Spider-Man
Spider-Man
Es trifft ihn plötzlich und ohne Vorwarnung. Bucky ist gerade dabei, eine erbärmliche Bande von Straßenschlägern windelweich zu prügeln, als ihm mit einer tiefen, ernüchternden Gewissheit klar wird, dass mit seiner Persönlichkeit wahrscheinlich etwas Grundlegendes nicht stimmt.
Sicher, es sind wahrscheinlich gleich mehrere Dinge, aber dieses hier stammt nicht aus seinem gut siebzigjährigen Umweg als Winter Soldier, nicht aus seiner Zeit als Kriegsgefangener von Hydra oder dem jahrzehntelangen Kryoschlaf und auch nicht aus seinem Dienst im Zweiten Weltkrieg oder den dort erlebten Schrecken.
Nein, dieses Etwas, was auch immer es ist, dieser Wesenszug, rührt aus einer Zeit weit davor, lange bevor er überhaupt eine Waffe in der Hand gehalten oder auch nur gewusst hatte, wie man damit schießt.
Denn es besteht kein Zweifel daran, dass es sich um einen Makel handelt . Es ist ein irrationales, selbstzerstörerisches Verhalten, das er nicht kontrollieren kann. Genau das ist verdammt noch mal die Definition eines Makels. Er hat keine Ahnung, woher es kommt; er weiß nur, dass es schon eine ständige Last ist, solange er zurückdenken kann, selbst wenn Hydra sein Gedächtnis nicht immer wieder gelöscht hätte.
Es ist zum Verrücktwerden, aber so sehr er sich auch bemüht, Bucky kann es nicht unterdrücken. Es grenzt an Selbstmord, so etwas zu tun, sich auf der Straße zu prügeln, wo es Kameras, Zeugen und potenzielle Spione gibt, aber er kann nicht anders. Es liegt tief in ihm verwurzelt: Er kann es einfach nicht zulassen, dass kleine, dumme Leute verletzt werden.
Und verdammt noch mal, dieser Junge ist beides.
Er kann ordentlich austeilen, das ist offensichtlich, aber es ist ebenso offensichtlich, dass er noch nie in einem echten Kampf war und keine Ahnung hat, welche Kämpfe sich lohnen. Sicher, er hatte die Schläger überrascht, aber das verschaffte ihm nur einen begrenzten Vorteil, da er irgendwie übersehen hatte, dass die Kerle verdammt noch mal bewaffnet waren.
Bucky hatte nicht vor, einzugreifen. Wirklich nicht. Der ganze Sinn des Untertauchens besteht darin, unauffällig zu bleiben, und nach dem Desaster mit „Project Insight" in D.C. sowie der Jagd durch Hydra und Steve Rogers hatte Bucky sich so unauffällig wie nur irgend möglich verhalten.
Er wollte nicht eingreifen. Doch dann zog dieses Arschloch die Waffe aus der Tasche, richtete sie auf den Kopf des Jungen, und der Junge erstarrte, wie angewurzelt in seinem lächerlichen blau-roten Schlafanzug.
Dann wollte der Kerl abdrücken und so wahr ihm Gott helfe, Bucky griff ein.
Er weiß genau, wie dumm es ist, sich auf offener Straße zu prügeln, besonders mit seinem Arm, aber dieser Arm erweist sich als praktisch, wenn es darum geht, Kugeln davon abzuhalten, in die Köpfe von Kindern zu rasen. Er muss nur die Handfläche auf die Mündung legen. Danach stellen die Kerle keine Bedrohung mehr dar; er schaltet sie einen nach dem anderen aus, bis sie nur noch als Haufen bewusstloser Halbstarker in der Gasse liegen.
Bucky spürt den Blick des Jungen auf sich und weiß sofort, dass er verschwinden sollte, bevor der Junge sein Gesicht genauer erkennen kann. Doch dann hört er ein lautes, hohes: „Ähm – h-hey!", und wider besseres Wissen dreht sich Bucky um und erwidert den Blick des Jungen, dessen Augen weit aufgerissen sind.
„Ich muss das hier zurückbringen!"
Bucky sieht ihn verwirrt an und bemerkt dann die zerfledderte braune Ledergeldbörse, die der Junge fest in seinen Händen, die in lächerlichen Handschuhen stecken, umklammert hält. Er blickt wieder in das Gesicht des Jungen, während er selbst keine Regung zeigt.
„Die Typen da...", beginnt der Junge mit zitternder Stimme. Er hat Angst. „...haben einen Typen zusammengeschlagen und ihm die Geldbörse geklaut. I-ich muss sie zurückbringen, aber...könnten Sie hier warten?"
Bucky hatte eigentlich nicht vor, dem Jungen zu antworten, doch selbst wenn er es gewollt hätte, wäre er gar nicht dazu gekommen: Der Junge hebt den Arm und schießt, irgendetwas , aus seinem Handgelenk in Richtung des Daches des Nachbargebäudes; dann hebt er mit einem kraftvollen Sprung vom Boden ab.
„Bin gleich wieder da!", ruft er, schwingt sich an, was auch immer das ist und katapultiert sich aufs Dach.
Was zur Hölle.
Natürlich wartet Bucky nicht; sobald die Luft rein ist, verschwindet er in der Dunkelheit der Gassen und macht sich auf den Heimweg zu seiner Wohnung.
Er und seine verdammten Charakterfehler. Was macht es schon für einen Unterschied, wenn ein Kind angeschossen wird, weil es den Helden spielen will? Einen kleinen Idioten mit Superkräften, die er nicht zu nutzen weiß, zu retten, ist das Risiko nicht wert, seinen Standort an Hydra oder Steve zu verraten.
Aber er hatte es trotzdem getan.
