Kapitel 08: Flüstern im Feuerkreis
Kapitel 08: Flüstern im Feuerkreis
Der Verwandlungsraum lag im kühlen Licht des Nachmittags, als die Slytherins und Gryffindors sich auf ihre Plätze verteilten. Holzstühle scharrten über den Boden, Federkiele rollten über Tischplatten und irgendwo flüsterte jemand eine Frage, die sofort von Professor McGonagalls scharfem Blick erstickt wurde.
Lumielle setzte sich diesmal nicht neben Draco, sondern neben Antonia, die ihr mit einem kleinen Lächeln Platz machte.
Für einen kurzen Moment traf Lumielles Blick den von Draco. Er saß zwei Tische weiter zwischen Crabbe und Goyle, aufrecht wie immer, die Hände scheinbar nachlässig vor sich verschränkt. Doch sein Blick blieb an ihr hängen, nicht lange genug, dass andere es bemerkt hätten, aber lange genug, dass Lumielle es spürte.
Er hob kaum merklich das Kinn.
Natürlich setzt sie sich ausgerechnet jetzt woanders hin. Na schön. Dann sehen wir wenigstens, was sie benutzt.
Er hatte seit Stunden darauf gewartet. In Zaubertränke hatte sie keinen Stab gebraucht, in Geschichte der Zauberei ohnehin nicht und selbst in Verteidigung gegen die dunklen Künste hatte Crowe ihnen kaum Anlass gegeben, mehr zu tun, als Seiten umzublättern. Aber Verwandlung war etwas anderes. McGonagall würde sie arbeiten lassen und jeder würde seinen Zauberstab ziehen müssen.
Lumielle sah sich im Raum um, zunächst unauffällig, dann mit wachsender innerer Anspannung. Auf den Tischen lagen Zauberstäbe in allen möglichen Brauntönen: dunkles Holz, rötliches Holz, helleres, glatt poliertes Holz, manche schlicht, manche etwas kunstvoller gearbeitet. Alle wirkten auf ihre Weise gewöhnlich. Niemand hatte einen Stab, der aussah, als sei er halb aus Holz, halb aus einer alten Schmiedetradition entstanden. Ihr eigener lag schwer in der Innentasche ihres Umhangs, nicht wegen seines Gewichts, sondern wegen dem, was er bedeutete.
Lumielle ließ die Hand in der Tasche ruhen, ohne ihn herauszuziehen.
Dracos Augen verengten sich.
Sie hält ihn zurück.
Ärger stieg ihm in die Brust, nicht heftig, eher scharf und unangenehm.
Wenn sie etwas Besonderes hatte, warum versteckte sie es dann? Wer mit Status geboren ist, zeigt ihn. Alles andere ist falsche Bescheidenheit oder Feigheit.
Professor McGonagall trat vor die Klasse. Ihre Robe war makellos, der Dutt streng, der Blick so wach, dass selbst Crabbe aufhörte, an seinem Ärmel zu zupfen. „Guten Tag“, sagte sie knapp. „Heute werden wir uns mit der kontrollierten Verkleinerung von Gegenständen beschäftigen. Das ist keine Spielerei, sondern eine Übung in Präzision. Nicht nur die Verwandlung an sich zählt, sondern auch das Maß, in dem sie geschieht.“
Ihr Blick glitt über die Klasse und blieb kurz an Lumielle hängen. „Miss Aurewyn, da Sie neu in diesem Kurs sind, möchte ich, dass Sie sorgfältig beobachten. Sollten Sie Schwierigkeiten haben, den Stoff aufzuholen, werden wir Nachhilfestunden einrichten.“
Einige Köpfe drehten sich zu Lumielle. Sie nickte nur, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. „Natürlich, Professor.“
Sie sagte nicht, dass sie dieses konkrete Thema seit zwei Jahren nicht mehr im Unterricht gehabt hatte, weil ihr Verwandlungslehrer es längst als abgeschlossen betrachtet hatte.
Die Erinnerung kam trotzdem: ein heller Raum, ein strenger Tonfall, eine Reihe alter Gegenstände auf einem Tisch und die Erwartung, dass sie es beim zweiten Versuch beherrschte, spätestens beim dritten.
Professor McGonagall wandte sich wieder der Klasse zu. „Der Zauber lautet Reducio. Die Bewegung ist kurz, aber nicht hart. Der Wille muss begrenzt sein. Wenn Sie nur denken: kleiner, erhalten Sie kein brauchbares Ergebnis. Sie müssen wissen, wie klein.“
Sie hob ihren Zauberstab und deutete auf eine kleine Kommode neben dem Lehrerpult. Sie war aus dunklem Holz, mit Messinggriffen und feinen Kratzern an der Oberfläche, als hätte sie schon mehr Unterrichtsjahre überstanden als die meisten Schüler im Raum.
„Reducio.“
Die Kommode zog sich sauber zusammen. Holz, Griffe und Schubladen blieben exakt erhalten, nur die Größe veränderte sich, bis sie als feine Miniatur ihrer selbst auf dem Boden stand, nicht größer als eine Teetasse.
Ein ehrfürchtiges Murmeln ging durch den Raum.
McGonagall ließ es für einen Augenblick zu, dann hob sie eine Braue. Sofort wurde es still. „Mr. Weasley.“
Ron zuckte zusammen. „Ich?“
„Ja, Mr. Weasley. Nach vorn, bitte.“
Ron stand auf, warf Harry einen flüchtigen Blick zu und ging nach vorn, bemüht, nicht so auszusehen, als hätte er plötzlich vergessen, wie seine Beine funktionierten.
Harry sah ihm aufmunternd nach. Hermine presste die Lippen zusammen, als wollte sie ihm die richtige Stabbewegung durch bloßen Blickkontakt in den Kopf schicken.
Draco lehnte sich einen Hauch zu Crabbe und Goyle hinüber. „Na, das kann ja nur großartig werden“, murmelte er. „Vielleicht verschwindet die Kommode aus Mitleid von selbst.“ Crabbe und Goyle glucksten dumpf.
Lumielle hörte es. Sie drehte den Kopf nicht, schüttelte ihn nur ganz leicht, mehr aus Reflex als aus Absicht.
Ron stellte sich vor die Kommode, hob seinen Zauberstab und atmete einmal tief durch. „Reducio.“ Nichts geschah.
Ein paar Slytherins kicherten. Ron wurde rot.
„Noch einmal, Mr. Weasley“, sagte McGonagall. „Die Bewegung kleiner. Sie schlagen keinen Klatscher.“
Ron nickte hektisch. „Ja, Professor. Reducio.“
Diesmal zitterte die Kommode, blieb aber beinahe unverändert. Hermine verzog schmerzhaft das Gesicht und Harry flüsterte etwas, das wohl ermutigend gemeint war.
Ron schloss für einen Moment die Augen, hob den Stab ein drittes Mal und zwang seine Hand zu einer kontrollierteren Bewegung.
„Reducio.“ Die Kommode schrumpfte so rasch zusammen, dass sie fast verschwunden wirkte.
