LNCrawler

I've Got You

Astronomy In Reverse — www.fanfiktion.de · All chapters

I've Got You

Zu Buckys angenehmer Überraschung hat Peter absolut recht: Delmars Sandwiches sind verdammt lecker.

Wie immer verschlingt der Junge sein Sandwich so schnell, dass Bucky es kaum mitbekommt; als er sich eifrig ein zweites holen will, legt Bucky sein Veto ein und veranlasst ihn stattdessen dazu, zu einer Tüte Obst zu greifen. Bucky entgeht nicht, wie Delmar ihn anlächelt, als er Peter auffordert, sich etwas Gesünderes als noch ein Sandwich auszusuchen.

Der Junge besteht darauf, dass Bucky das Obst auswählt, damit sie die Tüte auf dem Heimweg teilen können; so reichen sie sich beim Gehen gegenseitig Pflaumen zu und haben die Tüte leer gegessen, noch bevor sie auch nur die Hälfte des Weges hinter sich haben.

Peter redet die ganze Zeit ununterbrochen, doch Bucky hört nur mit halbem Ohr zu.

Es fühlt sich an, als stünde er bei dem Jungen wieder ganz am Anfang; als wüsste er jetzt noch weniger über Peter als noch heute Morgen. Delmar hatte alles, was Bucky über diesen Jungen zu wissen glaubte, gründlich über den Haufen geworfen.

Noch vor wenigen Stunden hatte er Peter für ein fröhliches, ausgeglichenes und übermäßig freundliches Kind gehalten, das wahrscheinlich Hintergedanken hatte. Jetzt weiß er überhaupt nicht mehr, was er denken soll. Zu erfahren, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der Peter nicht so freudig lächelte wie jetzt, hatte Bucky völlig aus der Bahn geworfen. Und die Erkenntnis, dass er nicht bei seinen Eltern lebt, was bedeutet, dass er sein Geld wohl von woanders herbekommt und dass er schon in mehreren „schlechten" Zuhause gelebt hat, wie Delmar es nannte...nun, all das lässt Peter noch fremder erscheinen, als er ohnehin schon ist.

Er nimmt an, dass einiges davon durchaus Sinn ergibt. Wenn Peter keine Familie hat, ist es nicht weiter verwunderlich, dass er seine Zeit mit einem Erwachsenen verbringen möchte, mit jemandem, der sich bereits besonders für seinen Schutz eingesetzt hat. Vielleicht ist dieser Teil gar nicht so abwegig, aber der Rest? Das Geld für all die Lebensmittel, die sie gegessen haben, ganz zu schweigen von Peters neuem Rucksack und seinen Schuhen? Die Art, wie der Junge in seiner Gegenwart ständig lächelt? Wie es kommt, dass er nicht einmal für fünf verdammte Minuten von seiner Seite weichen kann, sei es, um einen Tisch zu suchen oder sich selbst eine heiße Schokolade zu machen, während Bucky einen kaputten Türknauf repariert, als wollte er keine einzige Minute allein verbringen, wenn er nicht unbedingt muss?

Für Bucky ergibt das alles keinen Sinn.

Er weiß, dass er fragen sollte. Mehr noch: Er hat ein Recht darauf, es zu wissen. Schließlich war es Peter, der eines Tages auftauchte und sich in Buckys Leben drängte. Er hat das Recht, zumindest zu erfahren, warum .

Sie nehmen einen malerischeren Weg nach Hause und gehen quer durch einen kleinen Park mit Rasenflächen, anstatt außen herum. Peter bleibt stehen, um jeden einzelnen Hund zu streicheln, den er sieht und eine Katze, die friedlich auf einer Bank schläft, bis Peter zu ihr hinübertrabt und sie weckt, um mit ihr zu schmusen. Die Katze wirft ihm einen leidenden, genervten Blick zu, lässt das Kraulen und Streicheln aber über sich ergehen, und Bucky verspürt eine seltsame Verbundenheit mit ihrem mürrischen Gesichtsausdruck.

„Kid", sagt er, um Peters Aufmerksamkeit zu gewinnen; der Junge kniet noch immer vor der Bank und krault der Katze den Kopf, den Rücken zu Bucky gekehrt. „Woher nimmst du eigentlich das Geld für all das Essen, das du kaufst?"

Peters Hand hält inne, nur für den Bruchteil einer Sekunde, fast unmerklich, aber nicht für Bucky.

„Äh", setzt der Junge an, sichtlich überrumpelt von der Frage. Er wirft einen kurzen Blick zurück zu Bucky, sucht ganz kurz Augenkontakt und wendet sich dann wieder der Katze zu. „Ich hab' einen Job, irgendwie."

Bucky wartet und erwartet, dass der Junge noch etwas sagt, doch das tut er nicht. Er sitzt einfach nur da und streichelt die Katze weiter, wenn auch langsamer, als wäre er in Gedanken versunken.

„Und der wäre?"

„Oh, äh", Peter schreckt leicht auf und sieht wieder zu Bucky. „Ich gebe einigen meiner Mitschüler Nachhilfe."

„Moment mal", sagt Bucky und runzelt verwirrt die Stirn. „Das ist alles? So viel kann man doch gar nicht verdienen, wenn man nur ein paar Kindern Nachhilfe gibt."

Peter steht auf, klopft sich den Staub von der Hose und lächelt Bucky etwas verlegen an. Seine Wangen färben sich leicht rosa, als er sagt: „Es bringt eigentlich ziemlich gut Geld ein."

Sie gehen weiter, in gemächlichem Tempo, und Peter hält den Blick gesenkt, er schaut nicht einmal auf oder reagiert, als sie an einem weiteren Hund vorbeikommen; aus irgendeinem Grund zieht sich Buckys Magen dabei zusammen.

„Ich gehe auf eine Schule für Reiche", sagt Peter, als würde er etwas gestehen, dessen er sich schämt. „Eigentlich ist es eine technische High School für hochbegabte Kinder, aber sie hat mittlerweile einen gewissen Prestige-Status. Viele wohlhabende Eltern wollen damit prahlen können, dass ihre Kinder dort zur Schule gehen, weshalb es jede Menge bezahlte Aufnahmeplätze gibt. Zwar gibt es immer noch Schüler wie mich, die die Aufnahmeprüfung bestanden haben, aber es sind viel mehr, die das nicht geschafft haben und sich mit dem Schulstoff ziemlich schwertun."

Das Gesicht des Jungen läuft, wenn das überhaupt möglich ist, noch röter an; unter seinen Locken färben sich die Ohrspitzen dunkler.

„Ich bin irgendwie, nun ja, ich bin, äh, Klassenbester, in so ziemlich jedem Fach, also...jedenfalls hat die Schulleitung mir geholfen, das auf die Beine zu stellen, für Schüler, die zusätzliche Hilfe brauchen. Ich glaube, es gibt Eltern, die, keine Ahnung, beeindruckt sind oder so, von meinem Notendurchschnitt, meine ich. Also gebe ich einigen Schülern Einzelunterricht, jeden Tag vor der Schule und manchmal auch danach, so wie heute. Ihre Eltern bezahlen dafür, und da sie alle ziemlich wohlhabend sind, zahlen sie wirklich gut."

An der leichten Veränderung in der Stimme des Jungen merkt er, dass es ihm unangenehm ist, das zuzugeben, als ob er glaubt, Bucky würde ihn dafür tadeln oder schikanieren, dass er schlau ist oder so etwas. Seine Schultern ziehen sich hoch, als würde er Kritik erwarten, und Bucky kann absolut nicht nachvollziehen, warum.

