Kapitel 09: Zwischen Lied und Schweigen
Kapitel 09: Zwischen Lied und Schweigen
Die ersten Schultage zogen wie ein ruhiger, breiter Fluss über Hogwarts hinweg, gleichmäßig und beinahe trügerisch sanft. Lumielle fügte sich langsam in dieses Gefüge ein und lernte, wer in welcher Ecke der Großen Halle saß, welche Abkürzungen wirklich Zeit sparten und welche Treppen es sich offenbar zum Sport machten, ihre Richtung genau dann zu ändern, wenn man es eilig hatte.
Ihren Platz fand sie bei den Slytherin-Mädchen: Antonia, Anastasia, Kassandra, Eliana, eine kleine Formation, halb Clique, halb Schutzwall gegen die schneidende Aufmerksamkeit des Hauses und die prüfenden Blicke der übrigen Schule. Doch selbst dort blieb sie nie ganz.
Jedes Mal, wenn Draco sah, wie sie sich aus dem grünen Meer der Slytherins löste und mit Gryffindors sprach, legte sich ihm etwas Hartes in den Magen. Nicht weil es ihn etwas anging, sagte er sich, sondern weil Gryffindors laut waren und alles zu einem Schauspiel machten. Sobald sie an den Platz zurückkehrte, der zufällig neben ihm war, und ihr Schatten sich beinahe mit seinem mischte, zuckte für einen einzigen Schlag ein dummer, winziger Moment von Erleichterung in ihm auf.
Er erstickte ihn, indem er den Mundwinkel hob, als hätte er sie einfach nur wieder dort, wo sie hingehörte.
Gut. Bleib hier.
Der Gedanke war kaum da, da schob er ihn weg, scharf, verächtlich, als wäre er ein Fehler, den man nicht duldete.
In den folgenden Tagen lernte er mehr über sie, als sie je laut ausgesprochen hätte. Einfach nur, indem er hinsah, wenn niemand darauf achtete.
Lumielle trank Tee, als wäre er etwas Beruhigendes, beinahe Heiliges, und verzog leicht das Gesicht, wenn er zu stark gesüßt war. Sie suchte Sonnenlicht und stellte sich gern in die dünnen Streifen davon an den Fenstern. Sie schien ehrliche Menschen zu bevorzugen, solche, die nicht ständig schrien oder sich in den Vordergrund drängten, sondern leise, klar und geradeheraus waren. Sie liebte Geschichten, verlor sich in Büchern ebenso wie in Erzählungen. Gleichzeitig suchte sie die Stille, diese besondere Art von Schweigen, die nicht kalt war, sondern voll unausgesprochener Gedanken. Sie mochte Unterricht, sehr zu Dracos stiller Verzweiflung, und zwar auf eine Weise, die ihn gleichzeitig faszinierte und irritierte. Sie hatte eine seltsame Zuneigung zu Kräutern und Düften, strich mit den Fingerspitzen manchmal über getrocknete Blätter und sie mochte Musik.
Perfekt.
Der Gedanke kam mit einem spöttischen, arroganten Grinsen in seinem Inneren, das er sich nicht anmerken ließ.
Sie gibt so viel von sich preis, dumm genug, um es nicht zu merken, oder vielleicht nur naiv. Aber das macht meinen Auftrag einfacher. Voldemort wird zufrieden sein mit all diesen kleinen Schwächen, die ich ausspioniere.
Dennoch fand er viele dieser Details interessant, fast gegen seinen Willen. Die Art, wie sie Stille suchte, erinnerte ihn an seine eigenen nächtlichen Momente. Dann diese Schlagabtausche, dachte er weiter, während er sie aus dem Augenwinkel beobachtete.
Mittlerweile gibt sie öfter Gegenwind und das auf eine Weise, die mich amüsiert: klug, herausfordernd, ohne wirklich zu verletzen. Es ist wie ein Spiel, das ich gewinnen will, aber nicht sofort …
✵
Die Mittagssonne glitt warm durch die hohen Fenster der Großen Halle und legte einen hellen Streifen über den Slytherin-Tisch, als ein kleiner Brief aus dem Nichts auftauchte. Er trug kein Siegel, keine Farbe. Nur ein dünnes Stück Pergament, auf dem elegante, geschwungene Zeichen tanzten.
