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Kapitel 01: Die fremde Hexe

Aurelith Band 1 - Fremdes Blut — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 01: Die fremde Hexe

Der Abend lag schwer über Little Whinging. Langsam senkte sich die Dämmerung auf die akkurat getrimmten Vorgärten, während in den Häusern die ersten Lichter aufschimmerten. Harry Potter schob die Hände tief in die Taschen seiner ausgebleichten Jeans und schlurfte vom Spielplatz den vertrauten Weg hinunter zum Ligusterweg Nummer vier, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Die Dursleys kümmerte es nicht, ob er abends verschwand. Im Grunde war es ihnen gleichgültig.

Seit Wochen hatte er keinen Brief aus der Zaubererwelt erhalten. Keine Eule von Ron, keine von Hermine, nicht einmal eine von Sirius. Mit jeder schweigenden Nacht wurde das Gewicht in seiner Brust drückender. Er fühlte sich vergessen, als hätte jemand die Tür zu jener Welt, die doch seine war, leise vor ihm geschlossen.

Vielleicht wollen sie wirklich nichts mehr mit mir zu tun haben.

Der Gedanke zerfiel, kaum dass er Gestalt annahm. Ein Schatten glitt plötzlich über die Wiese vor ihm hinweg, kühl und tief wie ein heranrollender Sturm. Harry blieb wie angewurzelt stehen. Die Luft wurde schlagartig eisig, so beißend, dass ihm ein Schauder über den Rücken lief. Dieses altbekannte schwarze Ziehen breitete sich in seiner Brust aus, das langsame Auslöschen aller Wärme, aller Hoffnung.

Nein. Nicht jetzt ...

Ein zweiter Schatten löste sich lautlos aus der Dämmerung und kroch über die Wiese, als rücke die Nacht selbst näher. Die Straßenlaternen flackerten auf und erloschen nacheinander. Die Dunkelheit brach so abrupt über ihn herein, dass Harry zurücktaumelte. Sein Atem stand weiß in der Luft und seine Finger begannen zu zittern.

Zwischen den Bäumen schwebten zwei Dementoren hervor, verhüllt in schwarzen, schwerfallenden Umhängen. Aus ihnen drang ein leises, hungriges Atmen, das ihm jede Wärme aus dem Körper sog. Harrys Hand schloss sich krampfhaft um seinen Zauberstab, als wäre er das Einzige, was ihn noch bei sich hielt.

„Ex ... Expecto ...“

Die Worte stolperten heraus, kaum mehr als ein heiserer Hauch, begleitet von einem geisterhaften Aufflackern von Geweih. Es war zu kurz und zu schwach, um wirklich zu tragen. Isolation, Schweigen und das quälende Ausbleiben jeder Nachricht hatten sich wie Blei auf ihn gelegt. Ausgehöhlt von nagenden Selbstzweifeln fehlte ihm jeder Halt, jeder glückliche Gedanke, auf dem ein Patronus ruhen konnte. Etwas Kaltes griff nach ihm und drang tiefer, bis dort, wo eben noch Herzschlag und Wille gewesen waren, etwas nachgab.

Bilder schlugen wie grelle Blitze in sein Bewusstsein. Seine Mutter, schreiend, die Arme ausgestreckt. Grün aufleuchtendes Licht, dann Voldemort, bleich und schlangenhaft, mit roten Augen, die ihn durchbohrten. Der Boden schwankte unter seinen Füßen.

„N-nein ... bitte nicht ...“

Seine Stimme war nur ein ersticktes Krächzen, sofort von der eisigen Stille verschluckt. Seine Knie gaben nach und er sank ins feuchte Gras, während die Dementoren tiefer in sein Bewusstsein drangen, Schicht um Schicht, bis an den innersten Kern.

Dann zerschnitt ein Laut die Luft. Kein Schrei, kein Wort, wie er es kannte. Ein Klang, so fremd, dass selbst der Wind für einen Moment stillzustehen schien. Eine Stimme sprach in einer Sprache, die tief, scharf und unnatürlich zischend klang.

„Mor-draugen. Dranva vak.“

(Wesen der Finsternis. Geht zurück.)

