LNCrawler

Kapitel 18: Wenn Kinder zu Augen werden

Aurelith Band 1 - Fremdes Blut — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 18: Wenn Kinder zu Augen werden

Weit entfernt von der stillen Magie des Westturms herrschte im Büro des Ministers für Zauberei eine angespannte Düsternis. Dunkelgrüne Vorhänge ließen kaum Licht herein und der Kamin brannte nur halbherzig, als wolle selbst das Feuer keine übermäßige Nähe zu Cornelius Fudge. Der Minister saß hinter seinem überladenen Schreibtisch, auf dem sich Federhalter, Pergamentrollen und Zeitungen stapelten. Auf einer aufgeschlagenen Ausgabe des Tagespropheten war Harry Potters Gesicht abgebildet, begleitet von einem Artikel, der erneut versuchte, seine Glaubwürdigkeit zu zerschlagen.

Fudge tippte nervös mit den Fingern auf das dunkle Holz, während Professor Crowe vor ihm stand. Ihre pinken Roben wirkten in dem düsteren Raum beinahe grell wie ein Warnsignal.

„Nun?“, fragte Fudge ungeduldig. „Wie laufen die Dinge in Hogwarts? Berichten Sie.“

Sie senkte respektvoll den Kopf. „Die Schule funktioniert geordnet, Minister. Dumbledore hält sich auffallend zurück. Er scheint sich ausschließlich auf Verwaltungsangelegenheiten zu konzentrieren.“

Fudge schnaubte misstrauisch. „Was bedeutet das? Wenn er schweigt, plant er immer etwas.“

„Ich beobachte ihn aufmerksam“, erwiderte sie rasch. „Bislang tut er jedoch nichts, das Ihrem Vertrauen schaden könnte.“

Fudge lehnte sich zurück, ohne an Spannung zu verlieren. „Und … Potter?“

Ein kaum merkliches Zucken huschte über ihren Mund. „Er zeigt sich unruhig, verursacht derzeit aber keine offenen Probleme. Allerdings genießt er bei seinen Anhängern in Gryffindor ungebrochene Loyalität.“

Fudges Gesicht verzog sich, als hätte er etwas Bitteres geschluckt. „Natürlich tut er das. Selbst in seiner Lüge wird er bejubelt …“

Der Minister fürchtete nicht Voldemort selbst, sondern den Tag, an dem er zugeben müsste, dass Potter recht gehabt hatte. Dann wäre er nicht nur im Irrtum gewesen, sondern der Mann, der eine echte Gefahr ignoriert hatte.

Professor Crowe nickte knapp. „Allerdings gibt es Anlass zur Sorge. Die Schüler äußern zunehmend Kritik daran, wie wenig Verteidigung sie im Unterricht erhalten. Einige beginnen bereits darüber zu sprechen, ob sie hinter meinem Rücken etwas organisieren müssten.“

Fudges Kopf schoss hoch. „Was meinen Sie mit ‚organisieren‘?“

„Einen Kurs. Eine Art Kampftraining.“ Sie sprach das letzte Wort mit kühler Abscheu aus, als wäre es unanständig.

Fudge schlug mit der Hand auf den Tisch, sodass Pergamente aufsprangen. „Das müssen wir unbedingt verhindern! Trainierte Schülergruppen, das wäre eine Katastrophe! Wenn Dumbledore sie anleitet, umso schlimmer!“

Professor Crowe straffte die Schultern, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet, und ihre Stimme gewann eine seidige Bestimmtheit. „Minister … es gibt eine Lösung.“

Fudge blinzelte misstrauisch. „Welche?“

„Lassen Sie die Schüler selbst eine Art … Kontrollkomitee gründen.“

Fudge runzelte die Stirn, als müsse er das Wort erst kosten. „Kontrollkomitee?“

„Ein Inquisitionskommando“, sagte sie, und ihre Stimme wurde glatt, fast selbstgefällig. „Sie geben den Schülern die Möglichkeit, unter meinem Vorsitz Missverhalten zu melden, Regelverstöße zu sanktionieren und verdächtige Aktivitäten zu überwachen. Ein paar loyale, linientreue Schüler sind etwas völlig anderes als eine wilde Trainingsgruppe unter Dumbledores Einfluss.“

Fudge hielt inne. Man konnte beinahe sehen, wie der Gedanke in ihm Gestalt annahm.