„Du solltest stolz sein", sagt er und widersteht dem Drang, ihm auf die Schulter zu klopfen. „Es ist nichts Peinliches daran, schlau zu sein oder hart zu arbeiten, Kid. Du hast jeden Cent verdient."

Das wiederum ist etwas, das Bucky von sich selbst nicht behaupten kann.

„Ja, schätze schon", sagt Peter leise, mit einem kleinen, verhaltenen Lächeln. „Es ist nur...keine Ahnung, manche Schüler machen da so ein Riesending draus, weißt du? Ich habe jetzt irgendwie einen Ruf, und...ich glaube, ich mag es einfach nicht, aufzufallen, das ist die Sache."

„Das sagt ausgerechnet der Junge, der jede Nacht in einem knallroten Schlafanzug herumrennt."

„Hey!", lacht Peter, und sein gewohnter Gesichtsausdruck kehrt endlich zurück. „Das ist was anderes! Wie soll Spider-Man Kriminellen denn Angst einjagen, damit sie keine Verbrechen begehen, wenn er nicht auffällt?"

„Ist das dein Ziel?", fragt Bucky. „Queens von Kriminellen zu säubern, indem du ihnen so viel Angst machst, dass sie zu gesetzestreuen Bürgern werden?"

„Nee, das würde nie funktionieren", sagt Peter. Wenigstens ist er schlau genug, das zuzugeben. „Kriminalität wird es immer geben. Wir können viel tun, um sie einzudämmen, aber letztendlich wird es immer Leute geben, die Ärger machen und anderen schaden wollen. Deshalb...", er verstummt und wirkt wieder verlegen, „...deshalb sollte es immer jemanden wie die Avengers geben, um sich gegen solche Leute zur Wehr zu setzen. Ich kann dabei helfen, also...tue ich es. Mehr steckt eigentlich nicht dahinter."

Ein Gefühl, das einer Mischung aus Angst und Beklemmung gleicht, schnürt Buckys Brust zu. Es ist ein vertrautes Gefühl, Sorge, Furcht, aber auch tiefer, brennender Stolz und Bewunderung. Es erinnert Bucky an früher, als er die Straße entlangrannte und dachte, Peter sei angeschossen worden; doch dieses Mal fühlt es sich noch realer an. Peter wird nicht aufhören. Er wird Nacht für Nacht losziehen und sein Leben riskieren, um andere zu beschützen, nicht weil er es kann, sondern weil sie es nicht können .

Warum kennt er dieses Gefühl nur allzu gut?

„Wenn du weiterkämpfen willst", sagt er und hält inne, bis Peter fragend zu ihm aufblickt, „dann solltest du zumindest wissen, wie man kämpft."

Peters Augen weiten sich; auf seinem Gesicht liegt ein überraschter, unendlich hoffnungsvoller Ausdruck. Er will gerade etwas fragen, doch Bucky kommt ihm zuvor.

„Ich bringe es dir bei."

~

Peters nächtliche Routine, „auf Patrouille" zu gehen, entspricht ziemlich genau dem, was Bucky sich vorgestellt hatte. Der Junge wirft sich in sein Kostüm und begibt sich mit seinen „Netz-Shooter" auf die Dächer; er schwingt sich von Gebäude zu Gebäude und nutzt seine geschärften Sinne, um von oben nach Ärger oder kriminellen Machenschaften Ausschau zu halten.

Bucky beobachtet ihn, bis er außer Sichtweite ist, und bleibt zurück, um zu warten. Sie haben sich das höchste und freistehendste Dach ausgesucht, das sie finden konnten, einen Ort, an dem sie kaum entdeckt werden dürften, der aber genug Platz für freies Sparring bietet. Bucky wärmt sich auf, während Peter seine Runde dreht, der Junge wird sich nach dieser Herumfliegerei wohl kaum noch groß dehnen müssen, also nutzt Bucky die Zeit stattdessen, um die Muskeln zu trainieren, die er sonst weniger beansprucht.

Seit dem Kampf gegen jene Schläger in der Nacht, als er Peter kennenlernte, hat er gegen niemanden mehr gekämpft. Sein linker Arm fühlt sich etwas eingerostet an (ein Wortspiel, das hier unfreiwillig passt); das Metall knarrt und ächzt, als er versucht, damit zuzuschlagen. Deshalb beschließt Bucky, sich stattdessen auf den anderen Arm und die Beine zu konzentrieren.

Ohnehin will er seinen linken Arm nicht gegen Peter einsetzen, nicht einmal beim Sparring.

Besonders nicht, wenn er nicht richtig funktioniert.

Er ist schon ordentlich ins Schwitzen gekommen, als Peter zurück auf das Dach schwingt, Maske und Schutzbrille abnimmt und Bucky angrinst, als freue er sich riesig, ihn zu sehen.

„Rate mal!", sagt er und hüpft auf ihn zu. „Ich habe einen Autodieb geschnappt!"

„Ach ja?", sagt Bucky und bemerkt, wie gerötet und glänzend die Haut in Peters glücklichem Gesicht ist.

„Ja! Er hat versucht, die Tür mit einem Brecheisen aufzuhebeln. Ich habe ihn gestoppt, da ist er wütend geworden und wollte damit nach mir schlagen, aber ich habe ihn mit Netzen festgesetzt. Eine nette Frau, die alles gesehen hat, hat die Polizei gerufen. Also habe ich einen Zettel hinterlassen, auf dem stand, was er getan hat, und ihn ihnen überlassen."

Bucky mustert Peter. „Hast du was abbekommen?"

„Ähm", macht Peter, blickt an sich herab und begutachtet seine Arme, seine Brust und seine Beine. „Ich glaube nicht? Vielleicht. Falls doch, es tut nicht mehr weh, also gibt es wahrscheinlich nicht einmal einen blauen Fleck."

Seufzend streicht Bucky sich die Haare aus dem Gesicht. Gott sei Dank für den Selbstheilungs-Faktor dieses Kindes.

„Wo fangen wir also an?", fragt besagtes Kind, die Stimme vor Aufregung sprudelnd.

„Zunächst einmal", antwortet Bucky und tritt ein paar Schritte zurück, bis ein angemessener Abstand zwischen ihnen liegt, „möchte ich, dass du versuchst, mich zu überwältigen, so, wie du es bei einem gewöhnlichen Kriminellen tun würdest. Zu deinem Glück scheinen deine Fähigkeiten am besten für den Kampf auf mittlere Distanz geeignet zu sein. Den Nahkampf gehen wir später an, da er für dich höchstwahrscheinlich nur das letzte Mittel sein wird. Konzentrieren wir uns fürs Erste darauf, einen Gegner zu Fall zu bringen und außer Gefecht zu setzen. Ich möchte sehen, wie du dich bewegst."

„Verstanden", sagt Peter und setzt seine Maske und Schutzbrille wieder auf.

„Na gut", sagt Bucky und nimmt eine Verteidigungshaltung ein. „Greif mich an."

~

Alles in allem ist Bucky ziemlich beeindruckt von Peters Fähigkeiten.

Es ist offensichtlich, dass der Junge unzählige Stunden damit verbracht hat, seine Techniken zu erlernen und zu perfektionieren; außerdem lernt er schnell. Seine Beweglichkeit, angesichts seiner Schnelligkeit und Superkraft, ist schlichtweg unglaublich; er ist schlagfertig, flink auf den Beinen und obendrein einfallsreich. Bucky kann kaum glauben, dass dieser Junge nicht schon sein ganzes Leben damit verbracht hat, Superheld zu spielen.