Er zieht den Schirm seiner Kappe tiefer ins Gesicht, um es zu verbergen und steckt die behandschuhten Hände (eine davon jetzt mit einem Loch in der Handfläche, danke, Kid) in die Taschen seiner Jacke. Endlich wird es wärmer, auch wenn ihm die Kälte ohnehin nichts ausgemacht hat. Trotzdem ist er froh, dass der Schnee weg ist. Er wollte keine Stiefel stehlen müssen und seine Sneaker waren über den Winter kaum trocken geblieben.
Ihm fällt ein Flyer mit der Aufschrift „Gassi-Geher gesucht" an einem Telefonmast auf; er reißt ihn ab und holt sein mieses Wegwerfhandy hervor. Der Flyer verspricht zehn Dollar pro Spaziergang, zweimal täglich, samstags und sonntags. Mit zusätzlichen hundertsechzig Dollar im Monat wäre er finanziell fast über dem Berg. Bucky schickt eine Nachricht an die angegebene Nummer und versucht, sich bestmöglich zu verkaufen, bevor er das Handy wieder in die Tasche steckt und seinen Weg nach Hause fortsetzt.
Es ist die letzte Drecksecke von Queens, aber die einzige Art von Wohnung, die sich Bucky mit seinem gestohlenen Ausweis leisten kann. Es ist ein kleines Einzimmerapartment im zweiten Stock; über und unter ihm wohnen laute Arschlöcher als Nachbarn. Doch er wohnt jetzt schon fast ein Jahr hier und obwohl der Ort eklig ist, ist er ihm auf seltsame Weise ans Herz gewachsen.
Er weiß, dass das nicht sein sollte. Er muss jederzeit, jede Minute des Tages, bereit sein, alles ohne das geringste Zögern hinter sich zu lassen. Er hofft einfach, dass es nicht dazu kommen wird. Was natürlich dumm ist, denn dazu wird es kommen, früher oder später wird ihn jemand finden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Auf etwas anderes zu hoffen, ist töricht, doch wie Bucky heute, auf etwas schmerzhafte Weise, erkannt hat, ist er zutiefst fehlerhaft.
Er steigt die Treppe zu seinem Balkon hinauf, zu seiner ramponierten, verfallenden Wohnungstür. Die Treppe ist praktisch, weil sie laut ist und knarrt; so hört er fast jeden, der heraufkommt, um vor seiner Tür zu stehen. Das ist so ziemlich das Einzige, was dieser Schuppen an Sicherheit zu bieten hat.
Er zieht den Schlüssel aus der Tasche und lässt ihn fast fallen, verdammt noch mal, als eine schrille, fröhliche Stimme ruft: „Hey!"
Bucky wirbelt schneller herum, als das Auge folgen kann, das Messer bereits in der Hand, bereit, es auf denjenigen zu schleudern, der hinter ihm steht. Er schafft es gerade noch, im Ernst, haarscharf , das Ding nicht direkt in die Stirn dieses bescheuerten, im Schlafanzug herumlaufenden Winzlings zu rammen, der förmlich um den Tod bettelt.
„Whoa! W-Warte!", ruft der Junge und hebt abwehrend die Hände. „Ich bin's nur!"
Er senkt das Messer, aber nur ein kleines Stück; er will dem Jungen nicht den falschen Eindruck vermitteln, dass ein Messer im Gesicht völlig ausgeschlossen sei.
„Tut mir leid, dass ich Sie gebeten habe zu warten", sagt der Junge. Herrgott, wie alt ist der eigentlich? Er klingt wie ein achtjähriges Mädchen. „Es hat länger gedauert als gedacht, diesen Typen aufzuspüren, aber er war total dankbar! Er hat gesagt, ich soll Ihnen danken, dass Sie mir geholfen haben, es zurückzubekommen."
Der Tonfall des Jungen ist aufrichtig, aber es ist fast unmöglich, ihn ernst zu nehmen, wenn man diese lächerliche, insektenartige Schutzbrille sieht, die er im Gesicht trägt.
„Ich wollte mich auch bedanken", fährt der Junge nervös fort, als Bucky nichts sagt. „Sie haben mir echt das Leben gerettet. Ich – ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Typ eine Waffe hat, und – und ich wäre jetzt, wissen Sie, echt tot, wenn Sie mir nicht geholfen hätten, also, wissen Sie – danke. Ich stehe echt bei Ihnen in der Schuld."
Bucky könnte ehrlich gesagt kaum weniger Interesse daran haben, dieses Gespräch fortzuführen. Anstatt zu antworten, steckt er das Messer wieder ein und dreht sich um, um seine Tür aufzuschließen. Der Junge entdeckt seine Metallhand, die durch das Loch im Handschuh blitzt und starrt sie offen an, was selbst unter seiner bescheuerten Aufmachung unübersehbar ist.
„Es war so cool, wie Sie diesen Schuss abgeblockt haben!", schwärmt er und macht einen kleinen Schritt auf ihn zu. „Die Kugel hat nicht mal eine Delle in Ihrer Hand hinterlassen! Woher haben Sie die eigentlich? Falls ich fragen darf, meine ich. Die ist so cool! Und, äh, unzerstörbar! Ist die von Stark Industries? Ich wusste gar nicht, dass die Prothesen herstellen." Er lässt das Gespräch bewusst einseitig, öffnet die Tür, tritt hinein und dreht sich um, fest entschlossen, dem Jungen die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
„Hey", sagt der Junge mit einem widerlich hoffnungsvollen Unterton. „Könnten Sie mir beibringen, so zu kämpfen wie Sie?"
Bucky starrt auf die bescheuerte, hässliche Schutzbrille hinab, lässt seinen Ärger deutlich im Gesicht erkennen und sagt bestimmt und kühl: „Nein."