Professor Crowe setzte sanft nach. „Wir geben ihnen Privilegien. Hauspunkte. Autorität. Sie werden dankbar sein, vor allem die ehrgeizigen Schüler.“

Fudge nickte langsam. „Ein perfekter Weg, Potter im Auge zu behalten … und jeden Aufstand im Keim zu ersticken.“

Sie lächelte breit, ohne jede Wärme. „Ich bitte um Ihre Erlaubnis, Minister … dieses Kommando ins Leben zu rufen.“

Fudge hob die Hand, eine Geste zwischen Abwehr und Zustimmung. „Erlaubnis erteilt. Legen Sie sofort los.“

Professor Crowe verneigte sich leicht, vor Stolz und Macht förmlich vibrierend. „Sehr wohl.“

Fudge wedelte ungeduldig mit der Hand. „Und halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich will jeden Schritt wissen. Jede Stimme. Jedes Tuscheln. Verstanden?“

„Natürlich, Minister.“

Professor Crowe lehnte sich leicht vor, die Finger auf der polierten Tischplatte des Ministerbüros verschränkt. „Und was ist mit Miss Aurewyn? Ich beobachte sie schon seit dem ersten Tag. Dass sie plötzlich an diese Schule kommt, kann doch kein Zufall sein?“, fragte sie, die Stimme ruhig, aber mit einem Unterton, der keine Ausflüchte duldete.

Minister Fudge wirkte sichtlich zurückhaltend. Er faltete die Hände vor dem Bauch, musterte sie über den Rand seiner Halbbrille hinweg und zögerte einen Moment, ehe er antwortete. „Miss Aurewyn können Sie weiter beobachten, aber Sie müssen bei ihr etwas mehr die Füße stillhalten. Wir haben sie auf Empfehlung des kanadischen Ministeriums aufgenommen. Außerdem liegen mir weitere Schreiben ihrer Familie vor und offenbar auch Anfragen von ein paar Ministerien aus anderen Ländern, die sie gern an ihren Schulen gehabt hätten. Für uns sollte es eine Ehre sein, dass sie hier ist, weil sie als … Talent im Privatunterricht so hochgepriesen wird.“

Crowe zog die Brauen zusammen. „Aber sie ist nichts Besonderes? Sie gehört nicht zu einer bekannten Familie und auch generell …“

Fudge winkte ab, eine knappe, fast ungeduldige Geste. „Das ist denen egal. Sie stützen sich einzig und allein auf ihr Können im Privatunterricht, auf das, was sie da geleistet hat. Wenn die Familie sie hier an der Schule haben möchte, können wir dagegen nichts sagen. Wenn wir sie verweisen und sie daraufhin an eine andere Schule wechselt, spricht sich das herum. Dann haben wir hier ein größeres Problem. Es würden Fragen gestellt, von anderen Ministerien. Das wollen wir uns ersparen.“

Crowe presste die Lippen zusammen, sichtlich genervt. „Ja, aber wir müssen doch irgendwas tun.“

Der Minister schüttelte den Kopf, langsam und endgültig. „Sie beobachten. Sie leiten das Inquisitionskommando, behalten Miss Aurewyn im Auge, gerade auch Mr. Potter. Das ist das Einzige, was wir im Moment tun können.“

Professor Crowe wandte sich um und verließ das Büro.