Er macht es Bucky nicht leicht und nutzt seine überlegene Ausdauer und seine Reflexe, um jedem Versuch, ihn einzuspinnen, auszuweichen und zu kontern, doch Peter hält während des gesamten Kampfes gut mit. Schließlich liefern sie sich auch einen kurzen Nahkampf; und obwohl Peters Strategie aus irgendeinem Grund hauptsächlich daraus zu bestehen scheint, „jede erdenkliche Aktion außer Schlagen" auszuführen, ist seine Methode, den Gegner zurückzudrängen und so nötigen Abstand zu gewinnen, routiniert und effizient.

Er ist ein Anfänger, aber sein Potenzial ist gewaltig. Bucky fühlt sich fast ein wenig eingeschüchtert.

Der Kampf endet, als Peter erfolgreich Buckys rechten Arm fixiert. Bucky zögert einen Moment, bevor er mit der linken Hand auf einen Angriff reagieren kann, und gibt Peter so die Gelegenheit, auch seine Beine und seinen Oberkörper einzuspinnen, womit er ihn praktisch am Boden des Daches festklebt.

„Woo!", jubelt Peter und macht einen kleinen Hüpfer, die Arme siegreich in die Höhe gereckt, bevor er stöhnt und auf die Knie sinkt. „Mist, ich bin so fertig."

„Ja. Guter Kampf, Kid", sagt Bucky und reißt das Netzgewebe um seinen rechten Arm und seine Schulter mit einem scharfen, mechanischen Ruck seiner linken Hand ab. „Ich habe jetzt eine ziemlich gute Vorstellung davon, woran wir arbeiten müssen."

„Äh, hier, lass mich helfen", sagt Peter, klettert herüber, nimmt die Maske wieder ab und kniet sich hin, um beim Entfernen des Netzes an einem von Buckys Beinen zu helfen, während dieser sich um das andere kümmert. „Ähm, tut mir leid, ich bin da wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen. Ich musste noch nie so hart kämpfen, deshalb...äh..."

„Mach dir keinen Kopf, Kid", sagt Bucky, während er die letzten Reste des Spinnennetzes von seiner Kleidung löst, aufsteht und Peter die Hand hinhält. „Du hast dich gut geschlagen. Und du hast mich zu Boden gebracht, ohne zu versuchen, mich in einem adrenalinbedingten Rausch umzubringen, dafür gibt's Bonuspunkte."

Peters Gesicht verzieht sich zu einer fast komisch wirkenden Miene der Beunruhigung. „Ist...ist das normal?"

Bucky zuckt mit den Schultern. „Kämpfen, selbst wenn es nur zum Schein ist, kann bei manchen Leuten das Tier zum Vorschein bringen. Aber du hast gute Instinkte. Das ist wichtig."

„Nun ja...", setzt Peter an; die Beunruhigung weicht, und an ihre Stelle tritt ein scheues, etwas verwirrtes Erröten. „Äh, danke, schätze ich."

Er schenkt Bucky ein kleines Lächeln, doch es hat einen bitteren Beigeschmack; in den Augen des Jungen liegt ein Sturm von Gefühlen, den er verbirgt, indem er den Blick wieder auf den Boden senkt.

Offensichtlich behagt Peter etwas an Buckys Worten nicht, etwas, das ihn beunruhigt oder belastet. Einen Moment lang fragt sich Bucky, ob der Junge vielleicht mehr Angst davor hat, verletzt zu werden, als er zugegeben hat, doch er bezweifelt das. Peter hat schon früher offen über seine Angst gesprochen und schien sich nicht dafür zu schämen; es muss also etwas anderes sein.

Er ist sich ziemlich sicher, zu wissen, was es ist.

„Du hast einen kühlen Kopf bewahrt und deine eigene Kraft nicht eine Sekunde lang vergessen", sagt Bucky mit ruhiger, bestärkender Stimme. „Du weißt, dass du stärker bist als die meisten Menschen und jeden Kampf mühelos gewinnen könntest, wenn du dir keine Sorgen machen würdest, andere zu verletzen, aber das tust du nicht. Du hältst dich zurück, selbst wenn du dich dadurch selbst in Gefahr bringst, weil es das Richtige ist. Du musst dir selbst vertrauen, Peter. Du willst niemandem wehtun. Du musst darauf vertrauen, dass in den entscheidenden Momenten jener Teil von dir die Kontrolle behält, dem der Schutz anderer wichtiger ist als das Gewinnen von Kämpfen."

Peter lächelt ihn an; die Sorge schwindet und seine Augen leuchten einen Moment lang auf, bevor er den Blick wieder senkt. Etwas, etwas anderes?, huscht über sein Gesicht, ein Ausdruck, den Bucky nicht recht deuten kann: eine Mischung aus Zuneigung und Traurigkeit, aus Zufriedenheit und Sorge.

„Du auch", sagt der Junge, fast zu leise, als dass Bucky es hören könnte. „Das Gleiche gilt auch für dich, Bucky."

Bucky blinzelt und runzelt die Stirn. „Was?"

„Vorhin", sagt Peter unsicher. „Ich habe nur gewonnen, weil du mich nicht schlagen wolltest. Ich weiß, ich bin noch ein Kind und du hältst dich deshalb zurück, aber ich glaube nicht, dass es nur daran liegt. Ich...ich glaube, du hast auch Angst. Angst, mir wehzutun. Aber du bist genauso wie ich, also musst du auch dir selbst vertrauen."

Der Junge lächelt wieder, diesmal wärmer und blickt zu Bucky auf mit einem so unerschütterlichen Vertrauen , dass Bucky für einen Moment glaubt, er müsse sich übergeben. Was zur Hölle mache ich hier? , schießt es ihm panisch durch den Kopf, während er in Peters große, dunkle, liebevolle Augen starrt. Ich sollte gar nicht erst mit diesem Jungen reden. Was zur Hölle habe ich getan?

Ohne etwas von Buckys innerer Zerrissenheit zu ahnen, geht Peter zu seinem Rucksack hinüber, streift sein Kostüm ab und stopft es ganz nach unten in die ohnehin schon übervolle Tasche.

Nachdem er Hoodie und Jeans wieder angezogen hat, steht er auf, wirft sich den Rucksack über die Schulter, dreht sich um und grinst Bucky erneut an. „Hey, hast du Hunger? Gegenüber ist eine Pizzeria, die noch offen hat. Ich lade dich ein."

Das geht zu weit , schreit es verzweifelt in Buckys Innerem. Du bist nicht der, für den er dich hält. Du musst das beenden, sofort, bevor er dahinterkommt.

Als Bucky nicht antwortet, kommt Peter zu ihm zurück und lässt den Blick über das Dach schweifen, genau in die Richtung, in die Bucky hoffnungslos starrt.

„Oh, mach dir deswegen keine Sorgen", sagt Peter und deutet auf die Haufen verstreuter Netzfäden, die nach ihrem Kampf überall klebten und verklumpten. „Die lösen sich in ein paar Stunden auf. Wenn es regnet, geht's schneller. Wir kriegen keinen Ärger, versprochen!"

Du bist gefährlich. Du weißt, dass die jetzige Situation nicht von Dauer sein wird. Bring diesen Jungen von dir weg, bevor etwas passiert, das du nicht mehr kontrollieren kannst. Du kannst es nicht kontrollieren. Du kannst es nicht kontrollieren. Du wirst ihn noch umbr...

