Kapitel 1 – 3 Jahre später
Kapitel 1 – 3 Jahre später
Drei Jahre später
Helles Licht.
TEIDES blinzelte mehrmals, doch seine Sicht blieb zunächst verschwommen.
Wo bin ich?
In Elyon.
TEIDES versuchte, den Mann neben seinem Bett genauer zu erkennen.
Elyon?
Eine Rehabilitationsschule. Du befindest dich im medizinischen Trakt.
TEIDES wollte sich etwas aufrichten.
Sofort schoss ein stechender Schmerz durch seinen Kopf.
Ah ... verdammt.
Der Arzt beobachtete ihn aufmerksam.
Langsam. Du bist gerade erst aufgewacht.
Warum bin ich hier?
Der Arzt schwieg einen Moment.
Du warst drei Jahre im Koma.
TEIDES sah ihn an.
Drei Jahre?
Ja.
Für einige Sekunden sagte TEIDES nichts.
Der Arzt zog seinen Stuhl etwas näher.
Erinnerst du dich an irgendetwas?
TEIDES suchte nach einer Antwort.
Nach einem Gesicht.
Einem Ort.
Irgendetwas.
Nichts kam.
Nein.
Deinen Namen?
TEIDES.
Wie alt bist du?
17.
Der Arzt nickte.
Und welches Jahr haben wir? Denk daran, du warst drei Jahre im Koma.
TEIDES dachte kurz nach.
Dann müsste es 2245 sein.
Richtig.
TEIDES ließ den Blick an sich hinunterwandern.
Etwas irritierte ihn.
Moment mal.
Der Arzt sah ihn fragend an.
Warum sehe ich eigentlich nicht aus, als hätte ich drei Jahre im Koma gelegen? Ich müsste doch vollkommen abgemagert sein.
Du warst bis vor zwei Wochen in einer neuronalen Stasiskammer.
TEIDES sah wieder zu ihm.
Eine Stasiskammer?
Sie hat deinen Körper während des Komas mit allem versorgt, was er brauchte. Dadurch konnten wir den körperlichen Abbau stark begrenzen.
Warum wurde ich dann vor zwei Wochen herausgeholt?
Deine Werte begannen sich zu verändern. Für uns war das ein Zeichen, dass du innerhalb der nächsten Wochen aufwachen würdest.
Der Arzt wurde ernster.
Trotzdem solltest du dich zunächst so wenig wie möglich belasten. Die Stasiskammer konnte deinen Körper erhalten, aber nach drei Jahren ist er einen normalen Alltag nicht mehr gewohnt.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine Frau trat ein und blieb überrascht stehen, als sie TEIDES sah.
Oh. Er ist wach.
Ja. Gerade eben zu sich gekommen.
Sie sah kurz auf die Anzeigen neben dem Bett.
Gut. Dann bereite ich alles für seine Verlegung in den Reha-Bereich vor.
Der Arzt nickte.
Danke.
Die Frau verließ den Raum wieder.
TEIDES sah ihr hinterher.
Reha-Bereich?
Der Arzt wandte sich wieder ihm zu.
Diese Einrichtung ist kein gewöhnliches Krankenhaus. Elyon wurde von ACO Production unter anderem für besondere Koma-Patienten gegründet.
TEIDES runzelte die Stirn.
Besondere Koma-Patienten?
Das erkläre ich dir, wenn du wieder etwas fitter bist.
Der Arzt stand auf.
Für heute reicht es. Ruh dich aus. Nächste Woche beginnt deine eigentliche Reha.
TEIDES nickte langsam.
Der Arzt ging zur Tür.
Kurz bevor er den Raum verließ, wanderte TEIDES’ Blick noch einmal zu ihm.
Besondere Koma-Patienten.
Was sollte das bedeuten?
Die Tür schloss sich.
TEIDES war allein.
Neben seinem Bett standen zwei Gehstützen.
Er betrachtete sie einen Moment, griff danach und schob die Decke beiseite.
Langsam.
Das hatte der Arzt gesagt.
TEIDES setzte die Füße auf den Boden und versuchte aufzustehen.
Seine Beine gaben beinahe sofort nach.
Verdammt ...
Er stützte sich auf die Gehstützen und wartete, bis das Zittern etwas nachließ.
Jeder Schritt fühlte sich ungewohnt an.
Als müsste sein Körper erst wieder lernen, was für ihn früher selbstverständlich gewesen war.
Sein Blick fiel auf den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand.
TEIDES blieb stehen.
Weiße Haare.
Blaue Augen.
Eine schmale, leicht muskulöse Statur.
Er betrachtete sein eigenes Spiegelbild.
Nichts.
Nicht einmal sein eigenes Gesicht löste irgendeine Erinnerung aus.