Lumielles Herz setzte für einen Schlag aus.
Aurelian.
Antonia beugte sich neugierig vor und ein Strähnchen ihres Haares fiel ihr ins Gesicht. „Oh, du hast Post. Warum bekommst du aber keine Eule?“
Blaise wandte sich ebenfalls zu ihr. Seine Stimme blieb beiläufig, doch seine Augen waren wach. „Von wem und wie macht ihr das?“
Draco hob nur leicht die Augenbraue. Es wirkte wie höfliches Desinteresse, doch sein Blick wurde schärfer, fokussierter, als würde er sich eine Kleinigkeit notieren, die später nützlich sein konnte.
Lumielle öffnete den Brief und die Schriftzüge glitten wie Wasser über die Seite, bogenhaft, alt, voller Rhythmus und Länge, wie eine Melodie, die man nicht laut nachsingen durfte. Bevor sie schnell den Brief wieder wegpacken konnte, sahen die Mädchen schon einen Teil der Schrift.
Kassandra blinzelte, die Stirn gerunzelt. „Äh … Lumi? Das ist … nicht Englisch.“
Lumielle antwortete nicht sofort. Sie faltete das Pergament so schnell, dass es wie eine beiläufige, gut eingeübte Geste wirkte, dann schob sie den Brief in die Innentasche ihrer Robe, als handle es sich nur um irgendeine belanglose Nachricht. Tief in ihr wurde etwas zugleich schwerer und leichter. „Nur ein Gruß aus der Familie“, sagte sie ruhig. „Eine alte Schrift. Nichts Wichtiges. Ich lese es später. Was die Zustellung angeht, ist es ein alter Familientrick. Es ist einfacher so.“
„Alte Schrift? Und was meinst du mit einem alten Familientrick?“, wiederholte jemand am Tisch.
Draco sah sie an, scheinbar gelangweilt, und merkte sich jede Bewegung.
Sie hat gelogen. Warum? Warum benutzen sie keine Eule? Das wird Vater sicher interessieren.
Seine grauen Augen folgten ihrer Hand, die zu schnell, zu präzise war für jemanden, der angeblich nichts zu verbergen hatte.
Kassandra zuckte mit den Schultern. „Okay, geheimnisvoll. Passt zu dir.“
Antonia nickte zustimmend.
„Alte Schrift? Klingt kompliziert“, fügte Eliana hinzu.
„Ist es“, erwiderte Lumielle ruhig, die Stimme glatt, fast sanft.
Nur Draco fragte nicht mit Worten. Sein Blick bohrte sich in ihr Gesicht, als wolle er Schichten durchdringen.
Lumielle spürte ihn und senkte den Blick nur ein wenig, gerade genug, um ihm auszuweichen, ohne zu fliehen.
In diesem Moment brach ein Ausruf vom Ravenclaw-Tisch herüber. „Es ist da! Es ist da!“
Ein Mädchen stand auf und wedelte mit einer Schallplattenhülle, deren glänzendes, buntes und magisch verstärktes Cover im Licht aufflackerte.
„Die neue Platte! Wir müssen sie sofort hören!“ Die Ravenclaws waren schon halb aus ihren Sitzen, ein aufgeregtes, summendes Knäuel, bereit, in Richtung Gemeinschaftsraum zu stürmen.
Auf Lumielles Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen, als sie das Cover und den Titel las. Sie trank schnell aus ihrer Tasse, um es zu verbergen.
Antonia lächelte schief. „Musikalische Dramen. Typisch Ravenclaw.“
Theodor wandte sich an Lumielle, neugierig, aber nicht drängend. „Was für Musik hörst du eigentlich?“
Sie erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, minimal und unauffällig für jeden, der sie nicht genau beobachtete. Doch Draco sah den kurzen Blick nach unten und die Finger, die sacht über den Saum ihrer Robe strichen, als müsse sie sich an etwas festhalten.
„Ich höre … vieles“, sagte sie schließlich leise.
„Zum Beispiel?“, fragte Draco. Unter der gewohnten Lässigkeit lag echte Neugier, gemischt mit einem spöttischen Unterton, als würde er sie testen.