Als die Tür mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss fiel, blieb Fudge allein zurück. „Wir werden sehen, Dumbledore …“, murmelte er für sich. „Ob Sie wirklich so ruhig bleiben können, wenn die Kinder gegen Sie arbeiten.“

✵

Das Büro des Schulleiters lag zwei Tage später in gedämpfter Stille. Auf Dumbledores Schreibtisch lag ein geöffnetes Pergament, dessen Worte unbewegt in der Luft zu hängen schienen:

„… Einführung eines Inquisitionskommandos unter Aufsicht von Professor Crowe … Schüler befähigt, andere Schüler zu melden … vollständige Entscheidungsgewalt obliegt Professor Crowe … alle inoffiziellen Gruppentreffen sind bis auf Weiteres untersagt …“

Dumbledore legte den Brief langsam ab, als koste ihn schon dieses Loslassen Kraft.

Er nahm seine Brille ab, massierte mit zwei Fingern die Nasenwurzel und ein einziges, tief erschöpftes Wort löste sich aus ihm. „Cornelius …“

Fawkes hob den Kopf, blinzelte schläfrig und schien für einen Moment zu verstehen.

Dumbledore faltete das Pergament sorgfältig zusammen, legte es vor sich hin und sah lange darauf hinab. „Das wird … Unruhe bringen“, murmelte er schließlich, und selbst die Flammen im Kamin wirkten für einen Augenblick gedämpfter.

✵

Die Große Halle vibrierte vor Stimmen, dem hellen Klirren von Besteck und dem warmen Durcheinander aus Lachen und Gesprächen. Lumielle saß dicht neben Antonia und beide beugten sich über ihre Teller, während sie mit gedämpfter Begeisterung erklärte, wie ein bestimmtes Kräuteröl selbst hartnäckigen Spliss bändigen konnte.

Ihre Worte brachen abrupt ab, als das Stimmengewirr wie von unsichtbarer Hand verstummte.

Dumbledore war aufgestanden. „Meine lieben Schülerinnen und Schüler, ich bitte um einen Moment eurer Aufmerksamkeit. Ich übergebe nun das Wort an Professor Crowe.“

Ein unzufriedenes Murren hob sich bei den Gryffindors, während einige Slytherins sich neugierig aufrichteten.

Professor Crowe trat mit federndem Schritt hervor. Ihr pink glitzerndes Kostüm fing das Kerzenlicht ein, als hätte sie sich in funkelnden Triumph gehüllt. „Guten Abend!“, rief sie in einer schrillen, allzu fröhlichen Tonlage. „Ich habe eine wunderbare Neuigkeit!“

Niemand schien diese Euphorie zu teilen, doch sie fuhr unbeirrt fort.

„Das Ministerium hat mir die ehrenvolle Aufgabe übertragen, ein Inquisitionskommando zu gründen!“

Eine schwere Stille fiel über die Halle und sie lächelte süßlich, als präsentiere sie etwas Kostbares. „Jeder von euch darf sich bewerben. Ihr könnt Extrapunkte sammeln, Regeln durchsetzen, Missstände melden.“ Ihr Blick glitt wie ein Pfeil über die Halle und blieb kurz an Harry hängen. „Ihr könnt dafür sorgen, dass Hogwarts … sicher bleibt.“

Harry verdrehte die Augen und Ron schnaubte empört. „Ja, natürlich würde Malfoy da sofort mitmachen. Der würde auch seine Großmutter verhökern, wenn es dafür Hauspunkte regnet.“

Hermine wirkte ungewöhnlich streng, die Brauen dunkel zusammengezogen. „Das ist gefährlicher, als ihr denkt. Das ist ein Kontrollinstrument. Sie wollen Dumbledore schwächen.“

Harrys Gesicht verhärtete sich. „Ich werde nicht zulassen, dass sie Hogwarts in ein Ministeriumsgefängnis verwandeln.“

Lumielle hörte jedes Wort, ohne den Kopf zu drehen. Unter dem Tisch verkrampften sich ihre Hände.