Und knallt die Tür zu.
~
Er hasst den Geruch von schimmligem Laub, klatschnass und halb verrottet, wenn der Schnee darüber endlich schmilzt. Es klebt an allem: an seinen Schuhen, an den Hosenbeinen, an diesem beschissenen alten Rechen. Er wird die Schuhe draußen auf dem Balkon lassen müssen, wenn er nach Hause kommt, damit er diesen widerlichen Dreck nicht in der ganzen Wohnung verteilt.
Trotzdem ist es besser als Schnee. Die Leute hatten ihn komisch angestarrt, wenn er in dünner Jacke und Turnschuhen Einfahrten freigeschaufelt hatte, aber jetzt starrt ihn niemand an. Endlich ist er der Jahreszeit entsprechend gekleidet.
Er ist froh, dass die Jahreszeit wechselt; jeden Tag in kalten, nassen Schuhen nach Hause zu laufen, war einfach das Letzte gewesen. Kein Wunder, dass die Leute bereit waren, jemanden fürs Schneeschüppen zu bezahlen, es war ein mieser Job. Aber andererseits konnte er ja nicht einfach losziehen und sich einen richtigen Job suchen; Miete und Geld für Essen mussten irgendwoher kommen.
Außerdem ist die einfache körperliche Arbeit ehrlich gesagt gar nicht so übel (zumindest solange seine Füße trocken bleiben). Die Zeit vergeht schneller, wenn er alle Hände voll zu tun hat und die Arbeit erfordert kaum Nachdenken; er kann einfach abschalten, bis alles erledigt ist, er sein Geld bekommt und nach Hause gehen kann.
Er hält sich beschäftigt. Das lässt den Tag reibungsloser verlaufen.
Bucky rümpft die Nase, als ihm der Geruch verrottender Blätter in die Nase steigt, während er sich bückt, um den prall gefüllten Müllsack zuzubinden. Es stinkt nach Scheiße und Verwesung, aber wenigstens war das der letzte Sack und er ist jetzt fertig. Er trägt die Laubsäcke zur Biotonne, bringt den Rechen zurück in den Schuppen und klopft an die Tür von, wie hieß er noch gleich?, um ihm Bescheid zu sagen, dass er fertig ist.
„Der Garten sieht super aus. Danke, Jimmy", sagt der Mann, ein freundlicher, älterer Herr. „Hier, bitte." Er drückt ihm zwei Zwanzig-Dollar-Scheine in die Hand.
„Danke", sagt Bucky. „Sie haben meine Nummer, falls Sie noch mehr Arbeit haben?"
Der Mann lächelt: „Ich rufe an. Mach's gut", und schließt die Tür. Bucky steckt das Geld ein, tritt auf den Gehweg und macht sich auf den Heimweg. Er ist froh, dass heute kein Tag für den Job im Motel ist. Der Motelbesitzer zahlt zwar fast den Mindestlohn, aber es sind immer die widerlichsten, beschissensten Instandhaltungsarbeiten, Jobs, die sonst niemand machen will. Manchmal hasst er es, jeden Job annehmen zu müssen, der ihm angeboten wird, aber andererseits kann er so fast regelmäßig essen. Er kann sich wirklich nicht beschweren.
Er muss noch mindestens drei mittelgroße Aufträge an Land ziehen, um diesen Monat die Miete zahlen zu können; heute wird also nichts gegessen. Sein Magen knurrt bei diesem Gedanken, doch Bucky ignoriert das; stattdessen nimmt er sich vor, ein verdammt langes Nickerchen zu machen, sobald er zu Hause ist.
Sein Magen knurrt verärgert, doch die Aussicht, seinen müden Körper auszuruhen, hebt seine Stimmung, zumindest bis er die Treppe zu seiner Wohnungstür hinaufsteigt.
Er weiß, wie man sich absolut lautlos bewegt, doch irgendwie reißt der Junge, der vor seiner Tür sitzt, den Kopf hoch, sobald Bucky den Balkon erreicht. Bucky hat keine Ahnung, wie zum Teufel er ihn hören konnte, oder, was noch wichtiger ist: wer zum Teufel er überhaupt ist.
„Hi!", sagt der Junge und strahlt ihn an, während er aufsteht. Die Stimme ist unverkennbar. Auch die Körpergröße, oder deren Fehlen und die schmächtige Statur sind unverkennbar.
Bucky mustert den Jungen und ist etwas überrascht, dass er so...normal aussieht. Bei Weitem nicht so insektenartig, wie Bucky es sich vorgestellt hatte. Er ist definitiv noch jung; zu jung, um Schläger dazu anzustiften, ihm ins Gesicht zu schießen. Die wuscheligen braunen Locken und das Babygesicht passen so gar nicht zu dem Bürgerwehr-Dasein, das er anstrebt.
„Was willst du?", fragt Bucky so unfreundlich, wie er nur kann. Das Gesicht des Jungen färbt sich rot und er blickt weg, hinunter auf den Boden. Er ist nervös.
„Also, ich, äh...", stottert er. Offenbar nur, wenn er sich unsicher fühlt. Vor ein paar Nächten hatte er schließlich kein Problem damit, großspurig über Buckys Arm zu reden. „Nur ‚Danke' zu sagen, kam mir neulich nicht genug vor, also, ich, äh..." Er hebt eine weiße Plastiktüte hoch, die fast zu vollgestopft ist; die Seitenwände spannen sich und drohen zu reißen. „Ich dachte, ich könnte mich mit einem Abendessen bei Ihnen bedanken?"
Bucky starrt auf die überquellende Einkaufstüte und dann in das Gesicht des Jungen, der nervös, aber vorsichtig hoffnungsvoll wirkt; seine Mundwinkel zucken ganz leicht nach oben.
