bevor sie die Hand wieder lockerte.
Xellia drehte sich zu dem Jungen um.
Halt die Klappe.
Der Junge verstummte sofort.
Mirajane hob kurz den Blick zu Xellia.
Für einen Moment wirkte es, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass jemand etwas sagen würde.
Dann sah sie wieder nach vorne.
Kurz darauf erschien eine Frau auf dem großen Bildschirm vorne im Klassenraum.
So, ihr Lieben. Bitte nehmt eure Datenpads raus. Wir machen dort weiter, wo wir letztes Mal aufgehört haben.
TEIDES hob die Hand.
Ich habe noch keins bekommen.
Aletheia sah zu ihm.
Du kannst bei mir und Xellia mit reinschauen.
TEIDES lächelte.
Danke.
Entschuldigung, sagte Mirajane und hob ebenfalls die Hand. Ich habe auch noch keins bekommen.
Xellia sah zu ihr.
Du kannst auch bei uns mit reinschauen.
Mirajane drehte sich überrascht zu den dreien um.
Seid ihr euch sicher?
Klar, sagten alle drei gleichzeitig.
Aletheia drehte sofort den Kopf zu TEIDES.
Ey, TEIDES. Du hast hier kein Bestimmungsrecht, solange du nicht mal dein eigenes hast.
Xellia musste lachen.
Kurz darauf konnten sich auch TEIDES und Aletheia ein Lachen nicht verkneifen.
Ein paar der anderen Mädchen beobachteten die vier und begannen wieder leise zu tuscheln.
Was ist denn mit denen los?
Haben die die Neue etwa schon akzeptiert?
Sie ist doch gerade erst hier.
Mirajane hörte die Stimmen, reagierte aber nicht darauf.
Ich bitte um etwas Konzentration, sagte die Frau auf dem Monitor.
Sofort wurde es wieder still.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Mann trat mit einem Karton in den Klassenraum.
Entschuldigen Sie die Störung. Die Datenpads sind jetzt fertig eingerichtet.
Er stellte den Karton auf einen Tisch am Fenster und öffnete ihn.
Wer braucht noch eins?
TEIDES und Mirajane hoben gleichzeitig die Hand.
Der Mann nahm zwei Datenpads heraus und gab ihnen jeweils eines.
Danach drehte sich Mirajane wieder nach vorne und arbeitete für sich allein weiter.
Während die anderen noch durch ihre Aufgaben gingen, flog ihr Blick über die Seiten.
Sie tippte.
Wischte weiter.
Hielt kaum inne.
Nach nicht einmal einer Stunde hatte sie den gesamten Stoff aufgeholt.
Nicht nur die aktuellen Aufgaben.
Alles, was ihr vom bisherigen Unterricht fehlte.
Dann legte sie das Datenpad ruhig vor sich auf den Tisch und schaltete es aus.
Die Frau auf dem Monitor bemerkte es sofort.
Bist du schon fertig, Mirajane?
Ja.
Für einen Moment sagte die Frau nichts.
Dann nickte sie.
Gut. Dann darfst du gehen.
Im Raum wurde es still.
Xellia starrte auf Mirajanes ausgeschaltetes Datenpad.
Aletheia blickte zwischen ihrem eigenen Bildschirm und Mirajane hin und her.
Das war doch gerade mal eine Stunde, flüsterte jemand.
Eine Stunde? kam es leise von einer anderen Seite. Wir sitzen da seit Tagen dran.
Mirajane stand auf, nahm ihr Datenpad und verließ den Raum.
◆ ◆ ◆
Drei Stunden später waren schließlich auch die anderen fertig.
So, der Unterricht ist für heute vorbei, sagte die Frau auf dem Monitor.
Kurz darauf wurde der Bildschirm schwarz.
Ich heule, sagte Xellia und ließ sich zurücksinken. Ich hasse Physik.
Aletheia saß neben ihr.
Ich auch ...
Wer braucht diesen Quatsch denn schon? Echt mal.
Bitte erschlägt mich jemand, murmelte Aletheia.
TEIDES sah die beiden an.
Ihr übertreibt. Ich fand das eigentlich ziemlich spannend.
Beide drehten gleichzeitig den Kopf zu ihm.
HÄ?!
Aletheia starrte ihn an.
Hast du zu heiß geduscht oder was?
Nein. Ich finde solche Themen einfach spannend.
Xellia schüttelte den Kopf.