Lumielle atmete ein, weich, beinahe verletzlich. „Ich mag Chorgesänge“, sagte sie schließlich.
Crabbe verzog angewidert das Gesicht. „Ugh. Kirchenkram.“
„Nicht Kirchenmusik“, korrigierte sie ruhig. „Alte Gesänge. Von Orten, die Geschichten erzählen, bevor die Menschen Worte hatten.“
Goyle verzog noch einmal das Gesicht, als hätte sie gerade von etwas äußerst Fragwürdigem gesprochen.
„Ich mag auch akustische Musik“, fuhr sie fort, leise, aber klar. „Eine Stimme. Ein Klavier. Eine Gitarre. Ein Lied, das mehr ist als Lärm.“
Anastasia lächelte überrascht. „Oh! Romantisch!“
„Altromantisch“, verbesserte Lumielle mit sanftem Humor und mit einem feinen Schimmern um den Mund. „Nicht kitschig.“
Eliana grinste breit. „Wie aus einem alten Zaubererroman.“
Lumielle neigte den Kopf. „Vielleicht.“ Sie brach ab, als hätte sie selbst gemerkt, dass sie gerade zu viel gesagt hatte.
„Bah, Kitsch!“, rief Crabbe, als hätte er etwas besonders Geistreiches beigetragen.
Sie sah ihn an, ernst, aber freundlich und ohne jede Schärfe. „Es ist nicht kitschig, wenn es schön ist.“
Crabbe verstummte, als hätte man ihm kurz den Stecker gezogen.
Draco hörte ihr aufmerksam zu, mit einem Hauch Neugier, den er nicht ganz verbergen konnte.
Dann mischte sich aus einer anderen Ecke des Tisches eine neugierige Zweitklässlerin ein. „Kannst du singen?“
Lumielle errötete leicht, mit einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Farbe auf ihren Wangen. „Ein wenig“, sagte sie leise.
Draco setzte sein Getränk einen Tick zu hart ab. „Ein wenig?“, wiederholte er spöttisch, mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Du wirkst wie jemand, der zu seinem Privatunterricht auch noch Gesangsunterricht bekommen musste. Oder täusch ich mich da?“ Der Ton war schneidend und die Worte waren glatt, doch er nahm nichts davon zurück.
Lumielle erwiderte seinen Blick mit stiller Freundlichkeit, als würde sie sich von seiner Schärfe nicht beeindrucken lassen. „Vielleicht. Aber Singen ist … intim.“
„Intim?“, hakte er nach, die Braue hochgezogen, spöttisch, aber neugierig. „Klingt, als wärst du eine von denen, die nur für sich selbst singen. Zu schade für die Welt, oder?“
Sie lächelte schmal, ein Konter in den Augen. „Oder zu schade für die, die nicht zuhören können.“
Draco blinzelte, getroffen, aber auf eine gute Weise, die ihn amüsierte.
Sie gibt Gegenwind.
Kassandra hob eine Augenbraue. „Und Klavierspielen?“
„Das kann ich“, sagte Lumielle mit einem kurzen, aufleuchtenden Grinsen.
„Wusste ich’s doch“, warf Draco ein, immer noch spöttisch, aber mit einem Hauch von Anerkennung.
„Komponierst du auch?“, kam es sofort von Antonia, die sich immer weiter zu ihr herüberbeugte.
„Nicht ganz … ich habe manchmal Melodien im Kopf und schreibe ein, zwei Sätze passend dazu. Ein richtiges Lied ist daraus aber nie entstanden“, antwortete Lumielle bemüht ruhig. Sie konnte ja nicht sagen, dass sie mehrere Bücher mit Texten zu Hause unter ihrem Bett versteckt hatte.
Antonia strahlte. „Du solltest dem Chor beitreten!“
Lumielle wurde blass, als hätte jemand ihr unbedacht einen Zauber an die falsche Stelle gesetzt. „Nein!“
„Warum nicht?“, fragte Kassandra verwundert.
Lumielle wandte den Kopf zum Fenster, der Blick glitt hinaus ins Herbstlicht. Ihr Gesicht wurde weich und zugleich melancholisch. „Weil manche Dinge … nicht für die Öffentlichkeit sind“, sagte sie leise.
Draco sah sie an, lange.