Die Dementoren hielten inne, als hätte jemand sie ruckartig an unsichtbaren Ketten zurückgerissen. Ein zweiter Satz folgte, schärfer und befehlender, mit einer Härte, die durch Mark und Bein schnitt:

„Ka thai kren. Ven len va nu-kar.“

(Ich befehle euch. Kommt nicht zu diesem Kind.)

Die schwarzen Schleier schienen für einen Moment dünner zu werden. Die Kälte blieb und biss noch immer in seine Knochen, doch ihre lähmende Gewalt brach auf. Eine Gestalt in einem langen, schweren schwarzen Mantel stand plötzlich neben ihm. Unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze fielen dunkelbraune Haare hervor. Als die Gestalt näherkam, wichen die Dementoren zurück und verschwanden schließlich wieder in die Dunkelheit der Nacht.

Harrys Sicht verschwamm und die Welt kippte. Er spürte nur noch, wie ihm der Zauberstab aus den Fingern glitt und ein kurzer Ruck durch ihn ging. Dann stürzte alles in Schwärze.

✵

Er kam wieder zu sich, als der Duft von Minze und warmem Holz in seine Sinne drang. An den Weg hierher erinnerte er sich nur bruchstückhaft: ein plötzliches Zusammenschnüren, als wäre sein ganzer Körper durch einen viel zu engen Spalt gepresst worden.

Harry schlug die Augen auf. Er lag auf einem weichen, etwas durchgesessenen Sofa, zugedeckt mit einer alten, aber sauberen Decke. Nach und nach nahm ein kleines Wohnzimmer Gestalt an. Altmodische, gepflegte Möbel, Kerzen mit ruhigen, goldenen Flammen, ein Regal voller Bücher in fremden Sprachen, deren Titel er nicht entziffern konnte, dazu ein Fenster, durch das die Lichter Londons wie verstreute Sterne glommen. Neben ihm saß die Gestalt, die er kurz vorher nur in Umrissen wahrgenommen hatte. Es war eine junge Frau.

Harry richtete sich langsam auf und sah sie nun ohne Schatten und Kapuze, mit ihrem Gesicht klar und unverhüllt. Sie wirkte jung, kaum älter als siebzehn. Dunkelbraune Haare fielen in weichen, dichten Wellen über ihre Schultern und hoben sich dunkel von ihrer blassen Haut ab.

Als sie sich zu ihm drehte, erstarrte er. Ihre Augen waren ein trübes, helles Blau, wobei tief in ihrer Iris vereinzelte helle Punkte lagen, fein wie fernes Sternenlicht. Um ihren Hals lag ein silberner Anhänger, ein Kristall in Blütenform, eingefasst in geschwungenes Metall.

„Du bist wach“, sagte sie leise. Ihre Stimme stand in seltsamem Gegensatz zu der Macht, die er zuvor gespürt hatte. Sie war warm, gedämpft und wirkte auf ihn für kurze Zeit beruhigend.

„W-wer ... bist du?“, brachte Harry hervor.

„Nicht so hastig. Du bist erschöpft, Harry Potter.“

Er schluckte. „Warum ... kennst du meinen Namen?“

„Es ist schwer, deinen Namen nicht zu kennen“, antwortete sie. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihre Lippen, so flüchtig, dass er nicht sicher war, ob er es sich nur eingebildet hatte.

„Wo sind wir hier?“

„In London. Genauer gesagt, in Chelsea.“

Harry sah zum Fenster und zu den funkelnden Häuserlichtern. Dann bemerkte er den niedrigen Couchtisch, auf dem eine Zeitung aufgeschlagen lag. Ein kalter Stoß fuhr ihm durch den Magen. Er griff danach, die Finger noch leicht zitternd und zog die oberste Ausgabe hervor. Auf der Titelseite sprangen ihm in großen, schreienden Lettern die Worte entgegen:

DER JUNGE, DER LÜGT

POTTER VERLIERT DEN VERSTAND?

Seine Kehle schnürte sich schmerzhaft zu. „Sie machen sich über mich lustig ...“ Seine Stimme brach unter dem Gewicht der Schlagzeile. „Alle tun so, als hätte ich mir das ausgedacht. Cedric ... Voldemort ... alles.“

Sie betrachtete ihn einen Moment lang schweigend. In ihrem Gesicht lag kein offenes Mitleid und kein weich zeichnender Trost, doch da war etwas, das er als Verständnis erkannte, ein ruhiges, abgeklärtes Wissen um Ungerechtigkeit und Lüge.