Eine Hand, die sich sanft um seinen Metallarm legt, reißt Bucky aus seinen Gedanken; überrascht blickt er an sich herab. Die Hand des Jungen verschränkt sich behutsam mit Buckys linker, lockert sanft die verkrampfte, knirschende Faust, zu der sich diese geballt hatte, und drückt seine Finger leicht und beruhigend. Bucky spürt Peters Handfläche, schmal und so, so klein , wie sie zart in seiner Faust liegt und seine Finger umschließt; die Haut fühlt sich warm an gegen seine metallenen Fingerglieder.

„Siehst du?", sagt Peter leise und immer noch lächelnd, während er Buckys Hand sanft drückt. „Alles ist gut."

Bucky bringt kein Wort heraus; er kann nicht auf die absolute Gewissheit in der Stimme des Jungen reagieren, darauf, wie sicher er sich seiner selbst ist...und seiner selbst in Bezug auf Bucky . Wie zum Teufel kann dieser Junge ihm nach so kurzer Zeit schon so sehr vertrauen? Bucky ist sich an manchen Tagen nicht einmal sicher, ob er sich nicht selbst umbringen wird, geschweige denn, ob er anderen etwas antun könnte.

Aber dieser Junge ist sich sicher. Er vertraut ihm.

Vielleicht kann Bucky ihm auch vertrauen.

„Komm, lass uns Pizza holen!", strahlt Peter und schlüpft mit dem anderen Arm durch den Riemen seines Rucksacks. „Ich hab' einen Riesenhunger!"

Er steuert auf die Tür zum Treppenhaus zu, ganz der Alte, sprudelnd vor Energie und völlig unbeschwert, hält dann aber inne, als er bemerkt, dass Bucky sich noch immer nicht vom Fleck gerührt hat. Er blickt mit leuchtenden Augen zurück und öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch in diesem Moment fegt ein heftiger, eisiger Windstoß über das Dach und trifft sie beide. Bucky spürt ihn kaum, doch Peter beginnt sogleich sichtbar zu zittern; er verschränkt die Arme vor dem Körper und vergräbt die untere Hälfte seines Gesichts im Kragen seines Hoodies.

Bei diesem Anblick handelt Bucky, noch bevor er es überhaupt bewusst wahrnimmt: Er greift mit seiner Metallhand nach Peters Kapuze, zieht sie dem Jungen über den Kopf und tätschelt diesen dann kurz und sanft.

„Okay, Kid", sagt er, lässt los und geht auf die Tür zu. „Pizza also."

~

Bucky findet in dieser Nacht kaum Schlaf.

Die Sorge, Peter sei etwas Schreckliches zugestoßen, als er nicht auftauchte; die Entdeckung, dass der Junge gar nicht zu Hause wohnt; die beunruhigende Erkenntnis, dass Peter völlig falsche und schädliche Vorstellungen von Buckys Charakter hat; und nicht zuletzt die alles verschlingende Angst, ein Kind, das ihm blind vertraut, direkt in Gefahr zu bringen, nun ja, gelinde gesagt war der gestrige Tag verdammt lang gewesen.

Er geht seinen üblichen Samstagsbeschäftigungen nach und vertreibt sich die Zeit, bis er mit den Hunden von, wie hieß sie noch gleich?, Gassi gehen muss. Peter hatte gestern Abend gefragt, ob er heute etwas früher vorbeikommen könne, da schulfrei sei; deshalb will Bucky den Job so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Es ist die vierzigste Minute eines einstündigen Spaziergangs. Bucky biegt gerade um eine Straßenecke, an jedem Arm einen Hund an der Leine, als er fast direkt in einen Jungen hineinläuft. Nicht in irgendeinen Jungen, sondern in seinen , nein, den Jungen.

„Whoa!", ruft Peter und springt zurück, um nicht frontal gegen Buckys Brust zu prallen. „Hey, Bucky!"

„Kid", sagt Bucky statt einer Begrüßung und zieht an den Leinen, als die Hunde sich aufbäumen, um neugierig an dem Jungen zu schnüffeln.

Peter schnappt nach Luft, sein Gesicht strahlt wie die Sonne. „Oh mein Gott, wer seid ihr denn?", ruft er aus, lässt sich auf die Knie fallen und versucht, beide Hunde zu streicheln, die ihn sofort mit aufgeregten, feuchten Küssen überschütten. Igitt. „Wie heißen sie?", fragt er und blickt zu Bucky auf, während er halb unter einem Gewirr aus Hundezungen verschwindet.

Woher zum Teufel sollte er das wissen? Er weiß nicht einmal, wie die Besitzerin heißt.

„Das sind Hunde", versucht er es und hofft, dass Peter sich damit zufriedengibt, wohl wissend, dass das nicht passieren wird.

Er behält recht.

„Hunde brauchen auch Namen!", schnaubt Peter, greift nach dem Halsband des größeren Hundes und sieht sich die Marke an. „Du bist...Tessa", sagt er grinsend und greift dann auch nach der Marke des anderen Hundes. „Und du bist...Dodger. Schön, euch kennenzulernen!"

„Kid", versucht es Bucky noch einmal, ohne die Belustigung aus seiner Stimme verbergen zu können. „Das sind Hunde ."

„ Gute Hunde!"

Bucky seufzt und zieht wieder an den Leinen, als Peter aufstehen will, um ihm Platz zu machen. Ihm fällt auf, dass der Rucksack des Jungen schon wieder prall gefüllt wirkt, aber er hatte doch heute gar keine Schule, oder? Also ist er höchstwahrscheinlich nicht voller Bücher. Ganz zu schweigen davon, dass sie ein gutes Stück von Buckys Wohnung entfernt sind. Vielleicht Lebensmittel?

„Was machst du hier?", fragt er, ohne sich die Mühe zu machen, die Verwirrung in seiner Stimme zu verbergen.

Peter blickt zu ihm auf, während sich eine vertraute, verlegene Röte auf seinen Wangen ausbreitet. „Ich vertreibe mir nur die Zeit."

Bucky runzelt die Stirn. „Bis wann?"

„Bis...", setzt Peter an, hält dann inne und schenkt Bucky ein scheues Lächeln, begleitet von einem Schulterzucken. „Ähm, ich dachte einfach, es wäre unhöflich, zu früh vorbeizukommen, schätze ich."

Buckys Stirnrunzeln vertieft sich.

Warum hat er nicht einfach zu Hause gewartet?

„Wem gehören diese Hunde?", fragt Peter, noch bevor Bucky seine eigene Frage aussprechen kann.

„Einer Frau, die jemanden brauchte, der mit ihnen Gassi geht", sagt er.

Peters Augen leuchten wieder auf. „Darf ich dir beim Gassi gehen helfen?", fragt er fast flehend; seine Begeisterung ist förmlich greifbar.

Bucky reicht ihm die Leine des größeren Hundes, offenbar Tessa und Peter grinst, als hätte Bucky ihm gerade einen Barren aus purem Gold geschenkt.

„Das ist ja klasse!", sagt er und reiht sich neben Bucky ein. „Komm schon, Tessa!"

Er fordert Peter nicht dazu auf, seinen Eifer zu zügeln; irgendwie gelingt es ihm nicht, an seiner früheren mürrischen Stimmung festzuhalten, während er beobachtet, wie der Junge auf den Hund einredet, genau so, wie er es auch bei Bucky tut. Tessa ist übrigens eine weitaus enthusiastischere Zuhörerin als Bucky, auch wenn Peter irgendwann müde wird, sie immer wieder zu fragen: „Wer ist ein braves Mädchen?", ohne dass sich die Antworten großartig unterscheiden würden.