Da steckt etwas dahinter. Etwas, das sie versteckt.
Dann schnitt das helle, klare Läuten der Glocke durch die Halle und riss alle aus dem Moment.
Die Schüler standen auf, Bänke scharrten über den Boden, Teller leerten sich mit einem letzten Klirren und Stimmen wurden gedämpfter, während der Strom der Körper sich in neue Richtungen ergoss.
Die Mädchen neben Lumielle rafften bereits ihre Taschen zusammen, doch Draco blieb noch einen Moment sitzen.
Er sah sie einen Moment an, dann fragte er mit einer Spur amüsierter Überheblichkeit in der Stimme: „Wo ist dein nächster Unterricht?“
Lumielle grinste schmal. „Du weißt, dass ich nicht auf meinen Stundenplan schaue.“
Draco schnaubte leise, doch seine Augen funkelten. „Geschichte der Zauberei. Zwei Stunden. Aber erst nach einer Freistunde. Ohne mich wärst du verloren, Aurewyn. Denkst du, du findest den Weg zu Binns’ mumifiziertem Monolog von allein?“
Sie lachte sanft und warm, wie ein vorsichtiges Aufflackern nach einem langen Vormittag. „Geschichte ist spannend genug für mich, auch ohne deinen Rettungseinsatz. Oder denkst du, ich brauche deinen Spott, um wach zu bleiben?“
Die Worte trafen ihn mit einer lästigen Wärme, die er sofort mit einem abfälligen Schnauben glättete. „Natürlich“, sagte er, zu glatt, zu schnell.
„Dann rette ich mich wohl zu dir“, sagte Lumielle ruhig, als würde sie damit nur eine nüchterne Entscheidung treffen und nicht gerade beiläufig etwas in ihm verschieben.
In Draco zuckte etwas, ein kurzer, verräterischer Impuls, den er sofort niederdrückte. „Dann benimm dich wenigstens, oder ist das dein Plan, mich mit deinen Geschichten zu langweilen?“
Lumielle erhob sich ebenfalls, freundlich, in sich selbst gesammelt und ging neben ihm her, nur einen Schritt näher als sonst. Es war ein winziger Unterschied, aber er spürte ihn wie einen Zauber, der direkt auf seine Haut gesprochen worden war. Er antwortete darauf mit geraderem Rücken, als müsste man der Welt zeigen, wer hier wen führte.
Sie gingen nebeneinander hinaus, beinahe synchron in Haltung und Tempo. Theodor, Crabbe und Goyle folgten ihnen mit einigen Schritten Abstand.
„Also“, sagte Draco, die Stimme leicht erhoben, „Geschichte der Zauberei als Nächstes. Dein Lieblingsfach. Man fragt sich, warum. Ist das der Teil, wo du in alten Geschichten versinkst, um die Gegenwart zu ignorieren? Oder hast du daheim einen Haufen verstaubter Bücher, die dich zu diesem Fanatismus treiben?“
Lumielle lächelte. „Geschichten verlieren sich nicht. Im Gegensatz zu manchen Leuten, die denken, sie könnten alles kontrollieren.“
Er verzog den Mund. „Es war vor Jahrhunderten. Wen interessiert das?“
„Mich“, antwortete sie ruhig. „Weil Geschichtenerzählen das Erste war, was ich je richtig verstanden habe.“
„Warum?“, fragte er, aufrichtig irritiert, aber mit einem spöttischen Unterton. „Oder wollen deine Eltern aus dir eine Professorin für Geschichte machen? Dann musst du aufpassen, dass du nicht so wirst wie Professor Binns mit seiner monotonen Stimme.“
Sie blieb kurz stehen, ihr Blick weich, aber für einen Atemzug traurig. „Draco … meine Eltern leben nicht mehr.“
Er erstarrte. Ein Fehltritt huschte über sein Gesicht, zu deutlich für einen winzigen Augenblick. Sofort rückte seine Arroganz wieder an ihren Platz.
Verdammt, das war dumm. Aber wie sollte ich das wissen?