„Propaganda ist eine Waffe“, sagte sie schließlich leise. „Du bist nicht der Erste, der darunter leidet.“

Harry sog langsam die Luft ein, als wolle er sich an diesem Satz festhalten. Die Erinnerung an den Abend kehrte zurück: kalte Luft, schwarzer Stoff, dieses heisere, hungrige Atmen. Dann die Stimme, diese fremde Stimme, die nicht nach einer Zauberformel geklungen hatte, sondern wie ein Befehl.

„Vorhin ...“, begann er und räusperte sich, weil seine Kehle noch immer rau war. „Was war das? Diese Sprache ... warum haben die Dementoren auf dich gehört?“

Sie schwieg einen Moment. Es wirkte, als wäge sie ab, wie viel ein Fremder ertragen konnte, ohne sofort wieder misstrauisch zu werden. Dann sagte sie ruhig: „Es war kein Zauber.“

Harry blinzelte. „Aber es hat gewirkt.“

„Ja“, antwortete sie, ohne sich zu rechtfertigen. „Es ist eine sehr alte Sprache, die kaum noch gelehrt wird. Man könnte sie lernen. Theoretisch sogar jeder Zauberer. Aber die meisten wissen nicht, dass sie existiert, oder halten sie für ein altes, verschollenes Relikt.“

Harry beugte sich unwillkürlich vor. „Dementoren verstehen das?“

„Sie verstehen nicht auf unsere Art“, sagte sie leise. „Sie folgen dem Klang. Der Autorität darin. Dementoren sind nicht klug, Harry. Sie gehorchen dem, was sie als Rang erkennen. Auf bestimmte Stimmen reagieren sie, weil sie sich ihnen seit sehr langer Zeit unterordnen.“

Harrys Finger krallten sich in die Decke. „Heißt das, du kannst sie kontrollieren?“

Ein kurzes, kaum sichtbares Zögern lag in ihrem Gesicht, mehr Vorsicht als Unsicherheit. „Ich kann sie zurückdrängen“, sagte sie schließlich. „Mehr nicht.“

Harry atmete scharf aus. „Warum hast du keinen Patronus gemacht? Du bist doch ... du bist offenbar stark genug.“

Ihre Mundwinkel bewegten sich kaum. „Stark genug zu sein ist nicht immer das Problem.“ Sie sah ihn an, ruhig und sachlich. „Wenn du in einer Muggelgegend einen Patronus heraufbeschwörst, merkt das Ministerium, dass dort Magie von Zauberern ausgegangen ist. Im Moment warten sie nur darauf, dich wieder anzugreifen, mit Akten, Briefen und Schlagzeilen. Aus einem Patronus würden sie kein Wunder machen, sondern ein Vergehen. Ein so schwacher, abgebrochener Zauber wie deiner liefert dem Ministerium kaum einen eindeutigen Nachweis. Ein vollständiger Patronus wäre etwas anderes gewesen.“

Harry spürte, wie sein Magen schwer wurde. „Also ... hätte ich mir damit selbst Ärger gemacht.“

„Du hättest ihnen eine Tür geöffnet“, sagte sie schlicht. „Im Moment solltest du darauf achten, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen.“

Harry schwieg. Er hasste es, wie logisch es klang.

„Es war gut, dass du ihn nicht halten konntest“, fügte sie nach einem Moment hinzu, nicht hart, nicht triumphierend, nur nüchtern. „So bleibt ihnen weniger, woran sie dich festnageln können.“

Er musterte sie, noch immer blass und erschöpft. „Wie heißt du eigentlich?“

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihre Lippen. „Lumielle. Lumielle Aurewyn.“

Harry sah sie lange an. Misstrauen war da, darunter jedoch noch etwas anderes: Erleichterung. Sie behandelte ihn nicht wie eine Figur, die man hin und her schob, sondern wie jemanden, der eben erst am Rand gestanden hatte. „Du hast mich nicht nur vor denen gerettet“, sagte er leiser, als er wollte. „Sondern auch vor dem, was danach gekommen wäre.“

„Ich habe dich auf die einzige Weise gerettet, die mir möglich war. Die Sprache wird von Ministerien nicht erkannt oder verfolgt. Nur so ließen sich die Dementoren ohne großes Aufsehen vertreiben“, antwortete sie.