Langsam ging er zum Fenster.
Weit unter ihm erstreckte sich eine große, futuristische Stadt.
Hohe Gebäude ragten zwischen breiten Straßen empor. Fahrzeuge bewegten sich beinahe lautlos zwischen ihnen hindurch, während große digitale Anzeigen an mehreren Fassaden leuchteten.
TEIDES sah lange hinaus.
Doch egal, wie sehr er sich konzentrierte, ihm fiel kein einziger Name ein.
Keine Straße.
Kein Gebäude.
Nicht einmal die Stadt selbst kam ihm bekannt vor.
Er wandte sich wieder dem Zimmer zu.
Im Kleiderschrank hingen einige Kleidungsstücke.
Auch sie wirkten fremd.
TEIDES nahm eines der Oberteile heraus und betrachtete es.
Habe ich so etwas früher getragen?
Er hielt kurz inne.
Hm ...
Keine Ahnung.
Er legte es zurück und ging langsam zum Bett.
Schon die wenigen Schritte hatten ihn mehr Kraft gekostet, als er erwartet hatte.
Vielleicht hatte der Arzt recht.
TEIDES setzte sich.
Ich sollte mich wirklich ausruhen.
Vielleicht erinnere ich mich morgen an irgendetwas.
◆ ◆ ◆
Hallo?
Jemand schnippte vor Aletheias Gesicht.
Erde an Aletheia.
Aletheia blinzelte.
Hä? Was denn?
Xellia sah sie kopfschüttelnd an.
Mann, ey. Du warst schon wieder komplett woanders.
Aletheia richtete sich etwas auf.
War ich nicht.
Doch.
Xellia musterte sie.
Hast du dich an etwas erinnert?
Aletheias Gesicht wurde ruhiger.
Nein.
Leider nicht.
Xellia ließ die Schultern leicht sinken.
Hm ...
Schade.
Von der Tür ertönte eine Stimme.
Xellia! Aletheia! Kommt, euer Sportunterricht beginnt gleich!
Drei Mädchen warteten bereits draußen.
Ja, wir kommen!
Xellia stand auf und sah zu Aletheia.
Komm.
Den Unterricht hast du sowieso verschlafen.
Aletheia verzog das Gesicht.
Ich hab nicht geschlafen.
Xellia hob eine Augenbraue.
Natürlich nicht.
Sie hielt ihr Holopad hoch.
Ich hab alles gespeichert. Kannst du dir später runterladen.
Aletheia stand ebenfalls auf.
Danke.
Dann seufzte sie.
Sportunterricht ...
Xellia sah zu den anderen Mädchen.
Was ist heute dran?
Leichtathletik.
Aletheias Gesicht wurde noch etwas unmotivierter.
Super.
Xellia grinste.
Komm schon.
Gemeinsam gingen sie los.
◆ ◆ ◆
Im Sportunterricht waren die Übungen bereits in vollem Gange.
Einige Schüler liefen ihre Bahnen, während andere auf dem Rasen unterschiedliche Übungen machten.
Aletheia und Xellia saßen am Rand und dehnten sich.
Xellia warf ihr einen Blick zu.
Was machen wir eigentlich morgen?
Aletheia sah sie fragend an.
Morgen?
Xellia hielt mitten in der Bewegung inne.
Mann, du Nuss.
Aletheia blinzelte.
Was?
Morgen ist dein Geburtstag.
Kurze Pause.
Du wirst 17.
Aletheia starrte sie an.
Dann weiteten sich leicht ihre Augen.
Ach, stimmt ja.
Xellia sah sie fassungslos an.
Du hast deinen eigenen Geburtstag vergessen?
Aletheia musste lachen.
Offenbar.
Xellia schüttelte den Kopf.
Du bist seit drei Wochen wieder einigermaßen fit und trotzdem noch ganz schön verpeilt.
Vielleicht war ich vor dem Koma auch schon so.
Xellia musste lachen.
Kurz darauf lachte Aletheia ebenfalls.
Also?
Xellia setzte sich wieder richtig hin.
Was machen wir?
Aletheia zuckte mit den Schultern.
Keine Ahnung. Schlag du etwas vor.
Wie wäre es mit diesem erfolgreichen VR-Spiel?
Welches meinst du?
Xellia starrte sie an.
Nicht dein Ernst.
Was denn?
Das kennt doch jeder.
Xellia nahm ihr Holopad zur Hand.
ACO hat über 100 Millionen aktive Spieler.
Sie öffnete eine Seite und hielt Aletheia das Display hin.
Auf dem Bildschirm erschien ein großer Schriftzug.
ASTRAHL CROWN ONLINE
Aletheia betrachtete den Namen einen Moment.