Na super. Noch ein Streber in der Klasse.
Kommt, lasst uns was essen.
Ja, lasst uns gehen, stimmte Aletheia zu.
TEIDES folgte den beiden in Richtung Mensa.
Heute gibt's Nuggis, sagte Xellia und wirkte schlagartig besser gelaunt.
Mein Lieblingsessen, sagte Aletheia sofort.
TEIDES sah sie überrascht an.
Was, echt?
Aletheia drehte den Kopf zu ihm und verengte leicht die Augen.
Ja. Was dagegen?
Nein, nein.
TEIDES hob beschwichtigend die Hände.
Aber eine ausgewogene Mahlzeit sehe ich da jetzt nicht unbedingt drin.
Aletheia warf ihm einen langen Blick zu.
Das war gerade gefährlich nah an Kritik.
Ich wollte nur helfen.
Xellia schnaubte amüsiert.
Mutig.
Nach ein paar Schritten sah Aletheia zu Xellia.
Du setzt den armen Jungen echt unter Druck.
Xellia runzelte die Stirn.
Wen meinst du?
Na, Levin.
Xellia verdrehte sofort die Augen.
Der hat es nicht anders verdient. Erst legt er sich an TEIDES' erstem Tag mit ihm an und jetzt auch noch mit Mirajane.
Aletheia grinste plötzlich.
Ich glaube, er mag dich.
Xellia blieb fast mitten im Gang stehen.
Was?!
TEIDES drehte den Kopf zu ihr und musste sich ein Lachen verkneifen.
Xellia zeigte mit dem Finger auf Aletheia.
Sag das nie wieder.
Aletheia grinste nur noch breiter.
Warum denn? Könnte doch sein.
Der kann mir den Buckel runterrutschen.
TEIDES lachte leise.
Ist er echt so schlimm?
Xellia sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich.
Ja.
Nein, ist er nicht, sagte Aletheia gleichzeitig.
Xellia drehte langsam den Kopf zu ihr.
Aletheia hielt kurz inne.
Er ist nur etwas ... wie sage ich das am besten?
Sie dachte einen Moment nach.
Nett unbeholfen?
Xellia starrte sie an.
Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
Nein.
Ein Vollidiot.
TEIDES musste lachen.
Aletheia ebenfalls.
Xellia ging einfach weiter, als hätte sie das Thema damit endgültig beendet.
Ein paar Schritte später murmelte sie:
Aber ... er ist schon ziemlich gut in VR-Shootern. Das muss man ihm leider lassen.
TEIDES sah zu ihr.
Echt?
Ja. Letztes Jahr ist er Vierter geworden.
TEIDES blinzelte.
Vierter?
Von 250.000 Teilnehmern.
Jetzt blieb TEIDES tatsächlich kurz stehen.
Okay ... wow. Das ist schon ziemlich heftig.
Aletheia grinste sofort.
Siehst du, Mister Top 100? Da hast du ja direkt Konkurrenz.
TEIDES warf ihr einen Blick zu.
Du wirst mich mit dem Namen nie wieder in Ruhe lassen, oder?
Nicht mal ansatzweise.
Gut. Das kann ich auch, Fräulein ...
Er grinste.
Oder doch lieber Dame?
Aletheia schnaubte.
Xellia sah zwischen den beiden hin und her.
Anscheinend hattet ihr bei eurem ersten Dive echt viel Spaß.
War ziemlich unterhaltsam, sagte TEIDES. Vor allem, als Aletheia dieses Großzahnkaninchen adoptieren wollte.
Xellia musste lachen.
Was?
Aletheia verzog das Gesicht.
Mann, ey. Der war halt echt voll knuffig. Hört auf, mich deswegen zu verurteilen.
Okay, tut mir leid, sagte TEIDES.
Sein Grinsen sagte etwas anderes.
Dann sah er zu Xellia.
Mal was anderes. Möchtest du heute mit uns diven?
Xellia schüttelte den Kopf.
Nein, tut mir leid. Heute habe ich keine Zeit. Ich bin noch mit ein paar anderen zum Shoppen verabredet.
Während sie weitergingen, kam TEIDES eine Frage in den Sinn.
Ich hab da mal eine Frage, Xellia.
Ja?
Was ist Elyon eigentlich wirklich?
Aletheia hob leicht die Augenbrauen.
Wie meinst du das?
Mir geht da seit ein paar Tagen etwas nicht aus dem Kopf. Was für Menschen kommen eigentlich nach Elyon?