Er nickte und sah noch einmal auf die Zeitung.

Sie beobachtete Harry eine Weile, während er die Zeitung wieder an sich nahm und den Artikel ein weiteres Mal las. Als seine Augen über die Zeilen gingen, flackerte für einen winzigen Moment ein roter Schleier durch ihre Iris, so flüchtig, dass niemand außer denen, die ihr Blut teilten, es bemerkt hätte. Es kam nicht durch Blickkontakt, sondern durch etwas Tieferes: ein kurzes, klares Aufflackern in Harrys Seele, das sie wahrnahm, ohne dass er es wusste.

Als er wieder zu ihr aufsah, war alles normal. Ihr Gesicht blieb ruhig, die Augen klar, als hätte nichts stattgefunden. Er legte die Zeitung weg, ließ sich schwer auf das Sofa sinken und starrte in die vom Kerzenlicht gedämpfte Dunkelheit.

„Ich möchte nicht zurück in den Ligusterweg“, sagte er schließlich, brüchig und doch entschlossen, als hätte er diesen Satz schon zu oft hinuntergeschluckt.

Sie hob langsam den Kopf. „Wohin möchtest du dann? Wenn du willst, begleite ich dich.“

Harry öffnete den Mund, doch keine Antwort kam. „Ich weiß es nicht“, gab er zu. „Ich weiß nicht, wo meine Freunde sind. Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll zu suchen.“

Einen Moment schwieg sie. „Hast du irgendetwas ... das uns weiterhelfen könnte?“

Harry griff mit noch leicht zitternden Fingern in seine Jackentasche und zog ein zusammengefaltetes Pergament hervor. „Nur das hier. Professor Dumbledore hat es mir gegeben. Ich war schon ein paar Mal an dem Ort, aber ich habe nie etwas gesehen. Er meinte nur, wenn die Zeit gekommen ist ...“ Harry schnaubte frustriert. „Er redet ständig in Rätseln.“

Sie nahm das Pergament entgegen, ohne ihn zu drängen. Ihre Finger glitten über die Zeilen. „Vielleicht wollte er nicht, dass du nur nach einer Adresse suchst“, sagte sie leise. „Wir sollten noch einmal hingehen. Dieses Mal wirst du nicht allein suchen müssen.“

Sie erhob sich in einer fließenden Bewegung und warf ihm vorsichtig einen dunklen Mantel zu, dessen Stoff schwer und kühl in seinen Händen lag. „Zieh ihn an. Es ist besser, wenn du zunächst unerkannt bleibst.“ Harry gehorchte, ohne darüber nachzudenken.

Während er den Mantel um die Schultern legte, fragte er sich flüchtig, warum es ihm so leichtfiel, ihr zu folgen, obwohl er sie kaum kannte.

Sie führte ihn hinaus in den Regen, der in silbrigen Fäden vom Nachthimmel fiel und die Luft klarer, aber auch kälter machte.

✵

Später in derselben Nacht, als der Regen nachgelassen hatte, der Himmel aber noch schwer über den schmalen Reihenhäusern hing, blieb Lumielle neben Harry stehen.

Er hielt das Pergament fest, als wäre es das Einzige, was ihn noch mit seinen Freunden, mit Sicherheit und mit irgendetwas verband, das nicht völlig aus den Fugen geraten war.

Sie trat einen Schritt näher an die Hausfront heran. „Lies es noch einmal“, sagte sie leise.

Harry entrollte das Pergament. Die Worte waren dieselben wie zuvor, kryptisch, verschlungen und typisch Dumbledore, doch für ihn waren sie nie mehr gewesen als ein Rätsel.

Lumielle las aufmerksam darüber, als läge dahinter noch eine zweite Ebene. „Es ist kein Ort, den man einfach sieht“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Nicht, solange man das Muster nicht erkennt.“ Behutsam legte sie die Hand über das Pergament und lenkte Harrys Aufmerksamkeit auf die schmale Lücke zwischen Nummer elf und dreizehn. Dort lag ein kaum merkliches Schimmern, flüchtig wie ein Atemzug. „Konzentrier dich auf das, was zwischen den Zeilen steht“, sagte sie. „Nicht auf das, was fehlt. Grimmauldplatz Nummer zwölf wird sichtbar, wenn man zwischen die Reihen schaut, meinte Dumbledore.“

Harry tat es, unsicher, doch getragen von ihrer ruhigen Gewissheit.