Sieht ganz interessant aus.
Xellia grinste.
Also?
Aletheia gab ihr das Holopad zurück.
Ich passe erstmal.
Schade.
Dann eben Girls’ Day?
Aletheia lächelte.
Klingt gut.
◆ ◆ ◆
Eine Woche später
TEIDES?
Er sah zum Arzt.
Ja?
Heute ist es so weit. Du kommst in den Reha-Bereich.
TEIDES richtete sich etwas auf.
Gut.
Ich freue mich schon.
Der Arzt warf einen Blick auf die Werte vor sich.
Deine motorischen Leistungen entwickeln sich ebenfalls sehr gut.
Er deutete auf die Anzeige.
Laut den aktuellen Messungen liegst du inzwischen bei 46 Prozent.
Ist das gut?
Für jemanden, der vor einer Woche nach drei Jahren Koma aufgewacht ist?
Der Arzt nickte.
Sehr gut.
Du erholst dich deutlich schneller als erwartet.
TEIDES lächelte leicht.
Danke.
Jetzt warten wir nur noch auf das endgültige grüne Licht. Danach bringt dich eine Schwester in deinen neuen Bereich.
TEIDES sah zum Schrank.
Was ist mit meinen Sachen?
Die werden natürlich mitgebracht.
Der Arzt schwieg kurz.
Dann sah er TEIDES an.
Kannst du dich inzwischen an etwas erinnern?
TEIDES dachte nach.
Nicht wirklich.
Dann fiel ihm etwas ein.
Aber ich hatte einen seltsamen Traum.
Der Arzt wurde aufmerksam.
Erzähl mal.
TEIDES sah kurz zur Seite.
Da war eine Frau.
Und neun Gestalten.
Eine davon sagte:
Dann gehen wir es an.
Der Arzt hörte schweigend zu.
Dann war da noch ein Mädchen.
Lange, dunkelblaue Haare.
Sie hatte eine Art Zauberstab in der Hand.
TEIDES hielt kurz inne.
Und sie sagte:
Switchen, jetzt.
Noch irgendetwas?
TEIDES nickte langsam.
Die Frau hatte etwas über ihrem Kopf.
Eine Krone.
Aber sie lag nicht auf ihrem Kopf.
Sie schwebte darüber.
Der Arzt dachte einen Moment nach.
Also eher ein Fantasy-Traum?
Ja.
Denke schon.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine Schwester trat herein.
TEIDES, es ist so weit.
Der Arzt nickte ihm zu.
Dann wünsche ich dir viel Erfolg bei deiner Reha.
TEIDES stand auf.
Danke.
Gehstützen brauchte er inzwischen nicht mehr.
Noch immer bewegte er sich langsamer als gewöhnlich, doch seine Beine trugen ihn wieder zuverlässig.
Gemeinsam mit der Schwester verließ er den medizinischen Trakt.
Auf dem Weg kamen sie an einer großen Mensa vorbei.
Wenig später führte der Gang an einem weitläufigen Trainingsraum entlang.
TEIDES verlangsamte seine Schritte.
Zwei Jungen standen sich dort mit Trainingswaffen gegenüber.
Über ihnen leuchtete eine digitale Punkteanzeige.
TEIDES blieb stehen.
Die Schwester sah zurück.
Komm.
Du kannst dir später alles in Ruhe anschauen.
TEIDES nickte.
Alles klar.
Sie gingen weiter.
Wenig später erschien über einem Durchgang ein Schild.
JUNGENTRAKT
TEIDES sah hindurch.
Durch die großen Fenster auf der anderen Seite des Flurs konnte er einen weitläufigen Sportplatz erkennen.
Mehrere Mädchen trainierten dort.
Ich sehe da keine Jungen.
Ist das normal?
Die Schwester nickte.
Ja.
Aber ihr seid hier nicht grundsätzlich voneinander getrennt.
Sie deutete den Gang entlang.
Ihr könnt euch treffen, gemeinsam essen oder an denselben Aktivitäten teilnehmen. Gerade während der Reha werden Jungen und Mädchen beim Sport allerdings teilweise getrennt.
Okay.
Verstehe.
Sein Blick wanderte noch einmal nach draußen.
Dann blieb er an einem Mädchen hängen.
Lange, dunkelblaue Haare.
Himmelblaue Augen.
TEIDES erstarrte.
Für den Bruchteil einer Sekunde sah er wieder das Mädchen aus seinem Traum.
Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Kopf.
TEIDES hielt sich die Schläfe.
Die Schwester blieb sofort stehen.
Alles gut?
TEIDES sah wieder hinaus.
Das Mädchen trainierte weiter, als wäre nichts passiert.
Ja.
Ich dachte nur, dass ...