„Also, ähm", sagt Peter nach einer Weile, als sie auf dem Rückweg sind, um die Hunde abzuliefern. „Ich weiß nicht, ob dich das interessiert, aber...ich habe ein paar Filme mitgebracht. Ich dachte, das macht vielleicht mehr Spaß, als wenn ich die ganze Nacht nur vor mich hin plappere, wie sonst auch. Ich weiß, dass du keinen Fernseher hast, deshalb habe ich meinen Laptop mitgebracht, falls du magst? Ich habe mir ein paar DVDs von einem Typen aus der Schule ausgeliehen, er heißt Ned, ich mag ihn echt gern, wir verstehen uns super, jedenfalls hat er mir seine Star-Wars-Sammlung geliehen. Magst du Star Wars?"

Wie Bucky gelernt hat, fährt man am besten, wenn man im Gespräch mit Peter einfach nur die letzte Frage beantwortet, die er während seines enthusiastischen Redeschwalls gestellt hat und dann abwartet, bis er die anderen Fragen, auf deren Beantwortung er Wert legt, unweigerlich noch einmal stellt. „Ich weiß es nicht."

„Du hast noch nie Star Wars gesehen?", fragt Peter mit offenem Mund und blickt Bucky geradezu empört an. „Oh Gott, wir müssen die Filme unbedingt ansehen! Also, wenn du willst!"

Bucky lächelt und macht sich nicht die Mühe, es zu verbergen. „Klar, Kid."

~

„Lass mich das mal richtig verstehen", sagt Bucky und starrt auf den kleinen Laptop-Bildschirm vor ihnen, der harmlos auf Buckys beschissenem Barhocker steht. „Der zweite Film ist eigentlich der fünfte?"

Peter lacht, eingezwängt neben Bucky auf dem schäbigen Zweisitzer-Sofa, und nimmt einen weiteren Bissen von ihren selbstgemachten Sandwiches. „Episode eins, zwei und drei sind Prequel-Sequels. Sie spielen zeitlich zuerst, wurden aber später gedreht."

Bucky runzelt die Stirn und betrachtet den Bildschirm mit zusammengezogenen Brauen. „Sie haben also zuerst Episode vier gemacht?"

„Jep", grinst Peter, der sich sichtlich viel zu sehr über Buckys Verwirrung amüsiert. „Schräg, oder?"

„Es ist unlogisch."

Der Junge bricht in Gelächter aus und krümmt sich zusammen, bis sein Kopf fast die Armlehne berührt und seine Knie gegen Buckys linken Arm drücken. „Echt, oder? Ich weiß auch nicht, was die sich dabei gedacht haben."

Bucky kann dem nur zustimmen. Abgesehen von den verwirrenden Zeitlinien sind die Filme eigentlich ziemlich gut. Bucky ist beeindruckt von den Spezialeffekten, was Peter aus irgendeinem Grund kränkt; er besteht vehement darauf, dass sie mit der heutigen Filmmagie nicht mithalten können und schlecht gealtert sind. Das führt zu dem Geständnis, dass Bucky eigentlich noch nie zuvor einen Film gesehen hat, was Peter fast vom Sitz springen lässt.

„ Noch nie ?", fragt er und zieht die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hoch. „Nicht mal, bevor du Brooklyn verlassen hast?"

Bucky merkt, dass er etwas Falsches gesagt hat, etwas Ungewöhnliches, dass Peter misstrauisch wird, aber woher zum Teufel hätte er wissen sollen, wie üblich es ist, Filme zu schauen? Peter hatte ja auch kein großes Aufheben darum gemacht, dass Bucky weder Fernseher noch Computer in seiner Wohnung hatte.

„Vielleicht schon", versucht er es und macht sich nicht die Mühe, die Verwirrung in seiner Stimme zu verbergen. „Vor langer Zeit. Falls doch, kann ich mich nicht daran erinnern."

Das scheint Peter zu beruhigen; der Junge lächelt, und in seinen Augen erscheint ein aufgeregtes Funkeln. „Mann, weißt du, was das bedeutet? Es gibt so viele großartige Filme, die ich dir jetzt zeigen muss. Zum Beispiel, oh mein Gott, du hast auch ‚Der Herr der Ringe' noch nicht gesehen?!"

Er hat kaum Zeit, den Kopf verneinend zu schütteln, bevor Peter schon wieder loslegt: „Wir müssen sie uns ansehen! Beim nächsten Mal. Ganz sicher. Oh, Moment, vielleicht sollten wir es aufteilen, es sind zwar nur drei Filme, aber jeder davon dauert vier Stunden; wir brauchen also so gut wie einen ganzen Tag, um sie alle am Stück zu sehen."

„Verdammt, Kid. Wo nimmst du die Zeit her, dich hinzusetzen und einen zwölf Stunden langen Film zu gucken?"

Peter grinst und zuckt mit einer Schulter, während seine Wangen sich leicht rosa färben. „Bevor ich Spider-Man wurde, hatte ich eigentlich jede Menge Freizeit. Filme und Videospiele waren so ziemlich das Einzige, was ich gemacht habe."

„Hmm", macht Bucky, ohne zu wissen, was er sonst sagen soll. Er weiß nicht genau, was Videospiele sind und er will den Jungen nicht noch mehr beunruhigen, indem er danach fragt.

Ein paar friedliche Augenblicke der Stille verstreichen; Peter konzentriert sich ganz auf den Laptop, während Bucky eher auf den Film blickt, als ihn wirklich zu verfolgen. Er ist zwar unterhaltsam, aber Bucky fühlt sich nicht wirklich hineingezogen. Auch wenn die Kostüme, die künstlichen Raumschiffe und die leuchtenden Laserschwerter cool sind, betrachtet Bucky das Geschehen auf dem Bildschirm lieber mit einer gewissen, sicheren Distanz.

Wie zu erwarten, bricht Peter als Erster das Schweigen. „Hey, trainieren wir heute Abend wieder?"

„Ja", sagt Bucky, ohne ihn anzusehen. „Wir trainieren jeden Tag, bis ich weiß, dass du dich vernünftig verteidigen kannst."

Er erwartet eine typisch begeisterte Reaktion von Peter, so etwas wie: „Oh, cool!", „Wow, okay, das ist ja klasse!", „Oh mein Gott, ich kann's kaum erwarten!" oder etwas ähnlich Überdrehtes und Kindliches. Er ist es gewohnt, dass Peter sich über alles freut, egal wie unbedeutend es ist. Als jedoch keine Antwort kommt und Bucky hinüberblickt und sieht, wie Peter ihn mit großen, verdutzten Augen anstarrt, stockt ihm für einen Moment der Atem.

„Was?", fragt er und spiegelt Peters verwirrten Gesichtsausdruck wider. „Was ist los?" Peters Mund öffnet sich, doch es kommen keine Worte heraus; mit gerunzelter Stirn schließt er ihn wieder. Dass dem sonst so redseligen Jungen die Worte fehlen, verunsichert Bucky, lag es an etwas, das er gesagt hat?

„Es ist nur...", bringt Peter schließlich hervor; seine Stimme ist leise, der Tonfall, traurig ...? „Es ist nur, ich bin, ähm, ich bin wohl überrascht. Dass du das tun willst. Ich fühle mich irgendwie...äh, ich fühle mich schlecht, weil ich so oft vorbeigekommen bin. Dass ich mich aufdränge, meine ich. I-ich bin jeden einzelnen Tag gekommen und ich weiß, dass das irgendwie unhöflich ist; ich wollte mich eigentlich entschuldigen und seltener kommen, aber...ich wollte es nicht. Ich verbringe gerne Zeit mit dir und ich habe nicht..." Er bricht ab, die Augen weiten sich überrascht, dann beginnt er sofort wieder zu sprechen, schneller.