Sie bemerkte es und lächelte sanft. „Das ist nicht schlimm. Du konntest es nicht wissen.“ Dann ging sie weiter, als wäre nichts passiert. „Als meine Eltern noch lebten“, begann sie, „kamen Reisende zu uns. Selten, aber oft genug. Ich war noch klein. Ich saß immer …“ Ein leises Lachen glitt über ihre Lippen. „… auf dem Boden, direkt vor dem Kamin. Meine Mutter und mein Vater saßen mit den Gästen am Tisch und ich … ich konnte stundenlang zuhören.“
Dracos Schritte wurden kaum merklich langsamer.
Sie gibt so viel preis. Dumm von ihr, aber perfekt für den Auftrag. Aber … es ist interessant.
„Sie erzählten“, fuhr Lumielle fort, „von Schlachten, von Orten, von Musik in Städten oder von Schnee auf fremden Bergen. Alles war Geschichte.“
Ihre Finger glitten an ihre Haarspange, eine kleine, unscheinbare Klammer, schlicht genug, um übersehen zu werden und doch kunstvoll gearbeitet. „Diese habe ich von einem alten Auror aus einem fernen Land bekommen.“
Draco sah sie an, so offen wie selten und gerade diese Offenheit machte ihn misstrauisch.
Sie antwortet immer so warm und freundlich, egal, was ich sage. Sie merkt ganz genau, dass ich sie öfter beleidige. Warum tut sie das? Es kitzelt meinen Stolz, ohne ihn zu brechen und das macht sie gefährlich interessant.
Dann fragte er mit einem spöttischen, aber neugierigen Unterton: „Und deine Eltern? Haben sie dich mit solchen Geschichten großgezogen, oder war das einfach ihr Ding?“
Lumielles Blick wanderte zum Himmel, als suche sie dort eine Antwort. „Sie … freuten sich, wenn Menschen mit erfülltem Herzen zu uns kamen“, sagte sie leise.
Draco antwortete nicht sofort. Er wirkte, als hätte sie ihm etwas hingestellt, das nicht in seine Ordnung passte.
Sie traten durch das Haupttor hinaus ins Freie. Der Wind strich kühl über die Klippen am See, der Himmel spannte sich wolkenlos blau über das Gelände und in der Ferne glitzerte das Wasser wie geschliffenes Glas.
Dort, am Rand, wo das Gelände flacher abfiel, saß Harry. Er war nach vorn gebeugt, die Arme um die Knie geschlungen, den Blick irgendwo zwischen Vergangenheit und Sturm verloren.
Draco sah ihn zuerst und verzog sofort das Gesicht, als hätte man ihm etwas Bitteres vorgesetzt. „Potter? Was will der denn da? Wieder mal den Helden markieren, als ob die Welt ohne seine Tragödie zusammenbricht? Komm, Lumielle, wir müssen zum Unterricht.“
Sie legte ihm eine Hand auf den Unterarm, warm und leicht, nur einen Atemzug lang.
Draco erstarrte und riss sich im nächsten Moment innerlich zusammen.
„Gib mir einen Moment“, sagte Lumielle sanft. „Ich komme gleich.“ Ihr Blick traf seinen bittend.
Sein Kiefer spannte sich an. „Was willst du überhaupt von ihm?“, fragte er, die Stimme einen Ton zu spitz, fast knurrend.
Von Potter? Ausgerechnet von ihm? Sie gehört zu Slytherin, zu uns. Nicht zu diesem selbstgerechten Idioten.
Theodor drehte sich halb zu ihm um. „Sie redet doch nur mit ihm, Draco.“
„Ich hab dich nicht gefragt“, knurrte er sofort. „Ich habe es nur kommentiert.“
Lumielle lächelte sanft, dieses kleine, besänftigende Lächeln, das nie ganz verriet, was sie dachte. „Ich bin gleich da“, sagte sie.
Draco blieb stehen, die anderen im Rücken, und starrte ihr nach.
Er erlaubte sich keinen Gedanken dazu, nur dieses trockene, kalte Notieren:
Potter. Wieder Potter. Warum geht sie zu ihm? Als ob er etwas hätte, das ich nicht bieten kann. Sie ist eine Slytherin, sie sollte bei mir bleiben, nicht bei diesem Narbenhelden herumhängen.