Xellia wurde etwas ernster.
Ganz unterschiedliche. Elyon ist offiziell eine Reha- und Reintegrationseinrichtung für Jugendliche.
Hier sind zum Beispiel Leute, die längere Zeit im Koma lagen, neurologische Probleme oder starke Belastungen hatten, körperlich wieder aufgebaut werden müssen oder Schwierigkeiten haben, in einen normalen Alltag zurückzufinden.
TEIDES hörte aufmerksam zu.
Also nicht nur Leute wie ich?
Nein, überhaupt nicht. Manche müssen körperlich wieder fit werden, andere brauchen Struktur oder Unterstützung dabei, wieder unter Menschen zu kommen.
Aletheia nickte.
Und deshalb gibt es hier auch Schule, Training und die ganzen Freizeitbereiche.
Genau. Elyon soll dich nicht einfach nur wieder auf die Beine bringen und anschließend vor die Tür setzen. Du sollst hier lernen, wieder einen normalen Alltag zu führen.
TEIDES dachte kurz darüber nach.
Und Full Dive?
Gehört fest zum Konzept. Jeder, der nach Elyon kommt, hat einen Bezug zu ACO oder Full Dive.
Xellia sah ihn an.
Die Technik wird hier nicht nur zum Spielen genutzt, sondern auch für Reha, Training und teilweise sogar für den Unterricht.
TEIDES schwieg einen Moment.
Also ist Elyon im Grunde Krankenhaus, Schule und Reha gleichzeitig?
Xellia grinste leicht.
Wenn du es ganz simpel ausdrücken willst ... ja. Ziemlich genau das.
Möchtest du noch mehr wissen?
Nee, erstmal nicht. Vielleicht später.
Klar.
Kurz darauf kamen sie in der Mensa an.
◆ ◆ ◆
Jeder schnappte sich einen Teller mit Nuggis, dann setzten sie sich gemeinsam an einen freien Tisch.
TEIDES sah auf seinen Teller.
Aletheia bemerkte es sofort.
Wenn du die nicht willst, nehme ich sie.
TEIDES hob den Blick zu ihr und grinste.
Würde ich ja machen, aber dann müsste ich verhungern.
Xellia lachte leise.
Wo er recht hat.
Aletheia verzog enttäuscht das Gesicht.
Hm ... schade.
Dann aß sie einfach weiter.
TEIDES beobachtete sie kurz, schüttelte amüsiert den Kopf und spießte drei Nuggis auf.
Ohne etwas zu sagen, legte er sie auf Aletheias Teller.
Sie hielt mitten in der Bewegung inne.
Ihr Blick wanderte zu den drei Nuggis.
Dann zu TEIDES.
Dann wieder zurück.
Warum?
TEIDES zuckte mit den Schultern.
Kein Grund.
Aletheia blinzelte noch einmal und zog den Teller ein Stück näher zu sich.
Na gut ... dann beschwere ich mich mal nicht.
Xellia grinste.
Natürlich nicht.
Aletheia warf ihr einen Blick zu.
Sei still.
TEIDES musste lachen.
Anschließend ließ er seinen Blick durch die Mensa schweifen.
Nach einigen Sekunden wurde er ernster.
Mirajane ist gar nicht hier.
Xellia sah sich ebenfalls um.
Stimmt.
Aletheia drehte sich halb auf ihrem Stuhl um und suchte die Mensa ab.
Vielleicht hat sie schon gegessen und ist auf ihr Zimmer gegangen?
Kann sein.
Xellia nickte langsam.
Wäre jedenfalls nicht ungewöhnlich. Sie ist ja auch deutlich früher aus dem Unterricht raus.
In diesem Moment sprang der große Monitor in der Mensa an.
Das Logo von ACO Production erschien.
Darunter blendete sich eine weitere Zeile ein.
INTERVIEW TIME
Oh, oha. Sie machen es wieder, sagte Xellia plötzlich und richtete sich sofort auf.
TEIDES sah zu ihr.
Was denn?
Xellia deutete auf den Bildschirm.
Diese Interviews. ACO Production holt sich ab und zu richtig herausragende Spieler vor die Kamera.
TEIDES warf einen Blick zum Monitor.
Echt?
Ja. Und meistens nehmen die nicht irgendwen. Ich bin gespannt, wer heute dran ist.
Das Logo verschwand.