Für einen Augenblick starrten alle auf den Boden. Dann entdeckte Hermine sie zuerst: ein winziger dunkler Punkt nahe McGonagalls Schuh.
Einige Schüler lachten. Ron sah aus, als wünsche er sich, gleich mitgeschrumpft zu werden.
Professor McGonagall hob die Hand. „Ruhe.“ Das Lachen brach ab. „Das war kein Fehlschlag, Mr. Weasley“, sagte sie streng. „Sie haben den Zauber ausgeführt. Sie müssen nun lernen, das Ergebnis zu steuern. Fünf Zentimeter sind bei einer Kommode wenig nützlich, es sei denn, Sie planen, ein Puppenhaus einzurichten.“
Die Slytherins lachten leise.
Ron nickte mit hochrotem Gesicht. „Ja, Professor.“
„Setzen.“
Er kehrte zu seinem Platz zurück. Harry klopfte ihm kurz auf die Schulter. Draco verzog spöttisch den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, fiel McGonagalls Blick auf ihn. „Mr. Malfoy.“
Dracos Gesicht veränderte sich kaum. Nur die Art, wie er aufstand, verriet, dass er diesen Moment schon erwartet hatte. Er trat nach vorn, aufrecht, mit zu hoch getragenem Kinn und einer Haltung, als hätte die Klasse weniger einen Schüler als eine Demonstration zu beobachten.
Er stellte sich vor die wieder vergrößerte Kommode, ließ den Zauberstab mit kontrollierter Eleganz zwischen den Fingern gleiten und hob ihn. „Reducio.“ Die Kommode blieb, wie sie war.
Ein leises Kichern kam vom Gryffindortisch. Ron beugte sich zu Harry und Harrys Mundwinkel zuckten, obwohl er versuchte, es zu verbergen.
Draco fuhr herum. Sein Blick traf die beiden so scharf, dass Ron sofort die Augen abwandte und Harry nur noch breiter grinste.
Er richtete sich noch gerader auf. Die Farbe stieg ihm nicht ins Gesicht, aber etwas an seinem Kiefer wurde hart. „Reducio.“
Die Kommode zuckte, schrumpfte und war schließlich etwa so groß wie die Miniatur, die McGonagall zuvor geschaffen hatte. Er presste die Lippen zusammen.
Professor McGonagall betrachtete die Kommode, dann ihn. „Sehr gut, Mr. Malfoy. Die Struktur bleibt sauber erhalten. Ihre Stabführung ist allerdings noch zu weit oben. Führen Sie den Impuls präziser, sonst verlieren Sie Kontrolle über das Maß.“
„Natürlich, Professor“, sagte Draco glatt. Sein Gesicht blieb beherrscht, aber seine Augen wurden kälter, als hätte McGonagall ihn nicht korrigiert, sondern vor der ganzen Klasse herabgesetzt.
Lumielle sah darin Ärger, Stolz und den festen Entschluss, beim nächsten Mal besser zu sein.
Er setzte sich, als sei nichts geschehen, doch seine Finger schlossen sich eine Spur zu fest um seinen Zauberstab.
Keine Punkte. Natürlich keine Punkte.
Lumielle senkte den Blick.
Er ist ehrgeizig. Das muss man ihm lassen.
„Miss Aurewyn.“ Der Gedanke riss ab. Lumielle zuckte leicht zusammen und hob den Kopf.
Mehrere Schüler sahen zu ihr. Auch Draco.
Professor McGonagall stand vorn mit verschränkten Händen und jener Art von Ruhe, die keine Ausrede zuließ. „Ich hoffe, Sie haben aufgepasst. Kommen Sie bitte nach vorn.“
Lumielle erhob sich. Sie spürte, wie die Aufmerksamkeit im Raum sich auf sie legte, nicht laut, nicht offen feindselig, aber spürbar. Antonia warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.
Sie trat neben die wieder normale Kommode. „Ihren Zauberstab, Miss Aurewyn“, sagte McGonagall.
Für einen Moment blieb Lumielle still. Dann griff sie in die Innentasche ihres Umhangs und zog den Stab langsam hervor, fast widerstrebend. Das helle Holz fing das Licht der Fenster ein. Es war beinahe weiß, von einer feinen, milchigen Maserung durchzogen. Über den Schaft zogen sich dunkelsilberne Rosenranken, unregelmäßig und leicht widerspenstig. In den freien Zwischenräumen saßen einzelne, feine Runen, kaum sichtbar, eher eingeritzt als verziert. Der Stab lief nach vorn schmaler zu als die gewöhnlichen Schülerstäbe im Raum. Der Griff war länger, gerillt und aus dunklem Silber gearbeitet, mit einem Übergang, der mehr an eine Dolchfassung erinnerte als an den Griff eines üblichen Zauberstabs. Genau dort, wo Schaft und Griff ineinander übergingen, saß eine kleine silberne Rose, nicht groß, aber deutlich. Der Stab wirkte nicht protzig, doch gerade das machte ihn auffällig. Er war zu fein gearbeitet, zu bewusst und zu alt in seiner Wirkung, um zwischen den gewöhnlichen Schülerstäben unbemerkt zu bleiben.
Professor McGonagall erstarrte nicht, doch ihr Blick blieb einen Moment zu lange daran hängen. „Miss Aurewyn“, sagte sie langsam, „ist das wirklich Ihr Zauberstab?“ Lumielle wurde sichtbar verlegen. „Ja, Professor.“
Draco streckte sich kaum merklich auf seinem Platz, gerade genug, um besser sehen zu können. Seine Augen wurden schmal. Das war kein Stab, wie man ihn einfach bei Ollivander oder einem anderen Zauberstabmacher auswählte, nichts Gewöhnliches und nichts Zufälliges. So etwas wurde gemacht, weil jemand genau wusste, wofür es bestimmt war.
Vater könnte wissen, was das ist. Oder zumindest, welche Familien sich solche Dinge anfertigen ließen.
Professor McGonagall streckte die Hand aus. „Zeigen Sie ihn mir bitte.“
Lumielle zögerte einen Atemzug, bevor sie ihr den Stab überließ. McGonagall nahm ihn vorsichtig entgegen und drehte ihn leicht im Licht. Sie betrachtete zunächst die helle Maserung, dann die dunklen Linien, die nicht einfach Schmuck waren.
„Eine äußerst ungewöhnliche Arbeit“, stellte sie fest.
Dann sah sie Lumielle an.
„Und eine ausgesprochen auffällige.“
Die Betonung war gering, aber eindeutig genug, dass Lumielle sie verstand. Ihre Schultern zogen sich leicht zusammen und Wärme stieg ihr in die Wangen. Plötzlich spürte sie jeden Blick im Raum, als hätten die anderen Schüler sich gleichzeitig ein Stück näher zu ihr gebeugt.
„Ich weiß, Professor“, sagte sie leise.
McGonagall hielt den Stab weiterhin zwischen beiden Händen. „Ihre Familie dürfte sich dessen ebenfalls bewusst gewesen sein.“
Lumielle nickte. Sie sah weiter auf das helle Holz, statt sich der Klasse zuzuwenden.