„Also ich...keine Ahnung, ich habe gerade erst den Mut aufgebracht, seltener vorbeizukommen, weil es bestimmt nervig ist, mich ständig hier zu haben. Dass du dann sagst, du willst mich jeden Tag trainieren, das hat mich einfach überrascht, das ist alles. Tut mir leid."

„Kid", sagt Bucky langsam und ruhig, im Gegensatz zu Peters hektischem Geplapper. „Du drängst dich nicht auf."

Peters Stimme ist leise und zaghaft; sie klingt kindlicher, als Bucky sie je zuvor gehört hat. „Wirklich?"

„Sieh' mich an", sagt er nun bestimmter und dreht sich so, dass er auf dem Zweisitzer genauso sitzt wie Peter: Er wendet sich dem Jungen zu, den Rücken gegen die Armlehne gelehnt, ein Bein auf der Sitzfläche angewinkelt, während Peter seine Beine schützend an die Brust gezogen hat. „Wirke ich wie jemand, der lügen würde, damit sich jemand besser fühlt?"

„Nein", antwortet Peter leise und schüttelt den Kopf.

„Genau. Wenn du mich nerven würdest, würde ich es dir sagen. Es macht mir nichts aus, dass du jeden Tag vorbeikommst, Kid. Wirklich nicht."

Peter lächelt, doch das Lächeln wirkt gezwungen und ist nur von kurzer Dauer. Seine Augen beginnen leicht zu tränen und darauf ist Bucky überhaupt nicht vorbereitet. Der Film geht zu Ende, Musik dringt aus den kleinen Lautsprechern in Buckys größtenteils leere Wohnung, während die beiden dasitzen und einander anstarren, bis Peter seinen feuchten Blick auf seine Füße senkt.

Das Video endet, die Musik verstummt und Stille erfüllt den Raum; Peter sagt kein Wort, während er die Tränen zurückhält und Bucky weiß nicht, warum. Er weiß nicht, warum seine Gesellschaft, ausgerechnet seine Gesellschaft, diesem Jungen so viel bedeutet; er weiß nicht, was Peter davon hat, Zeit mit ihm zu verbringen, abgesehen davon, dass es ein großes Stück seiner Ersparnisse kostet; er weiß eigentlich gar nichts über Peter, wer er ist, woher er kommt oder warum er weint.

Aber er will es wissen.

Er möchte fragen, wartet aber ab und lässt Peter sich erst einmal wieder fassen. Als seine Augen weitgehend trocken sind, blickt Peter schließlich wieder zu ihm auf, zweifellos in der Absicht, etwas zu sagen, wahrscheinlich um sich zu entschuldigen, doch Bucky kommt ihm zuvor.

„Wo sind deine Eltern?"

Falls Peter von der Frage überrascht ist, lässt er es sich nicht anmerken. Sein Gesichtsausdruck ist undurchschaubar; sein Blick geht an Bucky vorbei, als würde er durch ihn hindurchsehen. Als er antwortet, klingt seine Stimme distanziert, so, als hätte er weitaus heftiger geweint, als es tatsächlich der Fall war.

„Sie sind schon vor langer Zeit gestorben."

Bucky wartet in der Hoffnung, dass Peter mehr erzählt, doch der Junge bleibt ungewöhnlich still und kauert sich an die Armlehne. Normalerweise würde er es dabei belassen, er hat kein wirkliches Bedürfnis, in fremden Angelegenheiten zu bohren, aber er will es verstehen; er muss wissen, woher dieser Junge kommt und wie er hier gelandet ist.

„Peter", sagt er und ist selbst überrascht von der Sanftheit in seiner Stimme. Der Junge blickt zu ihm auf; seine Augen sind groß, dunkel und so unerträglich voller Trauer. „Erzähl mir, was passiert ist."

Der Junge schluckt, holt tief Luft und umschlingt für einen Moment fester seine Knie, bevor er ausatmet und tiefer in die Couch sinkt.

„Ich bin in Manhattan geboren", sagt er leise und sanft. „Als ich fünf war, brachen meine Eltern zu einer Geschäftsreise auf und ihr Flugzeug stürzte ab. Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr besonders gut an sie. Ich glaube nicht einmal, dass ich wüsste, wie sie aussahen, wenn ich keine Fotos hätte."

Bucky hört zu, ganz still und ruhig, und lässt den Jungen in seinem eigenen, gemächlichen Tempo erzählen.

„Meine Tante und mein Onkel haben mich aufgenommen. May und Ben. Sie haben mich großgezogen und auch wenn sie es biologisch gesehen nicht waren, habe ich sie als meine Eltern betrachtet, weißt du? Sie waren in jeder Lebenslage für mich da. Und sie waren großartig. Sie haben viel auf sich genommen, damit es mir an nichts fehlte, und wir...wir waren immer richtig glücklich."

Ihm entgeht nicht, dass Peter von der Vergangenheit spricht. Bucky hat das Gefühl, als würde sich seine Kehle zuschnüren.

„Letzten Sommer...", beginnt Peter, hält dann aber inne; ihm steigen wieder Tränen in die Augen. „Weißt du noch, wie ich erzählt habe, dass ich auf eine Schule für Reiche gehe? Ein alter Freund meines Vaters, eher ein ehemaliger Kollege, glaube ich, er ist ein reicher Wissenschaftler. Er bot mir an, ein Empfehlungsschreiben für mich aufzusetzen, damit ich dort angenommen werde, wenn ich ein bisschen Arbeit für ihn erledige. Meistens nur dumme Laborarbeit, ehrlich gesagt. Ich glaube, er wollte einfach nur ein zusätzliches Paar Hände, für das er nichts bezahlen musste. Jedenfalls...da bin ich gebissen worden. Von der Spinne."

Er blickt auf seine Hände hinab und starrt sie an, als würde er erwarten, dass sie anders aussehen als sonst. Als er spricht, liegt so viel Verzweiflung in seiner Stimme, dass Bucky sie kaum wiedererkennt. „Ich wusste eigentlich sofort, dass etwas nicht stimmte. Plötzlich waren all meine Sinne extrem geschärft, ganz zu schweigen davon, dass ich stärker und schneller war. Ich wollte es meiner Tante und meinem Onkel erzählen, aber ich konnte nicht. Sie wollten unbedingt, dass ich auf diese Schule gehe, aber sie waren nicht damit einverstanden, dass ich die Hilfe von Mr. Osborn annahm, mein Onkel konnte ihn aus irgendeinem Grund absolut nicht leiden, also konnte ich ihnen nicht sagen, was passiert war."

Peter drückt sich tiefer in den Winkel zwischen Armlehne und Sofalehne und schlingt die Arme wieder um seine angezogenen Beine, sodass er sich praktisch zu einer Kugel zusammenrollt. „Kurz bevor die Schule anfing...", sagt er, während Tränen aus seinen Augen quellen und in breiten, dicken Strömen über seine Wangen laufen. „Meine Tante und mein Onkel waren auf einem Date. Ich war zu Hause und...irgendetwas stimmte nicht. Heute weiß ich, dass es an dem Spinnenbiss lag, aber ich habe da so ein...so ein Gespür, schätze ich. Ich bekomme ein Gefühl, wie wenn Gefahr droht oder etwas nicht stimmt, und in dieser Nacht...ich..."