Für einen kurzen Moment wurde der Bildschirm schwarz.
Dann erschien das Studio.
Zwei Frauen saßen sich gegenüber.
Xellia verstummte.
Ihre Augen wurden größer.
Warte mal ...
Aletheia folgte ihrem Blick und legte langsam ihre Gabel ab.
TEIDES sah genauer hin.
Auf der rechten Seite saß eine junge Frau völlig ruhig in ihrem Sessel.
Lange weiße Haare fielen ihr weit über den Rücken. Ihre violetten Augen wirkten beinahe unnatürlich klar und standen im starken Kontrast zu ihrer dunklen Rüstung. Scharfe Kanten und finstere Verzierungen verliehen ihr beinahe etwas Dämonisches.
Unter ihr erschien eine Einblendung.
SAYRA
RANG 1
Für einen Moment wurde es in der Mensa deutlich ruhiger.
An mehreren Tischen drehten sich Schüler zum Monitor.
Das ist doch Sayra, oder?
Nicht dein Ernst.
Die Nummer eins?
Xellia starrte auf den Bildschirm.
Das ist Sayra ...
TEIDES blickte zu ihr.
Die Nummer eins?
Xellia nickte langsam.
Ja. Rang eins in ganz ACO.
Aletheia musterte Sayra aufmerksam.
Also das ist sie ...
TEIDES warf ihr einen kurzen Blick zu.
Du kennst sie?
Nicht persönlich. Aber selbst ich habe ihren Namen schon gehört.
Am Nachbartisch zog jemand hastig seinen Stuhl näher zum Bildschirm.
Jetzt sei mal leise. Das will ich hören.
Nach und nach verstummten die Gespräche.
Die Interviewerin wandte sich Sayra zu.
Sayra, wie fühlt es sich an, die beste Spielerin von ACO zu sein?
Sayra hob leicht den Blick.
Wie es sich anfühlt?
Sie dachte kurz nach.
Ehrlich gesagt ... ziemlich normal.
Die Interviewerin blinzelte überrascht.
Normal?
Sayra lächelte leicht.
Ich stehe morgens nicht auf und denke mir: Wow, ich bin Rang eins.
Einige Schüler lachten leise.
Die Interviewerin lächelte ebenfalls.
Aber du bist nun einmal die beste Spielerin von ACO. Zumindest laut Rangliste.
Laut Rangliste, ja.
Sayra lehnte sich etwas zurück.
Aber eine Rangliste bedeutet nicht, dass ich in allem die Beste bin. Es gibt Spieler, die Dinge besser können als ich.
Manche reagieren schneller. Manche analysieren besser. Andere funktionieren besser in einer Gruppe.
TEIDES hörte aufmerksam zu.
Das klingt erstaunlich bescheiden für jemanden auf Platz eins, sagte die Interviewerin.
Warum sollte ich deswegen arrogant sein?
Sayra zuckte leicht mit den Schultern.
Ich habe genauso viele Fehler gemacht wie jeder andere Spieler auch. Wahrscheinlich sogar mehr als die meisten.
Die Interviewerin musste lachen.
Das glaube ich dir irgendwie nicht.
Doch.
Sayra grinste etwas breiter.
Der Unterschied ist nur, dass niemand die tausend Male sieht, bei denen etwas schiefgeht. Alle sehen nur das eine Mal, bei dem es funktioniert.
Aletheia sah nachdenklich zum Bildschirm.
Das ist eigentlich ziemlich vernünftig, murmelte sie.
Xellia nickte.
Hab ich dir doch gesagt. Sie ist nicht so, wie viele denken.
Die Interviewerin wechselte zur nächsten Frage.
Viele Spieler wollen wissen, wie man überhaupt Rang eins wird. Gibt es irgendein Geheimnis?
Sayra schüttelte sofort den Kopf.
Nein.
Keins?
Wenn es eins gäbe, würde ich es wahrscheinlich verkaufen und nie wieder farmen gehen.
Mehrere Schüler lachten.
Selbst TEIDES musste grinsen.
Sayra wurde wieder ernster.
Du musst bereit sein, immer wieder zu verlieren.
Die Interviewerin sah sie überrascht an.
Zu verlieren?
Ja.
Wenn du immer nur gegen Gegner kämpfst, die du sicher besiegen kannst, wirst du irgendwann nicht mehr besser.
Ich bin oft in Kämpfe gegangen, bei denen ich wusste, dass meine Chancen schlecht stehen.