Er brach ab.
Ach, egal.
Gehen wir.
Die Schwester musterte ihn kurz.
Dann nickte sie.
Gut.
Wir sind sowieso gleich da.
Wenige Meter später blieb sie vor einer Tür stehen.
So.
Da wären wir.
TEIDES sah hinein.
Deine Kleidung wird ungefähr in einer Stunde gebracht.
Alles klar.
Dann lasse ich dich erstmal ankommen.
TEIDES verbeugte sich leicht.
Danke, dass Sie mich begleitet haben.
Die Schwester lächelte.
Kein Problem.
Mache ich doch gerne.
Nachdem sie gegangen war, betrat TEIDES sein neues Zimmer.
Es wirkte deutlich weniger steril als der medizinische Trakt.
Ein Schreibtisch stand unter einem großen Fenster.
Daneben befand sich ein geräumiger Kleiderschrank mit integriertem Touchpad.
Auf der anderen Seite des Raumes stand ein PC mit vier Bildschirmen.
TEIDES öffnete eine weitere Tür.
Ein eigenes Badezimmer.
Eine große Dusche.
Alles wirkte modern.
Und trotzdem vollkommen fremd.
Er trat an das Fenster hinter dem Schreibtisch.
Von hier aus konnte er weit über das Gelände sehen.
An einem der größeren Gebäude leuchteten zwei Schriftzüge.
ELYON REHABILITATIONSSCHULE
ACO PRODUCTION
TEIDES blieb an dem zweiten Namen hängen.
Schon wieder.
ACO Production ...
Er versuchte, nach der Erinnerung zu greifen.
Sofort kehrte der Schmerz zurück.
TEIDES verzog das Gesicht und hielt sich die Schläfe.
Verdammt ...
Er trat vom Fenster zurück.
Ich lege mich besser hin.
Langsam ging er zum Bett.
◆ ◆ ◆
Ein Tag später
Die Anzeigen an den Wänden zeigten 6:30 Uhr.
TEIDES ging durch die Gänge in Richtung Mensa.
Noch immer fiel ihm längeres Gehen schwer.
Inzwischen trug er einen schwarzen Jogginganzug mit dem Logo von ACO Production auf der Brust.
Auf den Fluren bewegten sich zahlreiche verschlafene Jungen in dieselbe Richtung.
Als TEIDES die Mensa betrat, waren bereits viele Plätze besetzt.
Jungen und Mädchen saßen gemeinsam an den Tischen.
TEIDES ließ den Blick durch den Raum schweifen.
Dann entdeckte er sie.
Das Mädchen vom Sportplatz.
Lange, dunkelblaue Haare.
Himmelblaue Augen.
Für einen Moment blieb sein Blick an ihr hängen.
Diesmal kam kein Schmerz.
TEIDES holte sich sein Frühstück und setzte sich allein an einen Tisch am hinteren Ende der Mensa.
Einige Tische weiter bemerkte Xellia ihn.
Sie deutete unauffällig in seine Richtung.
Wer ist das?
Ist der neu?
Eines der Mädchen neben ihr sah kurz hin.
Kann sein.
Ich hab ihn noch nie gesehen.
Aletheia folgte ihrem Blick.
TEIDES saß allein über seinem Frühstück.
Warum sitzt der denn allein?
Vielleicht kennt er einfach niemanden.
Xellia dachte kurz nach.
Warte mal.
Wir haben doch das Register.
Sie nahm ihr Holopad zur Hand und öffnete die Liste der Neuankömmlinge.
Da.
Gefunden.
Die anderen sahen auf das Display.
Xellia las vor.
TEIDES.
17 Jahre.
Seit gestern im Reha-Bereich.
Sie scrollte etwas weiter.
Drei Jahre im Koma.
Aletheias Blick wanderte sofort vom Holopad zu TEIDES.
Drei Jahre ...?
Xellia las weiter.
Er ist ebenfalls ein Koma-Patient.
So wie du.
Aletheia wurde still.
Dann hielt Xellia plötzlich inne.
Oh.
Was?
Hier steht:
Besonderes Vorkommnis.
Erinnerungen kaum vorhanden.
Aletheia sah wieder zu TEIDES.
Also erinnert er sich auch kaum an etwas ...
Xellia beobachtete sie einen Moment.
Dann grinste sie leicht.
Weißt du was?
Geh doch mal zu ihm.
Aletheia drehte sich sofort zu ihr.
Hä?
Warum ich?
Weil du zumindest ungefähr weißt, wie sich das anfühlt.
Aletheia sah noch einmal zu TEIDES.
Er saß weiterhin allein.
Sie zögerte kurz.
Ja ...
Vielleicht.
Dann stand sie auf und ging zu ihm.