Nach einer kurzen Pause, als hielte die Straße selbst den Atem an, begann sich der Raum zwischen den Häusern zu dehnen. Mauern schoben sich zur Seite, Steine knirschten leise. Plötzlich stand dort ein Haus, dunkel und massiv, als wäre es nie verborgen gewesen.

Er starrte es an. „Warum ... warum habe ich das vorher nicht gesehen?“

Sie nahm die Hand zurück. „Weil mit ‚zwischen den Reihen‘ ganz wörtlich die Häuser gemeint sind. Es ist eine Tarnung, damit Muggel den Ort nicht finden“, antwortete sie sanft. „Hier funktioniert es fast wie mit einer Adresse. Erst wenn du den Schlüssel erkennst, zeigt sich der Ort. Dumbledore hat dir den Ort bereits offenbart. Er hat die Wahrheit nur in diese Worte gebunden.“

Harry schluckte. Das Haus wirkte noch immer wie ein Schatten, doch nun war es ein Schatten, der ihn kannte.

Bevor er weiterfragen konnte, hob sie die Hand und klopfte genau dreimal gegen die dunkle Haustür. Ein schmales Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Manche Angewohnheiten wird man wohl nicht los“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu Harry.

Das Holz vibrierte kaum spürbar, dann öffnete sich die Tür knarrend wie von selbst.

Sie traten über die Schwelle und schlossen die Tür hinter sich. Sofort brach Mrs. Blacks Porträt in ein gellendes Kreischen aus.

„BLUTVERRÄTER! ABSCHAUM! SCHMUTZ—“

Die Worte zerschnitten die Luft so scharf, dass Harry unwillkürlich zusammenzuckte. Bevor das Geschrei die ganze Straße wecken konnte, hob sie die Hand. Nicht aggressiv, nicht dramatisch, nur ruhig und beinahe beiläufig. Stille senkte sich über den Flur wie ein Vorhang. Das Porträt verstummte nicht wie nach einem sichtbaren Zauber, sondern als hätte die Leinwand selbst den Schrei verloren.

Von der anderen Seite der Halle polterten daraufhin Schritte die Treppe hinunter. Molly, Arthur, Sirius, Moody und Remus erschienen fast gleichzeitig, gefolgt von Fred, George, Ron, Ginny und Hermine. Halb im Schatten, etwas abseits der anderen, stand Snape bereits mit unbewegtem Gesicht. Zauberstäbe erhoben sich, Gesichter spannten sich an und die Luft war schwer von unausgesprochenen Fragen. Alles an ihrer Haltung sagte, dass sie zum Kampf bereit waren.

Lumielle stand mit gesenkter Kapuze mitten in der Halle. Hinter ihr stand Harry im Schatten, halb vom Mantel verschluckt, die Schultern noch feucht vom Regen, das Herz irgendwo zwischen Erleichterung und Überforderung.

Dann sagte sie kühl, sachlich und ohne jede Anstrengung, doch in einem Ton, der jedes Wort wie eine Feststellung klingen ließ: „Ich bin nicht euer Feind. Ich habe euch aber jemanden mitgebracht.“ Sie trat zur Seite. Die Bewegung war klein, wirkte aber sofort und Harry stand plötzlich ungeschützt im Blickfeld.

Es war, als würde ein Zauber brechen. Molly stieß einen Laut aus, halb Schluchzen, halb Ruf, dann rannte sie los, ohne an Würde oder Abstand zu denken. Sie riss Harry in die Arme und drückte ihn so fest an sich, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb.

„Harry! Mein Junge! Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“

Ron und Hermine waren sofort bei ihm.

Sirius trat langsamer vor, doch sein Gesicht war aschfahl, wobei die Sorge dunkel darin stand. „Harry ... was ist passiert? Wir haben mitbekommen, dass heute vermehrt Dementoren gesichtet wurden. Die Dursleys meinten, du wärst schon seit Stunden fort gewesen“, fragte er heiser.