„Der Stab hat schon außerhalb von Hogwarts Aufmerksamkeit erregt“, erklärte sie. „Deshalb haben wir überlegt, ob ich für die Schule einen gewöhnlicheren nehmen sollte. Einen schlichten Holzstab. Wir hatten sogar an Ollivander gedacht.“
Bei dem Namen wurde Draco augenblicklich aufmerksamer. Sein Gesicht blieb unbewegt, doch sein Blick schärfte sich.
Wenn ihre Familie überlegt hatte, ihn einzubeziehen, war das Problem offenbar ernst genug gewesen, um nach einer besonderen Lösung zu suchen.
Professor McGonagall zog die Brauen leicht zusammen. „Und weshalb haben Sie sich dagegen entschieden?“
Lumielle schwieg kurz. Die Röte in ihrem Gesicht wurde stärker. Dann öffnete sie langsam ihre linke Hand.
Über den Handballen verlief eine schmale, helle Narbe. Sie begann nahe dem Handgelenk und zog sich bis zum Ansatz des Zeigefingers, fein, aber deutlich genug, dass die vorderen Reihen sie erkennen konnten.
Ein leises Raunen ging durch die Klasse.
Lumielle schloss die Finger nicht sofort wieder. „Die Versuche sind nicht besonders gut verlaufen.“
McGonagalls Aufmerksamkeit glitt von der Narbe zurück zu ihrem Gesicht. „Was ist geschehen?“
„Einfache Zauber funktionierten meistens“, sagte sie. Ihre Stimme blieb beherrscht, doch sie sprach deutlich langsamer als zuvor. „Licht, kleinere Bewegungszauber und harmlose Verwandlungen. Aber sobald ich mehr Kraft einsetzen musste, reagierten die Stäbe unzuverlässig. Manche führten den Zauber zu spät aus. Andere veränderten seine Richtung.“
Ihr Daumen strich unbewusst über die Narbe.
„Einer hat einen Teil der Magie auf meine Hand zurückgeworfen.“
Mehrere Schüler betrachteten sie nun offen. Lumielle senkte hastig die Hand und verbarg sie in den Falten ihrer Robe. Am liebsten hätte sie auch den Zauberstab wieder an sich genommen und die gesamte Unterhaltung beendet.
„Wir haben mehr als einen ausprobiert“, fügte sie leiser hinzu. „Es lag nicht an einer einzelnen schlechten Verarbeitung.“
Professor McGonagalls Gesicht blieb streng, verlor jedoch einen Teil seiner prüfenden Härte.
„Also haben Sie selbst entschieden, diesen Stab mitzubringen.“
Lumielle nickte. Sie warf einen kurzen Blick über die Klasse. Zu den neugierigen Gesichtern, den geflüsterten Bemerkungen und den Augen, die immer wieder zwischen ihrer Hand und dem Zauberstab hin und her wanderten.
„Ich wusste, dass er Blicke auf sich ziehen würde“, sagte sie. „Aber ich ertrage lieber das hier, als im Ernstfall einen Zauberstab zu führen, auf den ich mich nicht verlassen kann.“
Ihre Stimme war am Ende kaum mehr als ein kontrollierter Hauch. Sie senkte den Blick wieder, sichtbar beschämt über die Aufmerksamkeit, die sie gerade auf sich gezogen hatte.
Professor McGonagall betrachtete sie einen Moment lang schweigend. Dann nickte sie knapp.
„Eine vernünftige Entscheidung.“
Sie wandte den Stab noch einmal leicht in ihrer Hand.
„Ein Zauberer kann mit einem fremden oder unpassenden Zauberstab durchaus Magie wirken. Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser Stab ihm zuverlässig gehorcht. Bei einfachen Zaubern fällt der Unterschied möglicherweise kaum auf. Unter Belastung oder bei anspruchsvollerer Magie kann er gefährlich werden.“
Ihr Blick kehrte zu der Narbe zurück.
„Wie Sie offenbar bereits erfahren mussten.“
Lumielle spürte die Blicke der Klasse.
Von hinten kam ein trockenes, leises Lachen. „Wer Privatunterricht hatte, hat wahrscheinlich auch Geld für so was“, sagte ein Slytherin. Ein paar Schüler kicherten gedämpft.
Lumielle senkte den Blick. Die Wärme stieg ihr unangenehm in die Wangen.
McGonagall betrachtete den Stab noch einmal. Erst danach stellte sie die nächste Frage, sachlicher nun. „Holz?“
Lumielle stand sehr gerade vor ihr, doch ihre Finger hatten sich ineinander verschränkt. „Silberlinde“, antwortete sie.
Ein leises Murmeln zog durch die Reihen. Hermine beugte sich ein Stück vor, sichtbar bemüht, jedes Detail aufzunehmen.
Draco dagegen bewegte sich kaum. Nur sein Blick wurde schärfer, als hätte McGonagall gerade eine Liste geöffnet, die er innerlich mitschreiben musste.
Sie wog den Stab leicht in der Hand, als ginge es ihr nicht nur um die Antwort, sondern um das Verhältnis zwischen Material und Führung. „Er ist länger als die meisten Schülerstäbe“, sagte sie.
Lumielle nickte knapp. „Dreizehn dreiviertel Zoll.“
Professor McGonagall hielt den Stab nun näher an sich, musterte den ruhigen Übergang vom hellen Holz zum dunkelsilbernen Metall und die kleine Rose an der Verbindung von Schaft und Griff. „Der Griff ist ungewöhnlich.“
Lumielle atmete flach ein. „Ich wollte das Metall. Der Griff ist etwas länger, weil ich auch im Schwertkampf unterrichtet wurde. So liegt der Stab ruhiger in meiner Hand.“
Einige Schüler flüsterten sofort. Schwertkampf. Draco hörte das Wort, als hätte jemand eine Tür geöffnet, hinter der etwas noch Interessanteres lag.
McGonagall schwieg einen Augenblick länger, drehte den Stab erneut und blieb schließlich bei der letzten Frage. „Und der Kern?“
Lumielle senkte den Blick einen Hauch, nicht aus Unwissen, sondern weil sie genau wusste, wie die Antwort wirken würde. „Thestralschweifhaar.“
Diesmal wurde es im Raum wirklich still.
Professor McGonagalls Finger verharrten einen Augenblick um den Zauberstab. Ihre Aufmerksamkeit glitt erneut über das helle Holz, die Runen und den dunklen Metallgriff.
„Thestralschweifhaar“, wiederholte sie langsam. „Ein äußerst seltener und eigenwilliger Kern.“
Lumielle senkte den Blick.
McGonagall betrachtete noch einmal die schmale Narbe an ihrer Hand. „Das könnte erklären, weshalb die anderen Zauberstäbe Ihre Magie nicht zuverlässig geführt haben.“
Mehrere Schüler wurden erneut aufmerksam.
Lumielle zog die verletzte Hand näher an ihre Robe.