Er holt zitternd Luft, die Hände in den Jeansstoff gekrallt, während er verzweifelt versucht, nicht zu schluchzen. Bucky fühlt sich wie am Sitz festgewachsen, bis ins Mark erstarrt. Er weiß, wie die Geschichte ausgeht, doch er fleht im Stillen darum, dass er sich irrt.

„Irgendetwas stimmte nicht", sagt Peter, fast schluchzend. „Ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Ich konnte es spüren. Ich bin den ganzen Weg zu dem Restaurant gerannt, in dem sie zu Abend aßen, und...da waren all diese Polizisten und Krankenwagen; sie versuchten, mich aufzuhalten, aber ich rannte an ihnen vorbei, und...da lagen sie einfach...da, neben unserem Auto. Jemand hatte auf sie geschossen. Die Polizei sagte, es sei ein Raubüberfall gewesen. Die Handtasche meiner Tante und die Geldbörse meines Onkels waren weg."

Peter lässt den Kopf sinken und stützt die Stirn auf seine Knie, während er weint, lautlos und unbemerkt, abgesehen vom Zittern seiner Schultern. Buckys Herz fühlt sich kalt in seiner Brust an, als würde es Eis statt Blut durch seine Adern pumpen. Er weiß nicht, was er sagen soll. All der Kummer, den Peter in seinem kurzen Leben durchgemacht hat, der Verlust seiner Eltern, und zwar gleich zweimal, ganz zu schweigen von den körperlichen Veränderungen, mit denen er ganz allein fertigwerden musste und Gott weiß was noch alles, direkt nachdem er die beiden Menschen zu Grabe getragen hatte, die er auf der ganzen Welt am meisten liebte.

Peter holt tief Luft und hebt den Kopf; sein Gesicht ist vom Weinen völlig rot und tränenüberströmt. Er wischt sich mit dem Ärmel seines Hoodies darüber, atmet schniefend durch den Mund und versucht, sich wieder zu fassen. Er sieht nicht zu Bucky auf, sondern behält den Blick starr auf seine Knie gerichtet; seine Augen wirken müde und dunkler, als Bucky es bei dem Jungen für möglich gehalten hätte.

„Ich bin jetzt in einer Pflegefamilie", sagt Peter fast nur gemurmelt. „Meine Tante und mein Onkel haben ein kleines Vermögen bezahlt, damit ich auf diese Schule gehen kann; ich habe also großes Glück, dass ich weiterhin hingehen darf. Das hat mir Kraft gegeben. Das und Spider-Man zu sein. Ich weiß, wenn...wenn May und Ben noch leben würden, dann...May würde wollen, dass ich zur Schule gehe, und Ben, wenn er von meinen Kräften wüsste, würde wollen, dass ich Menschen helfe. Also...also habe ich das: die Möglichkeit, in ihrem Sinne zu handeln. Sicherzustellen, dass sie stolz auf mich sind."

Bucky will ihn eigentlich nicht unterbrechen, doch die Erinnerung an Delmars Worte, dass Peter „schlechte Pflegefamilien" erlebt habe, drängt sich ihm so stark auf, dass er nicht an sich halten kann und fragt: „Deine Pflegefamilie ist bereit, für diese teure Schule zu bezahlen?"

Peter sieht endlich zu ihm auf; seine Augen weiten sich bei dieser Frage, bevor er den Blick wieder senkt und mit frustriertem Stirnrunzeln auf seinen Schoß starrt.

„Nein", flüstert er fast, leise und traurig. „Genau dafür gebe ich Nachhilfe. Meine Tante und mein Onkel haben die Gebühren für dieses Jahr bezahlt, aber ich...ich muss für das nächste Jahr sparen."

Bucky runzelt ebenfalls die Stirn; seine Brauen ziehen sich zusammen. „Kid, wenn du Geld für dein Schulgeld sparen musst, warum gibst du dann ständig so viel für Essen aus?"

Peter wirft ihm einen Blick zu; das Stirnrunzeln verschwindet und macht einem Ausdruck der Verwirrung Platz.

„Weil...", sagt er langsam, als wäre er sich nicht sicher, worauf Bucky hinauswollte, „...ich ja essen muss?"

Buckys Stirnrunzeln vertieft sich. „Warum isst du nicht einfach zu Hause?"

Etwas huscht über das Gesicht des Jungen, vielleicht Besorgnis oder sogar Angst, aber auf jeden Fall wirkt er für einen Moment beunruhigt, als wolle er diese Frage nicht beantworten.

Mit zusammengekniffenen Augen beugt sich Bucky besorgt vor. „Geben sie dir nichts zu essen?"

Peter presst die Lippen aufeinander, als wolle er verhindern, etwas zu sagen; dann zieht er sich noch mehr in sich zusammen und sagt: „Es ist einfach...eine lange Geschichte."

Bucky lässt seinen Gesichtsausdruck weicher werden und versucht, sanft und beruhigend zu klingen. „Schon gut", sagt er. „Du kannst es mir erzählen."

Er sieht das Zögern in den Augen des Jungen, in seiner Körpersprache, was auch immer es ist, Peter hat offensichtlich Bedenken, es ihm zu sagen. Doch schließlich seufzt er und senkt den Blick; er scheut stets den Blickkontakt mit Bucky, wenn er nervös ist.

„Die ersten paar Pflegefamilien waren die schlimmsten", sagt er hörbar widerwillig. „Da...da sind viele schlimme Dinge passiert. Sie waren...missbräuchlich, schätze ich. Ich habe versucht, mich zu wehren, aber ich wollte nie meine volle Kraft einsetzen, weil ich die Leute sonst verletzt hätte und...und sie herausgefunden hätten, dass ich nicht normal bin. Also habe ich es einfach über mich ergehen lassen und versucht, es meinem Sozialarbeiter zu sagen. Aber das Problem ist: Niemand hat mir je geglaubt, weil ich diese Super-Heilung habe. Die blauen Flecken und so waren immer schon weg, bis ich versuchte, Hilfe zu holen."

Buckys linke Hand zittert auf der Sofalehne; die Nerven in seiner Schulterplatte spielen verrückt, ausgelöst durch die plötzliche Wut , die wie ein Torpedo durch ihn hindurchschießt. Er greift mit der rechten Hand sein Metallgelenk, so unauffällig wie möglich, um Peter nicht zu unterbrechen und drückt den Daumen gegen die Unterseite des linken Handgelenks, um die unerwartete Welle wütender Energie, die in seinen Arm schießt, manuell abzuleiten.

Peter, der davon glücklicherweise nichts mitbekommt, redet einfach weiter.

„Ich habe nicht aufgehört zu versuchen, jemanden einzuschalten. In der ersten Familie gab es noch andere Kinder; ich war nicht der Einzige. Ich habe versucht, sie zu beschützen, aber das hieß nur, dass ich als Boxsack herhalten musste, während..."

Er umklammert die Lehne des Zweisitzers so fest, dass er spürt, wie das Holz unter den Polstern und seinen Metallfingern zu splittern beginnt. „...ohne dass sich jemals beweisen ließ, dass es tatsächlich Missbrauch gegeben hat. Schließlich, nachdem das in verschiedenen Pflegefamilien ein paar Mal passiert war, haben sie mich einfach als ‚Problemfall' abgestempelt. Und tja...meine Sozialarbeiterin hat mir im Grunde gesagt: Wenn ich weiterhin Ärger mache, verlegen sie mich aus Queens weg und das würde bedeuten, dass ich die Schule wechseln müsste. Das darf ich nicht zulassen, also...bin ich an diesem neuen Ort einfach nicht wirklich geblieben."