Harry löste sich aus Mollys Griff, stolperte die wenigen Schritte zu Sirius und warf sich ihm um den Hals, so fest, als müsste er in dieser Umarmung alles nachholen, was ihnen genommen worden war. „Sirius ...“

In diesem einen Wort lag alles: die Dementoren, die Einsamkeit im Ligusterweg, die Schlagzeilen und die Angst, vergessen zu werden.

Sirius’ Arme schlossen sich um ihn.

Harrys Stimme war kaum mehr als ein Hauch, als er flüsterte: „Sie hat mich gerettet. Die Dementoren ... sie haben auf sie gehört.“ Die Worte blieben schwer in der Luft hängen, doch langsame, feste Schritte im Flur durchbrachen sie.

Dumbledore erschien im Türrahmen. Er erfasste rasch die Anwesenden, bevor er eine Hand auf Harrys Schulter legte. Eine kurze, beruhigende Geste, die Wärme und Sicherheit versprach. Dann wandte er sich der Hexe zu, die noch immer in der Mitte des Raumes stand. Ein wissendes, seltsam fernes Licht glitt über seine Augen, als würde eine alte Erinnerung in ihm wach. „... Lumielle Aurewyn“, sagte er leise.

Sie schob die Kapuze zurück.

Fred stieß George unauffällig mit dem Ellenbogen an. „Sieh mal“, sagte er leise.

George folgte seinem Blick, hob kurz die Brauen und flüsterte zurück: „Ja. Ich sehe es.“

Dumbledore lächelte sacht und in diesem Lächeln lagen Wiedererkennen und Vorsicht. „Es ist lange her, dass wir uns gesehen haben, Lumielle.“

Sie neigte den Kopf, eine kleine, formelle Geste, die dennoch etwas Persönliches trug. „Albus Dumbledore.“

Harry sah überrascht zwischen ihnen hin und her.

Molly, noch immer mit einer Hand an Harrys Arm, stammelte: „Ihr kennt euch?“

Dumbledore wandte sich ihr zu. Seine Haltung blieb ruhig, zugleich lag darin eine Tiefe, in der Sorge und Nachdenken ineinanderflossen. „Natürlich“, sagte er leise. „Manche Begegnungen zeigen erst viel später, wie wichtig sie wirklich werden können.“

Lumielle trat einige Schritte vor. Ihre Haltung blieb gelassen, beinahe reglos, wie bei jemandem, der es gewohnt war, beobachtet zu werden. „Harry wurde von zwei Dementoren angegriffen“, erklärte sie schlicht und ohne Ausschmückung.

Sirius legte Harry eine Hand auf die Schulter.

„Hier in London“, fuhr Lumielle ruhig fort, „habt ihr ein größeres Problem, als ihr glaubt. Dementoren gehorchen nicht mehr dem Ministerium.“ Sie hielt kurz inne. Ihre Stimme blieb kontrolliert, doch eine ernste Schwere schwang darin mit. „Wir wurden darüber informiert, dass der Schatten über Großbritannien größer wird. Meine Familie und ich wollten uns selbst ein Bild von der Lage machen.“

Harry schluckte. Die Antwort lag ihm bereits auf der Zunge, noch ehe sie den Satz ganz beendet hatte. „Voldemort.“

Dumbledore nickte, als bestätige er eine Vermutung, die ihn schon länger begleitete.

Seine Aufmerksamkeit ruhte lange auf Lumielle, erfüllt von alten Erkenntnissen, unausgesprochenen Geschichten und der stillen Frage, wie weit sie bereit war zu gehen. „Euer Wissen wäre für uns von unschätzbarem Wert“, sagte er schließlich. „Vielleicht ... könnte ich euch darum bitten, im Kampf des Ordens an unserer Seite zu stehen.“

Lumielle hob die Hand, ruhig, doch bestimmt. „Dumbledore, Sie wissen, dass meine Familie sich nicht offen in andere Kriege einmischt.“ Bevor jemand protestieren konnte, sprach sie weiter. „Aber ich könnte etwas anderes tun.“

Dumbledores Augen wurden schmal, wie bei jemandem, der die richtigen Worte schon ahnte, sie aber noch nicht aussprach.