Man spürt Unrecht, bevor man es sieht.

Die Worte ihrer Mutter hallten, wie ein leises Echo in ihr.

Professor Crowe bewegte sich derweil durch die Halle wie ein Pfau, der endlich den passenden Garten für seine übergroßen Federn gefunden hatte. Ihr stolzer Gang, die schillernden Farben, jede Bewegung wirkte wie eine Inszenierung.

Als sie beiläufig zur Slytherin-Tafel hinüberblickte, blieb sie an Lumielle hängen, scharf und prüfend.

Sie sahen sich direkt an. Professor Crowe lächelte zuckersüß, während Lumielle ihr Gesicht vollkommen still hielt, unbeirrbar und fast kalt.

Du zerreißt diese Schule. Du stellst Schüler gegeneinander auf wie Spielfiguren.

Ein kaum wahrnehmbarer Schatten glitt über Crowes Miene, das leise Eingeständnis, dass Lumielle nicht zu den Schülern gehörte, die sich einschüchtern ließen.

Dann wandte Crowe sich ab und setzte ihren prunkvollen Weg fort. Um sie herum schwoll das Gemurmel an, bis die Luft vor Spannung vibrierte. Etwas war in Gang gesetzt worden, das Hogwarts nicht mehr so leicht abschütteln würde.

✵

Später leuchtete das Büro von Professor Crowe grell im unbarmherzigen Kerzenschein. Pinke Schleifen zogen sich über die Wände wie überladene Verzierungen, Pergamentrollen lagen in penibel sortierten Stapeln bereit und in einem goldenen Rahmen grinste Crowe mit einem übertrieben fröhlichen Ausdruck, der fast künstlich wirkte. Doch heute war der Raum voll.

Slytherins drängten sich dicht vor ihrem Schreibtisch, ein wogender Block aus grünen Umhängen und ehrgeizigen Gesichtern.

Draco Malfoy stand flankiert von Crabbe und Goyle zwischen mehreren Sechstklässlern mit scharfem Blick, einigen Siebtklässlern und zwei jüngeren Viertklässlern, die offenbar bereit waren, für ein paar Punkte alles zu tun. Hinter ihnen warteten drei Hufflepuffs, zwei Ravenclaws und ganz am Rand, bereits bleich vor Reue, ein einzelner Gryffindor.

Professor Crowe strahlte hinter ihrem Schreibtisch, als hätte sie soeben das Tor zu ihrer persönlichen Machtwelt aufgestoßen. „Herzlich willkommen, meine lieben Schülerinnen und Schüler! Ich freue mich außerordentlich über euer Interesse! Ihr bekommt heute den offiziellen Inquisitions-Pin!“

Sie hob eine kleine Schachtel hoch. Darin lagen metallene Pins, jeder mit einem scharf eingravierten „I“, silbern und kühl glänzend, wie etwas, das eher an kalte Amtsgewalt als an Schule erinnerte.

Dracos Augen wurden bei dem Anblick schärfer. Der Pin war klein, aber eindeutig, ein Zeichen, das man sehen konnte und das gesehen werden wollte. Als Professor Crowe seinen Namen aufrief, hob er das Kinn ein Stück höher, als wäre das hier keine Schule, sondern eine Bühne.

Er trat vor mit jener korrekten Selbstverständlichkeit, die so tat, als hätte er nur darauf gewartet. Sie befestigte ihm den Pin eigenhändig am Umhang und sagte mit süßer, aber messerscharfer Betonung: „Mr. Malfoy, ich erwarte Großes von Ihnen. Enttäuschen Sie mich nicht.“

Draco strahlte mit gefährlicher Zufriedenheit, selbstbewusst wie jemand, der gerade eine lang erwartete Bestätigung erhalten hatte. Crabbe und Goyle schlugen ihm kameradschaftlich so kräftig auf den Rücken, dass er sich sofort wieder fangen musste. Den kleinen Stolperer machte er mit einer straffen Bewegung ungeschehen, als wäre er Absicht gewesen.