„Kid", sagt Bucky, nun weniger feindselig, „ich bin viel zu alt für dich. Gibt es keine anderen Jungs in der Middle School, in die du dich verknallen kannst?" Das Gesicht des Jungen läuft apfelrot an, bis hinauf zur Stirn. „Es – es ist gar nicht so!", ruft er. „Ich bin nicht...und außerdem gehe ich schon auf die Highschool!"
„Schön für dich", sagt Bucky gedehnt und geht an dem vor Scham förmlich explodierenden Teenager vorbei, um seine Tür aufzuschließen. „Das ändert aber nichts daran, dass ich kein Interesse habe. Und jetzt verschwinde; ich habe schon genug um die Ohren, ohne mir auch noch Gedanken darüber machen zu müssen, meine Adresse zu ändern, nur um winzigen Stalkern zu entkommen."
„Okay", sagt der Junge und die Enttäuschung bricht förmlich aus ihm heraus, schwer wie ein Wasserfall und ebenso laut vernehmbar. „Tut mir leid, ich wollte Sie nicht...äh...in Verlegenheit bringen oder so. Aber..." Er greift in die Tüte, kramt ein wenig darin herum und holt eine durchsichtige Plastikbox mit Keksen hervor. „Nehmen Sie die? Ich möchte mich einfach nur bei Ihnen bedanken. Ich meine, Sie haben mir das Leben gerettet."
Bucky blickt auf die ausgestreckte Hand, die ihm die Kekspackung hinhält, auf die prall gefüllte Einkaufstüte, die der Junge fest in der anderen Faust umklammert hält und schließlich auf den traurigen, aber dennoch leicht hoffnungsvollen Ausdruck im Gesicht des Jungen.
Er seufzt.
„Was hast du da sonst noch drin?"
Das Gesicht des Jungen strahlt auf wie Coney Island am Eröffnungsabend. Innerlich stöhnt Bucky auf.
Verdammte Schwächen.
~
Dafür, dass der Junge geradezu darum gebettelt hat, ihm das Abendessen zu kochen, wirkt er geradezu lächerlich hilflos, wie er da mitten in Buckys Küche steht.
Ein Teil von Bucky empfindet Mitleid mit dem Jungen, doch ein größerer, kleinlicherer Teil genießt den fast verdutzten Ausdruck in seinem Gesicht: Er steht da, die Einkaufstüte auf der Arbeitsplatte abgestellt, und sieht sich in Buckys Einzimmerwohnung um, als hätte er noch nie zuvor das Innere eines Gebäudes gesehen.
Sein Blick wandert über Buckys spärliche und abgewetzte Einrichtung: das zerfledderte Zweisitzer-Sofa an der Wand, die dünne, knarrende Matratze auf dem Boden und Buckys Rucksack, vollgestopft mit seiner gesamten Kleidung, der am Kopfende liegt und ihm als Kopfkissen dient. Seine einzige, ziemlich ramponierte Fleecedecke ist straff über die Matratze gezogen, eine Angewohnheit, die er einfach nicht ablegen kann. Der wackelige Barhocker mit dem splitternden Holz, der an die Kücheninsel geschoben ist; die Stehlampe ohne Schirm in der Ecke, die selbst mit einer neuen Glühbirne flackert.
Der Blick des Jungen wandert zurück zur Tüte auf der Arbeitsplatte und er beginnt, die Sachen herauszuholen. Gemüse, Nudeln, Hähnchenbrustfilets, eine Flasche mit einer unnatürlich blauen Flüssigkeit, auf der „Gatorade" steht, was auch immer das zum Teufel sein mag. Der Junge breitet alles auf der freistehenden Arbeitsplatte aus und starrt dann darauf, unsicher, wie es weitergehen soll.
Das Mitleid siegt und Bucky macht einen halbherzigen Schritt weiter in die Küche hinein. „Was hattest du denn vor zu kochen?"
„Äh, tja", beginnt der Junge, während sich seine Wangen leicht röten, „ich weiß nicht – ich bin mir nicht ganz sicher? Ich hab im Laden einfach 'n Haufen Zeug eingepackt, auf das ich Hunger hatte..."
Natürlich hat er das. Bucky seufzt. „Tja, sieht so aus, als gäbe es Nudeln mit Hähnchen und gebratenem Gemüse", sagt er, beugt sich zu dem Schrank ohne Tür hinunter und holt seinen einzigen Topf sowie die völlig zerkratzte Bratpfanne hervor. „Fang du doch schon mal an, das Nudelwasser aufzusetzen und ich brate das Hähnchen."
Er reicht dem Jungen den Topf; dieser starrt ihn an, als hätte Bucky ihm gerade eine scharfe Handgranate in die Hand gedrückt. Dann stottert er ein hohes „O-Okay" hervor, stellt den Topf auf die Herdplatte und greift nach der Nudelpackung, um die Zubereitungshinweise zu lesen. Er blickt nicht von der Packung auf, während er unbeholfen versucht, die Herdplatte einzuschalten.
„Kid."
„Yeah?"
Bucky weiß ehrlich gesagt nicht, ob er lachen oder stöhnen soll.
„Du musst erst Wasser reinfüllen."
Der Junge ist krebsrot im Gesicht; sein Ausdruck von tiefer Peinlichkeit weicht einer verlegenen Miene, und er lacht verlegen, während er den Topf vom Herd nimmt. „Oh! J-Ja, klar!", lacht er. „Ich hab das, ähm, ich-ich hab das noch nie wirklich gemacht, also..."
„Tatsächlich", sagt Bucky mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
Was der Junge irgendwie trotzdem völlig in den falschen Hals bekommt.