„Ein Zauberstab mit einer so besonderen Bindung lässt sich nicht ohne Weiteres ersetzen“, fuhr McGonagall fort. „Wenn Ihre Magie sich vollständig auf diesen Kern eingestellt hat, können gewöhnlichere Kerne ihr möglicherweise nicht genügend Halt geben. Sie führen dann nur einen Teil der Kraft oder reagieren unter Belastung unberechenbar.“
Sie reichte Lumielle den Zauberstab zurück. „Dann war Ihre Entscheidung vermutlich nicht nur vernünftig, sondern notwendig.“
Lumielle nahm ihn rasch entgegen und schloss beide Hände um den vertrauten Griff. Die Röte in ihrem Gesicht hatte sich noch immer nicht ganz gelegt.
„Anscheinend“, sagte sie leise und nickte verlegen.
Draco hatte sich inzwischen unmerklich weiter nach vorn gesetzt.
Thestralschweifhaar. Silberlinde. Runenarbeit. Dunkles Metall. Schwertgriff. Das war kein hübsches Spielzeug aus einem Laden, sondern alt, teuer und gefährlich gewählt.
Er verstand nicht, warum sie dabei stand, als müsse sie sich entschuldigen. Teuer konnte man einfach kaufen. Dieser Stab sah nach Herkunft aus, nach geschütztem Wissen, nach einer Handwerkstradition, die man nicht einfach in der Winkelgasse fand.
„Nun gut, Miss Aurewyn. Dann wollen wir sehen, wie Sie damit arbeiten“, sagte Professor McGonagall.
Lumielle wusste, dass sie den Zauber konnte. Sie wusste sogar, dass sie ihn so präzise ausführen konnte, dass die Kommode exakt die Größe bekommen würde, die McGonagall vorgegeben hatte. Doch hinter ihr hörte sie ein leises Flüstern. „Natürlich muss sie sich jetzt schon wieder besonders machen“, sagte ein Gryffindor zu seinem Nachbarn. Es war nicht laut und nicht einmal besonders bösartig, doch Lumielle spürte, wie sich etwas in ihr zurückzog.
Professor McGonagall trat zur Seite. „Wenn Sie bereit sind, Miss Aurewyn.“
Lumielle hob den Stab. Für einen Moment war alles klar: die Größe, die Linie, der Zauber. Dann setzte sie die Bewegung absichtlich einen Hauch zu weich. „Reducio.“
Die Kommode schrumpfte so stark, dass sie kaum mehr zu erkennen war. Einige Schüler lachten leise. Lumielle senkte den Stab und zwang sich zu einem unsicheren Lächeln. „Entschuldigung.“
McGonagall sagte nichts. Ihr Blick veränderte sich.
Lumielle versuchte es ein zweites Mal. „Reducio.“ Diesmal blieb die Kommode sichtbar, aber noch immer deutlich zu klein, kleiner als Ron sie beim dritten Versuch hinbekommen hatte, wenngleich die Form sauber und die Proportionen makellos blieben. „Ich muss wohl noch üben“, sagte sie leise.
Professor McGonagall sah sie an. Enttäuscht vielleicht, aber auf eine leise, kontrollierte Art. Sie hatte erkannt, dass Lumielle ihr tatsächliches Können absichtlich verbarg.
„Sie dürfen sich setzen, Miss Aurewyn“, sagte sie schließlich. „Wir werden weiter daran arbeiten.“
Lumielle nickte. „Ja, Professor.“
Sie kehrte zu ihrem Platz zurück, den Stab bereits halb im Ärmel verborgen. Ihre Wangen fühlten sich heiß an, obwohl der Raum kühl war.
Als sie sich setzte, beugte sich Antonia sofort zu ihr. „Zeig mal“, flüsterte sie. „Der ist wunderschön.“
Lumielle schob den Stab hastig zurück in die Innentasche. „Später vielleicht.“
Antonia sah sie an, weicher nun. Dann stupste sie sie leicht mit der Schulter an. „Du musst dich nicht schämen.“
Lumielle antwortete nicht sofort. Sie hielt den Blick auf die Tischplatte gerichtet und spürte noch immer, wie viele Augen auf ihr lagen.
Draco beobachtete sie von seinem Platz aus. Er hatte genau gesehen, dass sie beim ersten Mal zu stark geschrumpft hatte. Beim zweiten Mal ebenfalls. Aber es war nicht dasselbe gewesen wie bei Weasley. Ron hatte gekämpft, sie hatte aber sich selbst gebremst, obwohl sie den Zauber konnte.
Warum?
Er lehnte sich zurück, die Finger um seinen eigenen Stab geschlossen. In Zaubertränke hatte sie ihm beinahe mühelos die richtigen Schritte gezeigt. In Geschichte stellte sie Fragen, die selbst Binns aus seinem Grabesschlaf zu holen schienen. Doch hier, ausgerechnet hier, wo sie etwas Besonderes hätte zeigen können, machte sie sich klein.
Der Stab würde Vater interessieren und vielleicht wusste er mehr darüber.
Draco selbst hatte jedenfalls noch nie einen Zauberstab gesehen, der diesem auch nur ähnlich sah. Noch weniger verstand er, warum Lumielle so tat, als wäre es besser, wenn niemand hinsah.
Vorn setzte Professor McGonagall die Stunde fort. „Alle an die Arbeit. Paare bilden. Denken Sie daran: Nicht kleiner um jeden Preis, sondern kontrolliert kleiner.“
Stühle wurden gerückt, Stimmen erhoben sich gedämpft und überall im Raum begannen Schüler, sich über Kommoden, Hocker und kleine Beistelltische zu beugen.
Lumielle zog ihren Stab nicht sofort wieder hervor. Ihre Hand ruhte nur auf der Innentasche ihres Umhangs. Obwohl die Klasse wieder arbeitete, blieb das Gefühl an ihr haften, gesehen worden zu sein.
✵
Das Abendessen verlief Stunden später ruhig. Reste von Sandwiches, warmem Brot, dampfenden Eintöpfen und Obstschalen zogen sich wie bunte Inseln über die Tische der Großen Halle, die im Kerzenlicht flimmerte.
Lumielle saß diesmal nicht neben Draco, sondern zwischen den Slytherin-Mädchen. Er tat so, als ginge ihn ihre Platzwahl nichts an, als sei er über so etwas erhaben. Doch seine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder zu ihr hinüber. Jedes Mal, wenn er sie lächeln sah, regte sich etwas Gereiztes in ihm, das er sofort wieder glättete.
Nach dem Essen lösten sich die Gruppen nach und nach auf. Lumielle ging mit Antonia, Kassandra, Anastasia und Eliana in Richtung Slytherin-Gemeinschaftsraum und von dort gleich weiter zu den Schlafsälen der Mädchen. Ihre Robe schimmerte im grünen Fackellicht, ihr langer, dunkler Dutt neigte sich leicht nach hinten, als sie sich ein letztes Mal zu Draco umdrehte. Er tat, als ginge ihn das nichts an, obwohl dieser flüchtige Blick in ihm hängen blieb.
Dann verschwand sie im Durchgang. Ihre Schritte verklangen und der Eindruck ihrer Gegenwart löste sich langsam aus der Luft.