„Draco, du bist jetzt offiziell wichtig!“, verkündete Goyle begeistert, doch Draco ließ das kaum merkliche, selbstgefällige Zucken seiner Lippen nur zu einem Hauch von Spott werden.

✵

Die Große Halle war wie immer belebt, doch heute lag eine seltsame Zerrissenheit über den langen Tafeln. Überall hörte man gedämpftes Tuscheln, Stimmen, die sich in Unsicherheit verfingen.

„Wer ist im Kommando?“

„Malfoy natürlich.“

Lumielle saß zwischen Antonia und Eliana, sprach über den letzten Unterricht und versuchte, sich an einem Hauch Normalität festzuhalten. Ihre Worte klangen ruhig, doch immer wieder glitt ihr Blick über die Halle, als lausche sie den unsichtbaren Rissen, die sich im Schulalltag ausbreiteten.

Draco schlenderte mit dieser ganz bestimmten Schulterhaltung durch die Große Halle, als gehöre der Raum bereits ein Stück mehr ihm. Der silberne Pin des Inquisitionskommandos saß makellos an seiner Robe und er trug ihn, als wäre er eine Auszeichnung, die längst überfällig gewesen war. Genau vor ihrem Tisch blieb er stehen und wartete den perfekten Moment ab, bis wirklich alle in Hörweite die Luft anhielten.

„Na?“ Seine Stimme glänzte wie poliertes Silber. „Siehst du das?“ Mit einer kleinen, affektierten Drehung des Handgelenks ließ er den Pin im Kerzenlicht aufblitzen, langsam und demonstrativ. „Ich bin offiziell im Inquisitionskommando. Professor Crowe meinte sogar, sie erwartet Großes von mir.“

Er betonte jede Silbe, als würde er eine königliche Proklamation verlesen, doch Lumielle musterte ihn mit dieser tiefen, beinahe unheimlich ruhigen Aufmerksamkeit. Ihr Gesicht blieb sanft und höflich, doch hinter den langen Wimpern lauerte ein Gewitter, das nur darauf wartete, gezielt zuzuschlagen.

„Das freut mich für dich, Draco“, sagte sie mit seidiger Stimme. „Vielleicht solltest du deinem Vater schreiben. Er wäre bestimmt stolz. Ein weiterer Titel in Hogwarts … Sucher, Vertrauensschüler und jetzt noch das.“

Dracos Brustkorb weitete sich sichtbar. Ein kurzer, scharfer Atemzug genügte seinem Ego beinahe als Stichwort, noch zwei Etagen höher zu schießen. „Ja“, erwiderte er vollkommen ernst, fast andächtig. „Das wäre angemessen.“

Er beugte sich ein Stück nach vorn, stützte beide Hände auf den Tisch, genau zwischen ihre aufgeschlagenen Bücher, und senkte die Stimme zu diesem vertraulich arroganten Ton, den er so liebte. „Allerdings …“ Er zog das Wort absichtlich in die Länge. „… wenn ich erst offiziell das Amt des Schulsprechers übernehme, was nur noch eine Frage von Wochen ist, dann wird mein Terminkalender … sagen wir … etwas königlicher. Bedeutet: weniger Zeit, dein persönliches wandelndes Erinnerungsvermögen zu spielen.“

Er grinste sie an, erwartungsvoll und herausfordernd, als hätte er ihr die perfekte Vorlage geliefert und wartete jetzt nur auf den eleganten Konter, den er so sehr bei ihr liebte.