Goyle kratzte sich ratlos am Kopf. „Kommt sie nicht mit uns?“ Draco sagte kalt: „Sie geht zu Potter. Frag mich nicht, wieso.“
Er wandte den Blick ab. Sein Gesicht zeigte Unverständnis und darunter arbeitete etwas Gereiztes, das er sich nicht erlaubte zu benennen.
Lumielle ging weiter, den Wind im Gesicht, bis die Geräusche der übrigen Schüler hinter ihr leiser wurden.
Harry hörte ihre Schritte hinter sich, hob den Kopf aber erst, als sie sich neben ihn setzte.
„Harry? Alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
Er schluckte hart. „Ja. Ich meine … nein. Ich … ich weiß nicht.“
Sie sagte nichts darauf. Sie sah ihn nur an, aufmerksam, ohne ihn zu drängen, und ließ den Satz wie einen losen Faden zwischen ihnen hängen.
Harrys Stimme brach, als er erneut Luft holte. Schon das Atmen schien für ihn ein Kampf zu sein. „Ich denke … manchmal an meine Eltern. An Sirius. An alles und an nichts.“
Der Wind griff nach ein paar widerspenstigen Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht wehten.
Lumielle blickte auf den See hinaus, auf das glitzernde Wasser, das im Licht funkelte, als wüsste es nichts von den Schatten in den Menschen. Als sie sprach, war ihre Stimme weich. „Es ist erlaubt, traurig zu sein.“
Harry verzog die Lippen zu einem bitteren Ansatz von Lächeln. „Es bringt nichts zurück.“
„Nein“, sagte Lumielle und nickte leicht. „Aber du bist nicht allein darin.“
Harry presste die Lippen zusammen. „Ich habe sie nie gekannt“, flüsterte er. „Ich sehe sie in Bildern. In anderen Menschen. Aber nicht … wirklich.“
Sie legte ihre Hand auf den Felsen zwischen ihnen, eine stille Geste, die eine Brücke schlug, ohne ihn zu berühren. „Die Toten sind nie ganz fort. Nicht, wenn sie jemanden lieben.“
Harry zog die Augenbrauen zusammen. „Was meinst du?“
„Deine Mutter und dein Vater wachen über dich“, antwortete sie. In ihrer ruhigen Stimme lag ein Hauch von etwas, das sich wie eine alte Wahrheit anfühlte. „Nicht so, wie du es dir wünschst. Nicht sichtbar. Nicht hörbar. Aber … sie sind da.“
Seine Augen wurden glasig. „Wirklich?“
„Wirklich“, bestätigte sie ohne Zögern. Sie sah ihn an, als würde sie nicht nur sein Gesicht sehen, sondern auch all die Jahre, in denen er sich allein geglaubt hatte.
„Du hast Liebe, Harry. Weit mehr, als du denkst. Die Weasleys … Molly … was sie für dich fühlt, ist sehr groß. Größer, als viele Menschen je begreifen würden.“
Harry wandte den Blick ab und atmete schwer, als würde jeder Atemzug kurz schmerzen. „Es tut trotzdem weh.“
„Das soll es auch“, sagte sie sanft. „Das zeigt, dass du Mensch bist.“
Ein Moment Stille legte sich über sie. Dann sprach Lumielle, fast wie in einem leisen Ritual, in der Weise ihres Vaters, sanft, poetisch und alt wie Schatten: „Der Tod ist kein Gegner, den man besiegen kann, sondern eine Grenze, die jeder überschreitet. Die Toten verlangen keine Trauer, denn Trauer hält niemanden zurück und bringt niemanden wieder. Was sie uns lassen, ist Erinnerung und die Aufgabe, aus dem, was sie uns gelehrt haben, weiterzuleben. Wer uns wirklich geliebt hat, verschwindet nicht, er tritt nur aus dem Blick der Lebenden und bleibt dort, wo das wache Auge nicht reicht.“
Harry starrte sie an. Kein Wort kam über seine Lippen, doch in seinem Blick lag etwas Neues.
Lumielle stand auf und strich sich unbewusst eine Strähne hinters Ohr. „Sag mir Bescheid, wenn du Albträume hast oder wenn etwas anderes kommt“, sagte sie sanft. „Ich werde da sein.“
Harry nickte langsam. „Danke, Lumi.“
Ein zögerlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht, fast als sei ihm der nächste Gedanke unangenehm, aber zu wichtig, um ihn zu verschweigen. „Ich hab gesehen … du hängst in letzter Zeit ziemlich oft mit Malfoy herum“, sagte er schließlich und schaute sie direkt an. Seine Stimme war jetzt voller Verachtung, als würde allein der Name Malfoy wie Gift auf seiner Zunge brennen.