„Ja, ich, äh...hab's wohl einfach nie richtig gelernt", sagt der Junge, beginnt den Topf zu füllen, hält dann aber inne und zieht ihn unter dem Wasserhahn weg. „Ähm, wie viel soll ich...?"
„Etwa bis zur Hälfte", sagt Bucky. „Ein bisschen mehr, wenn wir alles davon kochen."
Der Junge tut wie geheißen, stellt den Topf zurück auf den Herd, gibt die Nudeln hinein und legt den viel zu großen Deckel darauf.
Bucky nimmt sich die andere Herdplatte vor und beginnt mit dem Hühnchen. „Würfle das Gemüse, während du darauf wartest, dass das Wasser kocht", sagt er. „In der Schublade liegt ein Messer, aber sei vorsichtig, es ist stumpfer, als es sein sollte."
Der Junge holt gehorsam das Messer heraus und legt das Gemüse zurecht, das er schneiden will. Er fragt nicht nach einem Schneidebrett, nicht, dass Bucky überhaupt eines hätte, und außerdem sind die Arbeitsplatten ohnehin schon völlig zerkratzt. Bucky überlässt ihn sich selbst und wendet sich wieder dem Hühnchen zu; es herrscht einen Moment lang Stille, bis sie durch ein lautes, schrilles „Aua!" jäh unterbrochen wird.
„Ich hab' dir doch gesagt, du sollst vorsichtig sein", sagt Bucky, ohne sich umzudrehen. Der Junge versucht, eine Entschuldigung zu murmeln, doch sie wird von einem schmerzgeplagten Wimmern unterbrochen. Bucky seufzt erneut und dreht sich um. „Lass mal sehen."
Der Junge hält sich die Hand vors Gesicht und versucht, sie zu verbergen, doch reichlich Blut tropft durch seine zusammengepressten Finger. Bucky flucht leise vor sich hin, packt das Handgelenk des Jungen und zieht dessen Hand zu sich heran, um sich den Schnitt anzusehen.
Der Finger ist direkt über dem Knöchel aufgeschnitten; die Wunde ist zwar nicht lang, aber tief genug, dass Bucky die Hautränder auseinanderziehen kann, was dem Jungen einen lauten Schmerzensschrei entlockt.
Das Blut fließt nun schneller und in einem kräftigen Strom. Die Wunde muss genäht werden. Verdammt noch mal.
„Wie zum Teufel hast du dich mit diesem beschissenen Messer so schlimm geschnitten?", fragt Bucky barsch und zerrt den Jungen ins Badezimmer, um die Blutung mit einem Bündel Toilettenpapier zu stillen. Er setzt ihn auf den Badewannenrand, kniet sich vor ihn und drückt das Papier mit der Faust fest auf die Wunde.
„Superkraft", murmelte der Junge und starrt auf das weiße Toilettenpapier, das sich rot färbt und durchnässt. „Ich hatte Schwierigkeiten mit den Kartoffeln, also habe ich versucht, fester zu drücken und das Messer ist abgerutscht."
„Deine Finger hätten dem Messer überhaupt nicht in die Quere kommen dürfen", tadelt Bucky in strengem Ton. Es ist zu riskant, den Jungen selbst ins Krankenhaus zu bringen. Zu viele Menschen, zu viel Gedränge. Er wird ihn wohl allein schicken müssen, worüber der Junge sich wahrscheinlich beschweren wird.
Nun, Pech gehabt. Daran hätte er denken sollen, bevor er unvorsichtig wurde, anstatt auf Buckys Anweisungen zu achten.
„Es tut mir leid", sagt der Junge mit leicht zitternder Stimme. Beschämt blickt er auf seinen Schoß hinab. „Es war das erste Mal, also...ich wusste es nicht."
„Das sollte eigentlich der gesunde Menschenverstand sagen. Wie alt bist du?"
Er läuft bis zu den Ohrspitzen rot an. „Äh, vierzehn."
Vierzehn. Verdammt.
Bucky unterdrückt den Drang zu stöhnen und sagt stattdessen, etwas weniger kühl: „Das muss genäht werden."
Der Junge zuckt zusammen, wobei ihre Knie fast aneinanderstoßen. „Was? N-Nein, muss es nicht."
„Der Schnitt ist zu tief, als dass er von selbst heilen könnte, Kid. Es hört nicht auf zu bluten, wenn es nicht versorgt wird."
„Es – äh, es...", stottert er, „...es hat schon aufgehört."
Bucky sieht zu ihm auf und hebt eine Augenbraue. „Was?"
„Hier, lassen Sie mich mal...", sagt der Junge und befreit seine Hand aus Buckys Griff. Vorsichtig löst er das nasse Papier von seinem Finger und hält ihn Bucky hin.
Die Wunde ist immer noch tief, aber nicht so tief, dass das Blut herausströmt. Bucky starrt darauf, ergreift die Hand des Jungen, um sie genauer zu betrachten und beobachtet, wie die Wunde direkt vor seinen Augen heilt.
Das stellt seine eigene beschleunigte Heilung in den Schatten und Hydra hatte großen Wert darauf gelegt, über das Beste vom Besten zu verfügen. Wer zum Teufel macht so etwas aus einem vierzehnjährigen Jungen?
„Wer bist du?" sagt Bucky, während er in die großen, weit geöffneten braunen Augen des Jungen starrt, ohne sich die Mühe zu machen, das Misstrauen und die Skepsis in seiner Stimme zu verbergen. Der Junge erwidert seinen Blick mit einer geradezu überwältigenden Offenheit und Ehrlichkeit.
„Peter", sagt er mit leiser Stimme. „Peter Parker. Aber, äh, wenn ich auf Patrouille bin, bin ich Spider-Man."