Warum?
Weil ich wissen wollte, warum meine Chancen schlecht stehen.
Sayra tippte sich leicht gegen die Schläfe.
Was war zu langsam? Was habe ich übersehen? Wo war meine Bewegung falsch? Hätte ich anders reagieren können?
Sie hielt kurz inne.
Verlieren ist nicht das Problem. Nichts daraus zu lernen schon.
TEIDES grinste leicht.
Die gefällt mir.
Aletheia sah zu ihm.
Natürlich gefällt dir ausgerechnet der Satz.
Was soll das denn heißen?
Mister Top 100.
TEIDES verzog das Gesicht.
Xellia hielt sich ein Lachen zurück.
Auf dem Bildschirm ging das Interview weiter.
Hast du Angst davor, deinen ersten Platz irgendwann zu verlieren?
Nein.
Überhaupt nicht?
Wenn jemand besser ist als ich, dann hat diese Person den Platz verdient.
Die Interviewerin wirkte überrascht.
Du würdest dich nicht ärgern?
Natürlich würde ich mich ärgern.
Sayra lachte.
Ich bin doch keine Heilige.
In der Mensa wurde erneut gelacht.
Aber danach würde ich schauen, warum diese Person besser war.
Und danach?
Sayra grinste.
Versuche ich, sie wieder einzuholen.
Die Interviewerin lachte.
Okay. Das klingt schon etwas mehr nach der Sayra, die sich die meisten vorstellen.
Vielleicht.
Sayras Blick wurde ruhiger.
Aber ich glaube, viele verstehen Rang eins falsch. Es ist kein Titel, den man einmal bekommt und dann für immer besitzt.
Sie sah direkt in die Kamera.
Jeden Tag spielen Millionen Menschen ACO. Irgendwo sitzt immer jemand, der besser werden will. Jemand, der schneller wird. Jemand, der etwas entdeckt, das du noch nicht kennst.
TEIDES wurde still.
Deshalb interessiert mich weniger, dass neben meinem Namen eine Eins steht.
Sayra hielt kurz inne.
Mich interessiert, ob ich morgen besser spiele als heute.
Die Interviewerin lächelte.
Das ist vermutlich nicht die Antwort, die viele von der stärksten Spielerin ACOs erwartet haben.
Sayra hob leicht die Schultern.
Dann sollten sie vielleicht aufhören, Rang eins mit unbesiegbar zu verwechseln.
Die Interviewerin nickte.
Dann habe ich noch eine Frage. Nach all der Zeit, all den Kämpfen und all den Stunden in ACO ... warum spielst du überhaupt noch?
Zum ersten Mal dauerte Sayras Antwort etwas länger.
Sie sah einige Sekunden zur Seite.
Dann erschien ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht.
Weil ich noch nicht alles gesehen habe.
Die Mensa war vollkommen still.
ACO ist riesig. Es gibt noch Gegner, die ich nicht besiegt habe. Orte, die ich nicht kenne. Mechaniken, die ich noch nicht vollständig verstehe. Und Spieler, von denen ich etwas lernen kann.
Sie blickte wieder direkt in die Kamera.
Solange ACO mir noch zeigen kann, dass ich nicht alles kann ... werde ich weiterspielen.
Langsam breitete sich ein breites Grinsen auf TEIDES' Gesicht aus.
Die Interviewerin sah auf ihr Datenpad.
Bescheidenheit hin oder her, die Zahlen sprechen trotzdem eine ziemlich deutliche Sprache.
Sayra hob leicht eine Augenbraue.
Du bist die einzige Spielerin in ACO, die über Level 120 hinausgekommen ist. Im Eins-gegen-eins-PvP stehst du auf Platz eins. Im World-PvP ebenfalls. Und selbst beim Raid- und Dungeon-Progress steht deine Gilde auf Platz fünf.
TEIDES starrte auf den Bildschirm.
Okay ... das ist schon absurd.
Aletheia nickte langsam.
Ein bisschen.
Sayra blieb vollkommen ruhig.
Das stimmt alles. Aber ohne meine Gilde wäre ich niemals so weit gekommen.
Gerade bei Raids und Dungeons bringt dir Rang eins überhaupt nichts, wenn die Leute neben dir nicht wissen, was sie tun. Ich hatte Spieler an meiner Seite, die mich öfter gerettet haben, als ich zählen kann.