Sie hob eine Braue und musste leicht schmunzeln. „Na ja … er ist in derselben Gruppe, in der ich auch bin, und wenn man in Slytherin ist, kann man sich im Gemeinschaftsraum nun mal schlecht aus dem Weg gehen.“
Harry verzog den Mund zu einer bitteren Grimasse. „Malfoy ist trotzdem ein Arschloch. Ein totales, verlogenes, reiches Arschloch, das nichts anderes kann, als andere runterzumachen. Du solltest bei ihm wirklich aufpassen. Der hasst alles, was nicht in seine Reinblut-Welt passt.“
Lumielle lachte leise, nicht spöttisch, eher warm. „Ich weiß. Ich habe mitbekommen, wie er dich am Bahnhof beleidigt hat“, sagte sie ruhig. „Er hat eindeutig eine raue Art. Aber ich sehe auch etwas anderes: viel Unsicherheit und viel Fassade. Deshalb kann ich es ertragen, in seiner Nähe zu sein. Er ist auch anders, wenn er von Leuten umgeben ist, die er als würdig empfindet. Wobei er selbst schon versucht hat, mit mir seine ‚Ich-bin-besser-als-du‘-Spielchen zu spielen.“
Beim letzten Teil huschte ein kleines, beinahe verspielt klingendes Lachen über ihre Lippen.
Harry konnte nicht anders und lachte mit, wenn auch nur kurz. Dann schüttelte er sofort den Kopf, als wolle er sich daran erinnern, dass es hier um Draco Malfoy ging. „Ernsthaft, pass bei ihm auf“, sagte er eindringlich, sein Misstrauen jetzt auch auf sie gerichtet. „Sein Vater ist mitten im inneren Kreis von Voldemort. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er versucht, dich auf dieselbe Seite zu ziehen. Du bist neu und plötzlich hängt er bei dir und schleimt sich ein.“
Lumielles Ausdruck wurde weicher, ohne an Klarheit zu verlieren. „Ich weiß, Harry“, antwortete sie.
Sie legte die Hand wieder auf den Felsen zwischen ihnen, nah genug, um da zu sein, ohne ihn zu bedrängen. „Aber ich habe keine andere Wahl. Die Slytherin-Mädchen sind oft bei ihm und ich merke auch, dass er großes Interesse an mir hat. Ich kann mir schon denken, warum … aber ich sage nicht alles, was ich weiß. Ich passe auf mich auf.“
Harry gab nach, immer noch skeptisch, aber etwas milder. „Ja, ich hab’s schon gesehen. Du machst viel mit den Mädchen und die sind leider meistens bei ihm. Aber genau deswegen: Pass auf.“
Lumielle lächelte. „Ich habe von Dumbledore eine Aufgabe bekommen, die ich erfüllen muss. Das bedeutet, wachsam zu sein. Dazu muss ich auch mit Leuten reden, die auf der anderen Seite stehen. Ich kann nicht einfach wegschauen.“
Er verstand und nickte langsam. „Ja, okay … aber trotzdem. Er ist gerissen. Vielleicht merkst du es nicht sofort.“
Sie musste lachen. „Doch, doch. Man sieht ihm schon an, wie er manche Sachen denkt. Ich bin nicht blind.“
Harry sah sie einen Moment lang an, dann nickte er langsam. „Du klingst wie jemand, der verstanden hat, worum es wirklich geht.“
Lumielle lächelte, sanft und ein wenig müde. „Vielleicht“, sagte sie. „Aber ich passe auf. Versprochen.“
Sie nickte ihm noch einmal zu, drehte sich um und ging zurück in Richtung Schloss.
Harry blieb zurück, auf dem Felsen am Rand der Klippe, den Blick auf das schimmernde Wasser gerichtet.
Noch lange saß er dort, während der Wind um ihn strich und die Sonne weiterzog, mit Worten im Kopf, die nachhallten wie alte Musik.