„Für wen arbeitest du?", versucht Bucky es und drückt dabei fester um Peters Handgelenk. Der Junge verzieht das Gesicht und Bucky lockert seinen Griff, nur ein kleines bisschen.
„Für niemanden", sagt Peter und weicht unter der Wucht und Intensität von Buckys Blick zurück. „Ich...ich bin ganz auf mich allein gestellt."
„Du bist so geboren?", fragt Bucky skeptisch und schüttelt zur Bekräftigung das Handgelenk, das er festhält.
Peter schüttelt den Kopf, versucht aber nicht, sich loszureißen. „Es war ein Unfall."
„Wer hat den Unfall verursacht ?"
„Ähm, ich? Schätze ich?", sagt Peter und beißt sich verlegen auf die Unterlippe. „Ich war in einem Labor unvorsichtig und wurde von einer radioaktiven Spinne gebissen."
„Eine...", setzt Bucky an, hält dann inne und lässt das Handgelenk des Jungen los. Er lehnt sich zurück, den Mund vor Staunen offen, er kann nicht anders. Von all den Dingen, die er von diesem kleinen Kerl erwartet hätte, war das ganz sicher nicht dabei.
Verdammt. Dass er ein streng geheimer Hydra-Agent wäre, wäre verdammt noch mal glaubwürdiger gewesen.
„Du...", versucht Bucky es erneut, senkt dann den Kopf und drückt mit seiner Metallhand den Nasenrücken zusammen; er spürt, wie sich ein Kopfschmerz anbahnt und langsam nach oben schlängelt. „Okay", sagt er, „nun, das erklärt wohl den Namen."
Einen Moment lang herrscht Stille, dann spürt Bucky, wie sich etwas gegen seine Metallhand bewegt. Er nimmt sie vom Gesicht weg und sieht, wie der Junge mit den Fingern über seinen Handrücken fährt und voller Staunen und Ehrfurcht jeden einzelnen Finger nachzeichnet.
„Wer sind Sie?", fragt Peter leise.
Bucky sagt zunächst nichts; er ist ein wenig verblüfft, wie dieser Junge jeden Zentimeter seiner Hand genauestens betrachtet, als wäre sie ein Kunstwerk. Wenn er nur wüsste, was für eine Waffe sie in Wahrheit ist und was Bucky mit ihr alles angestellt hat. Er zieht die Hand zurück, und Peter blickt wieder zu seinem Gesicht auf.
„Bucky", sagt er.
Peter strahlt, und es ist dieses Lächeln wie damals auf Coney Island, überwältigend in seiner Intensität. Es hat etwas fast Vertrautes, so angesehen zu werden, doch Bucky kann sich nicht erinnern, woher er das kennt.
„Freut mich, dich kennenzulernen, Bucky", lacht Peter; dann verändert sich sein Gesichtsausdruck und seine Augen huschen voller Panik nach oben. „Oh, Mist! Die Nudeln!", ruft er und springt förmlich über Bucky hinweg, um in die Küche zu eilen.
Bucky hört Peters „Aua, aua, aua!", während dieser verzweifelt versucht, das Überkochen des Topfes mit bloßen Händen zu verhindern. Er kann sich ein ungläubiges Grinsen nicht verkneifen und senkt den Kopf, um seine Belustigung zu verbergen, auch wenn Peter gar nicht da ist, um sie zu sehen.
~
Irgendwie gelingt es ihnen, das Abendessen zu retten und Bucky fühlt sich angenehm verwirrt, während er neben dem Jungen auf dessen mieser Matratze sitzt und sie an ihren zusammengewürfelten Portionen herumstochern.
Gatorade, so stellt sich heraus, ist verdammt gut. Bucky brummte anerkennend, als er den ersten Schluck nahm und Peter grinste ihn auf diese „Ich hab's dir doch gesagt, dass es dir schmeckt"-Art an. Bucky war kurz davor, ihm einen Schnippser zu verpassen, dem kleinen Bengel.
Die Nudeln sind etwas zu weich und das Gemüse nicht klein genug geschnitten, um ganz gar zu werden, aber Bucky stört das nicht und Peter auch nicht; der isst seinen Teller so schnell leer, dass Bucky sich fragt, ob er überhaupt etwas davon geschmeckt hat.
Die leeren Teller liegen neben ihnen aufgestapelt, während sie entspannt dasitzen, sich die Packung Kekse und das Gatorade teilen und Peter die ganze Zeit drauflosplappert.
„Also, ich hab' die Hand gehoben, genau wie Iron Man, weißt du? Als wollte ich einen Strahl aus meiner Handfläche schießen und ihn ausschalten, aber dann kam tatsächlich ein Strahl raus! Und dann war Iron Man da, in seinem Anzug und allem Drum und Dran, und er sagte: ‚Gut gemacht, Kid', und ist dann einfach abgehoben! Das war der beste Moment meines ganzen Lebens."
„Und das war, bevor du deine Kräfte bekommen hast?"
„Oh ja", lacht Peter. „Das war auf der Stark Expo, vor Jahren. Da war ich noch ziemlich klein."
Bucky schnaubt. „In all den Jahren hast du dir also keinen Selbsterhaltungstrieb zugelegt, was?"
Peter grinst, aber sein Gesicht läuft vor Verlegenheit rot an. „Sieht wohl so aus."
„Immerhin hast du jetzt Superheilungskräfte", sagt Bucky und fügt fast geistesabwesend hinzu: „Ich frage mich, was er wohl denken würde, wenn er wüsste, dass du tatsächlich erwachsen geworden bist und angefangen hast, das Verbrechen zu bekämpfen."