Draco blieb stehen, einen Augenblick lang gefangen in einem Gefühl, das er nicht eingeplant hatte.
Sie ist weg. Warum ärgert mich das überhaupt?
✵
Der Gemeinschaftsraum war fast leer. Nur das grünlich flackernde Feuer im Kamin spiegelte sich in den tiefgrünen Sesseln.
Er nahm im größten Sessel Platz, die Beine elegant überschlagen, ein Buch vor sich aufgeschlagen. Nach außen wirkte es wie pflichtbewusstes Lernen, reine Disziplin, die er mühelos beherrschte. In Wahrheit glitten seine Augen über die Zeilen, ohne dass ein Satz hängen blieb.
Seine Gedanken kreisten um Lumielle. Wie sie ihn im Unterricht angestupst hatte, als wäre es das Normalste der Welt, neben ihm zu sitzen. Wie sie Fragen stellte, als würde die Geschichte ihr direkt in die Hände gelegt. Wie sie im Verwandlungsunterricht dagestanden hatte, mit diesem weißen Stab in der Hand, als wolle sie ihn am liebsten wieder verschwinden lassen.
Sie ist klug, zu klug. Diese ruhige Art ist nicht ruhig. Sie ist auffällig kontrolliert.
„Pst, Draco!“
Er warf zuerst einen Blick zum Durchgang. Erst als niemand kam, zog er den Zauberstab und ließ das Feuer gedämpfter flackern, als würde es Geräusche schlucken und alles nur für ihn hörbar machen.
Die Stimme schnitt leise, aber deutlich durch seine Gedanken. Funken sprühten wie kleine, lautlose Explosionen und das Licht im Raum wurde dunkler, dichter und kroch die Wände hoch wie kalte Schatten.
Dracos Herz machte einen kurzen, ärgerlichen Sprung, den er sich sofort verbot. Vorsichtig kam er näher an den Kamin heran. „Vater?“
Die Flammen schoben sich zusammen, formten Wirbel und Linien, bis sich ein Gesicht in ihnen abzeichnete, verzerrt und flackernd, doch unmissverständlich: Lucius Malfoy.
Er wirkte erschöpfter, schärfer gezeichnet als sonst, als hätte die Welt ihm neue Furchen ins Gesicht geschnitten, aber seine Augen waren unverändert und trafen Draco mit derselben unerbittlichen Klarheit wie immer. „Draco“, sagte die gedämpfte Stimme aus den grünen Flammen. „Berichte.“
Sein Vater hörte still zu, während Draco nüchtern zusammenfasste, was er bisher über Lumielle Aurewyn erfahren hatte: dass Dumbledore sie offenbar kannte, dass sie gemeinsam mit einigen Cousins von mehreren Fachmeistern unterrichtet worden war und dass ihr Zauberstab im Verwandlungsunterricht Aufsehen erregt hatte.
Lucius’ Augen verengten sich bei diesem letzten Punkt minimal, ein kaum wahrnehmbares Aufleuchten taktischer Berechnung. „Ihr Zauberstab?“
Draco nickte knapp. „Kein gewöhnlicher Ladenstab. Helles Holz, fast weiß. Dunkles Metall, Runen im Schaft und ein Griff, der eher an eine Dolchfassung erinnert als an einen normalen Zauberstab.“ Er verzog leicht den Mund, als müsse er zugeben, dass ihn dieses Detail selbst störte. „McGonagall hat ihn geprüft. Silberlinde. Dreizehn dreiviertel Zoll. Und vor allem Thestralschweifhaar.“
Die Flammen bewegten sich unruhig über Lucius’ Gesicht, doch er sagte nichts.
Draco runzelte die Stirn. „Ihre Familie wusste offenbar, dass der Stab zu viel Aufmerksamkeit erregt. Sie haben deshalb versucht, ihr für Hogwarts einen gewöhnlicheren zu geben. Einen schlichten Holzstab.“
Er hielt kurz inne.
„Sie haben sogar darüber nachgedacht, zu Ollivander zu gehen.“
Bei dem Namen wurde Lucius’ Blick schärfer, doch Draco sprach bereits weiter.
„Es hat nicht funktioniert. Aurewyn hat der Klasse eine Narbe an ihrer Hand gezeigt. Anscheinend haben die anderen Stäbe einfache Zauber noch ausgeführt, aber sobald sie mehr Kraft eingesetzt hat, wurden sie unzuverlässig. Einer hat einen Teil des Zaubers auf sie zurückgeworfen.“
Draco sah in die grünen Flammen. Seine Stimme trug nun nicht mehr nur Spott, sondern auch eine scharfe, unwillige Neugier.
„McGonagall meinte, der Kern könnte der Grund dafür sein. Dass ihre Magie sich so stark an das Thestralschweifhaar gebunden hat, dass gewöhnlichere Kerne sie nicht richtig führen können.“
Er presste die Lippen kurz zusammen. „Aurewyn wusste also, dass dieser Stab auffällt. Sie hat ihn trotzdem mitgebracht, weil sie lieber die Blicke erträgt, als einen Zauberstab zu benutzen, auf den sie sich nicht verlassen kann.“
Die Flammen bewegten sich weiter über Lucius’ Gesicht, doch er schwieg einen Atemzug zu lange. Genau das machte Draco aufmerksamer.
„Vater?“
„Das ist eine sehr interessante Information, die du mir da gibst“, sagte Lucius schließlich leise.
Draco hob das Kinn. „Weil sie Geld haben? Das war ohnehin offensichtlich. Privatunterricht, dieser Stab und ihre offensichtliche Überforderung mit großen Schülergruppen.“ Er schnaubte verächtlich. „Aber wenn es nur darum geht: Warum haben wir so etwas nicht? Hier in Großbritannien hat niemand einen Stab wie diesen.“
Lucius’ Blick wurde kalt, aber nicht zornig. Eher belehrend. „Draco.“
Der Ton allein reichte, damit er schwieg.
„Geld ist nicht dasselbe wie Zugang“, sagte Lucius ruhig. „Die Malfoys sind eine der ältesten und wohlhabendsten Familien Großbritanniens. Das solltest du niemals vergessen. Aber es gibt Familien, die genau solche Zauberstäbe besitzen. Familien, die sich auf einer anderen Ebene bewegen. Nicht zwingend höher“, fügte er hinzu, als hätte er Dracos Widerspruch bereits erwartet. „Anders. Mit Traditionen, die nicht gekauft werden können.“
Dracos Mundwinkel verzog sich. „Und welche Familie soll so besonders sein, dass wir uns nicht mit ihr messen können?“
„Niemand hat gesagt, dass wir uns nicht mit ihnen messen können.“
„Es klang aber so.“
„Dann hör genauer zu“, sagte Lucius kühl. „Wir sind nicht schlechter als diese Familien. In Großbritannien gibt es kaum einen Namen, der sich mit unserem messen kann. Aber manche Häuser haben über Generationen hinweg nicht nur Reichtum gesammelt, sondern Einfluss über ganze Länder hinweg aufgebaut.“
Draco beugte sich unwillkürlich etwas näher zum Feuer. „Welche Familien meinst du genau?“
Lucius schwieg einen Moment, als wäge er ab, wie viel davon er seinem Sohn bereits erklären wollte. Dann sagte er: „Die russische Seitenlinie Romanow-Wolkow zum Beispiel. Eine zarennahe magische Linie, sehr alt und beinahe besessen von Blutpolitik. Sie führen Bündnisse wie andere alte Zauberfamilien Fehden führen.“
Draco nickte kaum merklich, nicht zustimmend, eher weil der Name ihm zumindest etwas sagte.