Lumielle lächelte zurück. „Keine Angst“, sagte sie leise. „Ich werde ganz sicher niemand anderen fragen.“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Vielleicht nehme ich mir dann doch mal vor, den Stundenplan wirklich dabei zu haben. Aber einmal am Tag …“ Sie machte eine winzige Pause und ließ die Worte einen Hauch länger stehen. „… einmal am Tag werde ich dich mindestens fragen müssen. Wenn das gestattet ist, Eure Hoheit.“

Draco konnte das Lächeln nicht aufhalten. Es brach durch, obwohl er vergeblich versuchte, die alte Malfoy-Härte sofort wieder hochzufahren.

„Einmal“, sagte er. „Einmal lasse ich das durchgehen. Beim zweiten Mal gibt’s Ärger. Ich bin nicht dein Butler und auf meiner Stirn steht auch nicht ‚Auskunft‘.“

Lumielles Stimme kam kaum hörbar, aber glasklar. „Für mich irgendwie schon …“ Sie sagte es mit diesem kleinen, verträumten Lächeln, das sie sofort wieder wegdrückte, als hätte sie sich ertappt.

Doch der Schaden war angerichtet und Draco spürte, wie sein Herz einmal zu hart gegen die Rippen schlug. Er hasste das und richtete sich, fast unmerklich, aber für jeden, der ihn wirklich kannte, überdeutlich, noch einen halben Zentimeter gerader auf. Dann hob er das Kinn exakt so, wie Lucius es ihm jahrelang eingetrichtert hatte.

„Malfoy! Komm! Crowe will noch mal sprechen!“, rief ein Siebtklässler von hinten.

Draco wandte sich bereits ab, doch mitten in der Bewegung hielt er inne, ein kurzer, spontaner Impuls, den er selbst nicht kontrollieren konnte. Er legte Lumielle die Hand auf die Schulter, mit einem flüchtigen Druck, als wäre es nichts. „Pass auf, dass Crowe dich nicht kriegt.“

Für einen Herzschlag war er zu nah, dann zog er die Hand sofort zurück. „Wir sehen uns. Und verlauf dich nicht ohne mich.“ Er ging, einen Tick zu schnell, als hätte ihn der eigene Impuls selbst überrascht.

Lumielle rührte sich nicht, doch tief in ihr machte ihr Herz einen kleinen, schwer erklärbaren Sprung.

✵

Nach dem Abendessen blieb sie später sitzen. Die Halle leerte sich, Stimmen verebbten und nur vereinzelte Schüler schoben Stühle zurück oder sammelten Bücher ein. Ein gedämpftes „Pst!“, dann noch eines und Harry winkte sie zu sich.

Lumielle setzte sich zwischen ihn und Hermine und spürte ihre Anspannung wie ein leises elektrisches Flirren.

Ron, Hermine, Ginny, Fred und George formten rasch einen engen Kreis, der sie wie ein schützender Mantel aufnahm.

Harry verlor keine Zeit. „Was hältst du davon? Von diesem Inquisitionskommando?“

Lumielle prüfte die Halle. Keine lauschenden Ohren, niemand, der zu nah stand. Erst dann sprach sie leise und eindringlich. „Es ist gefährlich. Es ist Kontrolle. Reine Kontrolle.“

Hermine nickte sofort so heftig, dass eine Haarsträhne ihr ins Gesicht fiel. „Ja! Das denke ich auch. Wir brauchen Verteidigung, aber Crowe lehrt uns gar nichts.“

Ron beugte sich vor und flüsterte: „Harry, du könntest doch Unterricht geben …“

Harry schnaubte, eine Mischung aus Empörung und Panik. „Bist du verrückt? Ich steh bei ihr sowieso schon auf der Abschussliste und jetzt haben wir ein Inquisitionskommando. Wir können nicht auch noch einen illegalen Kurs gründen!“

Fred verschränkte die Arme. „Warum nicht?“

George zuckte grinsend die Schultern. „Sie würden nie alle erwischen.“

Ginny hob das Kinn. „Und Harry ist der Einzige, der uns wirklich etwas beibringen kann.“