Peters Augen weiten sich, bis sie fast aus den Höhlen zu treten scheinen, eine Mischung aus Aufregung und Alarmbereitschaft. „Ich weiß gar nicht, was ich tun würde", sagt Peter. „Er ist sozusagen mein Idol . Aber ich schätze...ich meine...es ist ja nicht so, als würde er mich überhaupt wiedererkennen. Das ist Jahre her und...und ich hatte diese Maske auf..."
Er lehnt sich zurück, ein verträumtes Lächeln umspielt seine Lippen. Sein Tonfall ist leicht, unbeschwert und voller Sehnsucht. „Mann, wenn er das wirklich täte? Das wäre der Wahnsinn. Das wäre ohne Zweifel der neue schönste Tag meines Lebens. Da gäbe es gar keine Diskussion."
Nach einer Minute richtet sich der Junge auf und stützt die Ellbogen wieder auf die Knie. „Ich meine, versteh mich nicht falsch, ich mache das nicht, um, keine Ahnung, die Avengers zu treffen oder so. Ich meine, das wäre...das wäre fantastisch, aber...ich habe das Gefühl, dass ich bei dem, was ich kann, irgendwie verpflichtet bin, zu versuchen, Menschen zu helfen, weißt du?"
Ein etwas abwesender Ausdruck huscht über Peters Gesicht, sein Lächeln verblasst. Es dauert nur einen Moment, dann kichert er und schüttelt den Kopf, während er den Blick abwendet. „Wobei...ich schätze, das alles wäre völlig umsonst gewesen, wenn du mich neulich Nacht nicht gerettet hättest, oder?"
Bucky gibt ein zustimmendes Brummen von sich. „Von einer Kugel im Kopf erholt man sich schwer, Kid, selbst mit deinen Heilkräften. Wenn du meinen Rat willst: Erstarr beim nächsten Mal nicht."
„Ich glaube, ich habe einfach...", Peter hält inne und überlegt kurz, „...Angst bekommen."
„Dir wurde eine Waffe direkt ins Gesicht gehalten. Wenn du da keine Angst bekommen hättest, wärst du ein noch größerer Mutant."
Peter lacht und sieht Bucky mit gespielter Empörung an. „ Danke ", sagt er sarkastisch, muss dann aber doch wieder kichern.
Bucky zuckt mit den Schultern und unterdrückt das Lächeln, das sich bereits auf seinem Gesicht abzuzeichnen droht.
„Es wird spät", der Junge beugt sich vor und nimmt ihre Teller an sich. „Ich sollte...ähm, ich sollte gehen", sagt er und bringt sie zum Spülbecken. Bucky sieht zu, wie er sie abspült und sagt dann: „Lass gut sein. Du hast das Abendessen mitgebracht, ich kann aufräumen."
„Dafür musstest du den Großteil des Kochens übernehmen", sagt Peter verlegen lächelnd, „aber okay. Ich würde ja bleiben und helfen, aber je länger ich hier bin, desto weniger Zeit bleibt mir für die Patrouille, also..."
„Das machst du jeden Abend?" Peter nickt und nestelt an den Ärmeln seines Hoodies herum. „Tja, ich meine...das Verbrechen macht ja keine Pause, nur weil ich eine mache, oder?"
Er hat zwar recht, doch der Teil von Bucky, der sich völlig irrational Sorgen macht, meldet sich zu Wort und erinnert ihn daran, dass Peter ein Kind ist, ein kleiner Junge. Ob mit Superkräften oder ohne: Ein tief in ihm verwurzelter, von eigenen Makeln geprägter Teil sträubt sich dagegen. Er findet, dass Peter nichts dabei zu suchen hat, sich mit irgendjemandem anzulegen, geschweige denn mit bewaffneten Kriminellen, die nicht zögern würden, auf einen winzigen Bengel im Schlafanzug zu schießen, selbst wenn der erst vierzehn ist.
Es geht ihn nichts an. Genau wie es ihn neulich nichts anging, oder all die anderen Male, als so ein kleiner Rotzlöffel ohne jeden Verstand versuchte, sich mehr aufzuladen, als er bewältigen konnte.
Aber es scheint ein universelles Gesetz bei diesen Rotzlöffeln zu geben: In jedem von ihnen steckt ein guter Kern und Peter bildet da anscheinend keine Ausnahme.
Dieser Junge ist nicht der Einzige, der nicht einfach untätig zusehen kann.
„Warte mal kurz", sagt Bucky und hält Peter an der Tür auf, während dieser gerade in seine Schuhe schlüpft. Bucky geht ins Badezimmer, kramt im Arzneischrank herum und findet das notdürftig zusammengestellte Erste-Hilfe-Set, das er vor Monaten mal hastig improvisiert hatte.
Er kommt zurück und hält Peter die Hand hin. „Hier", sagt er. „Vorsicht, sie ist scharf."
Neugierig hält Peter die Handflächen nach oben und blinzelt verwirrt, als Bucky ihm die kleine Nähnadel in die Hand legt.
„Ähm?"
„Bewahr' sie in deinem Ärmel auf", sagt Bucky. „Oder in einem deiner Handschuhe, wenn du sie so einnähen kannst, dass sie dich nicht ständig piekst. Achte nur darauf, dass du sie im Bruchteil einer Sekunde mit dem Finger berühren kannst."
„Wozu?", fragt Peter und hebt die Nadel hoch, als hätte er noch nie zuvor eine gesehen.
„So lernst du, nicht zu erstarren", sagt Bucky, nimmt die Nadel und hält sie dem Jungen vor das Gesicht. „Wenn dein Kopf das nächste Mal so aussetzt und du dich nicht bewegen kannst, piekst dich damit. Vorsichtig, aber fest genug, dass es wehtut. Der Schmerz setzt den Adrenalinschub frei, den du brauchst, um wieder in Gang zu kommen."