„Dann das Haus Caravelli-Sforza“, fuhr Lucius fort. „Eine italienische Renaissance-Adelslinie, bekannt für Bankenverträge und den Kunsthandel im südländischen Raum, vor allem in Italien und Spanien. Dieser Name öffnet dir in Südeuropa wahnsinnig leicht Türen.“
Draco sagte nichts. Das Feuer spiegelte sich grünlich in seinen Augen.
„Oder das Haus al-Qadiri“, sagte Lucius. „Eine arabisch-persische Hochadelslinie. Ihr Reichtum stammt nicht nur aus Öl und modernen Ressourcengeschäften, Draco. Diese Familie kontrolliert seit Jahrhunderten Handelswege und Ministerverbünde in Teilen des arabischen Raums. Was wir in Großbritannien für Einfluss halten, ist dort oft nur ein einzelner Faden eines deutlich größeren Netzes.“
Draco presste die Lippen zusammen. Der Gedanke, dass es Familien gab, deren Vermögen und Einfluss selbst Lucius Malfoy auf diese Weise benannte, gefiel ihm nicht.
„Und Van Hallow“, sagte Lucius schließlich. „Von dieser Familie habe ich dir bereits erzählt. Eine europäische Linie. Für uns theoretisch näher als die anderen, weil sie nicht in irgendeinem fernen Hof oder einer verschlossenen Residenz sitzt, sondern mitten im politischen Geflecht Europas. Aber sie sind äußerst exklusiv. Und sie haben ihre Finger in mehr Ministerien, als sie offiziell je zugeben würden.“
Draco verzog leicht den Mund. „Ja, stimmt. Du versuchst seit Jahren, irgendwie ein offizielles Mitglied dieser Familie zu treffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.“
Lucius’ Blick wurde für einen Moment härter. Nicht wütend, eher unangenehm getroffen, weil Draco die richtige Stelle berührt hatte. „Genau das meine ich“, sagte er leise. „Wir sind eine der ältesten und reichsten Familien Großbritanniens, und selbst wir treffen nicht einfach bei irgendeinem Ministerbankett auf diese Häuser. Solche Familien öffnen ihre Türen nicht, weil jemand massiv Geld besitzt. Ihr Name hat mehr Gewicht als Gold.“
Draco schwieg. Zum ersten Mal wirkte sein Spott nicht ganz ausreichend.
„Ob Miss Aurewyn wirklich zu einer dieser Familien gehört, wissen wir nicht“, fuhr Lucius fort. „Aber nach dem, was du sagst, kann ich es mir sehr gut vorstellen. Und das macht sie nicht nur wertvoll, Draco. Es macht sie gefährlich. Familien dieser Art schicken ihre jüngere Generation nicht grundlos in ein Gebiet, in dem der Dunkle Lord wieder an Macht gewinnt.“
Draco sah ihn schärfer an.
„Vielleicht“, sagte Lucius leiser, „könnte sie für uns auch auf andere Weise interessant werden.“
Draco verzog das Gesicht. „Inwiefern meinst du das?“
Lucius sah ihn nur an.
Einen Atemzug später verstand Draco, was nicht ausgesprochen wurde. Seine Schultern spannten sich. „Das kannst du vergessen.“
Lucius schüttelte langsam den Kopf. Die Geste war klein, doch Draco hasste sie sofort, weil sie sich anfühlte, als hätte er etwas Unbedachtes gesagt.
„Mein Sohn“, sagte Lucius ruhig, „man sollte sich alle Optionen offenhalten.“
Draco ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ich werde mich nicht an irgendein Mädchen hängen, nur weil sie vielleicht aus einer alten Familie kommt.“
„Niemand hat dich darum gebeten.“ Lucius’ Stimme blieb glatt. „Noch nicht.“
Dann wurde Lucius’ Blick härter. „Für den Augenblick reicht es, dass du dich an sie hältst. Finde heraus, warum sie jetzt hier ist und zu welcher dieser Familien sie gehört. Oder ob vielleicht noch mehr hinter ihr steckt.“
Draco nickte knapp. „Ja, Vater. Ich mache ja bereits, was mir aufgetragen wurde. Und ich bin dabei nicht gerade schlecht.“
Lucius’ Lippen zuckten zu einem dünnen, zufriedenen Lächeln. „Genau. Ich habe dir ja schon gesagt: Du hast gute Karten. Du bist Vertrauensschüler, Sucher. Das sollte für das Mädchen Eindruck genug machen. Zeig ihr, was ein Malfoy ist. Dann wird sie dir höflicher begegnen oder dir vielleicht sogar näherkommen.“
Draco zog eine Braue hoch, die Miene kontrolliert gelangweilt, doch in seiner Stimme lag dieser vertraute, überhebliche Funke. „Kein Problem. Ich hab’s tatsächlich auch schon probiert und es hat funktioniert. Sie reagiert bereits auf mich.“
Er sagte es mit jener arroganten Lässigkeit, die er von Lucius übernommen hatte.
Lucius’ Blick wurde für einen Moment prüfend, streng und zugleich zufrieden. „Gut. Sammle weiter und sei vorsichtig. Solche Familien haben immer Geheimnisse.“ Er hielt kurz inne, und die Flammen warfen harte Schatten über sein Gesicht. „Ich werde diese Information weitergeben.“
Das Feuer begann unruhig zu flackern. Ein wirbelnder Funkenstoß fuhr durch den Kamin, dann erlosch das grüne Feuer, als hätte jemand die Verbindung mit einem Schnitt getrennt.
Draco blieb reglos vor dem dunklen Kamin stehen, während die Worte seines Vaters wie ein Gewicht auf seiner Brust lagen. Nicht nur die Anweisung, nicht nur das Lob, nicht einmal der Name Van Hallow. Es war die Art, wie Lucius über diese Familien gesprochen hatte. Als gäbe es neben der Welt, in der Draco sich sicher bewegt hatte, noch eine zweite Ordnung aus Namen, Verträgen und altem Reichtum, die selbst ein Malfoy nicht einfach überblickte.
Er hasste den Gedanken.
Die Malfoys standen nicht unter irgendwem. Nicht hier. Nicht in Großbritannien. Sein Vater hatte das selbst gesagt. Trotzdem blieb dieses eine Wort hängen: anders. Nicht höher. Anders. Draco mochte das Wort nicht. Es ließ zu viel offen.
Und dann war da Lumielle.