Harry lief rot an. „Ich? Nein. Nein, nein, nein. Ich will zwar, dass wir uns verteidigen können, ja. Aber hier sind uns erst mal wirklich die Hände gebunden. Selbst wenn wir einen Raum finden: Wenn mehrere Schüler für längere Zeit fehlen, fällt das sofort auf.“

Lumielle nickte zustimmend. „Sie haben das Inquisitionskommando eingerichtet, um genau solche Gruppen zu finden. Ihr würdet euch direkt in die Schusslinie stellen. Ich denke nicht, dass der Ort das Problem ist. Es ist die Zeit.“

Schweigen senkte sich über den Kreis. Hermine sank ein wenig in sich zusammen. „Trotzdem … wir müssen etwas tun. Wir sind praktisch wehrlos.“

Lumielle sah von einem zum anderen. Ihre Stimme blieb weich, aber darin lag eine Wahrheit, die scharf wie ein Messer war. „Ihr habt recht. Aber ihr müsst klüger sein als sie.“

Ron raufte sich frustriert die Haare. „Wie denn?“

Sie sah auf ihre Hände und Erinnerungen flackerten in ihrem Inneren auf. Dann hob sie den Kopf. Ein Gedanke war da, klarer als zuvor. Sie stand abrupt auf. „Ich glaube, ich kann hier jetzt wirklich eine nützliche Rolle spielen“, sagte sie nur, kaum mehr als ein Hauch, doch getragen von klarer Entschlossenheit.

Ohne sich umzudrehen, ging sie davon.

Ron starrte ihr nach, runzelte die Stirn und murmelte, eher verwirrt als kritisch: „Ich sag’s ja nur … manchmal ist sie wirklich ein bisschen merkwürdig, oder?“

✵

Am Abend lag der Slytherin-Gemeinschaftsraum in tiefer, nächtlicher Stille. Der Kamin glomm nur noch in einem Teppich aus rötlicher Glut, gerade hell genug, um den Raum in sanfte Wärme zu hüllen. Die Mädchen waren in ihrem Schlafraum, doch Lumielle war wach.

Sie saß an einem alten Schreibtisch in einer abgelegenen Ecke des Raums, den Kopf leicht geneigt, das Haar in weichen Wellen über die Schultern fallend. Neben ihr lag der Brief von Aurelian. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über seine vertraute Schrift. Dann hob sie den Federkiel, atmete tief ein, als sammelte sie alles, was in ihr tobte, und begann zu schreiben:

„Lieber Aurelian,

ich bin froh, von dir gehört zu haben. Deine Worte waren mir in diesen Tagen ein Licht, an dem ich mich festhalten konnte. Hier hat sich viel verändert. Es war richtig, nach Hogwarts zu kommen, daran zweifle ich nicht. Trotzdem ist alles schwerer, als ich es erwartet hatte. Das Ministerium liegt über diesem Schloss wie eine kalte Hand. Professor Crowe bewegt sich durch die Gänge, als gehöre ihr jeder Stein, jeder Stein, jede Tür und selbst jeder Atemzug in diesem Schloss. Sie hat ein Inquisitionskommando geschaffen. Es bringt Schüler gegeneinander auf, sät Misstrauen und macht die Luft in diesem Haus von Tag zu Tag schwerer. Im Unterricht bleibt von Verteidigung gegen die dunklen Künste kaum mehr als dürre Theorie. Keine wirkliche Übung, keine ernsthafte Vorbereitung und kein Wissen, das den Kindern helfen könnte, wenn die Gefahr eines Tages vor ihnen steht. Es wirkt auf mich, als wolle man sie absichtlich klein halten, damit sie nie lernen, sich selbst zu schützen. Genau das macht mir Angst. Ich sehe Dinge, Aurelian. Nur für Augenblicke, aber deutlich genug, dass ich sie nicht fortschieben kann. Blut an den Wänden. Hogwarts in Trümmern. Bilder aus einer Zeit, die noch nicht da ist und sich doch schon ankündigt. Dazu kommen Todesdaten. Nicht bei allen, aber bei zu vielen. Zu viele davon liegen erschreckend nah beieinander. Manchmal habe ich das Gefühl, als bewege sich etwas auf diese Schule zu, während die meisten noch immer so tun, als gäbe es keinen Schatten. Heute habe ich mit Harry Potter gesprochen. Die Zeitungen machen aus ihm etwas, das er nicht ist. Hier in Hogwarts sehe ich einen anderen Jungen. Seine Freunde tragen ihn, das stimmt, aber er selbst sieht klarer als mancher Erwachsene in seiner Nähe. Ich glaube ihm. Mehr noch, ich glaube, dass man mit aller Kraft verhindern will, dass irgendjemand ihm Glauben schenkt. Außerdem habe ich in meinem Jahrgang engeren Kontakt zu jemandem, dessen Familie tief mit den Kreisen des Dunklen Lords verbunden ist. Durch ihn höre ich Dinge, die man nicht offen ausspricht. Manches sagt er selbst. Manches liegt nur in dem, was er nicht zu Ende spricht. Ich weiß nicht, wohin sein Weg ihn führen wird. Aber ich glaube nicht, dass in ihm von Natur aus nur Finsternis wohnt. Auf mich wirkt er eher wie jemand, der unter einer Last steht, die ihn langsam niederdrückt. Ich denke immer wieder daran, dass ich den Schülern helfen muss. Eben darin liegt die Gefahr. Ich kann sie nicht offen unterrichten, weil Crowe mich zu genau beobachtet. Trotzdem suche ich nach einem Weg, ihnen etwas zu geben, das ihnen hier bewusst vorenthalten wird. Einen geschützten Ort, an dem sie lernen können, bevor der Krieg sie dazu zwingt, es unter falschen Umständen zu tun. Immer wieder komme ich dabei auf den Spiegel meines Vaters zurück. Dort könnten sie üben, ohne bleibende Verletzungen, mit geringerem Risiko und fern von zu vielen Blicken. Vielleicht wäre es ein Ort außerhalb der gewöhnlichen Zeit, ein Raum, in dem sie wachsen könnten, ehe die Welt sie mit Gewalt zum Erwachsenwerden treibt. Darum bitte ich dich um deinen Rat. Ist es klug, diesen Weg zu gehen, oder ist die Gefahr größer, als ich im Moment erkennen kann? Schreib mir bald.

Lumielle.“

Sie faltete das Pergament behutsam. Dann griff sie in ihre Tasche und holte den Siegelring hervor: Silber, fein gearbeitet, mit dem anatomischen Herzsymbol der Van Hallow Familie, dessen Schimmer selbst im Kerzenlicht geheimnisvoll wirkte. Sie drückte den Ring gegen das Pergament und der Brief war versiegelt.

Schließlich warf sie ihn ins Kaminfeuer. Doch er brannte nicht, sondern glitt zwischen die Flammen, als öffne sich dort ein unsichtbarer Spalt. Dann löste er sich lautlos in der Luft auf.

Lumielle lehnte sich zurück und sah in die Glut, bis das Feuer sich beruhigte und nur noch ein leises Knacken vom Stein widerhallte.

„Was für ein Monat …“, flüsterte sie. „Was für eine Last.“

Sie erhob sich, löschte die Kerze mit einer sanften Bewegung und glitt lautlos ins Bett. Dann legte sie sich hin, zog die Decke über sich und schloss die Augen.

Nach dem Ministerium, Crowe, den Todesdaten und der Angst vor dem, was kommen mochte, war das erste Bild, das in ihr auftauchte, Draco. Wie er sie angesehen und angelächelt hatte, stolz, irritiert und beinahe verletzlich. Wie seine Hand für einen kurzen Moment auf ihrer Schulter gelegen hatte.

Ein kleines, ungewolltes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen und mit diesem Lächeln schlief sie ein.