Er will sie gerade wieder ablegen, als Peter die Hand hebt, um sie entgegenzunehmen. „Sie muss an einer Stelle deines Anzugs sitzen, an der du dich fast beiläufig und reflexartig damit stechen kannst. Glaubst du, du kriegst das hin?"
Die Frage reißt Peter aus seiner kleinen Benommenheit, und er nickt begeistert. „Ja, absolut! Das ist echt clever!"
Peter zieht seine abgewetzte, alte Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans und schiebt die Nadel hinein. „Danke, Bucky", sagt er und richtet sich wieder auf. „Ähm, ich hatte viel Spaß. Tut mir leid, dass ich dein Badezimmer vollgeblutet und deine Küche fast mit Nudelwasser überflutet habe."
„Mach dir keinen Kopf, Kid", sagt Bucky und ist selbst überrascht, als er merkt, dass er es ernst meint. „Das Abendessen war gut."
„Ja", stimmt Peter zu.
Ein Moment verstreicht, und dann zieht sich die Stille in die Länge. Bucky wartet, denn es ist offensichtlich, dass der Junge noch etwas sagen will; als das jedoch ausbleibt, seufzt Bucky und stemmt die Metallhand in die Hüfte.
„Raus damit."
„Hä?"
Bucky runzelt die Stirn. „Du bist aus einem bestimmten Grund noch hier, also sag schon."
Peters Blick senkt sich auf den Boden, und Bucky ist für einen Moment verblüfft über den zutiefst gedemütigten Ausdruck auf dem Gesicht des Jungen, eine Mischung aus völliger Erstarrung und tiefer Scham.
„Oh Gott", stöhnt Bucky. „Du stehst tatsächlich auf mich, oder?"
„Nein!", ruft Peter, fast so laut, dass es einem Schrei gleicht. Sein Gesicht färbt sich dunkelrot, so rot, wie Bucky es noch nie zuvor gesehen hat; die Röte breitet sich über jede freie Hautstelle aus und kriecht seinen Hals hinab unter den Hoodie. Er blickt völlig beschämt zu Bucky auf, sieht dann das Grinsen, das Bucky nicht aus dem Gesicht bekommt, und seine Verlegenheit weicht einem wenig begeisterten Blick. „Idiot."
„Hey", neckt Bucky und zuckt mit den Schultern, während er weiter grinst, „ich gehe einfach mal davon aus, dass du deswegen rot wirst, bis du mir das Gegenteil sagst."
Ein kindlicher Schmollmund bildet sich auf Peters Gesicht, doch dann senkt er den Blick wieder auf den Boden und holt tief Luft. „Tja...ähm..." Er nestelt wieder an seinen Ärmeln, beißt sich auf die Unterlippe und scheint sich dann endlich einen Ruck zu geben. „Ich will nicht irgendwie aufdringlich wirken oder so, und...i-ich verstehe es, wenn du das nicht willst, wirklich, ich versteh das vollkommen –, aber...ähm...tja, ich...ich hab' mir nur gedacht, weißt du...vielleicht könnten wir das wiederholen?"
Peter blickt auf, sucht nur ganz kurz Blickkontakt und senkt dann den Kopf wieder.
„Ich hab' eigentlich niemanden, mit dem ich über solche Dinge reden kann", gesteht der Junge schließlich. „Niemand weiß davon, außer dir. Und ich, äh...ich könnte vielleicht mal wieder das Abendessen mitbringen? Ich weiß, ich kann absolut nicht kochen, aber ich kann helfen? Oder es zumindest versuchen?"
Schließlich blickt der Junge zu ihm auf und hält seinem Blick stand, während er sich auf Buckys Reaktion gefasst macht. Er versucht, möglichst gelassen zu wirken, scheitert dabei aber kläglich, Bucky sieht deutlich die Anspannung um seine Augen und an seinem Kiefer sowie das Zittern seiner Lippen, während er seinen Mund zu einer geraden Linie zwingt.
Bucky möchte seufzen. Genau das hatte er nicht gewollt. Und klar, bei einem unregelmäßigen Einkommen ist das Geld knapp und Essen meistens ein Luxus, aber das bedeutet nicht, dass er begeistert von der Vorstellung ist, dass irgendein Junge sein Mittagessengeld für Buckys Abendessen ausgibt.
Doch ihm wird klar, dass es Peter eigentlich gar nicht darum geht. Neulich hatte er ihn gebeten, ihm das Kämpfen beizubringen. Er war unangemeldet mit einer Tüte voller Lebensmittel aufgetaucht, hatte versucht, für ihn zu kochen, obwohl er in einer Küche absolut nichts zu suchen hat und war dann noch lange geblieben, nachdem das Essen fertig war, um auf einer alten, klumpigen Matratze Kekse zu essen, zusammen mit einem Typen, den er nicht einmal richtig kannte.
Der Bucky Barnes von vor der Hydra-Zeit hat wahrscheinlich ständig Zeit mit Leuten verbracht, einfach nur um der Gesellschaft willen, aber der Bucky nach der Hydra-Zeit hat das nie getan, kein einziges Mal. Diese kleine Episode ist das erste Mal, dass Bucky Zeit mit jemandem verbringt, einfach nur, um nicht allein zu sein.
Es war gar nicht so übel gewesen, wenn er genauer darüber nachdenkt.
„Ich verstehe zwar nicht, warum du das wollen würdest", seufzt Bucky, „aber ja, Kid, wir können das wiederholen."
Das Lächeln, das über das Gesicht des Jungen huscht, trifft ihn mitten ins Herz und lässt den Raum heller wirken.
Ja, es ist gar nicht so übel.
6034 Wörter