Buckys Wut verfliegt, abrupt und auf eine Weise, die ihn fast aus dem Konzept bringt, als er endlich begreift, was er am Allerliebsten wissen wollte.

Peter kann nirgendwohin.

„Es ist keine normale Pflegefamilie", sagt Peter, ohne den Blick zu heben. „Es ist eher wie eine Übergangseinrichtung, aber für Problemkinder wie mich. Es ist ein Heim nur für Jungs, aber es ist viel, viel zu überfüllt. Es gibt zwar Essen, aber nie genug, wenn ich esse, bekommt ein anderer nichts ab. Es gibt nicht einmal genug Betten; viele Kinder schlafen einfach in Schlafsäcken auf dem Boden, und...ich weiß auch nicht. Ich...halte es dort einfach nicht aus. Ich weiß, ich sollte dankbar sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, aber...ich will keinen weiteren Ärger bekommen und am Ende womöglich die Schule wechseln müssen. Also bin ich einfach weggeblieben. Die Frau, die das Heim leitet, hat es nicht einmal bemerkt. Ich glaube, sie denkt, ich sei weggelaufen, und es war ihr egal genug, um es nicht zu melden. Ich lebe eigentlich nur aus meinem Schulspind und meinem Rucksack heraus und schleiche mich nachts in die Turnhalle."

„Kid", sagt Bucky; seine Stimme klingt so mitgenommen, wie er sich selbst fühlt.

Peter unterbricht ihn. „Ich weiß, okay? Ich weiß, dass es falsch ist und dass ich zurückgehen und einfach...den Kopf einziehen sollte. Aber es...es stresst mich einfach so sehr. Ich habe weniger Angst davor, beim Einbruch in die Schule erwischt zu werden, als davor, in diesem Heim zu bleiben."

„Kid", versucht es Bucky noch einmal, diesmal bestimmter, doch Peter scheint ihn gar nicht zu hören. „Es tut mir leid. Wirklich. Ich verspreche, ich habe nicht versucht, irgendwie...deine Freundlichkeit mir gegenüber auszunutzen oder so. Ich weiß, ich bin ziemlich gierig und irgendwie egoistisch, das ist mir klar; ich kann nur einfach nicht...ich kann gar nicht beschreiben, wie es war, hierherkommen zu können, Zeit mit dir zu verbringen, richtige Mahlzeiten zu essen, mit den Hunden Gassi zu gehen, zu reden und...und ich weiß auch nicht. Es tut mir leid, dass ich mich so an dich gehängt habe; ich weiß, das ist nicht in Ordnung und irgendwie seltsam, aber...ich fühle mich einfach so sicher , wenn ich hier bei dir bin. Dieses Gefühl hatte ich schon seit Monaten nicht mehr, und..."

Seine Hand bewegt sich, noch bevor er sie aufhalten kann; sie umschließt Peters eigene, kleinere Hand und hält sie fest in seiner Metallfaust. Peter verstummt und lässt den Blick zwischen Buckys Gesicht und ihren Händen hin und her wandern; mit großen, neugierigen Augen verfolgt er jeden Finger und jeden Knöchel von Buckys Prothese.

„Sieh' mich an", sagt Bucky und ist zufrieden damit, wie sanft seine Stimme klingt, angesichts des wütenden Orkans, der in seinem Inneren tobt. „Du kannst nicht in der Schule wohnen, Kid. Und ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass du in dieses verdammte Gefängnis zurückkehrst. Du kannst bei mir wohnen."

Peter zuckt überrascht und völlig verdattert zurück. „Was?"

„Ich habe gesagt", wiederholt Bucky nachdrücklich, „dass ich nicht zulasse, dass du an diesen Ort zurückgehst. Auf keinen Fall. Du kannst bei mir wohnen, Peter."

Sein ungläubiger Gesichtsausdruck lässt ihn fast wie ein kleines Kind wirken; seine großen, braunen Augen sind weit aufgerissen, feucht und dunkel.

„Wirklich?", flüstert er.

„Ja, Kid, wirklich", sagt Bucky und lächelt ihn an. „Du kannst bei mir wohnen."

Er möchte ihn weiter beruhigen, ihm sagen, du kannst den Zweisitzer haben, wir werden noch mehr Möbel besorgen und ich werde mich um dich kümmern, versprochen , doch dazu kommt er nicht. Denn im nächsten Moment sitzt ein weinender Teenager auf seinem Schoß; Peters dünne Arme schlingen sich fest um seinen Hals und drücken ihn in einer Umarmung, die fast schmerzhaft fest ist. Peter presst sein Gesicht fest gegen Buckys Brust, um das Schluchzen zu ersticken, das aus ihm herausbricht, während Bucky etwas ratlos dasitzt und nicht weiß, was er tun soll.

Peter klammert sich verzweifelt an ihn, und dieses Gefühl, kleine Arme, die sich um seinen Hals legen und ihn festhalten, hat etwas zutiefst Vertrautes. Wie aus einem Muskelgedächtnis heraus heben sich seine eigenen Arme und legen sich ebenfalls um Peter; er bettet ihn an seine Brust und hält ihn fest umschlossen.

Er lässt zu, dass eine verschwommene, ferne Erinnerung daran, wie er schon einmal jemanden so gehalten hat, die Führung übernimmt; er lässt seinen Körper tun, wonach ihm ist, und zieht Peter schließlich ganz auf seinen Schoß. Er wiegt ihn sanft hin und her, eine Hand am Hinterkopf, die andere auf dem Rücken und hält ihn in einer festen, aber behutsamen Umarmung. Peters Hände bleiben fest in sein Shirt gekrallt, sein schmaler Körper bebt unter der Wucht seiner Tränen, und Bucky lässt ihn einfach gewähren; er fährt mit seinen Metallfingern durch die wirren Locken des Jungen und drückt dann sanft die untere Hälfte seines Gesichts auf Peters Kopf.

„Alles gut, Kid", flüstert er in das Haar des Jungen. „Ich halte dich."

Es dauert eine Weile, doch schließlich schläft Peter so ein; sein eiserner Griff in Buckys Shirt lockert sich, als er langsam wegdämmert. Bucky wartet noch einen Moment, bis er sicher ist, dass der Junge fest schläft und hebt ihn dann behutsam von seinem Schoß auf das kleine Sofa. Er streicht ihm über das Haar, während sich der Junge zusammenrollt und den Kopf sanft auf die Armlehne bettet.

Bucky nimmt seine dünne Fleecedecke von der Matratze und deckt Peter damit zu; er lächelt herzlich, als der Junge sein Gesicht bis zu den Augen darunter vergräbt. Nach einem letzten, sanften Tätscheln auf den Kopf steht Bucky auf, greift nach seinem Handy und seinem Notizbuch und tritt auf den Balkon hinaus.

Er erwartet eigentlich keine Antwort, schließlich ist Samstagabend, aber jetzt, da er diese Verantwortung übernommen hat, kann er es sich wirklich nicht leisten, noch länger zu warten.

Als der Anrufbeantworter anspringt, weiß Bucky bereits genau, was er sagen will.

„Hallo Frank, hier ist Jim Barnes. Ich wollte Sie anrufen und Bescheid geben, dass ich mich entschieden habe und falls Sie noch Interesse haben..."

Er blickt zurück durch die Tür auf Peter, der zusammengerollt und tief und fest schläft.

„Ich nehme den Job an."

8062 Wörter