„Ich kann wahrnehmen, wenn etwas auf euch zukommt und vielleicht sogar dafür sorgen, dass die Kinder sicher sind“, fuhr Lumielle fort. „Aber kämpfen werde ich nicht für euch.“

Sie sah durch den Raum, über Gesichter, Schatten und unausgesprochene Ängste. „Was hier geschieht, ist kein einzelner Vorfall.“ Einen Moment schwieg sie, als suche sie nach Worten, die nicht zu schwer waren, der Wirklichkeit aber standhielten.

Ihre Aufmerksamkeit verweilte einen Herzschlag lang auf Harry und Hermine, ehe sie weiter zu den Weasleys glitt, die unwillkürlich ein Stück näher zusammenrückten.

„Wir könnten jemanden wie dich an der Front gebrauchen. Wenn du in deinem Alter Dementoren einfach verscheuchen kannst“, brummte Moody.

„Alastor“, sagte Dumbledore ruhig, ohne Lumielle aus den Augen zu lassen.

Sie sah kurz zu Sirius, in dessen Miene sich Erleichterung mit misstrauischem Wachen mischte, dann zu Remus, der sie still abwog. Weiter zu Molly, die Harry noch immer wie eine schützende Mauer im Blick behielt und schließlich zu Snape.

Bei Snape blieb Lumielle einen Moment länger hängen. Er verfolgte die Unterhaltung mit kühler Distanz. In diesem Augenblick flackerte wieder ein roter Schleier durch ihre Augen, flüchtig, kaum wahrnehmbar.

Sie sah in seiner Seele genau dasselbe wie zuvor bei Harry: etwas Gebundenes, etwas Tiefes, das ihre Aufmerksamkeit schärfte. Keiner der anderen hatte den Schleier bemerkt.

Sie wandte sich ab. „Ich werde eine Eule schicken“, sagte Lumielle schließlich, als wäre dieser Entschluss längst in ihr gereift. „Mehr kann ich im Moment nicht tun.“

Als Lumielle die Tür erreichte, drehte sie sich um und wandte sich Dumbledore direkt zu. Sie wartete einen kurzen Moment, bis er ihren Blick erwiderte, dann beugte sie sich leicht vor und flüsterte ihm etwas in der dunklen Sprache zu:

Morar arkhen ven or narthar. Ven vrask va, thai kharar dravskolen vekhar drakrenar.

(Hier herrschen dunkle Mächte. Ihr braucht jede Unterstützung, die ihr für diesen Krieg bekommen könnt.)

Dumbledore nickte nur einmal, tief und wissend. Die Eingangstür schloss sich und die Hexe war verschwunden.

Harry drehte sich erschrocken zu Dumbledore um, kaum dass die Tür zugefallen war. „Das war dieselbe Sprache wie bei den Dementoren.“

Molly runzelte die Stirn. „Dumbledore, das klang düster.“

Er lächelte mild. „Eine alte Sprache, nichts weiter. Ich habe sie vor vielen Jahren in alten Schriften studiert. Lesen und verstehen kann ich sie. Jetzt, da ich höre, wie ihre Zeichen ausgesprochen werden, erkenne ich auch die gesprochenen Worte. Doch selbst fließend sprechen könnte ich sie nicht. Mir fehlte jemand, der mir ihren Klang, ihre Betonung und ihre Lautbildung beibrachte. Bei Lumielle ist das anders. Sie hat die Sprache von jemandem gelernt, der sie selbst sprechen konnte.“

Alastor Moody brummte: „Dann brauchen wir sie dringend an der Front. Gerade jetzt, mit den Dementoren. Das Ministerium scheint ohnehin nichts gemerkt zu haben und bei uns wäre sie vor ihnen sicherer.“

Harry nickte langsam. „Das hat sie mir auch gesagt. Sie meinte, es wäre dumm von mir gewesen, wenn mein Patronus funktioniert hätte.“

Hermine blinzelte. „Wie dein Patronus hat nicht funktioniert?“

Er zuckte mit den Schultern, doch sein Ton wurde plötzlich schärfer. „Ihr habt mir ja nicht geschrieben ...“

Hermine und die anderen senkten schuldbewusst den Blick.

Dumbledore trat vor und legte Harry sanft die Hand auf die Schulter. „Mein Junge, es ist gut, dass du jetzt hier bist. Aber wir haben viel zu bereden…“