Sie lehnte sich etwas zurück.
Deshalb werde ich mich nicht hier hinsetzen und so tun, als hätte ich das alles allein geschafft.
Die Interviewerin grinste.
Du machst es einem wirklich schwer, dich als arrogante Nummer eins darzustellen.
Sayra lachte leise.
Tut mir leid.
Die Interviewerin blickte wieder auf ihr Datenpad.
Trotzdem gibt es wahrscheinlich gerade ziemlich viele Spieler, die sich fragen, ob sie dich schlagen könnten.
Sayras violette Augen richteten sich direkt auf die Kamera.
Diesmal erschien ein leicht herausforderndes Grinsen auf ihrem Gesicht.
Wer meint, gut genug zu sein, um mich herauszufordern ... tut euch keinen Zwang an.
Xellia riss die Augen auf.
Oh, das war eine Ansage.
TEIDES grinste breit.
Jetzt gefällt sie mir noch mehr.
Aletheia sah langsam zu ihm.
Du denkst doch jetzt nicht ernsthaft darüber nach.
TEIDES antwortete nicht.
Aletheia starrte ihn an.
TEIDES.
Was denn?
Du bist Level sechs.
Noch.
Xellia musste sich das Lachen verkneifen.
Aletheia schüttelte den Kopf.
Mister Top 100 hat wieder zugeschlagen.
Die Interviewerin warf noch einmal einen Blick auf ihr Datenpad.
Eine Sache würde mich aber noch interessieren.
Was ist eigentlich mit deinem Underworld-Drop?
Sayras Blick wurde für einen Moment kühler.
Das können wir ein anderes Mal besprechen.
Sie machte bereits Anstalten aufzustehen.
Die Interviewerin hob überrascht die Augenbrauen.
Was? Warum denn?
Sayra antwortete nicht.
In diesem Moment wechselte das Bild auf dem großen Bildschirm hinter ihnen.
Eine gewaltige, finster wirkende Großklinge erschien.
Daneben wurden ihre Daten eingeblendet.
AGREZ-HAZA
Legendäre Underworld-Großklinge
Bedeutung: Das Lied der Dunkelheit
Kategorie: Underworld World Drop
Dropchance: 0,0000000000001 %
In der Mensa wurde es schlagartig still.
TEIDES starrte auf die Zahl.
Was zum ...
Xellia beugte sich ungläubig nach vorne.
Das kann doch nicht ernst gemeint sein.
Aletheia blinzelte mehrmals.
Wie viele Nullen sind das bitte?
Auf dem Bildschirm sprach die Interviewerin weiter.
Die Entwickler selbst haben gesagt, dass sie frühestens nach ungefähr acht Jahren mit diesem Drop gerechnet hätten.
Sayra blieb stehen.
Die Interviewerin deutete auf die eingeblendeten Daten.
Und trotzdem ist sie ausgerechnet bei dir gedroppt. Selbst bei über hundert Millionen Spielern musst du doch zugeben, dass das schon unverschämtes Glück war.
Sayra sah kurz zu AGREZ-HAZA auf dem Bildschirm.
Dann wandte sie sich wieder zum Ausgang.
Doch die Interviewerin setzte nach.
Ein Teil deines Erfolgs ist doch deiner Waffe zu verdanken, oder nicht?
Sayra blieb erneut stehen.
Für einige Sekunden sagte sie nichts.
Dann drehte sie sich langsam um.
Natürlich hilft mir diese Waffe.
Die Interviewerin wirkte für einen Moment zufrieden.
Sayras Blick wurde jedoch deutlich ernster.
Aber wenn ihr wirklich glaubt, dass diese Waffe allein meinen Rang eins rechtfertigt ...
Sie sah die Interviewerin direkt an.
... dann seid ihr entweder verdammt überheblich oder blind, taub und dumm.
Absolute Stille.
Die Interviewerin brachte für einen Moment kein Wort heraus.
Sayra drehte sich wieder um.
Danke für das Interview.
Dann verließ sie das Studio.
Auch in der Mensa herrschte mehrere Sekunden lang völlige Ruhe.
Xellia starrte auf den Bildschirm.
Okay ...
Aletheia blinzelte.
Das kam jetzt unerwartet.
TEIDES lehnte sich leicht zurück.
Ich glaube, die Frage hat ihr nicht gefallen.
Xellia sah ihn an.
Glaubst du?
TEIDES grinste.
Nur so ein Gefühl.