Wenn sie wirklich aus einer dieser Familien stammte, dann erklärte das einiges. Den Privatunterricht. Dumbledores Interesse. Ihren Stab. Diese ganze lächerlich ruhige Art, als wäre sie nicht eingeschüchtert, sondern nur daran gewöhnt, beobachtet zu werden.
Der Gedanke an Lucius’ kaum ausgesprochenen Hinweis kehrte zurück und stieß ihm sofort unangenehm auf.
Sich alle Optionen offenhalten.
Draco presste die Zähne zusammen. Als hätte er vor, sich von seinem Vater in irgendeine politische Verbindung schieben zu lassen, nur weil ein Mädchen womöglich aus einer alten Familie kam.
Lächerlich.
Er sah kurz in den glimmenden Kamin.
Allerdings sieht sie wenigstens nicht schlecht aus. Und dumm ist sie theoretisch auch nicht. Wenn man später schon mit jemandem an einem Tisch sitzen müsste, wäre sie immerhin keine von diesen hohlen Mädchen, die nur kicherten, sobald ein Name fiel.
Draco verzog sofort das Gesicht.
Woran zur Hölle denke ich da? Nein. Über so etwas will ich überhaupt nicht nachdenken. Nicht jetzt. Nicht wegen ihr. Nicht wegen irgendeines weißen Zauberstabs und schon gar nicht, weil mein Vater einen Satz zu viel gesagt hat.
Trotzdem blieb der Gedanke hängen.
✵
Als Draco den Schlafsaal betrat, waren Theodor, Blaise, Crabbe und Goyle bereits eingeschlafen. Leises Schnarchen und ruhige Atemzüge füllten den Raum. Er zog sich ohne ein Wort um, legte sich ins Bett und ließ die smaragdgrünen Bettvorhänge halb geöffnet. Das gedämpfte Wasserrauschen des Sees drang wie ein fernes Wiegenlied durch die Mauern.
Eine Weile starrte er auf den grün schimmernden Baldachin über sich. Dann ließ er seine Gedanken zu, nur so weit, wie er sie kontrollieren konnte.
Sie ist ungewöhnlich. Ungewöhnliches zieht Aufmerksamkeit an, die falsche.
Er zwang den Gedanken in eine Schublade, auf die er innerlich ein Etikett klebte: nützlich oder gefährlich.
Vater will Antworten. Natürlich. Das ist meine Aufgabe.
Die anderen Slytherins sind alle nett zu ihr. Klar. Privatunterricht, aus einem anderen Land, das schreit nach Geld und Status. Jeder hier schaut, wen er sich schnell schnappen kann, bevor es ein anderer tut. Aber ich habe schon Gespräche gehört: Viele sind trotzdem misstrauisch. Sie fragen sich, was sie wirklich hier will, und sie haben recht. Sie passt nicht ganz hinein. Zu ruhig. Zu … genau.
Der Gedanke blieb wie ein Stachel in seinem Kopf. Er konnte das Gefühl nicht benennen. Es war nicht nur Ärger, nicht nur Misstrauen und auch kein Triumph. Es störte ihn, wenn sie nicht da war. Es brachte ihn dazu, sie länger anzusehen, als er wollte. Und jetzt hatte sein Vater ihm auch noch einen Grund gegeben, genau das weiterzutun.
Noch während er den Gedanken festhielt, wurden seine Augenlider schwer. Das gedämpfte Rauschen des Sees, das ferne Knacken der Fackeln im Korridor und das ruhige Atmen der anderen vermischten sich zu einem dunklen, zähen Sog, der ihn schließlich packte, bis der Schlaf ihn ganz verschluckte.
Nur die Frage blieb, tief in ihm verankert:
Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?
✵
Das Manor lag im gedämpften Halbdunkel, als Lucius den Salon betrat, in dem der Dunkle Lord wartete. Nagini lag zusammengerollt zu seiner Rechten, die schimmernden Augen nur schmale, aufmerksame Schlitze.
Cassian Mulford und Lorian Flint standen etwas abseits, reglos wie zwei Schatten des Ministeriums, die gelernt hatten, in Voldemorts Gegenwart nicht mehr zu blinzeln. Narzissa hielt sich in angemessener Entfernung, den Blick ruhig, doch ihre Haltung verriet die feine Spannung einer Mutter, die genau wusste, worüber gleich gesprochen werden würde.
Lucius trat vor, verneigte sich und hob dann die Stimme. „Mein Lord. Draco hat weitere Informationen über das Mädchen gesammelt. Über Lumielle Aurewyn.“
Voldemort bewegte sich kaum, doch das leise Zischen, das Nagini ausstieß, ließ jeden im Raum unwillkürlich die Luft anhalten. „Sprich“, sagte der Dunkle Lord tonlos.
Lucius fuhr fort, die Hände gefaltet und kontrolliert. „Sie steht offenbar in engem Austausch mit Dumbledore. Draco bemerkte beim Essen mehrere Blicke zwischen ihnen. Sie hält sich oft in der Nähe des Potter-Jungen auf. Darüber hinaus scheint sie eine Reinblüterin zu sein, ihr Nachname ist jedoch ungewöhnlich. Sie behauptet, aus Toronto zu stammen. Zusätzlich erwähnte sie, dass sie lediglich mit einigen Cousins in einer kleinen, gleichbleibenden Gruppe unterrichtet wurde. Große Klassen und viele Gleichaltrige gleichzeitig ist sie offenbar nicht gewohnt. Das lässt darauf schließen, dass sie sehr abgeschirmt aufgewachsen ist.“
Cassian schnaubte leise. „Zurückgezogen ist bei reinblütigen Familien häufig ein Deckwort“, sagte er gedämpft, „für Geheimhaltung.“ Lorian nickte kaum merklich. „Oder für politischen Schutz.“
Voldemorts Blick wanderte zu ihnen. Augenblicklich verstummten beide. „Fahr fort“, sagte er.
Lucius neigte den Kopf. „Draco fand heraus, dass sie gemeinsam mit einigen Cousins von verschiedenen Fachmeistern unterrichtet wurde, nicht von ihren Eltern. Eine Familie, die mehrere spezialisierte Lehrer beschäftigt und ihre Kinder ausschließlich in kleinen Gruppen ausbilden lässt, besitzt nicht nur Vermögen, sondern offenbar auch Gründe für eine solche Abschirmung.“
Er hielt einen kurzen Moment inne, nicht lange genug, um Unsicherheit zu zeigen, aber deutlich genug, dass der nächste Satz Gewicht bekam. „Mein Sohn hat außerdem noch etwas herausgefunden, was uns sehr weiterhelfen könnte. Oder Schwierigkeiten bereiten wird.“
Voldemorts Augen verengten sich kaum merklich. „Sprich weiter.“
„Ihr Zauberstab“, sagte Lucius. „Draco hat ihn im Verwandlungsunterricht gesehen und ihn mir beschrieben. Helles Holz, fast weiß. Dunkles Metall, Runen im Schaft, eine Verarbeitung, die eher an eine alte Sonderanfertigung erinnert als an einen gewöhnlichen Schülerstab.“ Er hob den Blick, vorsichtig, aber bestimmt. „Laut Dracos Erzählung besteht er aus Silberlinde. Dreizehn dreiviertel Zoll. Und der Kern ist Thestralschweifhaar.“
Für einen Moment wurde es im Salon stiller.
Cassian wandte den Kopf ein wenig. „So etwas gibt es doch gar nicht“, sagte er leise. „Diese Mischung …“
Lucius’ Blick schnitt zu ihm hinüber, kalt genug, dass Cassian augenblicklich schwieg. „Mein Sohn hat nicht gelogen. So hat er es mir berichtet, und ich habe keinen Grund, an seiner Beobachtung zu zweifeln.“
Voldemort hob eine Hand. Die kleine Geste genügte, um jedes weitere Wort im Raum abzuschneiden. „Lucius“, sagte er langsam. „Warum sollte mir ein spezieller Zauberstab Schwierigkeiten bereiten? Ist er mächtiger als andere?“
Lucius senkte den Kopf einen Hauch tiefer. „Das kann ich Euch nicht mit Sicherheit beantworten, mein Lord. Aber von meinem Wissensstand aus werden Zauberstäbe dieser Art nur in sehr engen Kreisen gefertigt. Nicht einfach von wohlhabenden Familien. Von Familien mit alten Handwerken, eigenen Bindungen und Zugang zu seltenen Kernen.“
Lorian sah ihn aufmerksamer an. „Welche Kreise?“
Lucius’ Blick blieb auf Voldemort gerichtet, als gehörte jede Antwort zuerst ihm. „Romanow-Wolkow wäre eine Möglichkeit. Ebenso Caravelli-Sforza oder die al-Qadiri-Familie. Und die Van-Hallow-Familie, deren Einfluss sich vor allem über Europa erstreckt.“
Die Namen veränderten die Luft sichtbar. Voldemorts Gesicht blieb unbewegt. „Bist du sicher?“
„Nach den Informationen, die mein Sohn mir gegeben hat, halte ich es für möglich“, sagte Lucius. „Mehr nicht.“ Lucius fuhr fort, vorsichtig genug, um keine Gewissheit vorzutäuschen, aber bestimmt genug, um die Gefahr nicht kleinzureden. „Falls das Mädchen zu einer dieser Familien gehört, wäre ihre Anwesenheit in Hogwarts nicht zufällig und könnte uns Schwierigkeiten bereiten, mein Lord. Es würde die Aufmerksamkeit dieser gesamten adligen Kreise auf Großbritannien lenken.“
Narzissas Finger glitten unmerklich über den Stoff ihres Ärmels. Die Bewegung war klein, fast nichts, doch sie hielt sie davon ab, die Hände sichtbarer zu verkrampfen.
Wenn dieses Mädchen zu einem dieser Häuser gehört und die Malfoys zu offen in etwas hineingezogen werden, das am Ende gegen eine solche Familie steht, dann geht es nicht nur um Gefahr. Es geht um Namen, um Ansehen, und um den Platz einer Familie in der Zaubererwelt. Mein Name Black hat bereits genug Risse getragen, und ich will nicht zusehen, wie der Name Malfoy denselben Weg nimmt.
Cassian und Lorian tauschten einen Blick. Diesmal war es Lorian, der vorsichtig sprach. „Sollen wir die Register prüfen? Internationale Aufzeichnungen, alte Familienbücher, Ministeriumsarchive? Wenn der Name Aurewyn eine Deckung ist, müsste es irgendwo einen Faden geben.“
Voldemort wandte sich langsam zu ihm um. „Nein.“
Lorian verstummte sofort.
„Nicht offen“, sagte Voldemort. Seine Stimme blieb weich und kalt zugleich. „Familien dieser Art schützen nicht nur ihre Häuser, sondern auch Informationen, Akten und Abstammungsregister.“ Seine schmalen Finger glitten beinahe gedankenverloren über Naginis Schuppen. „Wer zu tief gräbt, hinterlässt Spuren, und Spuren führen in beide Richtungen.“
Voldemort richtete seinen Blick wieder auf Lucius. „Dein Sohn hat gute Arbeit geleistet. Er wird die Augen offenhalten.“
Dann wandte er den Blick zu Cassian und Lorian. „Kein offizielles Suchen. Keine unüberlegte Anfrage. Kein Brief, kein Register, keine Bewegung, die zurückverfolgt werden könnte.“
„Natürlich“, sagte Lucius.
Voldemorts Blick blieb auf ihm liegen. „Wie steht dein Sohn zu dem Mädchen?“
Narzissas Atmung wurde kaum merklich flacher.
Lucius antwortete ohne Zögern, doch nicht zu schnell. „Sie scheint ihm in gewissem Maß zu vertrauen. Vielleicht sogar mehr, als sie selbst bemerkt. Draco hat bereits Nähe aufgebaut. Sie reagiert auf ihn.“
Ein feiner, unangenehmer Ausdruck glitt über Voldemorts Gesicht, kaum mehr als die Andeutung von Zufriedenheit. „Gut.“
Lucius fuhr fort: „Sie ist in Hogwarts vorsichtig. Nicht leicht zu greifen. Aber mein Sohn bemüht sich, mein Lord. Er versteht, was von ihm erwartet wird.“
„Er ist nützlich in diesem Fall“, sagte Voldemort. „Und ich hoffe, er enttäuscht mich nicht.“
Lucius verneigte sich tiefer. „Das wird er nicht. Draco hat Euch bisher nicht enttäuscht.“
Narzissa schlug die Lider nieder. Die Worte waren richtig, notwendig, erwartbar. Trotzdem trafen sie sie wie etwas Kaltes unter der Haut.
Je nützlicher Draco für den Dunklen Lord wird, desto weniger gehört er noch mir. Mit jeder Aufgabe rückt er weiter auf ein Spielfeld, auf dem mein Sohn nichts zu suchen hat.
Voldemort wandte den Kopf wieder zu Lucius. „Er wird fortfahren. Niemand erfährt von unserem Interesse, bevor wir wissen, ob sie uns dient oder uns schadet.“
Lucius verneigte sich erneut. „Gewiss, mein Lord.“
Voldemort fügte hinzu, die Stimme so leise, dass sie beinahe im Zischen Naginis unterging: „Falls sie Potter hilft, werden wir dafür sorgen, dass es für sie Konsequenzen hat, ohne die Aufmerksamkeit vollständig auf uns zu ziehen.“
Sein Blick wurde für einen Moment nachdenklich. „Vielleicht lässt sich die Schuld auf Potter lenken. Gerade bei einer mächtigen Familie könnte uns das sogar in die Karten spielen.“
Ein Gedanke, den Voldemort nicht außer Acht lassen wollte.
Cassian und Lorian senkten den Blick.
Lucius nickte, die Haltung steif, vollkommen ergeben. „Draco wird weiter zuhören und berichten.“
Voldemort wandte sich ab. Nagini glitt ihm hinterher.
Das Gespräch war damit beendet, abrupt wie ein Messerstich in die Dunkelheit.